Medienkritik
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NPP 215 - Off The Record: Pornos, Pöbeleien und progressiver Jugendmedienschutz
Off The Record - Der Hintergrund-Podcast von netzpolitik.org NPP 215 - Off The Record: Pornos, Pöbeleien und progressiver Jugendmedienschutz Muss man in den Medien wirklich alle zu Wort kommen lassen? Und muss man wirklich mit allen Mitteln verhindern, dass Minderjährige pornographische Inhalte zu sehen bekommen? Darüber spricht Ingo Dachwitz in der neuen Folge unseres Hintergrundpodcasts mit Marie Bröckling und Jana Ballweber.
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Medienkritik von Rezo: Die Zerstörung der Presse
Rezo knöpft sich Methoden bestimmter Medien vor. Medienkritik von Rezo: Die Zerstörung der Presse Rezos neues Video „Die Zerstörung der Presse“ ist eine Liebeserklärung an guten und transparenten Journalismus. Verschwörungsideologen und einige große Medienhäuser bekommen in diesem einstündigen Journalismus-Grundkurs gleichermaßen ihr Fett weg.
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: DRadio Kultur Podcast: „Vertrauen ist gut …“
: DRadio Kultur Podcast: „Vertrauen ist gut …“ In seinem Hörfunk-Feature „Vertrauen ist gut …“ setzt sich Ulrich Teusch mit der Arbeit in den Medien und Anschuldigungen, wie „Lügenpresse“ auseinander. Wie kommt es zu dieser Wahrnehmung und was tragen Medien dazu bei, dass ein Medienmainstream entsteht, der nicht mehr jede Nachricht aufgreift, die von den Medienkonsumenten als „wichtig“ erachtet wird?
Besonders die Berichterstattung rund um Kriegs- und Krisengebiete wird gern mit einem Spin versehen, der u.a. den Geheimdiensten dienen kann. Johannes Grotzky – Journalist und Honorarprofessor an der Universität Bamberg – berichtet in dem Feature, wie der Bundesnachrichtendienst BND vergeblich versuchte, ihn zu korrumpieren. Der Journalist sammelte zunächst die Belege für die Anbahnung und veröffentlichte dann den Anwerbeversuch.
Grotzky geht es auch darum, die Medienkompetenz zu fördern:
Ein mediengeschulter Mensch müsste auch lernen zu erkennen, was ist an der Aussage eine Nachricht und was ist an der Aussage eine tendenziöse Manipulation.
Interessant ist auch die Frage, wo die medienkritischen Formate in ARD („Glashaus“ + „Mikado“) und ZDF („Betrifft: fernsehen“ ‚1974 – 1984) abgeblieben sind. Die Kritik: die nötige Selbstreflektion findet nur noch versteckt in den dritten Programmen und in den Hörfunkwellen statt.
Ein spannendes, selbstkritisches Feature zur Medienwelt, die uns täglich umgibt.
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: Rechenkraft und Zweifel: Die Resistenz der digitalen Fehlinformation
Kaum totzukriegen: Im Netz halten sich Fehlinformationen deutlich länger, als dies ehemals der Fall gewesen wäre. Bildmontage: ck, via <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Lernaean_Hydra#/media/File:Singer_Sargent,_John_-_Hercules_-_1921.jpg">Wikipedia</a> : Rechenkraft und Zweifel: Die Resistenz der digitalen Fehlinformation Was haben das Masernvirus und rechtspopulistische Medienkritik gemeinsam? Die Antwort hierauf ist leider nicht in eine griffige Punchline zu pressen. Denn was die plötzliche Renaissance beider begünstigt, ist ein Vorgang der Informationsverbreitung und ist die damit einhergehende, gesellschaftliche Fragmentierung, die eng mit der Verbreitung digitaler Technologien und vernetzter Rechenkraft einhergeht.
Dies ist ein Gastbeitrag von Curd Knüpfer. Der Wissenschaftler ist als Gastdozent an der Freien Universität Berlin tätig, wo er derzeit die Juniorprofessur für US-Außenpolitik vertritt. Anfang 2015 schloss er seine Promotion zu rechtskonservativen US-Medien und deren Darstellung internationaler Ereignisse ab. Sein gegenwärtiges Forschungsprojekt befasst sich mit Politisierungstendenzen im digitalen Raum.
