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Polizeigesetz Schleswig-Holstein„Direkt aus dem Roman 1984“

Das neue Polizeigesetz von Schleswig-Holstein soll eines der härtesten Deutschlands werden. Die Gruppe Freiheitsfoo analysiert es in einem 22-seitigen Gutachten. Ihr Ergebnis: Der Entwurf ist eine Bedrohung für die Demokratie.

  • Martin Schwarzbeck
Eine Demonstration, begleitet von Polizisten. Auf einem Schild steht: "Police is watching you".
Protest gegen die Polizeigesetz-Erweiterung in Kiel. – Alle Rechte vorbehalten: Polizeigesetz SH stoppen, Bearbeitung netzpolitik.org

Die schwarz-grüne Regierung von Schleswig-Holstein will dem Land eines der schärfsten Polizeigesetze Deutschlands verpassen. Es soll zahlreiche KI-gestützte Überwachungsmaßnahmen erlauben. Michael Ebeling von Freiheitsfoo, einer Gruppe engagierter Privatsphäre-Fans, sieht in dem Gesetzentwurf eine „bedrohlich umfangreiche Erweiterung der Befugnisse und Werkzeuge für die Landespolizei“. Er fürchtet vor allem das Missbrauchspotenzial „zur Unterdrückung kritischer und demokratischer Bewegungen“.

Laut einer Analyse von Freiheitsfoo ist das Gesetz nicht nur höchst invasiv, sondern gar eine Gefahr für die Demokratie. Hier zeichnen wir die Grundzüge der 22-seitigen Kritik nach.

Der Gesetzentwurf hat den Landtag von Schleswig-Holstein bereits in erster Lesung passiert. Zwischenzeitlich hat die Landesregierung es per Änderungsantrag noch einmal verschärft. Gerade werden die Details im Innenausschuss verhandelt. Die dort vertretenen Parteien haben 58 Gruppen und Privatpersonen (Hinweis: Darunter auch den Autor dieses Artikels) aufgefordert, Stellungnahmen zum Entwurf einzureichen. Die Gruppe Freiheitsfoo hat ihre Stellungnahme unaufgefordert erstellt und nicht nur netzpolitik.org zukommen lassen, sondern nach Eigenaussage auch allen Innenausschuss-Mitgliedern, die per E‑Mail erreichbar sind.

„Das kann kein gutes Ende nehmen“

Die Gruppe kritisiert das „Aufbohren polizeilicher Freiheiten“, das mit dem Entwurf vorgenommen werde. Denn derartige Freiheiten seien bislang so gut wie nie zurückgenommen worden, das könne „kein gutes Ende nehmen“. Je weiter die Überwachung automatisiert werde, desto stärker sinke die Hemmschwelle zu ihrer Nutzung und desto unkontrollierbarer werde sie, gibt Freiheitsfoo zu bedenken. Das vorliegende Gesetz wirke „als würde es direkt aus dem Roman 1984 oder anderen dystopischen Science-Fiction-Vorstellungen stammen“.

Der Gesetzentwurf erlaubt zusätzlich, Menschen zur „Abwehr einer Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit oder die sexuelle Selbstbestimmung einer Person“ bis zu zwei Monate in Gewahrsam zu nehmen. Das ermöglicht laut Freiheitsfoo einen großen Spielraum für Missbrauch. Die Freiheit von Menschen werde zum „Spielball von Prognosen“. Der Entwurf ermögliche damit „Strafen ohne Straftat“.


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Mit dem Entwurf werden auch die Möglichkeiten erweitert, den Aufenthaltsort von Menschen mittels elektronischer Fußfesseln zu kontrollieren. Dies ist bereits die zweite Ausweitung, seitdem diese Technologie im Jahr 2020 der Landespolizei zugänglich gemacht wurde. Zunächst durfte sie nur zur Abwehr terroristischer Gefahren eingesetzt werden und dann auch zur Abwehr einer konkreten Gefahr für eine Person. Künftig soll nicht mehr eine Gefahr für eine konkrete Person nötig sein.

„Alles, was irgendwie erlaubt sein könnte“

Videoüberwachung soll der Entwurf auch schon dort erlauben, wo mit Ordnungswidrigkeiten von erheblicher Bedeutung zu rechnen ist – darunter können auch Störungen der Nachtruhe fallen. Zusätzlich soll eine Software das Verhalten der Gefilmten analysieren. Freiheitsfoo kritisiert den dadurch entstehenden Anpassungsdruck. „Menschen, die sich beobachtet fühlen, verhalten sich nachweislich anders, sie werden angepasster. Dabei braucht eine lebendige Gesellschaft gerade Abweichung, Widerspruch und unangepasstes Verhalten“, schreibt die Gruppe.

