Kultur

Resummee: re:publica´08

Am Freitag Abend ist die „re:publica´ 08 – Die kritische Masse“ erfolgreich in Berlin zu Ende gegangen. Bevor der Alltag mich jetzt wieder vollkommen aufsaugt, bleibt noch etwas Zeit zu einem kleinen Resumee. In der kurzen Version: Es war schön und aus Veranstaltersicht auch unerwartet entspannt. Auch wenn man als Organisator sich die ganze Zeit wünscht, drei weitere Tage dran zu hängen, wo man selber nichts organisieren muss und stattdessen mit den vielen netten und interessanten Menschen vor Ort reden, diskutieren und feiern kann.


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Viele Verbesserungsvorschläge aus dem Vorjahr hatten wir aufgenommen: Es gab mehr Strom und ausreichend Sitzmöglichkeiten ausserhalb der Räume.

Das Netz klappte weitgehend sehr zufriedenstellend. Als Aussenstehender vermag man die logistische Leitung gar nicht richtig einschätzen können: Aber ein funktionerendes Netz in dieser Grössenordnung hinzubekommen, ist eine grosse Kunst. In einigen Peaks waren über 500 Rechner gleichzeitig im Netz und das auf engem Raum. Dafür hat es super geklappt, von einigen kurzfristigen Problemen abgesehen. Hier nochmal ein grosser Dank an Cven und Alex von der Freifunk-Community. Wir freuen uns auch, mit einer Hardware-Spende den Ausbau der freien Infrastrukturen in Berlin fördern zu können.

Gabs mehr Blogger? Wenn man sich Technorati anschaut, dann gab es weniger Blog-Beiträge bei mehr Teilnehmern. Was sicherlich auch daran lag, dass viele im Moment Twitter-Abhängig sind. Trotzdem schade, letztes Jahr wurde mehr in den eigenen Blogs dokumentiert und kommentiert und das nicht nur in 140 Zeichen. Meinen Lieblings-Liveblogger hab ich leider selbst ausgeschaltet, indem ich Plomlompom einen Vortragsslot gab. Beim nächsten Mal muss er wieder mitbloggen.

Während der Planung hatten wir auch einige Vorträge in die Lounge gelegt. Die Intention war, dass sie unserer Meinung nach mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten als in einem kleinen Raum und leider nicht mehr in den grossen Saal passten. Das hat leider nicht so gut geklappt, weil die Lounge dieses Mal von vielen dauerhaft bevölkert wurde und man vor Ort nicht mal kurz einen Vortrag dort machen konnte. Eine Erfahrung, die beim nächsten Mal zu einer besseren Plannug führt. Schade um die geplanten Sachen.

Was wir leider auch nicht planen konnten: Das wechselhafte Wetter und die verschiedenen Viren, die einige Referenten kurzfristig am Vortragen hinderten. Mich hatte es auch halb erwischt und ich dachte schon am Dienstag, ich müsste die Konferenz über im Bett verbringen. Hat dann doch noch irgendwie geklappt.

Was auch nicht so gut klappte, obwohl Tim uns ständig im Vorfeld aufgrund seiner Erfahrung mit den Chaos Communication Congressen eines besseren belehrte: Zeitpuffer hinter den Vorträgen und Diskussionen sind beim nächsten Mal notwendig. Auch wenn das Programm dann nicht mehr so schön auf dem Reissbrett aussieht, weil man immer eine viertel Stunde Puffer hinzufügt und die Anfangszeiten nicht mehr leicht verständlich auf jeder Stunde liegen.

Auch würde ich nächstes Jahr gerne mehr Frauen im Vortragsprogramm sehen. Das ist leider nicht so einfach, daher bin ich auf Eure Hilfe angewiesen. Also bitte mehr Hinweise auf interessante Frauen, die was zum Thema beitragen können. Ich weiss, ein allgemeines Problem von Konferenzen, wo es um Medien und Technologie geht. Das heißt aber nicht, dass es so bleiben muss.

Man kann es auch oft genug sagen, bloggen und twittern: Leute, nutzt https! Wenn aber trotzdem im Peak mehrere unverschlüsselte Passwörter in der Sekunde (!) durchs offene Netz schwirren, verzweifelt man trotzdem ob der Versuche ein wenig.