Zur Erklärung: Vor etwa 50 Jahren veröffentlicht der Chemiker Gordon Moore in der Fachzeitschrift Electronics einen Aufsatz, in dem er die Prognose aufstellt, dass sich die Rechenkraft von Computersystemen in regelmäßigen zeitlichen Abständen jeweils verdoppeln würde. Bekannt ist diese Faustregel mittlerweile als das „Mooresche Gesetz.“ Dieses wird gern wie folgt veranschaulicht: Gegenwärtig kostet 1 TB externer Festplattenspeicher etwa 59,49 EUR beim Versandhändler Ihres Vertrauens. 1956 vermietet die Firma IBM noch für einen vierstelligen Betrag eine Rechenmachine an innovative Unternehmen, das die Maße einer IKEA Kücheneinrichtung hat und dafür gerade mal um die 5 MB Speicherplatz bereithält.
Was Sie nicht wissen, wird gegoogelt
Knapp zweieinhalb Jahrzehnte später, 1990: Vieles ist bereits wie heute. Deutschland ist Weltmeister, die Zukunft Europas steht auf der Kippe. Allerdings: Wir erhalten das Gros unserer tagtäglichen Informationen noch durch eine von drei Möglichkeiten: Zeitung, Fernsehen oder Radio. Weiterführende Recherche findet mühselig in Bibliotheksarchiven statt. Rechenkraft und Speicherkapazitäten spielen dabei keine prominente Rolle. Der digitale Wandel lässt sich zwar bereits erahnen, doch noch hat er den Prozess der Nachrichtendisseminierung nicht nennenswert tangiert.
2015: Sie erhalten Ihre Nachrichten dort, wo Ihnen Ihre Nachrichten am bekömmlichsten serviert werden. Was Sie nicht wissen, wird gegoogelt. Das ist wahnsinnig praktisch und sicherlich ein Fortschritt. Aber der Komfort hat seinen Preis. Denn stellen Sie sich nun zusätzlich einmal vor, Sie wachen morgens auf und die Welt, wie Sie sie kennen, würde nicht mehr existieren. Ihr Smartphone und Tablet und Monitor teilen Ihnen plötzlich ganz merkwürdige Dinge mit. Klimawandel ist auf einmal ein Schlagwort für die Hybris international vernetzter Pseudo-Wissenschaftler. Bananen/Glutene/Reiswaffeln machen Sie auf einmal dick. Und möglicherweise war der 11. September gar kein „echter“ Terroranschlag?
Je nachdem wie Ihre persönlichen Surfgewohnheiten gegenwärtig aussehen, überrascht Sie dabei das ein oder andere vielleicht auch gar nicht mehr. Denn das Bezeichnende an der Tatsache, dass derartige Informationen zirkulieren, ist nicht etwa, dass sie die Massen überzeugen – sondern oftmals ihre bloße Existenz. Und wer weiß, vielleicht ist an der einen oder anderen Aussage ja tatsächlich etwas dran? Haben Sie nicht kürzlich schon einmal irgendwo davon gelesen? Falls ja, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass mit „irgendwo“ eine Adresse im Netz gemeint ist.
Digitale Haltbarkeit von Fehlinformationen
Eine wichtige Variable, die in der Vergangenheit darüber mitbestimmte, was als wahr und was als falsch angesehen wurde, war schlichtweg die Zeit. Hielt sich ein Gerücht lang und hartnäckig als Anfechtung des dominanten Wahrheitsregimes, so lag irgendwann die Vermutung nahe, dass dort doch etwas dran sein müsste. Ein klarer Vorteil der digital vernetzten Kommunikation ist, dass das global verfügbare Archiv nie schließt und selten vergessen muss. Das ist gut und praktisch. Doch es hat eben auch zur Folge, dass nicht mehr ausgemistet wird. Fehlinformationen, Verschwörungstheorien, Unwahrheiten und Verleumdung – sie alle bleiben uns erhalten; viel länger als dies in der entschleunigten Welt der Fall gewesen wäre. Die eine oder andere Person im öffentlichen Raum ist mittlerweile bereits gut mit dem „Streisand-Effekt“ vertraut, nach welchem sich (Falsch-) Meldungen im Netz gerade dann halten, wenn sie durch Anfechtung unter Beschuss geraten. Doch was für den einzelnen Promi eventuell lästige PR bedeutet, hat gesamtgesellschaftliche Implikationen. Die Zugänglichkeit widersprüchlicher Informationssätze hat natürlich ihren Charme, wenn es darum geht, überholt erscheinende Wahrheitsmonopole zu zerlegen. Doch Zweifel und Unsicherheit können eben auch durchaus negative gesellschaftspolitische Folgen zeitigen.
