Die Deutsche Telekom überlegt laut einem Bericht der Wirtschaftswoche den innerdeutschen Internetverkehr so zu routen, dass dieser nicht mehr über die ganze Welt läuft und von beliebigen Geheimdiensten mitgeschnitten werden kann. Das klingt zunächst erstmal wie eine Mischung aus billiger PR wie bei „eMail made in Germany“ und Balkanisierung des Netzes. In sozialen Medien gab es auch erstmal viel Häme, besonders SPD-Netzpolitiker lachten über ein #deutschlandnet.
Ich weiß nicht, ob das wirklich eine Schnapsidee ist. Natürlich kann man argumentieren, dass diese Idee nicht soviel bei der Problemlösung bringt, wie besser verschlüsselte Netze und Kommunikation (auch bei eMails mit richtiger End-to-End-Verschlüsselung und nicht so Sicherheitsillusion wie De-Mail oder E‑Mail Made in Germany). Aber das sollte man nicht gegeneinander ausspielen.
Es gibt einige Argumente, zumindest mal über die Idee der Deutschen Telekom zu diskutieren. Aus technischer Sicht ist das nicht ganz trivial, aber machbar, da im Idealfall viele Provider mitmachen müssen und man nicht immer weiß, wo genau eine IP ihren Standort hat. Es könnte aus technischer Sicht vielleicht mehr dafür als dagegen sprechen. Politisch ist die Idee nicht neu: Der EU-Untersuchungsausschuss zu Echelon hatte dies bereits vor zwölf Jahren als Handlungsempfehlung vorgeschlagen. Die Idee war damals schon, dass man damit vermeiden wollte, dass Traffic sinnvollerweise fragwürdige Jurisdiktionen vermeiden sollte, wenn es gar nicht nötig ist. Hat damals Niemanden interessiert, heute ist das Problembewusstsein gewachsen.
Aber man sollte auch mögliche Nebeneffekte mitdiskutieren. Natürlich läuten erstmal viele Alarmglocken, wenn man darüber nachdenkt, die Topologie unserer Netze an nationalen Grenzen abzubilden. Balkanisierungstendenzen kennt man aus dem Iran, Russland und China, die das vor allem machen, um Zensurinfrastrukturen zu verbessern, aber wahrscheinlich auch ihren eigenen Datenverkehr vor der NSA schützen wollen. Auch die Idee von Sendezeiten im Internet klingelt erstmal laut. Und welche Auswirkungen hat das auf die Netzneutralitätsdebatte? Allerdings geht es hier doch explizit um innerdeutschen Traffic. Wenn ich weiterhin auf US-Server zugreife, dann läuft der halt über die britischen und US-amerikanischen Datenschnüffler. Insofern greift nicht ganz das Balkanisierungsargument.
Der BND könnte sich freuen, wenn er damit vielleicht die Auslandskopfüberwachung „verfassungskonformer“ hinbekommen würde. Bleibt noch der Punkt, dass ja am De-Cix der BND irgendwie mithört und niemand genau weiß, ob und wie die NSA da mitlauscht. Aber auszuschließen ist da gerade nichts. Angedacht ist wohl auch, das auf den Schengenraum auszuweiten, wenn es in Deutschland funktioniert, um über den britischen Geheimdienst nicht die NSA dabei zu haben. Aber dann hat man immer noch die Franzosen dabei…
Kurzfassung: Die Idee ist nicht so dumm, wie sie vielleicht auf den ersten Blick klingt. Und wir sollten zumindest mal ausführlich die Vor- und Nachteile diskutieren. Was denkt Ihr, was spricht noch dafür, was spricht dagegen?