Öffentlichkeit

Websperren: Die Schande der Verschleierung

Vor einem Jahr hätte ich mich vielleicht noch aufgeregt, wenn ich einen Kommentar wie den von Daniel Deckers in der FAZ gelesen hätte. Einen Kommentar, in dem Deckers rechtsstaatliche Prinzipien wie „Im Zweifel für den Angeklagten“ eine „fatale Wirkung“ attestiert und von der Bundesregierung ein „konsequentes Einschreiten gegen die im Internet wuchernde Kinderpornographie, allen voran durch Sperren der Seiten fordert.


Netzpolitik.org ist unabhängig, werbefrei und fast vollständig durch unsere Leserinnen und Leser finanziert.

Vielleicht hätte ich mich so aufgerafft und an den Rechner gesetzt, um einen Blogartikel zu schreiben. Ich hätte mich wohl gefragt, warum Deckers den Begriff „Missbrauch“ als sprachliche Irreführung thematisiert, er drei Sätze weiter aber kein Problem mit dem Begriff „Kinderschänder“ hat. Leben Opfer sexueller Gewalt in Schande? Sollten sie?

Und heute? Ich mag nicht mehr. Es ermüdet, immer wieder die gleichen Argumente zu entkräften. Auch die erneute Verlagerung der Debatte auf die emotionale Ebene, wie unlängst von Peter Hahne und Stephanie zu Guttenberg im ZDF zelebriert, würde ich am liebsten ignorieren. Der christlich-theologische Hintergrund sowohl bei Hahne als auch bei Deckers? Geschenkt.

Ich weiß, dass das falsch ist. Gerade jetzt, wo für die Zukunft des „Zugangserschwerungsgesetzes“ und die Websperren in Deutschland entscheidende Weichen gestellt werden, gilt es gegenzuhalten. Mein Dank gilt daher Christian Wöhrl, der in seinem Blog die passenden Worte gefunden hat (Übernahme mit Erlaubnis des Autors):

Mit Ahnungslosigkeit nicht zu erklären

Anderthalb Spalten lang schreibt er so empathisch über die Würde der Opfer sexualisierter Gewalt (FAZ vom 22.9. Seite 1, Kommentar „Am Herzen“), dass man versucht ist zu glauben, Daniel Deckers habe sich ernsthaft mit der Überlebendenperspektive auseinandergesetzt. Und dann dies: Nachdem er lobende Worte dafür findet, dass etwa Kirchen jetzt die „Mauer des Schweigens einreißen“ wollen, singt er einen Satz später das Loblied der Netzsperren, der virtuellen Mauern par excellence, als vorrangigstes Werkzeug im Kampf gegen die im Internet „wuchernde“ Kinderpornographie.

Entschuldigung, aber im September 2010 ist ein derartiger Lapsus mit Ahnungslosigkeit nicht mehr erklärbar. Aus Sicht der Überlebenden sind Sperren, also das bloße Verhüllen der Seiten, das funktionale Äquivalent zum gesamtgesellschaftlichen Leugnen und Wegschauen. Und aus Sicht der Täter, auch das ist keine sonderlich neue Erkenntnis, sind Sperren ein willkommenes Frühwarnsystem, das der Verdunkelung und Strafvereitelung förderlich ist. Netzsperren nutzen also vor allem den Tätern – und natürlich diversen Lobbygruppen, die dieses Instrument nur zu gern auf Bereiche fernab sexualisierter Gewalt ausgedehnt sähen. Es wäre insofern spannend zu wissen, wessen Wohl Herrn Deckers wirklich am Herzen liegt …

PS: Kommentare der Fairness halber bitte direkt bei Christian Wöhrl.

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
Ein Kommentar

Kommentare sind geschlossen.