Öffentlichkeit

JMStV auf britische Art: Netzsperren für Pornos

Die australische Sunday Times berichtet, dass in Grossbritanien jetzt Netzsperren für alle Porno-Inhalte geplant sind. Vorbild sind die „gut funktionierenden“ Netzsperren für Kinderpornographie. Laut Sunday Times möchte die Regierung nun dieses System auf alle pornographischen Inhalte ausweiten. Praktisch stellt man sich dann vor, dass ein, wie auch immer das funktionieren soll, Altersverifikationssystem checken soll, ob jemand minderjährig ist, um dann nur noch eingeschränkt Zugang zu WWW-Inhalten zu gewähren.


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Torsten Kleinz hat das schon passend kommentiert: JMStV auf britische Art: Netzsperren für Pornos.

Deutsche Netzsperren-Gegner können sich erst Mal freuen. Ihr Argument, dass Netzsperren einer Art recht schnell zu Sperren anderer Art und damit zu einer umfassenden Internet-Zensur führen werden, wurde einmal mehr bestätigt. Nicht in Saudi-Arabien, China oder der Türkei, sondern in Mitteleuropa, in der Geburtsstätte der parlamentarischen Demokratie.

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18 Kommentare
  1. „Praktisch stellt man sich dann vor, dass ein, wie auch immer das funktionieren soll, Altersverifikationssystem checken soll, ob jemand minderjährig ist, um dann nur noch eingeschränkt Zugang zu WWW-Inhalten zu gewähren.“

    Ich hab das anders gelesen: Wenn du weiterhin Pornos am heimischen PC sehen willst, läuft das per Opt-in. „Lieber Provider, ich, Johnny Foreigner, Straße, Hausnummer, Postleitzahl, Stadt, Kundennummer, möchte mir auf dem PC Pornos ansehen. Schaltet das bitte explizit für mich frei.“ Mögliche seiteneigene AVS könnten dann immernoch nachgeschaltet sein, nach dem opt-in erreicht man sie aber überhaupt erst mal.

    Und wenn irgendwo in der Umgebung jemand vergewaltigt wird, hat der Provider gleich ne wunderschöne Kartei von geilen Böcken in der Nachbarschaft, die sicherlich als erste Besuch von der Polizei kriegen.

    Ach, es ist zum Heulen.

  2. Jo: auch ein haushaltsbasiertes Opt-In ist eine Art Alters-Check. Da ja explizit von einer Konvergenz von TV und Netz gesprochen wird, ist wohl eher ein PIN-System gemeint, wie beim Pay-TV-Porno.

    Aber bei der konkreten Umsetzung hat sich die Politik wohl bisher noch alle Optionen offen gehalten. Jetzt werden erst Mal die provider unter Druck gesetzt, eine Selbstregulierung vorzuschlagen, um die gesetzgeberische Peitsche zu verhindern.

  3. „Homeowners can either specify which adult sites they want to receive or put a cinema-style classification on their feed to restrict what is received according to age ranges, such as U, 12 or 18.“

    Klingt für mich jetzt mehr nach „Ich sag dem Provider, der ja mein Geburtsdatum hat, was ich sehen will, und der schaltet dann den Zugriff auf die Seite für meinen Anschluss frei. Dann muss ich mich mit dem AVS der Seite rumschlagen wie bisher schon.“

    Was ich nicht rauslese ist ne Art Zugangskontrolle bei jedem Zugriff auf Pornos.

    Ich kann natürlich auch danebenliegen. ;)

  4. JO: Wenn Du U12 anbietest, muss jede Art von Pornografie erfasst sein. Oder das Internet wird auf eine Whitelist reduziert. Vielleicht kann so AOL endlich nochmal wieder erstehen – als Adolescence OnLine :-)

    Und nein, ich glaube nicht, dass sich eine haushaltsbasierte Einstellung durchsetzen lässt. Wenn für den Papa und Mama das gleiche gelten soll wie für den Sechsjährigen, ist noch etwas bescheuerter als Internet-Sendezeiten.

    Aber die Pläne sind noch offenbar alles andere als in Stein gemeißelt:

    Claire Perry, the Tory MP for Devizes and a keen lobbyist for more restrictions, said: „Unless we show leadership, the internet industry is not going to self-regulate. The minister has said he will get the ISPs together and say, ‚Either you clean out your stables or we are going to do it for you‘.“

  5. Wusste gar nicht dass die Sunday Times jetzt Australisch ist und London in Australien liegt…

    Sollte es kommen (an der Form wird sich sicher noch so einiges aendern) dann duerfte das ein relativ simples System sein wo einfach bestimmt wird was ueber den Anschluss reinkommt. Im Prinzip fast schon Sippenhaft, da dann der 19jaehrige grosse Bruder keine Pornos sehen kann um seinen 16jaehrige kleinen Bruder nicht zu verderben.

    Etwas recht aehnliches gibt es heute schon fuer Mobiltelefone. Da geht das ueber die Kreditkarte (die bekommen Minderjaehrige ja eher nicht) um so alles moegliche freizuschalten. Da sind die Beschraenkungen uebrigens noch restriktiver, dort sind z.B auch die Seiten so ziemlich saemtlicher Whiskydistillerien gesperrt, zumindest bei Vodafone (nicht dass die Kids nachher ueber ihr Telefon zum Saufen verfuehrt werden…). Deswegen kenne ich den Prozess aus eigener Erfahrung. Anrufen, Kreditkartennummer durchgeben, freigeschaltet.