Die Video- und Audioaufzeichnungen haben auch prima funktioniert. Hobnox hat bei den Videostreams eine super Qualität abgeliefert und die aufgezeichneten Sachen aus dem grossen Saal stehen schon online zur Verfügung. Wir werden sie noch gesndert zum herunterladen und mit RSS online stellen. Ebenso hat Kaspar Metz mit den Audiostreams eine tolle ARbeit abgeliefert, die automatisch schon in MP3-Podcasts umgewandelt wurden und gleichzeitig vor Ort per Radio empfangbar waren.

Toll fand ich auch die vielen kleinen Innovationen, die kreative Menschen machten, wie die Aggregatoren für Twitter-Beiträge. Und die vielen Fotos, Videos und sonstige Beiträge. Alle spielten mit Medien rum und verbrachten trotzdem die Zeit sehr sozial miteinander, jeglichem Klischee wiedersprechend.

Wovon wir vollkommen überrascht waren, war das riesige mediale Interesse. Es nahm teilweise schon etwa surreale Züge an und war teilweise etwas stressig. Beispielsweise wenn Mittwochs Deutsche Welle TV kommt und Donnerstags Deutsche Welle TV Arabien. Oder morgens die RBB-Abendschau und mittags das ARD-Mittagsmagazin. Getoppt wurde es nur noch durch die RTL2-Nachrichten, die gewöhnlich über Britney Spears und Formel 1 berichten. Und fast alle stellten dieselben Fragen. Gefreut haben uns auch über gleich vier Berichte von dpa, die an viele Lokalzeitungen ausgeliefert wurden. Aus politischer Sicht fand ich das eigentlich ganz lustig, unserer Eltern-Generation auf verschiedenen Kanälen netzpolitische Forderungen zu senden und zu erklären, was wir da im Netz machen. Die Berichterstattung ist wahrscheinlich nur ein temporärer Trend und ich glaube nicht, dass das mediale Interesse nächstes Jahr erneut so gross sein wird. Irgendwann ist es ja auch mal vorbei mit dem „Zoo“, was „Blogger“ und „Internet“ noch für viele zu sein scheinen. Der Medienspiegel ist auf jeden Fall beachtlich gewachsen und da stehen längst nicht alle Beiträge drin, sondern nur das, was wir über Google-News fanden. Und viele interessante Beiträge sind entstanden. Auch die Süddeutsche Zeitung hat wieder einen grossen Beitrag zur Qualitätsdebatte abgeliefert, weil der Journalist vor lauter Nerds nur Sex sah:
No porno, please, we’re „Süddeutsche Zeitung“. (Beim nächsten Mal schreiben wir es deutlicher ins Programm, dass nach 20 Uhr die Spass-Sachen kommen.)

Und sonst? Sonst scheint es der überwältigenden Mehrheit der Teilnehmer gefallen zu haben, wie ich vielen Kommentaren und Blog-Postings entnehme. (Wenn man mal von den üblichen handvoll Verdächtigen absieht, die in ihren fernen Wohnungen über alles rummotzten und niederbloggten, was sie verpassten) Das freut mich und motiviert zu einer weiteren re:publica´ 09. Vermutlich wieder im April. Vielleicht auch wieder zehn Tage nach Ostern, weil Ostern nächstes Jahr später ist. Dann gibts auch einen weiteren grossen Saal in der Kalkscheune und wir können mit den Örtlichkeiten mitwachsen.

Danke nochmal an alle Beteiligten, Vortragende, Helfer und an all die entspannten Teilnehmer für drei tolle Tage. Und ich freue mich wieder darauf, mehr Zeit zum bloggen zu haben.

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
30 Kommentare
  1. Technorati hat diese Mal richtig versagt – ich habe schon in der Vorzeit gesehen, wieviele Links nicht erkannt / genommen wurden. Daher die Bitte an alle, auch wenn es affig erscheint: In die Nachberichterstattung manuell eintragen.

