Wer in manchen chinesischen Städten versucht, bei Rot über die Straße zu gehen, muss damit rechnen, in Echtzeit an den öffentlichen Pranger gestellt zu werden. Vergleichsweise harmlos erscheint es dagegen, bei einem Ladenbummel in Peking von maßgeschneiderten Werbeeinblendungen begrüßt zu werden, die ein System automatisch anhand von „Alter, Geschlecht, Stimmung, Attraktivität und der größten Ähnlichkeit mit einer Berühmtheit“ ermittelt. Dahinter steckt Videoüberwachung mit Gesichtserkennung, die in China keine dystopische Zukunftsvision mehr ist, sondern zunehmend Teil des Alltags wird, berichtet das Wall Street Journal in einer ausführlichen Reportage.
Zum Einsatz kommt die Technik sowohl in privaten als auch in öffentlichen Einrichtungen; mal lokal, mal vernetzt mit einer zentralisierten staatlichen Datenbank, die Bilder sämtlicher chinesischer Bürger enthält. Von immer zuverlässiger funktionierender künstlicher Intelligenz ausgewertet werden außerdem die Bilder, welche die 700 Millionen chinesischen Internetnutzer auf sozialen Plattformen wie Weibo posten.
Omnipräsente Videoüberwachung
Vor zwei Jahren habe das Ministerium für Öffentliche Sicherheit nach einem „omnipräsenten, vollständig vernetzten, stets aktivierten und vollständig kontrollierbaren“ Videoüberwachungssystem verlangt, schreibt das Wall Street Journal – und die Polizeibehörden scheinen zu bekommen, was notwendig ist, um das Verhalten der eigenen Bürger zu kontrollieren und in gewünschte Bahnen zu lenken. Auch wenn es bloß darum geht, Diebstahl von Klopapier in öffentlichen Toiletten zu verhindern.
Dabei ist die flächendeckende Überwachungsmaschine noch längst nicht fertiggestellt: Bis 2020 will China ein „Social Credit“-System errichten, das jedem Bürger einen Score zuweist – je nachdem, wie man sich in der Öffentlichkeit oder am Arbeitsplatz verhält. Mit entsprechenden Folgen für das private oder berufliche Vorankommen. Helfen werden dabei die geschätzten 450 Millionen Kameras, die bis dahin in Betrieb sein sollen.