Zweifel als gesundheitsschädliches Problem
In einem überaus empfehlenswerten Buch, welches letzten Herbst unter dem Titel „Die Machiavellis der Wissenschaft“ in Deutschland veröffentlich wurde (auf Englisch trägt es den gelungeneren Titel „Merchants of Doubt“), zeigen die Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Erik Conway auf, wie die Tabakindustrie über Jahrzehnte den öffentlichen Diskurs manipulieren konnte: nicht etwa, indem sie direkt abstritt, dass Tabakkonsum gesundheitsschädlich sei. Stattdessen sorgte sie indirekt dafür, dass Informationen zur Verfügung standen, die eben dies in Frage stellten. Die Verbreitung von Unsicherheit und Zweifel war über lange Jahre ein gutes Geschäftsmodell. Man würde nie allen Menschen das Rauchen angewöhnen—es reichte durchaus aus, sich eine loyale Kundschaft zu erhalten und den staatlichen Regulierungsmechanismen durch vermeintlich ungeklärte Fragen einen Riegel vorzuschieben.
Andere Beispiele derart listiger Methoden industrieller Lobbyarbeit finden sich in Bezug auf den Bleigehalt in Motorenbenzin oder – aktueller – auf CO2 Ausstöße und den globalen Klimawandel. Waren und sind hier nachweislich die Interessen ganzer Industriezweige am Werke, die kostspielige PR-Maschinerien unterhalten, so ist dies in Zeiten der vernetzten digitalen Daten nicht länger eine notwendige Voraussetzung für den Fortbestand von Fehlinformationen.
Was hat das Ganze nun mit den Masern zu tun?
Was hat das Ganze nun mit den Masern zu tun? Ein Gegenbeispiel zu den vorhergegangen: 1998 veröffentlicht die medizinische Fachzeitschrift The Lancet einen Artikel, in welchem der britische Mediziner Andrew Wakefield vorgibt, einen Kausalzusammenhang zwischen Impfstoffen und Autismus aufzuzeigen. Seit 2004 ist bekannt, dass dies auf falschen (vermutlich gefälschten) Daten und höchst fragwürdiger methodischer Herleitung beruhte. 2010 wurde die Veröffentlichung offiziell zurückgezogen. Ein Hochstapler wurde entlarvt. Eine Wahrheit wurde etabliert. Die wissenschaftliche Praxis des Peer-reviews erwies sich letztendlich als erfolgreich.
Oder eben nicht. Denn Wakefields Narrativ blieb überaus potent: die mächtige Pharmaindustrie, die skrupellos medizinische Erkenntnisse vertuschen möchte, gegen die einsame Cassandra! Das klingt zu gut, um unwahr zu sein. Besorgte Eltern, ebenso wie Journalisten, die objektiv über diese wichtige Thematik berichten möchten und dazu im Netz Recherche betreiben, werden nach wie vor schnell fündig, wenn es darum geht, die diskreditierte Wakefield Studie aufzutreiben. In zahllosen Foren und Kommentaren halten sich vergleichbare Gerüchte ohnehin schon lange.
So groß die Unterschiede zwischen der aktiven PR mächtiger Lobbyverbände und dem Underdog-Image des wissenschaftlichen Außenseiters sein mögen – das Resultat ist durchaus ähnlich: Zweifel werden gesät; und die Gesundheit der Öffentlichkeit wird gefährdet. Im Jahr 2000 galt das Masernvirus in USA offiziell als besiegt. Anfang 2015 beläuft sich die Anzahl von Masernausbrüchen bereits auf knapp 200 Fälle. Hiervon lassen sich die meisten Ausbruchsherde anscheinend auf Kinder zurückführen, deren Eltern wohl wissentlich auf eine Impfung verzichtet hatten. Und auch in Deutschland erlebt die Krankheit ein Comeback. Die Masern sind, so gesehen, ein Symptom. Und eine Teilursache ist die Verfügbarkeit von Fehlinformationen, für die es im digitalen Zeitalter keine Grenzen gibt. War zum Erhalt und zur Verbreitung gesellschaftlicher Zweifel in der goldenen Ära der Blei- und Tabak-Lobbys noch ein aktiver Wille und ein recht beachtlicher koordinierter Kostenaufwand nötig, so hat der digitale Wandel diese Hürden erheblich reduziert.
