Inhaltsanalyse offizieller Dokumente: Nur in Deutschland ist die Sprache über das Internet so militärisch

Offizielle deutsche Dokumente nutzen eine militärisch viel aufgeladenere Sprache als andere Staaten. Das ist das vorläufige Ergebnis einer Untersuchung des Sprachgebrauchs der fünf internetfreiheitlichsten Staaten. Kein anderer Staat sagt so oft „Attacke“ – und nur die Deutschen sprechen von „Cyberwar“.

Ben Kamis und Dr. Thorsten Thiel untersuchen an der Goethe Universität Frankfurt am Main den Sprachgebrauch von Staaten über das Internet. Eine erste Präsentation hielten sie Ende Oktober in Berlin, jetzt haben sie vorläufige Ergebnisse auf dem Sicherheitspolitik-Blog veröffentlicht.

Ihre Ausgangsfrage ist: Da es im Internet keine direkte physische Gewalt gibt, warum sprechen Leute immer von Cyberwar? Ihre Arbeitsthese: Staaten nutzen absichtlich eine solch militärische Rhetorik, um gegenüber ihren Bürgern die Notwendigkeit des Staates als Beschützer vor fremder Gewalt zu betonen.

Um diese Hypothese zu überprüfen, analysierten die Forscher die offiziellen Richtlinien und Aussagen zu Cybersicherheit der fünf Staaten, die am besten im Freedom of the Net Bericht von Freedom House abgeschnitten haben: Estland, USA, Deutschland, Australien und Ungarn.

In den offiziellen Papieren dieser fünf Staaten taucht nur in den deutschen Berichten das Wort „Cyberwar“ auf. Auch das Wort „Attacke“ bzw. „Angriff“ verwendet Deutschland häufiger als alle anderen. Der englische Begriff „Cyber Warfare“ taucht sogar direkt in deutschsprachigen Texten auf. (Das wäre, als ob Australien von „Blitzkrieg“ spricht.)

Auf Platz zwei folgen die USA. Im Cyberspace Policy Review und der „Internationalen“ Strategie zum Cyberspace findet sich die Ankündigung, auf digitale Angriffe mit herkömmlichen Raketen antworten zu können:

The United States will respond to hostile acts in cyberspace as we would to any other threat to our country.

We reserve the right to use all necessary means – diplomatic, informational, military, and economic – as appropriate and consistent with applicable international law, in order to defend our Nation, our allies, our partners, and our interests.

Ungarn belegt den mittleren Platz. Es gibt nicht viele offizielle Dokumente zur Cybersicherheit auf englisch oder deutsch. Meistens verweist man auf NATO-Papiere, nur in der Nationalen Sicherheits-Strategie 2012 verknüpfte man Cybersicherheit mit Terrorismus, Kriminalität, nationaler Verteidigung und Katastrophenschutz.

Dass es auch anders geht, zeigen Australien und Estland. In ihrer Cyber Security Strategie gibt die Australische Regierung Tipps, wie man die eigenen privaten oder Firmen-Netze sichert, ganz ohne militärische Rhetorik. Und Estland, obwohl es das NATO Cyber Defence Centre beherbergt und Ziel von massiven DDoS-Angriffen war, die einem anderen Staat zugeschrieben werden, beschreibt „Cyberkriminalität“ als Aufgabe der Polizei und erwähnt „Cyber-Angriffe“ nur zwei mal.

Die martialische deutsche Sprachregelung ist daher ein Sonderfall und keineswegs internationaler Standard. Und überhaupt reden alle vom Cyberwar und niemand vom Cyberpeace. Auf dem 29C3 will Sylvia Johnigk vom FIfF diesen einfordern: Cyberpeace statt Cyberwar.

15 Kommentare
  1. Alexander Trust 12. Dez 2012 @ 21:19
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