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Kritik am AK Vorrat: Kriminalstatistik falsch ausgewertet

Prof. Dr. Henning Ernst Müller, Kriminologe an der Universität Regensburg, wirft dem Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung bei der Auswertung der Kriminalstatistik unsaubere Arbeit bis Verzerrung vor:


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Man hätte seitens des AK VDS  lieber die Finger davon gelassen, denn die Polizeiliche Kriminalstatistik ist erstens denkbar ungeeignet, Argumente für die eine oder andere Seite zu liefern und zweitens hat sich der AK VDS auch noch derart gravierende Fehler in seiner Untersuchung geleistet, dass er sich – wenn die fehlerhafte Darstellung nicht sogar Absicht gewesen ist – zumindest schämen sollte.

Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung hatte in der vergangenen Woche in einer Pressemitteilung Daten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) herangezogen, um Forderungen nach der Wieder-Einführung der Vorratsdatenspeicherung entgegenzutreten, die sich ebenfalls der PKS bedienen.

Die Aussagekraft von Bewertungen auf Grundlage der PKS wird öfter in Frage gestellt, da sie eine reine Anzeigen-Statistik ist, also nicht die Aufklärungsquote wiedergibt.
2007 führte in der PKS beispielsweise die sogenannte Operation Himmel zu einem sprunghaften Anstieg der Fälle von Kinderpornografie, wie Thomas Stadler vorletztes Jahr in seinem Blog schrieb. Die Zahlen wurden sodann von der Zensursula-Fraktion zur Untermauerung von Forderungen nach einer Sperr-Infrastruktur herangezogen.

Auch sind die politischen Interessen, die hinter der PKS stehen, immer wieder Grund zur Kritik. So haben das Innenministerium sowie das BKA selbst natürlich einen Einfluss auf die Bewertung der Statistik und deren Zusammenstellung.

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13 Kommentare
  1. Surprise, surprise. Wer hätte es gedacht? Der Vorwurf steht ja schon des längerem im Raum. Und wer sich die Statistik mal anguckt hat schon lange gemerkt, dass der AK Vorrat in der Hinsicht nicht sauber arbeitet oder – ich weiß nicht, ob das die Sache besser macht – einfach überhaupt keine Ahnung von der Arbeit mit Statistiken hat. Besonders hervorgetan hat der AK Vorrat sich mit seinen Angaben jedenfalls nicht.

  2. Der AK VDS wurde auch hier für die dürftige Analyse der Zahlen und das fehlende Eingehen auf mögliche Fehlerquellen kritisiert.

    Somit sollte die PKS sowohl für den AK VDS, aber auch für die „Gegenseite“ als unterstützendes Argument wegfallen.

    Bleibt die Frage: wofür PKS, wenn die Daten so unbrauchbar sind?

  3. Genau deshalb sollte man in einer Diskussion nicht mit Statistiken anfangen. Mögen sie noch so verlockende Prozentzahlen haben.

    Damnit! Das neuerdings weisse Buchstaben in reCaptcha verwendet werden ist doof! Bald kommen nur noch Bots durch und der Mensch bleibt draussen :(

  4. @Torsten:

    Die Statistik wird erst brauchbar, wenn man sie über lange Zeit betrachtet oder mit anderen Statistiken in Verbindung bringt.

    Die Aussage ergibt aber auch keinen Sinn. Wenn mein zugrundeliegendes Zahlenmaterial schon von begrenzter methodischer und faktischer Aussagekraft ist wie in diesem Fall offenbar die PKS, dann können auch alle darauf aufbauenden weitergehenden Analysen kaum besser sein. Auch ein Vergleich mit anderen Erhebungen macht dann keinen Sinn.

    Was bleibt ist die Frage, warum man die PKS dann weiter so betreibt, wenn die konzeptionellen Mängel schon seit Jahren so bekannt sind.

  5. Andreas: schlag einfach Mal die Begriffe „OpenData“ und „Mashups“ nach. Für sich genommen absolut uninteressante Daten können in Kombination sehr wertvolle Erkenntnisse bringen.

    Nur weil jemand nicht mit Statistik umgehen kann, ist die Statistik nicht sinnlos.

  6. Die Kritik ist hat durchaus seine faktuelle Berechtigung, unterschätzt aber den politischen Wert des Beitrags vom AK Vorrat.

    Der von Prof. Dr. Müller dargelegte Mangel an Aussagekraft der PKS ist in der politischen Diskussion primär als mangelhafte Information seitens der Regierung anzusehen.

    Die für die Vorratsdatenspeicherung verantwortlichen Regierung(en) und Parteien müssen endlich belastbar den Nutzen der von ihnen geforderten Grundrechtseinschränkungen darlegen, anstatt sich an Einzelfällen aufzugeilen.

    Bis die Regierung sich aufrafft, statistisch sauber zu argumentieren, bleibt die Aussage des AK Vorrat daher (in der Diskussion) ebenso gültig wie unspezifische Terrorgefahren und KiPo-Milliardenmärkte auf der Gegenseite — so bedauernswert dieses Niveau auch sein mag.

  7. @Torsten:

    gut, ich schließe am Ende nicht 100%ig aus daß man nicht doch noch irgendwas Gescheites anfangen kann mit „schlechtem“ Zahlenmaterial.

    Wenn ich mich aber an meine Statistik-Vorlesungen damals erinnere, dann ist zweifelhafte Methodik bei der Erhebung von Daten ein Mangel, den man im weiteren Verlauf so gut wie nicht wieder beheben kann, egal wie man die Daten weiterverarbeitet, analysiert, aggregiert, auswertet etc etc.

    Man hat dann zwar am Ende Statistiken die durchaus irgendwas aussagen, aber wie nah sie an der Realität sind, das ist eine ganz andere Frage.

  8. Andreas: Du musst hier zwischen Erfassung und Auswertung trennen. Selbst die PKS „methodisch“ einwandfrei und grundsolide wäre, könnte man nicht einfach daraus die Ursachen für verschiedene Entwicklungen ermitteln.

  9. > Der von Prof. Dr. Müller dargelegte Mangel an
    > Aussagekraft der PKS ist in der politischen
    > Diskussion primär als mangelhafte Information
    > seitens der Regierung anzusehen.

    +1

    Zahlen kann man verwenden oder es lassen. Hat etwa der AK Vorrat besondere Aussagekraft suggeriert oder sind die Autoren hier tatsächlich überrascht, dass die Kriminalstatistik keine Grundlage sein kann?

    Wenn ich das richtig gelesen habe, sagt genau das der AK Vorrat – nur eben mit dem Gesicht scheltend in Richtung Politik. Falls es demnächst wieder Hirn regnet …

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