Hersteller havarierter Aufklärungsdrohnen will Musterzulassung der „LUNA“ zur Teilnahme am allgemeinen Luftverkehr

luna_kabul_beinahecrashWenige Stunden nachdem die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung über mehr als Hundert abgestürzte Bundeswehrdrohnen berichtete hat das Verteidigungsministerium reagiert. In einer Erklärung heisst, es habe tatsächlich 124 „Flugunfälle“ gegeben.

Allerdings habe es sich teilweise um sogenannte „systemkonforme Landungen“ gehandelt. Diese würden beispielsweise ausgelöst, wenn der Funkkontakt abbricht oder die steuernde Person die Kontrolle verliert:

In den genannten Zahlen waren nicht nur – wie bei Antworten auf vergangene Anfragen – Abstürze im engeren Sinne, sondern auch sogenannte „systemkonforme Landungen“ enthalten, die aus Sicherheitsgründen ausgelöst werden, sobald eine Störung, wie zum Beispiel ein Bedienfehler oder Funkübertragungsfehler, auftritt. In solchen Fällen löst automatisch ein Fallschirm aus und das Fluggerät kommt kontrolliert zur Landung.

Das klingt konstruiert: Denn ein derart unkontrollierter Niedergang, beispielsweise über einer Millionenstadt wie dem afghanischen Kabul, könnte auch mit einem Fallschirm Sach- und Personenschäden anrichten. Das Verteidigungsministerium bestätigt, dass alle 124 „systemkonform“ abgestürzten Drohnen Totalschaden erlitten und nicht mehr zu reparieren sind. Dennoch werden die in der Frankfurter Allgemeinen erhobenen Vorwürfe als „konstruiert und falsch“ bezeichnet.

Laut Verteidigungsministerium beziehe sich die „überwiegende Anzahl der in der parlamentarischen Antwort genannten Fälle“ auf „kleine Systeme“. Jedoch ist die in Rede stehende „LUNA“ (mindestens 52 havarierte Drohnen)) mit vier Metern Spannweite die größte, die bei der Bundeswehr geflogen wird – abgesehen von einem Exemplar der Riesendrohne „Euro Hawk“ sowie drei hochfliegende „Heron“ in Afghanistan.

In der Antwort auf die Kleine Anfrage hatte der zuständige Staatssekretär Christian Schmidt erstmals die Gesamtzahl von 871 Drohnen genannt. Hierzu gehören fliegende Kameras, die an Quadrokoptern (290) oder kleinen Seglern (184) montiert sind. Mit 160 Kilogramm maximales Startgewicht fliegt die Bundeswehr auch Drohnen des Typs „KZO“ von Rheinmetall Defence. Sie sind zwar schwerer als die „LUNA“, haben aber eine kleinere Spannweite. Zu den gecrashten „KZO“ gibt es derzeit keine verläßlichen Zahlen. Vor einem Jahr hieß es dazu (in jener Antwort, in der die Zahl abgestürzter „LUNA“ als nachweislich zu niedrig beziffert wurde):

Während des Ausbildungsflugbetriebes sind bisher zwei LUNA sowie drei KZO in Deutschland abgestürzt. Weiterhin sind im ISAF-Einsatz sechs LUNA und vier KZO abgestürzt. Informationen zu Schäden an Dritten liegen nicht vor.

Um die hohe Zahl „systemkonfomer Landungen“ mit anschließendem Schrottwert zukünftig zu vermindern entwickelt der Hersteller der „LUNA“ einen Ausweichsensor. Die Firma EMT erhielt dafür Gelder für entsprechende Forschungen zum „UAV-Einsatz in Bayern“ von der Bundesregierung. Für Tests hat das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung ein sogenanntes „Flugbeschränkungsgebiet“ im bayerischen Spatzenhausen ausgewiesen. EMT will für die „LUNA“ perspektivisch eine pauschale Zulassung für den allgemeinen Luftraum:

Wir bei EMT und SPIES sind begeistert, die Sense & Avoid-Technologie durch LIDAR und Transponder voran zu treiben, um unseren unbemannten Luftfahrzeugen letztendlich die Teilnahme am allgemeinen Luftverkehr zu ermöglichen. Damit können Vorteile wie die günstigen Beschaffungs- und Betriebskosten von unbemannten Flugsystemen auch verstärkt den zivilen Nutzern eröffnet werden.

Letztes Jahr hieß es seitens Bundesregierung, EMT habe für die „LUNA“ bislang sieben „vorläufige stückbezogene Verkehrszulassungen“ erhalten. Zuständig ist das dafür Verteidigungsministerium. Die Drohnen werden von der Dienststelle „Musterprüfwesen für Luftfahrtgerät der Bundeswehr“ mit Sitz im bayerischen Manching – am Flugplatz der „Euro Hawk – geprüft und in einem eigens ausgewiesenen Flugbeschränkungsgebiet getestet. Es geht dabei um die Zulassung nach „Kategorie 2“ der „Luftfahrttauglichkeitsforderung“ (LTF) der Bundeswehr: Die unbemannten Luftfahrzeuge müssen auf gekennzeichneten militärischem Gelände oder „abgesperrtem Gelände mit darüberliegendem Gebiet mit Flugbeschränkungen“ starten und landen. Für den militärischen Betrieb wurden bis letztes Jahr 89 „LUNA“ mit einer Musterzulassung ausgestattet. In der neueren Antwort wird jetzt von 145 Exemplaren gesprochen.

In Afghanistan kommen die Drohnen der zivilen Luftfahrt bisweilen bedenklich zu nahe: Über Kabul hatte eine „LUNA“ 2004 beinahe ein Passagierflugzeug gerammt. Angeblich sei der Jet im für die NATO teilweise reservierten Luftraum geflogen. Die „LUNA“ kam ins Trudeln und stürzte „systemkonform“ ab.

3 Kommentare
  1. ralph hirnrabe 23. Jun 2013 @ 6:38
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