Kultur

Digitaler Wahlkampf in Afrika

In Berlin fand heute der von InWEnt und der FAZ organisierte Medienkongress „Wahlkampf im Netz: Die Macht der neuen Medien“ statt. Dabei ging es auch um Obama, mich interessierte aber mehr der Vortrag von Prof. Harry Dugmore von der Rhodes Universität aus Südafrika. Er sprach über Digitalen Wahlkampf in Afrika und brachte einige Gedanken rund um die Auswirkung von sozialen Medien auf die letzten Wahlkämpfe in Subsahara-Afrika.


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In Afrika gehen mehr Menschen über Handys online als über normales Internet. In Bezug auf den Obama-Vortrag vorher erklärte Dugmore: Wenn man Menschen eine Stimme gibt, die vorher keine hatten, dann werden sie sie auch nutzen. Zuerst ging sein Vortrag auf die Wahlen in Ghana in 2008 ein. Dort gab es einen Monat lang eine Stichwahl. Zwei Kandidaten lagen ziemlich dicht beieinander. Durch den dichten Wahlkampf gab es mehr Internetnutzung, weil die Zeit für neue traditionelle Wahlkampfmaterialien zu kurz war. Im Wahlkampf wurden immer mehr Blogs schnell aus dem Boden gestampft („Ghana elections 2008“, „Ghana election watch“) und auch Twitter wurde eingesetzt. Accounts wie @ghanaelections kamen zwar nur auf 250 Follower. Aber Dugmore geht davon aus, dass sich Mikroblogging in Afrika durchsetzen wird und bei der nächsten Wahl in Ghana schon „zigtausende“ oder „Millionen“ dies nutzen werden, um sich zu informieren. Die Kandidaten präsentierten sich auch auf Facebook. Aber am stärksten waren die SMS-Kampagnen. Wähler wurden aufgerufen, Nachrichten an 10 Freunde weiterzuleiten. Dazu gab es freie Klingeltöne. SMS sei zwar eine alte Technologie, dafür erreicht sie aber viele Menschen. Die Hälfte der Bevölkerung in Ghana hat mittlerweile Handys.

Etwas veränderten soziale Medien auch: 48 Stunden vor einer Wahl dürfen traditionelle Medien in Ghana nicht mehr über den Wahlkampf berichten. Zu diesem Zeitpunkt explodierten die sozialen Medien im Wahlkampf. 73% der registrierten Wähler gingen zur Wahl (9 Millionen insgesamt) und ein Kandidat gewann mit nur 50.000 Stimmen Vorsprung. Trotz knappem Vorsprung akzeptierten beide sofort die Wahl. Auch das war neu, weil normalerweise jeder dem anderen Wahlbetrug vorwirft und erstmal Chaos herrscht.

Dieses Mal war das anders, denn 34 NGOs beobachteten in einem Bündnis mit 4000 Wahlhelfern die Wahlen. In jedem 23. Wahllokal wurde nach Zufallsprinzip Wahlbeobachtung („parallel vote tabulation“) gemacht und die Daten mittels SMS an die Zentrale übermittelt. Parallel zum offiziellen Ergebnis lieferte das NGO-Bündnis so die Bestätigung des knappen Ergebniss.

Eine andere Wahl gab es in Simbabwe. Dort ist die Situation eine andere: Ein Diktatur herrscht und dieser kontrolliert auch die Medien. Eine unabhängige Presse ist quasi nicht vorhanden. Die Opposition nutzte Weblogs und Webseiten wie „This is Zimbabwe“, um sich zu vernetzen. Das Netz hilft vielen geflüchteten und ausgewanderten Menschen aus Simbabwe, die global zu vernetzen und in Kontakt zu bleiben. Auch Twitter wurde schon genutzt, aber auf einem sehr niedrigen Level. Eine interessante Karte wurden vorgestellt, wo der Terror visualisiert wird („interactive map: mapping terror in zimbabwe: politicla violance & elections 2008“)

In der ersten Runde verlor überraschenderweise der Diktator Mugabe knapp. Auch hier gab es eine NGO-Koalition, die gleich in 9000 Wahllokalen die Wahl mit „parallel vote tabulation“ beobachtet hat. Dann begann vor der Stichwahl der Terror von Seiten der Mugabe-Truppen (Bekannt aus Funk und Fernsehen). Nach sechs Wochen Terror gewann dann wieder der Diktator haushoch mit 85% und mehr Stimmen, als bei der ersten Wahl abgegeben wurden. Diesmal fand keine unabhängige Wahlbeobachtung statt.

Nach der Vorstellung dieser beiden Wahlkämpfe ging es umd ie Frage, ob es einen Link zwischen der Demokratisierung Afrikas und der Nutzung von digitalen Technologien gäbe. 1991 hatten erst 8 afrikanische LÄnder eine Demokratie. In 2006 waren es schon 35. Die Mobilfunk-Nutzung explodiert in Afrika. 2012 werden 66% aller Afrikaner (Fast 600 Millionen Menschen) ein Handy haben. Und das werden dann Smartphones sein, also kleine Computer. „Handys verändern alles!“

Aktuell ist die Internetgeschwindigkeit noch gering. Glasfaser-Backbones gibt es erst an der Westküste Afrikas. aber durch neue Backbones soll die Anbindung bis 2011 vervierhundertfacht werden. Im Moment gibt es kaum Medienvielfalt und Medienverbreitung in Afrika. Aber auch das werden digitale Medien wie SMS, Blogs, Facebook und Twitter rasant verändern. „Man kann nicht Millionen Menschen stoppen, die die Wahrheit per SMS versenden“, so Dugmore.

Abschliessend brachte Dugmore noch die drei Thesen zum digitalen Wahlkampf in Afrika:

Der Wandel von personen- zu themenbezogener politischer Zugehörigkeit wird stark von digitalen Medien gestützt.
Das Wachstum des öffentlichen Raums und das Bedürfnis nach mehr Raum ist die bisher grösste Errungenschaft der neuen Medien.
Mehr Konnektivität zu günstigeren Preisen, kombiniert mit smarteren Mobiltelefonen werden die Art politischer Partizipation in Afrika verändern.

4 Kommentare
  1. Markus, danke für diesen Bericht der Veranstaltung, zu der ich eigentlich auch kommen wollte. So habe ich wenigstens einen kleinen Einblick in die Diskussion.
    Ich freue mich zu lesen, dass die Entwicklung und der Einfluss der sozialen Medien so positiv eingeschätzt wird. Das bietet Möglichkeiten für weitere Aktivitäten im Bereich der Transparenz von Informationen!
    Beste Grüße, Georg

  2. Die Karte, die in der Präsentation gezeigt wurde war vielleicht diese hier: http://www.sokwanele.com/map/electionviolence.
    Hier sind weitere Hintergrundinfos zur Entstehung und Nutzung der Karte: http://www.sokwanele.com/map/electionviolence/howto

    Ein ähnliches Mapping Tool / Projekt ist Ushahidi (http://www.ushahidi.com/), wo jeder per SMS über z.B. gewalttätige Übergriffe in einer Konfliktsituation berichten kann; diese Infos werden direkt auf einer Karte geographisch dargestellt.

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