Mit dem Entwurf sollen auch gleich zwei Varianten der biometrischen Fernidentifizierung erlaubt werden. Zum einen die Suche nach bestimmten Gesichtern in den Streams von Überwachungskameras, zum anderen die Suche nach bestimmten biometrischen Merkmalen im Internet. „Es scheint so, als müsste alles, was irgendwie erlaubt sein könnte, gemacht werden“, schreibt Freiheitsfoo dazu.

„Extrem gefährlich“

Mit den Befugnissen erhalte die Polizei die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit an praktisch jedem Ort zu jedem Zeitpunkt eine Person mittels Videoüberwachung zu identifizieren, die sich gerade dort bewegt. „Ein Blick auf autoritäre Staaten und die Vergangenheit zeigt, dass das extrem gefährlich ist, kann doch so jegliche Opposition einfach unterdrückt werden“, schreibt Freiheitsfoo. Die Gruppe sieht darin eine Gefahr für die Demokratie.

Der Entwurf soll auch Datenanalysen nach Palantir-Art erlauben – „zur Gewinnung neuer Erkenntnisse“. Freiheitsfoo kritisiert die maximale Vagheit dieser Formulierung. Zudem seien die Datenquellen, die dabei einbezogen werden dürfen, kaum limitiert. Gerade bei Daten aus Funkzellenabfragen drohe die standardmäßige Auswertung von beispielsweise Standortprotokollen unbeteiligter und unschuldiger Personen. Mit der Datenanalyse würden Maßnahmen gegen Einzelpersonen auf Basis maschineller Einschätzungen eingeleitet, fürchtet Freiheitsfoo.

Indem das Gesetz die genauen Bestimmungen zu den Befugnissen in noch zu schaffende Verwaltungsvorschriften auslagere, verlagere der Gesetzgeber das Problem, dass viele der Vorschriften kaum verfassungsgemäß umsetzbar sind, auf die nachgelagerte Ebene. „Irgendwie soll der Datenschutz nachträglich hergestellt werden – nach einem Gesetz, das ihn praktisch aushebelt. Das ist kein Datenschutz by Design, das ist ein Desaster“, schreibt Freiheitsfoo.


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Mittels Änderungsantrag hat Schwarz-Grün nachträglich die Befugnis hinzugefügt, anlasslos in Autos zu filmen, um Fahrer*innen aufzuspüren, die illegalerweise ohne Freisprecheinrichtung telefonieren. „Das baut eine Überwachungsinfrastruktur sondergleichen auf“, so die Stellungnahme. Die Verhältnismäßigkeit sei nicht ansatzweise gegeben.

„Beinahe unbegrenzte Möglichkeiten“

Mit dem Entwurf werden auch die Möglichkeiten zu verdachtsunabhängigen Durchsuchungen erweitert, beispielsweise an Orten, an denen internationaler Verkehr stattfindet. „Das ermöglicht beinahe unbegrenzte Möglichkeiten zur polizeilichen Kontrolle an Bahnhöfen und auf Straßen“, schreibt Freiheitsfoo.

Künftig soll verdeckte Überwachung bei Gefahr für „Anlagen mit unmittelbarer Bedeutung für das Gemeinwesen“ eingesetzt werden dürfen. Diese Formulierung erlaube eine sehr weite Auslegung.

Es brauche, so Freiheitsfoo, dringend eine Gesamtbetrachtung der Polizeimaßnahmen und wie diese im Zusammenwirken völlig unkontrolliert Freiheiten einschränken. „Das lässt das Gesetz vollkommen vermissen“, schreibt die Gruppe.

Korrektur, 3. September: Wir haben den Text an drei Stellen geändert. Das betrifft die Stelle mit der Voraussetzung von Präventivgewahrsam, vorher Stand dort „drohende Gefahr“. Das haben wir korrigiert. Die Stelle zur Voraussetzung für die Fußfessel haben wir von „eine konkrete Gefahr“ zu „eine Gefahr für eine konkrete Person“ präzisiert. Außerdem haben wir den vorletzten Absatz korrigiert und entfernt, dass die verdeckte Überwachung ausgebaut würde. Es handelt sich bei der Änderung zu „Anlagen mit unmittelbarer Bedeutung für das Gemeinwesen“ um einen enger definierten Sachverhalt als das vormalige „Sach- und Vermögenswerte und Umwelt“.