  6. Ziemlich gewagt, Großbritannien als „Geburtsstätte der parlamentarischen Demokratie“ zu bezeichnen; Wo das Land doch bis heute faktisch eine parlamentarische Monarchie ist und das House of Commons und das House of Lords lange Zeit unter dem Monarchen standen und nur begrenztes Mitspracherecht hatten (auch wenn der Einfluss schon relativ hoch war). Der demokratische Einschlag im vereinigten Königreich erfolgte später als in so manch anderer Demokratie.

  7. >Deutsche Netzsperren-Gegner können sich erst
    >Mal freuen. Ihr Argument, dass Netzsperren
    >einer Art recht schnell zu Sperren anderer Art
    >und damit zu einer umfassenden Internet-Zensur
    >führen werden, wurde einmal mehr bestätigt.
    >Nicht in Saudi-Arabien, China oder der Türkei,
    >sondern in Mitteleuropa, in der Geburtsstätte
    >der parlamentarischen Demokratie.

    Treffend hat das auch Herr Kauder formuliert:
    „Meine Erfahrung ist, dass alles, was möglich ist, auch gemacht wird.“ (http://alturl.com/x6qim)
    Er hat das zwar nicht auf Netzsperren bezogen, aber vielleicht kann man ihm das mal bei Gelegenheit unter die Nase reiben… ;-)

  8. Das ganze ist eine Idee, es gibt im Moment kein Gesetz, im Moment ist auch keins geplant und ob das ganze kommen wird moechte ich mit dem was man inzwischen weiss ganz stark bezweifeln.

    Das ganze ist etwas dass der Minister in einem Interview mit der Sunday Times gesagt hat, eine Idee. Da sind natuerlich diverse Kinderschuetzer gleich auf den Zug mitaufgesprungen.

    Die ISPs haben sich heute zu Wort gemeldet und gesagt die Idee ist ziemlicher Unsinn: Internet porn block ’not possible‘ say ISPs. Irgendwelche Gespraeche wird es trotzdem geben und irgendwann wird das ganze versanden. Spaetestens dann wenn einige der Zeitungsmagnate feststellen dass ihnen dadurch Einnahmen auf ihren etwas schmutzigeren Seiten entgehen wird da ein bisschen Lobbyismus im Hintergrund getrieben werden und dann kommt das Thema diskret vom Tisch.

    (Meine Prognose, kann gut sein dass es am Ende doch ganz anders kommt)

  9. Armin: Leider ist es nicht so einfach: Mobilfunkprovider haben offenbar schon ähnliche Angebote. (Nicht, dass sie den Jugendschutz irgendwie verbessert hätten)

  10. Torsten,

    Nicht offenbar, sie haben sie. Genau das was ich oben beschrieben habe. Extrem breite Sperrungen einschliesslich Flickr (soweit ich mich erinnern kann), fast alle Whiskydistillerien (das weiss ich da ich blogbedingt darauf Zugriff brauche) und vermutlich noch einiges mehr (von Porno will ich gar nicht reden, das sehe ich als gegeben an).

    Und damit ist das fast von vornherein zum scheitern verurteilt, weil das damit so gut wie jeder freischalten wird, nur die superaengstlichen Eltern nicht. Auch recht gut beschrieben im Guardian: Web filtering: Why a Great British Firewall will be useless.

    Der Protest hat sich hier auch schon formiert, ist ja nicht so dass es hier so etwas nicht gibt. Und der Protest wird gar nicht so einfach zu uebersehen sein, vor allem da er meines Erachtens sehr schnell auch bei den Tories selber zu finden sein wird. Die Tories und viele ihrer Anhaenger haben sich immer ueber den „Nanny State“ von (New) Labour beschwert der den Leuten alles moegliche vorschreiben wollte. Und jetzt auf einmal der Gesamtbevoelkerung vorschreiben wollen was sie auf dem Internet sehen duerfen? So einfach wird das nicht werden.

    Natuerlich stuerzen sich jetzt erst einmal alle auf das Thema (insbesondere die, die das sowieso wollen, gute Gelegenheit sich ein wenig zu profilieren), aber das wird sich meines Erachtens auch wieder einpendeln.

    1. @armin (15): Wo kann man diesen Protest denn finden? Oder Berichte darüber?
      Ich meine: Den zivilgesellschaftlichen Protest jenseits der ISPs, die immer erst jammern, aber im Zweifelsfall doch einknicken, wenn keine Unterstützung von der Straße kommt.

  11. @Ralf verschiedene Berichte und Kommentare in den Zeitungen sind der Anfang, unter anderem im Guardian. Auf verschiedenen Blogs ist auch schon was zu finden. Rob Manuel von b3ta hat einen offenen Brief verfasst und wird vermutlich seine „Truppen“ mobilisieren. Die Open Rights Group hat sich des Themas angenommen und eine Petition aufgesetzt. Und das dürfte nur der Anfang sein.

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