Carlos Gandini hat wieder Fuß gefasst. Wenn er den Tritt jemals verloren hat. Während der Staatstrojaner-Hersteller FinFisher, bei dem Gandini einst Geschäftsführer war, seinem unrühmlichen Ende entgegenschlitterte, setzte der Unternehmer eine weitere Firma in die Welt: den im bayerischen Pullach angesiedelten IT-Dienstleister AdSum.
Im Sommer 2020 gegründet, will AdSum laut Eigenbeschreibung die „besten Technologiepartnerschaften im Bereich Cybersicherheit“ schaffen. Dabei gehe es darum, Institutionen und erstklassige Anbieter zusammenzubringen. „AdSum unterstützt Sie dabei, Ihre Länder vor organisierter Kriminalität zu schützen“, lockt das Unternehmen potenzielle Kund:innen. Geschäftsführer der Firma ist erneut Gandini, er verspricht auch unter schwierigen Umständen operative Erfolge: „Wo ein Wille ist, ist ein Weg“.
Wie das portugiesische Wochenmagazin Expresso berichtet (€), dreht sich das Berufsleben des Unternehmers offenbar weiterhin um digitale Spionagewerkzeuge. Diesmal ist es der Staatstrojaner Predator, den Gandini an den angolanischen Geheimdienst SINSE verkauft haben soll. Expresso beruft sich dabei auf ein Dokument, das bei einer Datenpanne des Herstellerkonsortiums von Predator, Intellexa, abgeflossen ist.
Konkurrent der NSO Group
Intellexa ist ähnlich berüchtigt wie die NSO Group, deren Staatstrojaner Pegasus vor einigen Jahren für weltweite Furore sorgte. Mit den von ihnen angebotenen digitalen Überwachungs-Tools lassen sich von Nutzer:innen unbemerkt Geräte übernehmen und beliebige, selbst verschlüsselte Inhalte auslesen. Predator zielt vor allem auf iOS- und Android-Geräte, in der Regel gelingt der Angriff über sogenannte Zero-Day-Sicherheitslücken.
Das schwer überschaubare Intellexa-Konglomerat hat Ableger in zahlreichen Ländern. Hinzu kommen Tochterfirmen wie das nordmazedonische „Cytrox AD“, welches Predator herstellt. Laut der Nachrichtenseite Balkaninsight fungiert Ivo Malinkovski als CEO, als inzwischen alleiniger Besitzer ist der israelische Militärveteran Meir Shamir ausgewiesen. Über all dem steht der Intellexa-Gründer Tal Dilian, ebenfalls israelischer Ex-Militär.
Digitale Spuren von Predator fanden sich etwa auf dem Telefon des ägyptischen Oppositionspolitikers Ahmed Eltantawy, zudem ließen sich Angriffsversuche auf Geräte US-amerikanischer Politiker:innen und Journalist:innen nachweisen. Im Frühjahr 2024 belegte die damalige US-Regierung Teile des Intellexa-Konglomerats sowie mehrere damit verbundene Einzelpersonen mit Sanktionen, darunter auch Tal Dilian.
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Die zunehmende Verbreitung kommerzieller Spyware stelle ein deutliches und wachsendes Sicherheitsrisiko für die Vereinigten Staaten dar, begründete die Biden-Regierung vor zwei Jahren ihren Schritt. Predator sei von ausländischen Akteuren missbraucht worden, um „Menschenrechtsverletzungen zu ermöglichen und Dissidenten weltweit zur Unterdrückung und Vergeltung ins Visier zu nehmen“. Drei der namentlich sanktionierten Personen hat die Trump-Administration im Januar indes wieder von der Liste genommen.
„Predatorgate“ in Europa
Tal Dilian zählte nicht dazu. Der musste sich zudem in Griechenland einem Prozess stellen. Dort fanden sich Hinweise darauf, dass der griechische Geheimdienst EYP Smartphones von Oppositionspolitiker:innen und regierungskritischer Journalist:innen mit Predator infiziert und überwacht hatte.