Über die Autor:innen

  • Martin Schwarzbeck

    Martin ist seit 2024 Redakteur bei netzpolitik.org. Er hat Soziologie studiert, als Journalist für zahlreiche Medien gearbeitet, von ARD bis taz, und war lange Redakteur bei Berliner Stadtmagazinen, wo er oft Digitalthemen aufgegriffen hat. Martin interessiert sich für Machtstrukturen und die Beziehungen zwischen Menschen und Staaten und Menschen und Konzernen. Ein Fokus dabei sind Techniken und Systeme der Überwachung. Für Recherchen zur Spionage-App mSpy hat er gemeinsam mit Chris Köver 2026 den Sonderpreis Print des Datenschutz Medienpreises DAME erhalten.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP), Mastodon, Signal: yoshi.42042


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30 Kommentare zu „„Direkt aus dem Roman 1984““


  1. Anonym

    ,

    …bis irgendwann vielleicht mal eine antidemokratische Partei an die Macht kommt und zur Verfolgung nicht Systemkonformer Bürger ansetzt. Spätestens dann wird das wahre Ausmaß der Überwachungskatatrophe deutlich!


    1. Pranee

      ,

      Nein.
      Die Schafe werden noch mäh-hen, dass sie nichts zu verbergen haben, und dass es doch die richtigen getroffen habe.

      Diese kritische Masse an Befürwortern macht mir eher Sorgen. Wie lange noch, bis es heißt, Datenschutz = Kinderpornoschutz?


      1. Huch! Wer schreibt denn da?

        ,

        > Die Schafe werden noch mäh-hen, …

        Wer „Schafe“ gegenüber Menschen als ein klassisches und hochwirksames Instrument der Entmenschlichung, Stigmatisierung und Gruppenabgrenzung benutzt, und selbst einer vulnerablen Gruppe angehört oder nahe steht, erscheint nicht als besonders klug. Denn anstelle einer sachlichen Auseinandersetzung mit Argumenten wird das Gegenüber durch das Label pauschal diskreditiert. Eine inhaltliche Debatte wird dadurch unmöglich gemacht, bzw. in in-group/out-group Dynamiken werden kaum mehr Argumente ausgetauscht, denn die Rolläden sind bereits herunter gelassen.

        In der Soziologie und der Sozialpsychologie fungiert der Begriff als abwertendes Stereotyp, das Andersdenkenden pauschal die Mündigkeit, kritische Urteilskraft und individuelle Handlungsfähigkeit abspricht.

        Besonders beliebt ist diese herabsetzende Wortwahl in populistischen, verschwörungsideologischen, radikal-systemkritischen und extremistischen Kreisen sowohl am linken, wie auch am rechten Rand.

        Da war dann wohl ein Tritt mit dem Hufeisen … :/


        1. Anonym

          ,

          Er hat doch garnicht gesagt, dass er mit Schafen alle die meint,die den hohlen Phrasen der AfD folgen…

          Ansonsten ANONYM , weil es reicht.…..


          1. Anonym

            ,

            > … , dass er mit Schafen alle die meint, die …

            Auch du scheinst es nicht zu kapieren, dass man es besser lassen sollte Menschen als Tiere zu bezeichnen. Das geht GAR NICHT.

            Wer gelegentlich das Bedürfnis hat, Menschen als dumm zu bezeichnen, sollte jene eben „dumme Menschen“ nennen, wenn das der Realität entspricht. Viele davon findet man z.B. bei der Alternative für Dumme.


    2. Alle starren auf den braunen Bär

      ,

      Parteien, die solche totalitären Überwachungssysteme etablieren, sind nicht demokratisch.


      1. Anonym

        ,

        „Was demokratisch ist, bestimme ich“


  2. Nachtruhestörer

    ,

    Störung der Nachtruhe? Telefonieren ohne Freisprecheinrichtung? Bitte was?

    Es ist doch hoffentlich jedem klar, dass diese „Begründungen“ nur vorgeschoben sind. Die Überwachungsmaßnahmen sollen niemals im Leben Ordnungswidrigkeiten aufklären oder verhindern. Der Zweck der Maßnahmen ist Kontrolle. Bewegungskontrolle, Meinungskontrolle, Verhaltenkontrolle.

    George Orwell schrieb: „Krieg ist Frieden“. Ein permanenter Kriegszustand erzeugt im Roman 1984 eine dauerhafte Bedrohungslage. Dadurch schart das Volk sich hinter einer totalitären Führung und akzeptiert die Einschränkung aller Freiheiten. Es ist 2026 und wir haben diese permanente Bedrohungslage in Form eines „hybriden Krieges“. Ein vager Zustand, laut Kanzler Merz „noch nicht ganz im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden“. 1984 ist heute!


