Überwachung

NRW will Vorhersagesoftware erst zu Wohnungseinbruch nutzen, dann „auf weitere Deliktsfelder“ ausdehnen

EIne Analysesoftware wie "Precobs" steigert den polizeilichen Datenhunger. Immer mehr Landeskriminalämter interessieren sich.
EIne Analysesoftware wie „Precobs“ steigert den polizeilichen Datenhunger. Immer mehr Landeskriminalämter interessieren sich.

Die Landeskriminalämter Bayern und Nordrhein-Westfalen sind derzeit mit Tests zur Wirksamkeit von „Predictive Policing“ befasst. Eine Vorhersagesoftware soll Anhaltspunkte liefern, wann und wo ein Wohnungseinbruch bevorsteht. Das Programm macht sich dabei den wissenschaftlich angeblich nachgewiesenen „Near Repeat“ zu nutze, wonach StraftäterInnen meist mehrmals an nahe gelegenen Tatorten aktiv sind. In Bayern kommt die Software „PreCobs“ zum Einsatz, Tests finden in München und Mittelfranken statt. Im Rahmen einer zweiwöchigen Großoperation wird „PreCobs“ (vorübergehend?) auch landesweit ausprobiert.


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Die Landesregierung in NRW erläutert nun Details zu den eigenen Plänen. Hintergrund war eine Kleine Anfrage des CDU-Abgeordneten Gregor Golland. Der Konservative ist allerdings nicht von Datenschutzbedenken geplagt, vielmehr geht es ihm um Wirtschaftsförderung: Die Anfrage trägt den Titel „PreCobs – Verweigert sich der Innenminister gegen eine fortschrittliche Polizeiarbeit?“. Das Institut für musterbasierte Prognosetechnik, der Hersteller von „PreCobs“, hat seinen Sitz in Oberhausen. Der Abgeordnete will offenbar das heimische Unternehmen bei einer Auswahlentscheidung bevorzugt wissen.

Welche Software kauft NRW?

Laut der Landesregierung sei aber nicht hinreichend belegt, dass sich „PreCobs“ wie von Golland behauptet für eine „zeitgemäße polizeiliche Auswertung“ bewährt habe. Soweit ein Rückgang von Straftaten „in einem definierten Raum zu beobachten sei, ließe sich dieser „nicht zwangsläufig auf die Anwendung solcher Programme zurückführen“. In diese Richtung hatte sich am Mittwoch der bayerische Innenminister geäußert, der die Tests von „PreCobs“ als „vielversprechend“ lobte. Ob mehrere in jüngster Zeit verhaftete Einbrecher aber durch die digitale Vorausschau ins bayerische Raster gerieten, ist längst nicht belegt.

Das LKA NRW will deshalb nur solche Anwendungen einsetzen „die tatsächlich nachweislich wirksam sind“. Die Antwort lässt offen, welches Produkt von welchem Hersteller ausgesucht wird. Möglich wäre auch eine Software von IBM zu kaufen. Der US-Konzern versucht, in Kooperation mit der Universität Freiburg auf dem deutschen Markt Fuß zu fassen.

Das Projekt „Predictive Policing in Nordrhein-Westfalen“ soll nach Abschluss vorbereitender Maßnahmen Anfang 2015 in Duisburg und Köln beginnen. Erste Ergebnisse werden für die zweite Jahreshälfte erwartet. Die technische Leitung obliegt dem Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste (LZPD), das immer wieder Pionierprojekte im IT-Bereich betreibt und beispielsweise einen Server zum Versand von „Stillen SMS“ betreibt, der auch von anderen Bundesländern genutzt wird.

„Bauliche Gegebenheiten, Verkehrsinfrastrukturen, Wetterdaten“

Die „Praxisphase“ endet im September 2016. Aus „kriminalstrategischen Erwägungen“ liege der Fokus zunächst auf Wohnungseinbruch. Soweit sich dort positive Ergebnisse nachweisen lassen komme „die Ausweitung solcher Anwendungen auch auf weitere Deliktsfelder in Betracht“. Die Software soll jenseits der polizeilichen Nutzung auch Informationen „für Zwecke der Sozialpolitik oder des Städtebaus“ liefern.

Vor einer endgültigen „Eignungs- und Auswahlentscheidung“ sollen weitere „IT-Experten“, WissenschaftlerInnen, polizeiliche Datenschutzbeauftragte sowie „polizeiliche Anwender“ einbezogen werden. Das deutet auf die Einrichtung einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe hin, zumal sich auch das Bundeskriminalamt für die Tests in Bayern und NRW interessiert.

