Ein Kommentar
Ja, mein erster Impuls zur interaktiven Karte „Kein Asylantenheim in meiner Nachbarschaft“ war auch: Oh je, jetzt wissen die Nazis, wo sie ihren Brandstiftungen, ihrer Hetze und ihren Übergriffen nachgehen können. Allerdings dachte ich auch, warum sollte nicht gezeigt werden, wo Geflüchtete untergebracht werden und werden sollen. Da gibt es nichts zu verbergen. Jetzt ist die Karte von Google offenbar gesperrt worden.
Kartenprojekte rund um Geflüchtete und Nazis kamen bislang eher von links oder aus dem journalistischen Bereich: Die Karte über Todesopfer rechter Gewalt bei Zeit Online aus dem Jahr 2010 war das erste mir bekannte Projekt (eines der ersten deutschen „Datenjournalismus“-Vorhaben überhaupt). Seit 2013 gibt es RechtesLand – ein „Atlas zur extremen Rechten“ (Hinweis: an dem Projekt bin ich beteiligt). Auch gibt es lokale Vorhaben wie Afeefa aus Dresden. In Österreich hat dossier.at eine große Untersuchung über die Zustände in den dortigen Unterbringungen für Geflüchtete geliefert.
Internationaler wird es mit WatchTheMed zu den Ertrunkenen im Mittelmeer. Und es gibt Rechercheprojekte wie Migrants’ Files, denen Vorhaben wie die „List of Deaths“ vorausgingen.
Nun gab es also für einige Tage mindestens seit Mai (siehe Kommentar unten) die Karte von rechts. Was daran bemerkenswert ist: Sie zeigt, wie gut organisiert die Rechte ist. Es gibt offenbar einen funktionierenden Rechercheverbund, der diese Informationen für das gesamte Bundesgebiet zusammengetragen hat. Immerhin waren 2.770 Einträge auf der Karte zu finden – die Informationen schienen meist den Stand von März 2015 wiederzugeben.
Stimmten die Fakten auf der Karte? Bislang konnte ich nur Stichproben nehmen. Die geplante Unterbringung für Geflüchtete in Bayern, auf die es in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag einen Brandanschlag gegeben hatte, fand sich zumindest auf der Karte – sie wurde dort als „Asylkaschemme“ bezeichnet (siehe Screenshot oben). Aber eine systematische Überprüfung stand – soweit ich weiß – noch aus. Der Export der Daten war einfach. Über das „Sharing“-Symbol links in dem Infokasten ließ sich eine KML-Datei herunterladen. Mit Hilfe eines Konverters und eines Tools wie geojson.io ließ sich daraus beispielsweise eine Tabelle (csv) machen (diese Vorgehensweise lässt sich in kurzer Zeit im Netz recherchieren).
Damit wäre auch schon das erste Argument gebracht, warum der Aufruf, die Karte bei Google als Verstoß zu melden, wenig Sinn machte. Die Daten standen im Netz und werden von dort wohl kaum noch herauszubekommen sein. Mich würde es nicht wundern, wenn die Daten bald wieder auftauchen. Ich habe mich erst einmal dagegen entschieden, sie hier zu veröffentlichen (das müsste ich nicht zuletzt erst mit der Netzpolitik-Redaktion besprechen).
Zweitens denke ich, dass die Karte keine Geheimnisse verraten hat. In den einzelnen Orten dürfte in der Regel bekannt sein, wo und wann dort Geflüchtete Unterkunft finden sollen. Lokale Nazistrukturen werden das damit auch wissen, weil es überall Nazis gibt. Die neue Qualität ist eben, dass dies sichtbar gemacht wurde. Aber ich denke nicht, dass Nazis in der jeweiligen Region auf eine solche Karte angewiesen waren.
Das Bedenkliche ist vielmehr: Die Rechten dominieren derzeit den Diskurs. Wie bei der Asylrechtsverschärfung 1992 hat die Mehrheit im Bundestag dem braunen Mob von Pegida und Co. entsprochen und das Asylrecht erneut verschärft. Insofern sollten wir die Karte – auch wenn sie aus der falschen Ecke kommt – positiv nutzen: Statt den rechten Angstparolen und den „besorgten Bürgern“ hinterherzulaufen, sollte der Auseinandersetzung um Migration und Flucht konstruktiv begegnet werden. Denn das ist nötig – die Karte wies eindrücklich darauf hin, dass dieses Thema überall eben Thema ist und uns noch lange begleiten wird. Sie zeigte uns aber auch: Wo kann in Kontakt getreten, Unterstützung und Schutz gewährleistet werden?
Siehe etwa die Initiativen von Freifunk, die Unterkünfte mit W‑Lan versorgen. Und wie wäre es, wenn Medien dem oben genannten Beispiel aus Österreich folgen und systematische Recherche liefern: Wer verdient eigentlich daran? Wie sind die Zustände dort? Welche Pläne der Politik gibt es? Wie ist die Stimmung unter den Anwohnern? Und was denken eigentlich die Geflüchteten von ihrer Situation, und was sind ihre Perspektiven?
