Netzpolitik

Der emotionale Wert eines Megabytes?

Bei Sueddeutsche.de gibt es ein Interview mit dem Chef des Netzwerk-Ausrüsters Alcatel-Lucent, Ben Verwaayen, über „Netzneutralität? Bald kein Thema mehr„. Alcatel-Lucent hat ja ein Eigeninteresse daran, dass Netzneutralität abgebaut wird, weil sie u.a. die passende Technik für Netzwerkmanagement für die „neuen Geschäftsmodelle“ anbieten, die dann „Diensteklassen“, etc. haben sollen. Interessant ist die Ansicht, dass man jetzt Megabytes einen emotionalen Wert geben möchte. Dieses Bildnis hab ich das letzte Mal von der Musikindustrie gehört:

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SZ: Das sagen Sie, weil Ihre Industrie am meisten darunter leidet.

Verwaayen: Ja, wir verkaufen Megabytes, aber niemand kann sich vorstellen, was ein Megabyte ist. Wir müssen diesem Nichts einen emotionalen Wert geben, zum Beispiel, indem wir es ermöglichen, dass man überall in der Welt seine Familie auf den Bildschirm holen kann. Dann hat ein Megabyte einen fühlbaren Wert. Dann ist jeder bereit, dafür zehn Cent auszugeben. Wir müssen solche neuen Dienste finden, die attraktiv genug sind, um damit Geld zu verdienen.

Und auch ein anderes Bild ist wieder dabei: Die Netzkapazitäten reichen nicht!

SZ: Der Kunde will Videos und Bilder versenden, Sie wollen dafür Geld sehen. Läuft das auf ein Internet der zwei Geschwindigkeiten hinaus, ein kostenloses langsames und ein hochwertiges teures?

Verwaayen: Die Debatte um die Netzneutralität gibt es nur, weil die Kapazitäten nicht reichen. Stocken wir die Kapazitäten massiv auf, ist das kein Thema mehr. Wir müssen Netze für Videoverkehr bauen, die auch interaktiv sind. Das wird eine Wissensgesellschaft schaffen. Der Arzt, der Ihre Röntgenaufnahme analysiert, sitzt künftig vielleicht nicht mehr in Ihrer Heimatstadt, sondern in Indien. Und Sie konsultieren ihn online.

Die Netzkapazitäten sind aktuell ein Running-Gag in der Arbeitsgruppe Netzneutralität der Enquete-Kommission im Deutschen Bundestag. Viele Industrievertreter reden davon, aber niemand kann das beweisen. Selbst wenn man die Industrie nach belastbaren Zahlen fragt, kommt da nichts, was nicht sofort in sich zusammen fällt. Und solange mir und anderen dort keine Belege für diese These vorgelegt wird, glauben wir die Behauptung einfach nicht und kommen u.a. deshalb auch zu ganz anderen Schlußfolgerungen in dieser Debatte. Aber die Industrie wiederholt die Behauptung mantraartig und viele Politiker glauben das, weil es ja oft genug gesagt wurde.

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28 Kommentare
  1. > „Wir müssen Netze für Videoverkehr bauen,
    > die auch interaktiv sind.“

    Schön, wie zur Überzugungsarbeit für Otto-Normaluser verständliche Beispiele gebracht werden.
    Video. Bewegtbild. Das braucht total viel Netzkapazität.
    Wissen wir doch. Vieeeeel mehr als Musik, z. B., die man ja auch noch MP3-komprimieren kann.
    Außerdem ist der Videoverkehr auch noch interaktiv!!1!
    Ein schönes Wort. So total 90s. Wie CD-ROM.
    Blafasel.

    Das verstehen dann auch die erwähnten Politiker, die sicher wissen: the internet is a series of tubes und wenn die mal verstopft sind, tja, dann gute Nacht.

    Da muss der Verkehrsminister ran und den Stau auflösen und da ja kein Geld für ne weitere Spur da ist, muss halt der Verkehr durch Mautgebühren reguliert werden.
    Ganz einfach. Kennen wir doch längst.

    Das ist das Problem: die Entscheider leben in einer Welt völlig abwegiger Analogien von Dingen, von denen sie glauben, daß sie sie im Griff haben.
    Das übertragen sie dann lustig auf Digitalien und das Netz und erzeugen dabei ein Schwarzes Logik-Loch, wie es nicht mal der LHC erzeugen kann.

  2. Noch zu Studienzeiten ließ sich ein Informatikprof darüber aus, dass beispielsweise die transatlantischen Kabel nur zu 12 Prozent genutzt sein, dass noch genügend Kapazitäten frei wären, um den Datenstrom zu verkraften. Das Geheule der verdienenden Unternehmen über fehlende Kapazitäten sei Politik. Diese Aussage stammt aus dem Jahr 2004. Nun hat sicherlich der Datenverkehr durch Video, IPTV etc. zugenommen, doch auch die Infrastruktur dürfte seit 2004 weiter ausgebaut worden sein.