Selektive Wahrnehmung im digitalen Zeitalter
Hinzukommt, dass das exponentielle Wachstum an Daten auch den kontinuierlichen Austausch von unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht. Und selbst wenn vermeintliche Fakten in einer solchen Informationsumgebung zur Verfügung stehen, wird es erfahrungsgemäß nicht lange dauern, bis jemand sie in Frage stellt. Woher wissen Sie da noch, was stimmt? Oder besser noch: woher weiß ich es? Wer bin ich überhaupt? Während Sie diese Zeilen lesen, mögen Sie sich fragen, woher ich die Gewissheit nehme, die oben genannten, durchaus kontroversen Themen so salopp ansprechen zu können.
Hier ist eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache: Sollten Sie erahnen, dass meine Meinung dazu stark von Ihrer abweicht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie dem Autor – mir – misstrauen und sich einer anderen Informationsquelle zuwenden. Medienpsychologen sprechen hierbei zum einen von dem Phänomen der „Selective Exposure“ – was bedeutet, dass man sich bevorzugt denjenigen Informationsquellen aussetzt, die das eigene Weltbild reflektieren. Hinzu kommt der menschliche Hang zur selektiven Wahrnehmung: man nimmt diejenigen Inhalte wahr, die man ohnehin schon glaubt. Das digitale Zeitalter amplifiziert diese Tendenzen.
In den USA erleben wir derzeitig bereits eine fortgeschrittene Phase der sogenannten Medienfragmentierung: Hier haben sich längst gesellschaftspolitische und kulturelle Lager rund um die jeweils bevorzugten Informationsquellen gebildet. Nischenangebote, die sich einst in Abgrenzung und Konkurrenz zu etablierten Nachrichtenformaten bildeten, haben sich dort als Massenmedien etabliert. Was als „wahr“ gilt und was nicht, hängt nun nicht mehr nur von dem jeweiligen Medium ab, sondern von einem ganzen Informationsuniversum, einem kulturellen Umfeld, einem politischen Habitus.
Gewiss, es gibt enorme strukturelle Unterschiede zwischen den Verhältnissen dies- und jenseits des Atlantiks. Genannt seien zum einen die mächtigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk Institutionen, aber auch die hiesige, zwar kriselnde, aber dennoch weiterhin bestehende Presselandschaft. Auch scheint das Spektrum an institutioneller Expertise (vorrangig geprägt durch Parteien, Stiftungen und Hochschulen) in Deutschland nicht einmal annähernd so politisiert und ideologisch gespalten, wie dies derzeit in den USA der Fall ist.
Neue Anreize der Medienkritik
Aber dennoch: vom Propagandakrieg, der derzeit über dem ukrainischen Staatsgebiet wütet, über die Eurokrise oder TTIP bis hin zu den Debatten rund um Einwanderung und Integration: auch hierzulande haben sich tiefe Klüfte aufgezeigt, in denen etablierte Nachrichtenquellen von breiten Teilen der Bevölkerung als mangelhaft bis ungenügend eingestuft und durch Alternativquellen ersetzt wurden. Bei der einen mag dies die internationale Presse sein, bei dem anderen Foren oder Blogs – manche mögen sich ganz ausklinken und ihr Bedürfnis an Neuigkeiten durch Unterhaltung und soziale Kontakte befriedigen.
Nicht jeder, der auf die Tagesschau verzichtet, wird zum Pegida-Anhänger und/oder Klimawandelleugner. Im Gegenteil: das Monopol der Meinungsmacher „da oben“ ist möglicherweise kein Hirngespenst von „da unten,“ sondern nur eine unscharf gezeichnete Vereinfachung komplexer, institutionell bedingter und historisch gewachsener Machtgefüge, deren sichtbarste Angriffsfläche die Verlautbarungsmaschinerie der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist. Diese Mechanismen werden heute um so deutlicher, nicht nur weil nun alternative Quellen existieren, sondern weil sich zeigt, dass hier Anreize zur kontinuierlichen Medienkritik entstehen: oftmals sind diese Anreize doppelter Natur, da Metanachrichten (also Kommentare zur Berichterstattung anderer) unaufwendig produzierbar sind und weil man zeitgleich die unmittelbare Konkurrenz diskreditiert.
Der eine oder andere populistische Rhetoriker wusste dies bereits zu nutzen. Schriften, die in unterschiedlichem Vokabular die „Korruption“ der „Lügenpresse“ ansprechen und angeblich erklären, verkaufen sich anscheinend gut. (Spoiler: Die Medien lügen, weil sie korrupt sind und sind korrupt, weil sie lügen). Einzelne Blogs zu verwandten Themenfeldern mögen vielleicht finanziell nicht unbedingt ein lukratives Geschäft sein, dennoch – und das ist das Bezeichnende – können sie sich über Patenschaften oder mehr oder minder dubiose Werbebanner finanzieren. Hier generieren Alternativparadigmen Alternativinformationen, die sich lange werden halten werden.
