Netzpolitik-Interview: Tim Baumann über Valkaama

Tim Baumann hat diese Woche den Spielfilm Valkaama unter einer freien CC-Lizenz ins Netz gestellt. Darüber hatten wir schon berichtet. Daraufhin hab ich ein Interview mit ihm über seine Motivation und den Film gemacht.

Tim_baumannnetzpolitik.org: Was ist die Story in Valkaama?

Tim Baumann: Valkaama erzählt von den zwei ungleichen Weggefährten Lasse und Magnus und ihrer Reise nach Valkaama in den hohen Norden Finnlands. Beide könnten Unterschiedlicher nicht sein. Lasse ist eine Frohnatur und er verbringt seine Zeit damit, Gedichte zu schreiben sowie durch die Welt zu reisen um Land und Leute kennen zu lernen. Magnus hingegen lebt in einem heruntergekommenen Göteborger Viertel immer noch zusammen mit seiner Mutter, gibt sich dem Alkohol hin und hat sich der Aufgabe verschrieben, Suizidkandidaten im Netz ausfindig zu machen um diese bei ihrem Vorhaben zu unterstützen.

Eines seiner letzten Opfer bringt Magnus nun mit Lasse zusammen und er beschließt, sich dem eigenwilligen Reisenden auf seinem Weg nach Valkaama anzuschließen. Nur so glaubt er, sein Leben zum Guten wenden zu können. Valkaama wurde einst von Lasses Vater gegründet und ist eine ideale Gemeinde fernab der Zivilisation. Auf ihrer Reise werden die beiden jedoch von Magnus‘ Vergangenheit begleitet, die beide Weggefährten auf schicksalhafte Weise miteinander verbindet. Die Wahrheit über sich erfahren sie jedoch erst am Ziel ihres langen Weges.

netzpolitik.org: Valkaama ist im Netz unter einer sehr liberalen Creative Commons Lizenz veröffentlicht worden. Warum hast Du Dich für einen Open-Movie unter der CC-BY-SA entschieden?

Tim Baumann: Die Entscheidung, einen offenen Film zu machen ist in Symbiose mit der Suche nach einem Projekt für meine Diplomarbeit gefallen, die sich mit Geschäftsmodellen für freie Filme befasst. Dabei wollte ich einen komplett neuen Weg gehen und versuchen, einen Film so zu produzieren und zu veröffentlichen, wie es bei Open-Source-Software der Fall ist. Zwar gab es schon einige wenige Filme und Filmprojekte, die mit solchen Methoden experimentiert haben, jedoch eben nicht in aller Konsequenz. Mit Valkaama habe ich alle Features der Open-Source-Software Produktion und Distribution angewendet: Angefangen von der Veröffentlichung der Filmquellen und der konsequenten Benutzung der Open-Source bzw. Open-Content kompatiblen Lizenz Creative Commons by-sa bis hin zur kollaborativen Produktion. Letzteres heißt in diesem Falle, dass jeder mitmachen kann, der in der Lage ist, etwas zur Filmproduktion beizusteuern.

Natürlich sind der kollaborativen Filmproduktion auch Grenzen gesetzt, vor allem beim Filmdreh musste ich ja geeignete Schauspieler aktiv und vor Ort suchen. Bei der Postproduktion hingegen haben sich die Mitstreiter ausschließlich über die Webseite bei mir gemeldet. Hier hat auch geholfen, dass ich frühe Filmversionen komplett als Alpha und Beta-Versionen ins Netz gestellt habe, so dass jeder genau sehen konnte, worauf er sich einlässt. Das Veröffentlichen solcher Vorabversionen ist auch bei Open-Source-Software gang und gäbe. Bei Filmen habe ich das jedoch bisher überhaupt noch nicht gesehen. In einigen Filmforen hat das übrigens auch Unverständnis hervorgerufen, weil man sich dort fragte, welchen Sinn es macht, einen unfertigen Film zu veröffentlichen. Für die Postproduktion von Valkaama hat es sich aber als durchaus sinnvoller Ansatz erwiesen.

netzpolitik.org: Wieviele Menschen haben mitgearbeitet und wie lange brauchte die Entwicklung?

Tim Baumann: Fast 50 Leute haben sich direkt oder indirekt an Valkaama beteiligt. Was die Entwicklungszeit angeht, so ist das Filmemachen generell ein langwieriger Prozess, vor allem wenn man mit geringem oder gar keinem Budget produziert und somit nicht auf die 100-200 Profis zurückgreifen kann, die in jedem Filmabspann genannt werden. Natürlich musste ich dementsprechend viel alleine machen bzw. erst einmal lernen es zu machen.