  3. Zitat:
    „Selbst wenn man die Industrie nach belastbaren Zahlen fragt, kommt da nichts, was nicht sofort in sich zusammen fällt. “

    Ok, rechne selber: Nimm die Telekom Bilanz, da steht drin, wieviele VDSL Teilnehmer sie haben. Dann nimm die Datenrate, multiplizier damit und vergleiche mit der DECIX Spitzenaustauschrate.

    Offensichtlich ist Internet in Deutschland nicht weitgenug ausgebaut damit die Telekom VDSL fair und neutral und flat anbieten kann.

    Aber keine Angst, Jens Best wird bald einen Betreiber gründen.

  4. Die Geschichte mit der Telemedizin kommt mir langsam vor wie das Märchen der Bildtelefonie in den 90ern. DAS dicke Ding, das kommen wird, ohne das keiner mehr leben kann, was in 5 Jahren jeder nutzen wird. Interessieren oder gar nutzen werden es nur sehr wenige.
    Und selbst wenn… meine Röntgenaufnahme kommt auch mit nem 65k-Modem noch rechtzeitig an. Fern-OPs my ass

  5. @Philip Engstrand: Es gibt da so Verkehrszahlen, die aussagen, zu wieviel Prozent DSL- (oder Telefon)leitungen ausgelastet sind; sprich der DECIX muß nicht nach der Summe der Einzelkundenbandbreiten dimensioniert werden.

    Sieht man ja schon daran, daß die Mobilfunker einerseits dicke Datenraten anbieten und andererseits Tarife, die bei diesen Datenraten das Monatslimit nach ein paar Minuten erreichen.

  6. @Markus: Zur Rechnung, das Beispiel stammt von nicht von mir, sondern in der aktuellen c’t wird mal vorgerechnet, was an Daten transferiert werden muesste, sollten mal alle Tatortzuschauer via IPTV zuschauen.

    Und zu meiner Rechnung:
    12Mio (V)DSL Kunden * 2MBit/s = 24TBit/s. Soweit ich weiss, sind die Spitzen beim DECIX in der Gegend von 3T.

    Ja, ich weiss auch, dass derzeit Kapazitätsprobleme nicht direkt beobachtbar sind (vielleicht auch, weil da schon etwas unternommen wird), d.h. aber nicht das es sie nicht gibt.

    Ich reagiere hier vielleicht deshalb so empfindlich, da ein grosser Teil meines Tagwerks darin besteht Kapazitätsprobleme im Mobilfunk zu lösen. Und da bekomme ich die Zahlen auf den Tisch.

    1. DECIX dient zum peering zwischen verschiedenen Providern. IPTV wird bei der Telekom mit Multicast gemacht, erzeugt also kaum last im Telekominternem Netz.

  7. Die Essenz ist doch wieder -> Geld <-

    Oder geht es dabei wirklich um was anderes? Nette Unternehmen, die dafür sorgen, dass unsere Infrastruktur für alle funktioniert? :D Klar doch! lmao!

    yey future
    yey us :D

  8. „Das wird eine Wissensgesellschaft schaffen.“ ist an Bullshit kaum zu überbieten.

    Eine auf Gegenseitigkeit aufbauende Wissensgesellschaft ist geradezu angewiesen auf Neutralität der Datenvermittlung.

    Schutzzölle auf freies Wissen für Raubritter und Neofeudalisten.
    Da sie sich damit mittelfristig als Bremsen der Evolution erweisen werden, wird ihr Bestreben zum Glück nicht lange erfolgreich sein.

    plörre

  9. SZ: […] Läuft das auf ein Internet der zwei Geschwindigkeiten hinaus, ein kostenloses langsames und ein hochwertiges teures?

    Na diese Aussicht fände ich nun wieder äußerst attraktiv: Eine Grundversorgung, die *kostenfrei* zur Verfügung gestellt wird und höhere Bandbreiten – wie bisher auch – gegen Bezahlung. Soviel soziales Denken hätte ich den ISP gar nicht zugetraut. :-D

  10. Also ich betreibe ein kleines Netzwerk, mehrere server in verschiedenen Ländern. An die 100 TB Traffic Verbrauch pro Monat.

    Die Trafficpreise in den letzten 2 Jahren sind deutlich gefallen. Wenn die Kapazitäten so knapp wären dann müssten die Preise eigendlich steigen.

    Also wenn die Politik hierzulande die Netzneutralität an die Lobbyisten verkauft dann ziehe ich meine Server einfach ins Ausland um wo ich bessere Konditionen bekomme. Dann investiere ich eben ganz einfach wo anders, dann dürfen sich die Politiker eben nicht wundern warum die Deutsche IT Wirtschaft niemals auf die Beine kommt.