  2. Hallo Markus, ich habe Hochachtung vor eurer Policy und vor eurer logistischen Leistung dazu. Auch die Übertragung per Livestream, vor allem in ihrer Qualität, hat mich komplett beeindruckt. Alles flutschte, hat Spaß gemacht. Da kann sich manch einer ’ne Scheibe von abschneiden. Die kleinen Fehlerchen, die nebenbei passierten (wenn man sie überhaupt so nennen kann) dienten meiner Meinung nach ausschließlich dazu: zu zeigen, dass auch ihr glücklicherweise nur Menschen seid. Sowas gehört einfach dazu. Die einzige Kritik, die ich habe, betrifft Moderation und die Zusammenstellung der Podiumsteilnehmer in einzelnen Panels. So manche Diskussion hätte ergiebiger sein können, hätten die Teilnehmer konträre Meinungen gehabt, und hätte die Moderation stärker nachgehakt. Auf beides würde ich beim nächsten Mal achten. Aber ansonsten bzw. trotzdem: Hut ab! Hat Spaß gemacht, wenigstens online dabei zu sein. Und was definitiv rübergekommen ist bis in den kleinsten Winkel: „Nur“ online dabei sein und trotzdem hautnah – das funktioniert! Vielen Dank noch einmal auch an dieser Stelle dafür, dass das in der Qualität möglich war. Und beim nächsten Mal bin ich auf jeden Fall persönlich dabei. Viele Grüße, Birte. (Ich hoffe, das war jetzt nicht zu viel Schleim) (schick’s aber trotzdem ab)

  3. Sonst scheint es der überwältigenden Mehrheit der Teilnehmer gefallen zu haben, wie ich vielen Kommentaren und Blog-Postings entnehme. (Wenn man mal von den üblichen handvoll Verdächtigen absieht, die in ihren fernen Wohnungen über alles rummotzten und niederbloggten, was sie verpassten)

    Ohne jetzt mitten in eure ganzen Privatfehden zu treten – alles abseits des üblichen Jubeljournalismus ist also verbitterte Irrelevanz? Auch eine selbstschützende Wahrnehmungsform, oder was darf man obigem Statement entnehmen?

  4. Jens, ich habe nichts von Irrelevanz geschrieben. Ich achte sehr wohl auf geäusserte Kritik, die von Teilnehmern kommt, die vor Ort waren. Es gab aber auch genug Kritik aus den üblichen Reihen, die eben nicht vor Ort waren.

  5. Du wirst doch wohl nicht die zwei Blogger aus dem Master Boot Record meinen, die sich so gern selbst als Opfer darstellen? Was solls, es gibt immer Leute die nur meckern. Allerdings solltet ihr manchmal schon darauf Acht geben, dass ihr nicht anfangt zu fliegen. Die mediale Aufmerksamkeit hat doch zu einigen abgehobenen Statements geführt.

  6. Trac3R, wohl wahr, es fällt mir nur immer etwas schwer, genau den Punkt zu verstehen, wenn die Rede von „Ihr“ ist. Da weiss ich nie, wer da alles eingeschlossen ist und ob ich das genauso sagen würde oder nicht.

  7. Das war rhetorisch sehr geschickt. ;) Ich definiere das jetzt einfach als Tippfehler und verweise als Antwort auf diesen Artikel, obwohl du gar keine Frage gestellt hast. Deine Reaktion beweist schließlich, dass ich damit nicht falsch liege. :)

  8. Danke danke danke auch von mir für eine der interessantesten und nettesten Wochen des Jahres. Man kann von halb-außen wohl kaum abschätzen, was da alles an Arbeit drin steckte.

    Dennoch hier ein paar Verbesserungsvorschläge und auch Sachen, die mir nicht gefallen haben, für die ihr aber nichts konntet:

    1) Ungemütliches Wetter: Dafür konntet ihr zwar nichts, das war aber im Vergleich zum letzten Mal wirklich schade. Nächstes Mal später im April klingt wirklich sicherer.

    2) Diskussionskultur und Benehmen: Ich war dauernd genervt von den Leuten, die vor allem im großen Saal nicht gerafft haben, dass dort konzentrierte Diskussionen abliefen und die einfach die ganze Zeit störend gebrabbelt haben. Leider scheint das zu diesem „alles easy“ Web-Lifestyle zu passen, zu dem auch die Nicht-Einhaltung der Zeiten gehört etc. Für mich ist das pure Respektlosigkeit.

