Dies ist ein Gastbeitrag von Jürgen Kuri. Eine erste Version dieses Textes erschien Mitte Oktober auf dem – derzeit leider geschlossenen – Blogger- und Journaistenportal Blogjournalisten.
Mit uns geht die neue Zeit: Von neuen Netzen und alten Ideologien
Das Elend der SPD und die Konfusion der CDU verführen professionelle Meinungsmacher dieser Tage immer wieder (zum wievielten Male?), das Ende der Volksparteien einzuläuten. Aber ach, wen interessiert das noch: Es ist zwar nicht gleich der Schwanz, der mit dem Hund wedelt, aber die kleinen Parteien treiben in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit die ehemaligen Volksparteien vor sich her. Die Linke jedoch kämpft mit ihrer Vergangenheit und ihrem sowohl kranken als auch irrlichternden Vorsitzenden, aber auch mit ihrer Rolle als Besitzstandswahrerin und soziales Gewissen der SPD; mit der neuen, allseits beschworenen Internet-Zeit hat sie wenig am Hut. Grüne, FDP und Piratenpartei dagegen sind gar nicht gut aufeinander zu sprechen: Jede würde sich allzu gerne als Vertreterin und Sprecherin der „Digital Natives“ und der vielbeschworenen Internet-Community in Szene setzen und damit Kaisers Kleid der Marke „Modernität“ anziehen.
Den Grünen gelang dies schon einmal in ihrer Geschichte, als sie sich von der Ökospinner- zur LOHAS-Partei wandelten, zu einer „FDP für Besseresser“. Die FDP versucht gerade, mit Bürgerrechten als Ergänzung zur Marktradikalität nicht nur bei Linksliberalen, sondern auch bei den vermeintlichen Meinungsführern der Digital Natives, den Bewohnern des Social-Media-Ghettos, zu punkten. Derweil steht die Piratenpartei (noch) anbei und schaut sich das Treiben teils belustigt, teils – wegen Nichtbeachtung – verärgert an. Dieser Wettlauf um die Bewohner von Digitalien zeigt doch immer wieder seltsame Auswüchse.
Was bei der FDP noch Klientelpolitik sein mag und bei den Grünen durch das innere Chaos der Flügelkämpfe gemildert wird, führt bei Anhängern der Piratenpartei schnell zu einer Haltung, die mit „Sehnsucht nach der Meritokratie“ nur schwach umschrieben ist. Aber egal welche Partei: Allzu viele der Internet-Versteher und Bewohner des Social-Media-Ghettos, der Online-Freiheitskämpfer und Anti-Internetaudrucker lassen ein Elitedenken erkennen, vor dem einem Angst und Bang werden kann. Konnte man anfangs noch glauben, die Eiferei mancher Internet-Freiheitskämpfer sei den Bemühungen für die Piraten im Wahlkampf und den Aktionen gegen die Web-Sperren geschuldet, setzte sich der Furor danach nur etwas abgemildert fort.
Die öffentliche Aufmerksamkeit, die glücklicherweise solche Themen wie Social Media und Social Networks, Datenschutz, Online-Zensurbestrebungen oder generell der Umgang mit der Online-Welt gefunden haben, führt im Umkehrschluss dazu, dass diejenigen, die die (Internet-)Weisheit mit Löffeln gefressen haben wollen, ihre kleine Welt als das Zentrum des Universums erkennen. Auf die Höhe einer gesellschaftlichen und politischen Debatte führt dies aber nicht. Stattdessen wird die mittlerweile doch recht alte Frage nach den „Two Cultures“ eindeutig und sowohl unhistorisch als auch unpolitisch beantwortet: Der Techniker rulez! C.P. Snow stellte noch in den Raum: Wieviel technisches Wissen kann eine Gesellschaft den Technikern überlassen, ohne blind zu werden? Mittlerweile drehen einige Internet-Ideologen die Frage um: Wieweit darf die Gesellschaft oder gar die Politik den Technikern noch reinreden bei ihrem Versuch, eben diese Gesellschaft über das Internet zu gestalten?
Da bereits der Ansatz davon ausgeht, dass die Internet-Vordenker oder auch nur Internet-Kenner schon am besten wissen, wie eine Internet- oder gar Wissensgesellschaft sich zu organisieren hat, landet man unweigerlich bei einer Meritokratie, in der Herrschaft nach Maßgabe der Beherrschung von Internet-Techniken und Weiterentwicklung der Social-Media-Welt zu vergeben ist. Man landet in einer Politeia, in der nicht die Philosophen, sondern die Online-Vordenker ihre „wohltätige Diktatur“, ihre „Benevolent Dictatorship“ ausüben.
Mit einer gewissen Arroganz kann man dann auch gleich noch die Demokratie zu einer eher ungeeigneten Staatsform erklären, da der Massengeschmack die Einsicht in die Freiheiten und Notwendigkeiten der neuen Wissens- und Online-Gesellschaft verhindere. Ganz nebenbei: Der Anspruch auf absolute Freiheit im Internet erinnert an so manch libertäres Gedankengut – nach amerikanischem Muster, in dem Libertäre eher als absolute Marktradikale auftreten denn als revolutionäre Anarchisten nach europäischem Vorbild. Ob nun „Liquid Democracy“ Abhilfe schafft? Eher nicht: Die praktische Umsetzung versteht nur, wer komplexe Systeme schon eingehend studierte; „Liquid Democracy“ bleibt das richtige Tool für die Auskenner – und verstärkt damit die elitäre Herrschaft.
Und die übrige nicht-elitäre, nicht-libertäre Welt? Verlustiert sich anderweitig. Da hätte man doch eigentlich auch Besseres zu tun. Etwa Politik zu machen – auf dass nicht unpolitische „Weder-rechts-noch-links-aber-vorne“-Ansätze mit ihren elitären Auswüchsen unter den Nerds die Oberhand gewinnen.
(Eine erste Version dieses Textes erschien Mitte Oktober auf dem – derzeit leider geschlossenen – Blogger- und Journaistenportal Blogjournalisten)