Zwar hatte der Oberste Gerichtshof in Griechenland den geheimdienstlichen Abhör-Skandal juristisch zunächst für beendet erklärt. In einem anderen Verfahren wurden jedoch kürzlich vier Angeklagte, darunter Intellexa-Chef Dilian, wegen illegaler Überwachung zu Haftstrafen verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Predator-Spuren führen auch nach Deutschland. Eine gemeinsame investigative Recherche mehrerer Medienhäuser und NGOs enthüllte im Herbst 2023, dass die Spähsoftware an 25 Länder verkauft wurde, darunter Regierungen in Sudan, Angola und Vietnam. Zu den europäischen Kunden sollen Deutschland, Österreich und die Schweiz zählen.
In Deutschland soll die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (Zitis) bereits seit 2019 Kunde sein – was die deutsche Regierung so nicht öffentlich einräumen will. Offiziell hat sie bislang nur bestätigt, dass die Behörde mit den Überwachungsfirmen in Kontakt steht, um „im Rahmen einer Marktsichtung Informationen über das Portfolio des Unternehmens zu erhalten“, wie aus einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage aus dem Jahr 2023 hervorgeht.
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Vorwurf illegaler Exporte
Womöglich war die Marktsichtung auch deswegen notwendig geworden, weil mit FinFisher ein weiterer Staatstrojaner-Anbieter weggebrochen ist. Dem Münchener Unternehmen, das unter anderem das BKA beliefert haben soll, wurde vorgeworfen, seine Spionage-Werkzeuge illegal exportiert zu haben. Gemeinsam mit der Gesellschaft für Freiheitsrechte, Reporter ohne Grenzen und dem Europäischen Zentrum für Verfassungs- und Menschenrechte reichte netzpolitik.org im Jahr 2019 deshalb Strafanzeige ein.
FinFisher bestritt die Vorwürfe, musste aber nach Hausdurchsuchungen schließlich Anfang 2022 Insolvenz anmelden. Ein Jahr später folgte eine Anklage der Staatsanwaltschaft München gegen vier nicht namentlich genannte ehemalige Geschäftsführer des Firmengeflechts.
Geschadet hat all dies, so scheint es, dem FinFisher-Manager Carlos Gandini bislang kaum. Der Expresso-Recherche zufolge soll er für die Vertretung von Intellexa im angolanischen Geschäft verantwortlich gewesen sein, was ein auf den April 2021 datiertes Dokument belege. Eine Presseanfrage von netzpolitik.org an Gandinis AdSum-Kontaktadresse blieb unbeantwortet.
Erneut Journalist ausgespäht
Ohne Folgen blieb der Erwerb einer Nutzungslizenz für die Spähsoftware in Angola offenbar nicht: Im Februar konnte eine gemeinsame Untersuchung von Reporter ohne Grenzen und Amnesty International nachweisen, dass der prominente Journalist Teixeira Cândido mit Predator gehackt und überwacht wurde.
Der Einsatz invasiver Spähsoftware gegen Journalist:innen sei „hochproblematisch“, sagt Maximilian Jung, Advocacy-Referent bei Reporter ohne Grenzen. Dabei würden nicht nur einzelne Recherchen gefährdet, sondern die Vertraulichkeit von Quellen und damit ein zentrales Fundament der Pressefreiheit untergraben, so Jung.
„Sollten sich die Hinweise bestätigen, dass erneut Akteure aus dem Umfeld von erwiesenermaßen illegal operierenden Unternehmen an der Vermittlung dieser Technologien beteiligt sind, ist das ein alarmierendes Beispiel für anhaltende Straflosigkeit in diesem Sektor“, sagt Jung. „Reporter ohne Grenzen fordert, den Export und die Vermittlung solcher Überwachungstechnologien zu verbieten, klare Transparenzpflichten einzuführen und Verstöße konsequent zu sanktionieren.“

>> Ein Jahr später folgte eine Anklage der Staatsanwaltschaft München
>> Über die Eröffnung des Hauptverfahren und damit über eine mögliche Terminierung der Hauptverhandlung wird die zuständige Große Strafkammer des Landgerichtes München I entscheiden.
Ist die Sache beim Landgericht München I noch anhängig?