Die in Deutschland getestete Vorhersagesoftware verarbeitet zunächst keine Personendaten. Neben Informationen zu früheren Einbrüchen werden weitere „frei zugängliche Datenquellen“ eingebunden. Hierzu gehören „bauliche Gegebenheiten in Stadtbezirken, Verkehrsinfrastrukturen, Wetterdaten“. Um die Wirksamkeit der vorhersagenden Analyse zu steigern, können weitere Daten herangezogen werden. Dies könnte die Polizei zum Anlass nehmen, das Prinzip der Datensparsamkeit weiter aufzuweichen.

Erfahrungsaustausch mit Australien, Großbritannien, Niederlande und USA

Im Juli hatte die Landesregierung bereits auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion geantwortet. Demnach sei das LKA beauftragt gewesen, Informationen ausländischer Polizeibehörden, die Vorhersagesoftware bereits benutzen, zu analysieren. Genannt werden Australien, Großbritannien, Niederlande und die USA. Die britische Polizei hatte kürzlich getestet, inwiefern die Rückfälligkeit von Gang-Mitgliedern ebenfalls durch eine Software vorhersehbar ist.

Viele US-Polizeien setzen mittlerweile auf IT-gestütztes „Predictive Policing“. Auch dort wurden zunächst lediglich anonyme Daten genutzt, mittlerweile fließen aber in einigen Städten bereits Personendaten ein. Der Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte das LKA aufgefordert, zu prüfen ob „die technischen Vorgaben dieser Methoden im Rahmen des geltenden Rechts auf die Kriminalitätsauswertung und -analyse der Polizei NRW übertragen werden können“.

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14 Kommentare
  1. „Vordergründig ist die Aussage von „Minority Report“ klar und mehr als deutlich: Darf eine staatlich verfasste Gesellschaft – und andere kennen wir heutzutage nicht mehr – in derartiger Weise in das Verhalten eingreifen? Spielbergs Antwort ist so eindeutig „Nein“, wie die Realität uns schon heute ein klares „Ja“ auf diese Frage gibt.

    Das, was schon heute unter dem hochtrabenden Titel „Vorbeugende Verbrechensbekämpfung“ mit den Mitteln der visuellen Überwachung, der V-Leute und allerlei technischen Finessen in dieser Hinsicht praktiziert wird, schreibt die auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick aus den 50er Jahren stammende Handlung logisch fort. Sicher, die Gedankenleserei, die in „Minority Report“ dargestellt wird, könnte man wie fast jede Sciencefiction-Idee als aberwitzig abtun: So etwas wird es nie geben. So etwas vielleicht nicht. Aber diese Erfindung dient Spielberg ebenso wie die rasanten Verfolgungsjagden und digitalen Tricks „nur“ als Transportmittel einer erschreckenden Bilanz – einer Bilanz der Gegenwart, nicht der Zukunft.

    Pre-Crime und Pre-Cogs sind die Kennzeichen einer totalen Aufhebung jeglicher rechtsstaatlicher und menschenrechtlicher Garantien in einer neuen und ganz anderen Form totalitärer Herrschaft, als sie die Diktaturen des 20. Jahrhunderts darstellten. Die Pre-Cogs werden von der Bevölkerung gefeiert. In einer Szene z.B. krabbeln Techno-Spinnen auf der Suche nach Anderton durch ein Wohnviertel, in dem 29 Menschen ausgemacht wurden, um durch Scannen der Augen deren Identität zu ermitteln. Tom Cruise (Anderton) weiß, in welcher Gefahr er sich befindet. Er legt sich in eine mit Eiswasser gefüllte Badewanne, um seine Körperwärme, auf die die Spinnen programmiert sind, zu senken. Sie finden ihn trotzdem. Inzwischen allerdings hat er die Augen eines anderen. In dieser Sequenz des Films krabbeln die Scan-Spinnen durch allerlei Zimmer der Anwohner, die sich gerade streiten, beim Essen sitzen oder sonst einer Tätigkeit nachgehen. Sie lassen sich durch die Spinnen unterbrechen, scannen, damit ist für sie die Angelegenheit erledigt, und sie streiten, essen weiter. Nur eine Mutter ist besorgt, weil ihre Kinder Angst bekommen. Im großen und ganzen aber hat das Verfahren des Pre-Crime die Akzeptanz der Bevölkerung erlangt. Das Private, das Intime, das durch die Verfassung „eigentlich“ geschützt ist, rangiert nunmehr unterhalb dessen, was die Verfechter von Pre-Crime Sicherheit nennen. Die Erfolgsbilanz scheint ihnen Recht zu geben.“