Was also tun?
Bei den etablierten Nachrichtenquellen bleiben? Den Journalismus, wie er bisher existierte, künstlich am Leben halten? Wenn’s hilft – warum nicht? Aber a) war auch in der vermeintlich heilen Welt des Print- und Rundfunkzeitalters längst nicht alles Gold, was im Nachhinein fahl glänzt, und b) ist es auf Grund der technischen Entwicklung schlichtweg unrealistisch und eben allgemein auch unerwünscht dorthin zurückzukehren.
Im digitalen Zeitalter schrumpft aber nicht nur die Bedeutung einzelner Nachrichtenquellen, sondern es wächst auch die Verantwortung der Öffentlichkeit, Informationen bewusst zu konsumieren. Hier also ein paar Vorschläge für den bewussten Informationskonsum im digitalen Zeitalter:
- Es empfiehlt sich eine ausgewogene Balance verschiedener Quellen zu bewahren. Niemand kettet Sie an das vermeintliche Monopol der Leitmedien – aber versuchen Sie doch auch, dieses nicht durch ein Monopol der möglicherweise noch viel schlimmeren „Lügenblogs“ zu ersetzen.
- Sollte Ihnen ein Thema wirklich wichtig sein, dann nehmen Sie sich die Zeit, um mehr darüber rauszufinden. Eine Schnellsuche bei Googlebooks oder Amazon genügt nicht – denken Sie daran, dass sensationell klingende Behauptungen Klickzahlen erhöhen, Bücher verkaufen und Suchalgorithmen aktivieren – wahrer werden sie dadurch nicht. Verschaffen Sie sich selbst einen Überblick zur Forschungslage und lernen Sie die diversen Perspektiven kennen! Schauen Sie hierzu in wissenschaftliche Archive und Fachjournale – nur keine falsche Scheu! Das klingt aufwendig. Ist es auch. Daran werden auch innovative Apps oder Glasfaserleitungen nichts ändern.
- Bauen Sie sich eine kritische Heuristik auf. Nicht nur gegenüber der jeweiligen Nachrichtenquelle, sondern gegenüber Ihren eigenen Gedanken: Warum halten Sie etwas für wahr oder unwahr? Wie ist ihr ganz persönlicher, innerer Algorithmus aufgebaut, der darüber entscheidet, wem Sie vertrauen, was Sie lesen und möglicherweise weiterleiten? Es besteht kein Zweifel daran, dass Sie selektiv wahrnehmen – wir alle tun das. Aber nach welchem Muster? Das ist die Frage, die Sie sich stellen können, um mögliche Fehlinformationen zu umschiffen.
- Vermeiden Sie polarisierte Grabenkämpfe. Wo verfestigte Meinungen aufeinanderprallen, florieren Vereinfachungen und strategisch motivierte Fehlinformationen. Haben Sie sich einmal öffentlich zu einer Seite bekannt, wird es Ihnen schwer fallen, sich davon wieder loszusagen – auch wenn die Fakten es eigentlich verlangen würden.
- Vermeiden Sie rechts-konservatives Gedankengut! Nicht etwa, weil eine bestimmte politische Haltung grundsätzlich zu vermeiden sei und die Mitte immer Recht hätte. Aber wenn es um die Vermeidung von Unwahrheiten und Fehlinformation geht, sind Selbstreflexion und nicht-strategisch motivierter Dialog nach wie vor die besten Mittel. Die historische Erfahrung lehrt, dass diese zwei Techniken auf der Rechten des politischen Spektrums deutlich seltener anzutreffen sind (auf der Linken müsste man sich, um eine vergleichbare Entdeckung zu machen, in deutlich extremere Gefilde begeben.) Findet sich auf ihrem Lieblingsblog beispielsweise die Warnung vor einer Weltverschwörung gegen männliche Blogger mittleren Alters, den Gefahren der Überfremdung oder dem Unheil der Frauenquote – dann handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um ein Medium, das eine ideale Sprechsituation nach den Prinzipien von Jürgen Habermas ermöglicht.
- Wo wir gerade beim Thema sind: Lesen Sie Habermas! Das ist anstrengend und zeitaufwendig und hält somit davon ab, gleichzeitig unachtsam durch die Untiefen des Netzes zu surfen.