  11. @Philip Engstrand: „sollten mal alle Tatortzuschauer via IPTV zuschauen“

    Multicast existiert. Content Delivery Networks wie Akamai setzen entsprechende Techniken seit Jahren ein (Ja, nach der reinen Lehre ist das kein Multicast, ich weiß).

    Praktisch hast du den Traffic damit nicht mehr am DE-CIX, sondern auf der letzten Meile. IPTV ist da vergleichsweise übersichtlich kalkulierbar.

    Die Röntgenbilder hingegen, … aber lassen wird das ,)

  12. @Jörg-Olaf

    Zitat: „Praktisch hast du den Traffic damit nicht mehr am DE-CIX, sondern auf der letzten Meile.“

    Richtig. Und auf der letzten Meile haben wir ja auch in der Regel KEINERLEI Kapazitätsprobleme…

  13. Wenn ihr den Technikern, die die gleiche Linie wie Ihr fahrt, nicht glaubt … Was soll man sonst noch tun?

    Kapazitätsprobleme sind eine Designeingeschaft aller großen Netzwerke. Ob Du gassenbesetzt im Telefonnetz oder „nicht die volle Anschlußbandbreite“ bis zum Endpunkt bekommst, ist dabei irrelevant.

  14. Selbst wenn die Kapazitäten erhöht werden müssten, darf dies nicht zu einer Preisgabe der Netzneutralität führen.
    Wenn es denn Mechanismen eines wettbewerbs-orientierten Marktes nicht gelingt, die system-relevante Kommunikationsinfrastruktur in einer end-to-end Neutralität anzubieten, müssen andere Lösungen für die Bereit- und Sicherstellung umgesetzt werden.

  15. Das Argument mit der Netzkapazität ist letztlich nur ein Treppenwitz. Natürlich gibt es Engpässe, das weiß jeder, schon mal versucht hat, Sonntag Abend online Tatort zu gucken.

    Die Frage ist aber doch, wie man darauf reagiert. Jahrzehntelang haben die Netzbetreiber reagiert, indem sie ihre Netze einfach weiter ausgebaut haben. Nur jetzt, mit den NGNs haben die Netzbetreiber plötzlich eine zweite Möglichkeit, die Durchsatzrate in ihren Netzen zu kontrollieren – „Netzwerkmanagement“.

    In diesem Punkt geht es also letztlich darum, ob die den Netzbetreibern erlauben wollen, diese Netzwerkmanagement-Techniken einzusetzen, oder ob wir sie zwingen wollen, ihre Netze weiter auszubauen. Wenn wir sie dazu zwingen, würde das sicherlich auch auf die Gewinnmargen der Unternehmen drücken, vor allem würde es aber in höheren Preisen resultieren.

    Darauf läuft es m.E. letztlich hinaus: Netzneutralität oder 5 Euro mehr für die Flatrate.

  16. Soviel essen, wie man da brechen will, kann man gar nicht.
    Manche Dinge gehören einfach in die Hand der Allgemeinheit. Kommunikation und andere essentielle Infrastruktur gehören verstaatlicht!

  17. @Philip: Kannst Du einmal mehr von Deinem Tagwerk erzählen? Mobilfunk ist in der Tat eine eigene Sache, was die Kapazitäten angeht. Der Internet-Enquête liegen bisher Stellungnahmen von E-Plus und der Telekom zu Kapazitätsengpässen vor, die beide nicht von besonders dramatischen Umständen berichten.

    @Lutz: We want to believe. Aber nicht den Lobbyisten…

  18. @Sebastian: Du möchtest also hören, das mein Büro unterbezahlt ist und ich zu klein, oder andersrum?

    Ich arbeite bei einem Hersteller (um’s einfacher zu machen, nicht beim Erwähnten…) und dort im weitesten Sinne in der Forschung. In den meisten Fällen für zukünftige Systeme (wir haben 2005 mit LTE angefangen, wir werden warscheinlich dieses Jahre den Regelbetrieb erleben), es kann aber auch sein, das einer unserer Kunden (also Netzbetreiber) kommt und sagt: Wir haben da ein Problem oder wir sehen da ein Problem auf uns zukommen. Überlegt euch was.

    Und (ohne jetzt in die technischen Details zugehen) letztendlich ist alles im Mobilfunk eine Verteilungsfrage. Wenn eine Zelle voll ist und es kommt eine zusätzliche Anfrage für eine Verbindung, was tun? Abweisen und warten lassen (daher kommt zu Beispiel die 60min Zwangstrennung)? Jemand anderes (wen?)abhängen und akzeptieren? Wie ist das, wenn das ein Notruf ist?

    Es bisschen feiner aufgelöst ist das dann in hireichend modernen Systeme für Datentransport, aber es werden immer irgendwie Ressourcen verteilt werden muessen. Und da kommt man mit der Anforderung: Jeder bekommt immer alles was er verlangt nicht besonders weit. Es geht eigentlich um faires Verhalten, auch von den Nutzern.

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