    –Filmkritik zu Minority Report
    von Ulrich Behrens am 06.03.2009
    http://www.filmering.at/kritik/6358-minority-report

  2. Lächerlich. Viele Länder haben nicht mal die Kapazitäten, Fälle zu verfolgen, wenn man sie anzeigt. Beispiel Klau von Fahrrädern, Kfz, Baumaschinen und landwirtsch. Nutzfahrzeugen. Oder Kabel, Schrott, selbst Diebstahl von Teilen von Strommasten (!) hat man schon gehört. Und die Tüpen wollen Pre-Crime einsetzen. Das ist einfach nur lachhaft. Aber nicht lustig.

  3. Das hat man davon, dass so viele Idioten in den Parlamenten sitzen, die absolut nicht das geringste technische und psychologische Grundverständnis haben. Lassen sich was vom Pferd erzählen und irgendwer macht sich dann auf Kosten der Steuerzahler wieder die Taschen voll.

    Ich meine man kann ja so was gerne mal ausprobieren, aber bitte in die Verträge schreiben, was die Ziele sind, und das es kein Geld gibt, wenn sie nicht erfüllt werden. Z.B. 30% Rückgang bei den Wohnungseinbrüchen.

    1. Martin hat vollkommen Recht!
      Ich denke, dieses System wird unsere osteuropäischen Mitbürger nicht traurig und ängstlich machen weil die Vorhersagen kommen werden, wenn die Bude leer ist und die sogenannten EU-Bürger ihre Beute in ihrem EU-Land haben …………….

  4. Was soll man dazu noch sagen. Außer: Groko wird selbstverständlich 2017 wiedergewählt, wahrscheinlich diesmal mit 92%. Diese Gesellschaft verdient diese Politik.

  5. >>Die Software soll jenseits der polizeilichen Nutzung auch Informationen “für Zwecke der Sozialpolitik oder des Städtebaus” liefern.

    Hat jemand eine Idee, was damit gemeint sein könnte? Die Damen und Herren vom LZPD machen ja nun weder Sozialpolitik noch Städtebau. Wie soll da irgendein Erkenntnisgewinn zustande kommen? Oder wird die Datenbank dann halt einfach für alle geöffnet, die ein halbwegs glaubhaftes Interesse vorweisen können?

  6. Vielleicht ein paar Anmerkungen zu einer solchen Software:

    Da werden Fakten, etwa Vorstrafen, Polizeiberichte, Wohnlagen, vielleicht Nationalität, Geschlecht, alles was ein Computer fassen kann und was die Polizei erfahren kann mit tatsächlichen Geschehnissen verknüpft. Die Daten werden automatisch korrelliert (in Beziehung gebracht).

    1) das System steht und fällt mit der Datenbasis. Fehlerhafte Daten produzieren unscharfe oder falsche Ergebnisse. In großen Datenbanken sind jedoch immer x% der Daten falsch. Das ist unvermeidbar. Für eine Evaluierung muss der Fehler erkannt werden und objektiv entschieden werden, ab wann das Ergebnis unbrauchbar ist. Der Zusammenhang zwischen Fehlfunktionen und Datenbankgröße ist nicht linear. Eine wissenschaftlich tragfähige Evaluierung ist sicher nicht trivial.

    2) Ergibt die Korrelation vielleicht, dass Polen häufig Häuser im Villenviertel ausrauben (nach einem Muster) ausrauben, so wird das System genau das lernen. Es wird so agieren, wie ein Mensch, der einmal von einem Ausländer belästigt (vermeindlich, denn es mag Missverständnisse geben), wurde. Menschen haben Vorurteile. Menschen können die überwinden. Computer können das nicht. Jedes Detail der Datenbasis und alle Schlüsse daraus bleiben, selbst bei dynamischer Bewertung, erhalten. Missverständnisse kann ein Rechner nicht erkennen. Dynamisch bewertete und rekursive Schlüsse bergen die erhebliche Gefahr vollkommen unerwarteter Ergebnisse (Chaos).

    3) Menschen können in diese Datenbasis nicht (hinreichend) eingreifen oder sie reparieren. Es gibt einfach nicht genügend Menschen auf der Welt, das zu tun.