Die Produktion hat insgesamt ca. 3 Jahre gebraucht, wobei das natürlich nicht immer eine Vollzeitbeschäftigung war. Davon dauerte die Vorproduktion und Organisation der Mittel bis zum ersten Dreh ca. 9 Monate. Das Drehen selbst fand in einem Zeitraum von 3 Monaten statt. Hierbei war vor allem der dichte Zeitplan der Schauspieler problematisch, da diese sich gerade auf ihre Abschlussexamen an der Schauspielhochschule in Krakau vorbereiten mussten und dementsprechend wenig Zeit hatten. Volle zwei Jahre dauerte die Postproduktion. Das hing zum einem davon ab, dass es lange dauerte, bis sich Mitarbeiter fanden, die zum Beispiel die Filmmusik, die Tonbearbeitung und den Schnitt übernahmen. Zum anderen konnte ja auch niemand außer mir wirklich Vollzeit daran arbeiten.

netzpolitik.org: Wieviel Budget stand zur Verfügung und gibt es ein Geschäftsmodell?

Tim Baumann: Es gibt einige Geschäftsmodelle für freie Filme. Die Frage ist nur, ob sie auch funktionieren. Bei Valkaama versuchen wir zumindest die Produktionskosten über den Verkauf von DVDs und Poster sowie über Spenden zu refinanzieren. Ob das auch klappt, kann ich derzeit aber noch nicht sagen, denn der Film wurde ja grad erst veröffentlicht. Davon abgesehen haben wir zwar das Quellmaterial in HD veröffentlicht, jedoch halten wir die HD Filmversion erst einmal zurück. Die Hoffnung dabei ist, dass sich zum Beispiel kleinere Kinos finden, die die HD Version gegen geringe Gebühr zeigen möchten oder vielleicht sogar ein TV Sender.

Hier sind wir aber beim viel bescholtenen, fundamentalen Problem der Kostenlos-Kultur im Internet angekommen. Schon die Filmindustrie hat ja das Problem, dass sie ihre Kosten zumindest am Box Office meist nicht einspielt, sie kann aber über die vielfältigen Distributionskanäle doch sehr gut leben. Bei kleineren Projekten wie Valkaama wird es hingegen schwer überhaupt Einnahmen zu generieren. Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens ist die Zielgruppe viel kleiner und zweitens ist es schwer aus eigener Kraft genügend Publicity zu bekommen um diese Zielgruppe zu erreichen, denn man geht im Informationsrauschen des Internets und der Medien schnell unter. Drittens ist ein freier Film wie Valkaama sowieso einfach und legal herunterladbar und das auch in guter Qualität, damit entfällt das Gesuche in Tauschbörsen. Und Viertens schließlich: Wenn wir auf die Zielgruppe zurückkommen, ist diese nicht nur klein, da Valkaama ein Nischenfilm ist, sondern auch noch Internet-affin. Das heißt, sie lädt sich sowieso lieber Filme herunter um sie am Rechner zu gucken anstatt eine DVD zu kaufen. Summa summarum ist es also schwer die Produktionskosten überhaupt wieder herein zu bekommen, auch wenn sie, wie im Fall von Valkaama, weniger als 3000 Euro betragen.

Aber das ist sowieso eine Milchmädchen-Rechnung, da die aktuellen Kosten für Produktionsmittel bei weitem nicht die tatsächlichen Kosten darstellen. Nehmen wir einmal an, dass alle Mitarbeiter aus purer Freude in ihrer Freizeit an Valkaama gearbeitet haben. Für mich aber zumindest war es ein fast full-time Job für die letzten 3 Jahre. In der Zeit hätte ich als Informatiker im IT Beruf xy bei Durchschnittsgehalt mind. 100000 Euro verdient, abzüglich Steuern, versteht sich. Die Opportunitätskosten sind also gigantisch.

Wie gesagt, ich bin im Moment skeptisch, überhaupt die Produktionskosten gegen finanzieren zu können. Man kann das Machen freier Filme somit schon als Kostenfalle bezeichnen. Nur sehr, sehr wenige werden damit je finanziell erfolgreich sein.

netzpolitik.org: Was sind Deine nächsten Pläne?

Tim Baumann: Im Moment geht es für mich erstmal darum, finanziell auf die Beine zu kommen. Von daher wird es in der nächsten Zeit wohl auf einen 9-5 Job in einem Internet Start-up hinauslaufen. Langfristig möchte ich mich jedoch weiter in Richtung on oder offline Medienproduktion orientieren. Am liebsten natürlich Filmproduktion, denn Valkaama hat meinen Enthusiasmus geweckt. Es ist für mich schon faszinierend, wie viel rund um Valkaama entstanden ist. Es ist ja nicht nur der Film, sondern vor allem auch das Buch, was bald veröffentlicht wird, die Filmmusik, unsere Titelsongs, die DVD und Posterlayouts. Vielleicht gibt es in Zukunft auch ein Hörbuch oder eine deutsche Synchronfassung.

Ohne diese Faszination an der kreativen Gestaltung, Leitung und Mitgestaltung all dieser Sachen wären die letzten 3 Jahre für mich auch nicht durchzuhalten gewesen.

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