    3) Programmgestaltung: Ich habe es dir ja schon selber gesagt: Eine Konferenz solcher Größe kann man nicht im Wiki planen, das wurde beim letzten Mal schon klar. Aber man kann es eben auch als Einzelperson nicht mehr 100% vernünftig reissen. Das führte m.E. dazu, dass ein paar Panels nicht fokussiert waren, dass die Moderation unvorbereitet war oder jedenfalls wirkte, und dass einige Sachen aus den Nebenräumen mehr Interesse fanden als Platz vorhanden war. Du solltest dir nächstes Jahr wirklich ein Programm-Kommittee zulegen und damit Expertise, Arbeit, Betreuung der ReferentInnen im Vorfeld und auch Verantwortung delegieren. Das scheint beim CCC-Kongress auch gut zu klappen.

    4) Fokus der re:publica: Es scheinen sich ein paar Schwerpunkte rauszubilden, analog zu den verschiedenen „Stämmen“ der Netzbewohner: Plattform-Betreiber und Unternehmen, Publizisten und Blogger, Polit-Aktivisten und Datenschützer, Wissenschaftler. Es wäre schade, wenn die alle bald nur noch parallel in ihren Subkonferenzen tagen, dann geht der Austausch verloren. Außerdem müsste man mal sehen, welche Stämme dabei fehlen. Ich hätte mir z.B. deutlich weniger „übliche Verdächtige“ und A-Blogger gewünscht, dafür mehr Longtail. Die Stadtblogs waren da schon ein guter Anfang. Lokalisierung und die Besinnung auf kleinere Communities scheint eh der Trend zu sein, das habe ich von dieser Woche mitgenommen.

    5) Bekanntgabe von Programmänderungen: Da wäre ein großer Screen in der Lounge wirklich hilfreich, weil manchmal das Netz nicht geht und nicht jeder immer einen Rechner mitschleppt.

    6) Bierpreise: 3 EUR für ein 0,33 Radeberger ist wirklich unverschämt. Kann man wohl nichts machen, aber dennoch…

    7) Daher: Mehr Bier nach dem Berliner Freiheitsgebot nächstes Mal. Das war wirklich lecker!

  9. Hab auch ganz schlechtes Gewissen, dass ich diesmal nicht live-gebloggt hab :-( Das lag aber nicht nur an meinem Vortrag, denn zur Arbeit an dem bin ich während der Konferenz auch kaum gekommen ;-)

  10. danke und alles super auch von meiner seite. nur eine bitte: naechstes jahr bitte auch im grossen saal die gepolsterten stuehle aus den workshop-raeumen, die holzdinger waren ja nicht zum aushalten. und beim bierpreis hat ralf voellig recht.

  11. Aus der Ferne einen Dank für Streams und Slides. Nur das Argument von den Kritikern aus der Ferne ist IMHO daneben, zumal bei der Zulassungsgrenze von 800 Teilnehmern. Hier müsste sich die Re:publica als Konferenz verstehen, die gleichzeitig im Netz und in der Kalkscheune stattfindet. Dann kann man auch mit den Kritikern souveräner umgehen und sie z.B. in einem Chat oder so auftreten lassen….

  12. hallo!

    also gut fand ich:

    – dass entgegen meiner befürchtungen es nicht zu eng wurde, nicht im großen saal und (soweit ich sehen konnte) meistens auch nicht in den kleineren räumen

    – dass es insgesamt locker und ungezwungen ablief

    NICHT gut fand ich:

    – im blauen salon waren der außenlärm manchmal etwas störend

    – nazatag-werbeveranstaltung ohne kritische masse zum internet of things

    – dass mir die ganze blogger-szene im großen und ganzen ziemlich „trendig“ und „szenig“ (im negativen sinne) schien. mir fehlten dabei besonders an grundüberzeugungen der blogger rüttelnde themen. aber gefühlsmäßig wären die vielleicht aber auch nicht geduldet worden…

    – dass die selbstbewundernde kritische masse manchmal gar nicht so kritisch ist wie sie denkt (ich weiß: auch ich :))

    seid gnädig mit mir – ich bin halt kein blogger…

    trotzdem – danke für die drei tage!

  13. @Detlef: dei Kritiker WOLLEN doch gar nicht mit denen reden, dei in Berlin sind. OK, ein paar wenige Kritioker waren auch vor Ort und haben sich geäußert; und soweit ich sehe: auch antworten und z.T. gar Bitten um Entschuldig vernommen.

    Dass man von einer Kritik genervt ist, bei der schon vorab klar ist, wie sie ausfällt, verstehe ich.

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