    4) Es dürfte die Gefahr und erhebliche Wahrscheinlichkeit bestehen, dass die Wissensbasis gegen den Datenschutz verstößt. Bei hinreichender Datenbasis sind auch anonymisierte Daten Personen zuzuordnen. Das System verlangt trotzdem nach einer möglichst großen Datenbasis.

    5) Betrachtet man Ursachen von Wohnungseinbrüchen, so sind das nicht nur Wohnungslage usw. sondern vielleicht ein Geldmangel des Einbrechers. So verwerflich Einbruch ist, es hat was mit sozialer Struktur, Bildung und Werten zu tun. Ein System, dass Straftaten perfekt erkennt bedeutet nicht, dass die abnehmen werden. Es bekämpft maximal ein Symtom. Werden andere Faktoren vernachlässigt, so ist das System sicher schon alleine deshalb kontraproduktiv.

    6) Korrelation ist ein schwieriges Mittel. Denn Korrelation kann nichts beweisen. Selbst wenn in A-Stadt alle Einbrecher aus B kommen, blaue Mützen tief im Gesicht tragen und im Baumarkt bestimmte Dinge kaufen, so ist das kein Beweis. Es muss zu Fehlern kommen. Wer haftet für solche Fehlentscheidungen eines Rechnersystems?

    7) Die Schlüsse des Rechners sind für keinen Menschen mehr nachvollziehbar. Das System ist in (s)einem Bereich autark. Das System ist natürlich für einen Zweck entwickelt worden. Die sozialen oder kriminalistischen Ansichten der Entwickler spiegeln sich darin wieder. Es liefert zu erwartende Ergebnisse in einem Umfeld, das sowieso „so denkt“. Eine Bestätigung ist sehr wahrscheinlich, weil menschliche Ansichten der Entwickler bestätigt werden und weil ein neutraler und objektiver Vergleich fehlt. 100 Verbrecher gefasst sagt gar nichts aus, wenn unklar ist, wieviele Verbrecher nicht gefasst wurden, weil die Polizei am falschem Ort war oder einfach kein Personal hatte.

    8) Die Polizei unterwirft sich einem Rechnersystem. An die Qualifikation der Beamten werden also andere, vielleicht niedrigere, Ansprüche gestellt. Ich möchte aber eine kompetente Polizei.

    9) Wie geht ein Richter mit den Schlüssen des Systems im Zweifelsfall, etwa bei unklarer Beweislage um? Wann wird die Aussage des Rechners zum Beweis und wie legitim wäre das?

    tl;dr es gibt viele weitere Punkte. Es wäre möglich (und notwendig) genauer zu begründen. Es lässt sich ein Buch darüber schreiben oder einfach nur dies sagen:

    Korrelation bedeutet keine Kausalität. Das zu ignorieren und hierauf Entscheidungen zu bauen ist grob fahrlässig und nicht klug.

    1. Ja, und all das interessiert Benno RTL-Zuschauer, der 90% des Wählervolks ausmacht, nicht die Bohne. Selbst wenn er es intellektuell verarbeiten könnte, was er nicht kann, würde es ihn nicht interessieren.

      Das wird alles kommen und noch viel mehr als das. Es gibt keine sinnvolle Metrik, um sich vor nichtexistierenden Gefahren zu schützen, daher lassen die meisten Leute nahezu alles mit sich machen, wenn man es ihnen lang genug ins Hirn prügelt.

      Ja, Fatalismus ist oft bequem und einfach. Aber dadurch eben nicht weniger realistisch.

      1. Ja, das mag sein. Es bleibt trotzdem keine andere Möglichkeit, als logisch über das Problem nachzudenken. Politiker sollten nicht dumm sein. Sie müssen (z.B auch) über die sozialen Folgen ihrer Entscheidungen nachdenken. Wenn das naiv ist wenn 1+1=2 ist, nun, dann bin ich eben naiv. Mit Deinem Benno bin ich dann in guter Gesellschaft. Zusammen können wir etwas erreichen, so es ein wir gibt. Es gibt die Macht des Faktischen – früher oder später.

  7. Bauliche Gegebenheiten …

    hat mal jemand angefragt, ob die (Mikro)zensusdaten (bei deren Erhebung allein, nebenbei bemerkt, schon Grundrechten Gewalt angetan wird und das Recht auf IS mit Füßen getreten wird) auch dafür mißbraucht werden?

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