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„Mapping OER“ präsentiert „Praxisrahmen für Open Educational Resources in Deutschland“

Cover des „Praxisrahmens“ des Projekts „Mapping OER“

Vor gerade einmal einem halben Jahr haben wir hier den Start des Projekts „Mapping OER“ vermeldet, heute liegt bereits dessen Ergebnis in Form eines „Praxisrahmens für Open Educational Resources (OER) in Deutschland“ (PDF). Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) finanzierte und von Wikimedia Deutschland durchgeführte Projekt sollte „Handlungsfelder und praxisnahe Lösungsansätze für die Weiterentwicklung von OER in Deutschland“ ausarbeiten. Konkret wurden dafür vier Themenschwerpunkte zu (1) Lizenzierung und Rechtssicherheit, (2) Qualitätssicherung, (3) Qualifizierungsmodelle für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sowie (4) Finanzierungs- und Geschäftsmodelle gesetzt, die auch die den nun veröffentlichten Abschlussbericht gliedern. Der Praxisrahmen baut dabei auf einer umfassenden Bestandsaufnahme zum Thema auf, die im September letzten Jahres veröffentlicht worden war.


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Mapping OER – Projektabschluss from Wikimedia Deutschland on Vimeo.

Kurz zu den Ergebnissen der vier Themenschwerpunkte:

  1. Lizenzierung und Rechtssicherheit: Um weit verbreiteter Rechtsunsicherheit auf Seiten der Lehrkräfte entgegenzutreten, sollen diese „nicht zu Rechtsexperten und -expertinnen ausgebildet“ sondern „über Unterstützungs- und Support-Stellen begleitet werden“ (S. 20). Als Best-Practice-Beispiel wird in diesem Zusammenhang auf den „Lizenzhinweisgenerator“ von Wikimedia Deutschland selbst verwiesen. Wenig überraschend und wie auch in einer BMBF-Studie von Till Kreutzer zum Thema aus dem Jahr 2013, wird die Entwicklung einer speziellen OER-Lizenz abgelehnt und stattdessen für die Nutzung von Creative-Commons-Lizenzen plädiert. Im Schulbereich soll ein „Remix-Tool“ für Lernunterlagen erstellt und eine persönliche Haftungsfreistellung „bei urheberrechtlichen Verstößen im Rahmen der Erstellung von Unterrichtsmaterialien“ vorgesehen werden (S. 22). Bereichsübergreifend wird die Einführung einer Allgemeinen Bildungsschranke im Urheberrecht sowie die Nutzung von möglichst offenen Creative-Commons-Lizenzen (CC-BY oder gleich CC0) empfohlen, weil mit diesen die geringsten (Nach-)Nutzungseinschränkungen verbunden sind.
  2. Qualitätssicherung: Während auf einer technisch-formalen Ebene auch zentralisierte Qualitätsicherungsverfahren auf Basis von Kriterienkatalogen oder Prüfverfahren für sinnvoll erachtet werden, warnt der Praxisrahmen vor solchen Kritierienkatalogen im inhaltlichen und didaktischen Bereich:

    Hier dürfen Qualitätssicherungsverfahren nicht das Potenzial für einen individualisierten und vielfältigen Einsatz der Materialien in unterschiedlichen Bildungskontexten versperren. (S. 35)

    Qualitätssiegel und diesbezüglicher Peer-Review werden aber durchaus als Chance gesehen, auch um die Usability von OER zu verbessern. Als entscheidend für Qualität von OER wird deren intensive und fortgesetzte Nutzung erachtet, weshalb es das Ziel von Qualifizierungsmaßnahmen sein sollte, „die Individualität und die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von OER nicht als Mangel, sondern als chance für eine bessere Bildung zu begreifen“ (ibid.). Als Praxisbeispiel im Bereich Qualitätssicherung dient die Plattform Serlo.org.

  3. Qualifizierungsmodelle für MultiplikatorInnen: Für die zur Qualitätssicherung von OER erforderlichen Qualifizierungsmaßnahmen fehlt es derzeit jedoch noch an entsprechenden Qualifizierungsangeboten. Vorgeschlagen wird diesbezüglich ein „Mix zwischen punktueller Fortbildung sowie kontinuierlicher Beratung und Unterstützung“ (S. 49) sowie die Integration des Themas in bestehende Qualifizierungsmodule. Das Praxisbeispiel zum Thema ist das Projekt OERup!.
  4. Finanzierungs- und Geschäftsmodelle: Eingangs wird zunächst Klargestellt, dass es bei OER um Freiheit und nicht um Freibier geht:

    Nicht nur das Erstellen von OER verursacht Kosten – z. B. durch Personaleinsatz – sondern auch die veränderte, freie Lizenzierung sollte im Sinne der Produzierenden von Lehr- und Lernmaterialien eine modifizierte Vergütung nach sich ziehen. (S. 60)

    Nachhaltige Finanzierungs- und Geschäftsmodelle sind also entscheidend dafür, ob sich OER im Mainstream der deutschen Bildungslandschaft etablieren wird können. Neben neuen Finanzierungsformen wie Crowdfunding oder Freemium-Angeboten sollte „[o]berste Priorität […] einer Reform der öffentlichen Lehr- und Lernmittelfinanzierung zukommen“ – entsprechend dem Grundsatz, dass „Materialien, die mit öffentlichen Mitteln finanziert werden, auch frei lizenziert sein sollten“ (S. 65). Leider fehlt es im dem Praxisrahmen aber an konkreteren Vorschlagen zur Reform der öffentlichen Lernmittelfinanzierung, die über eine Forderung nach einer Ausdehnung der Lernmittelfreiheit hinausgehen.

    Das Praxisbeispiel im Bereich Geschäftsmodelle liefert tutory.de, eine Online Plattform auf der Lehrende mithilfe eines Editors Arbeitsmaterialien und Unterrichtsideen einfach und unter offenen Lizenzen erstellen bzw. anpassen können.

Abschließend werden ab Seite 73 die verschiedenen, in den Kapiteln zuvor bereits angeführten „Lösungsansätze für die Praxis“ noch einmal zusammengefasst, vier Handlungsfeldern zugeordnet und konkrete Lösungsansätze entworfen. Zu diesen Lösungsansätzen zählen u.a. die Folgenden:

  • Beratungsstelle OER zur „rechtliche[n] Beratung bei der Erstellung von OER, um Lehrenden Sicherheit im Umgang mit Lizenzen zu vermitteln.“ (S. 74)
  • Clearingstelle für OER, bei der Materialien zur Überprüfung bzw. Zertifizierung („Tauglichkeitssiegel“) eingereicht werden können.
  • Förderpreis für OER, ähnlich dem Deutschen Schulpreis.
  • Gratifikation für OER-Erstellende, insbesondere durch Zeitkontingente für Lehrkräfte an Schulen.
  • OER-Beauftragung von professionellen Dienstleistenden, die Servicepakete für die Content-Produktion erstellen. Die Kreation freier Lerninhalte erfolgt z. B. über eine Beauftragung durch öffentliche Vergaben, die Vergütung über die Lehrmittelbudgets oder in Zeitkontingenten.
  • OER-Coaching-System mit OER-Patinnen und -Paten für Lehrende und Lernende.
  • OER-Remix-Tool, das, ausschließlich mit freien Inhalten aus einem konfektionierten, geprüften Materialpool arbeitet und vor allem auf einfache Nutzbarkeit setzt.
  • Zentrale OER-Suche, die bestehende und neue Initiativen und Materialien zu OER besser und einfacher auffindbar machen soll.

Die tabellarischen Projektskizzen sind sehr übersichtlich, allerdings – wie auch schon obige Liste zeigt – sind sie in der Summe etwas ungeordnet. Hier wäre es schön, wenn noch eine Priorisierung vorgenommen sowie mögliche Querverbindungen und Synergien herausgearbeitet würden.

Fazit

Sowohl die allgemeine Stoßrichtung als auch die konkreten Lösungsansätze des etwas sperrig als „Praxisrahmen“ betitelten Abschlussberichts von Mapping OER vermögen zu überzeugen. Auch die durchgehende Unterscheidung zwischen verschiedenen Bildungsbereichen (Schule, Hochschule, berufliche Bildung und Weiterbildung) ist der Sache dienlich. Dennoch liegen die Tücken am Weg zu mehr OER in Deutschland in den Details der (föderalistischen) Umsetzung und diesbezüglich liefert der Praxisrahmen wenig. Auf die unterschiedliche Situation in den für Bildung maßgeblichen Ländern (z.B. im Bereich Lernmittelfinanzierung) wird bloß verwiesen, eine systematisch-vergleichende Auswertung fehlt. Genau das ist es aber, was jetzt ansteht: die allgemeinen Handlungsempfehlungen von Mapping OER in die Mühen der (Länder-)Ebene zu übersetzen und voranzutreiben.

Offenlegung: Ich habe im Rahmen des Projekts Mapping OER einen Blogeintrag zum Thema „Wie offen ist Lernmittelfinanzierung für OER?“ beigesteuert.

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