    1. Anonym

      ,

      Nee, der hybride Krieg ist schon real. Reale Sabotage, realer Sprengstoff, reale Gefährdung von Menschenleben, Ausspähen von Wasser, Militärstandorten, sonstige Infrastruktur. Und Ausspähen mit Zugriff, also z.T. in Person, mit Drohnen, etc., d.h. also „prinzipiell anschlagsfähig“. Es gibt ja nicht nur Deutschland auf der europäischen Seite, und dieser Zustand kommt von Russlands innerer Verfasstheit, die eine Expansion für das Regime nötig scheinen lässt. Bzw. für Putin. Es gibt Stimmen, die sagen, die erfolgte Eskalation sei im Wesentlichen auf Putin zurückzuführend, während selbst die härtesten Hardliner wahrscheinlich nicht so weit gegangen wären.


    2. Anonym

      ,

      „1984 ist heute“

      Nein. Bzw. jein, aber nicht hier in dem Sinne. Der Unterschied ist, ob die Bedrohungslage real ist. Vgl. „Diskussion“ innerhalb der USA mit Russland vs. Europa. Das eine scheint ein Regimekonsolodierungsversuch, das andere scheint ein Regimeerhaltungsversuch.


  3. Norden... bei Gefahr Abbiegen?

    ,

    Snippets:
    1. KI-Erkennung für Drohnen und Roboter. Aber mittels verschiedentlicher Sensoren, nicht nur Ordnungswidrigkeiten.
    2. Jetzt weiß man gar nicht, ob man wegen drohender Gefahr abbiegen muss, daher plädiere ich für totale Transparenz. Überwachung ist für Alle da!
    3. No more patchwork, we’re now at, uh, guesswork. It just works! (Illustration of the shift of the balance of power.)


  4. Martin

    ,

    wohl eher: was irgendwie technisch möglich ist…soll gemacht werden.


  5. Anonym

    ,

    Ja zu allen Überwachungsmaßnahmen, aber nur für Politiker.


  6. TomTom

    ,

    Die Frage bei dem Ganzen ist ja auch, wer nicht überwacht wird, wer es sich leisten kann, außerhalb staatlicher Kontrolle zu bleiben.

    Im Übrigen empfehle ich allen, die es noch nicht kennen, das Buch „Geschichte eines Deutschen“ von Sebastian Haffner. Es beschreibt die Zeit 1914–33 und zeigt, wie zuerst bürgerlich-konservative Parteien die Demokratie und ihre Einrichtungen geschleift haben, lange bevor eine NSDAP dann dem Ganzen den Gnadenstoß gab. Es ist erschreckend, wie sich das wiederholt.

    Und dass Parteien wie die Grünen vorne mitmischen, was soll man davon halten?! Von engerer staatlicher Kontrolle von Umweltsünden war auf jeden Fall nichts im Artikel zu lesen.


    1. Stimmt. Der Boden für die neuen Nazis und Faschisten wird jetzt, durch die „Konservativen“ vorbereitet. Entweder sind die zu Kurzsichtig oder es fehlt die Einsicht. Oder! Es ist so gewollt, dies kann durchaus sein, es wird ja schon lange dran gearbeitet. (Die AfD ist zu großen Teilen der CDU entsprungen. Vielleicht sogar deren Erfindung.) Das Ende vom Lied: Keiner wills gewesen sein. Wir wussten von Nichts.


      1. Vielleicht ist es auch nur die pure Angst vor der kommenden Wahrheit? Als Verantwortung Tragende/r muß ich mich nicht einmal vor Fake-News fürchten, weil mein Handeln erklärbar ist. Wenn ich aber Verantwortung trage aber schon lange denen für die ich verantwortlich bin nichts mehr erkläre, ja nichts mehr erklären will? Dann könnten manche wollen, dass mir diese Verantwortung entzogen wird.


    2. Anonym

      ,

      „Die Frage bei dem Ganzen ist ja auch, wer nicht überwacht wird, wer es sich leisten kann, außerhalb staatlicher Kontrolle zu bleiben.“

      Nein, denn ausserhalb der Gesellschaft zu stehen ist kein erstrebenswertes Ziel. Gar keine staatliche Kontrolle ist übrigens auch keines, jedenfalls nicht für 99,9% der Bevölkerung.

      Privilegiert sind die, die mit der Überwachung gut leben können. Spitzenpolitiker sind schlicht schlimmeres gewohnt, wirklich Reiche können damit problemlos umgehen.

      Und soweit hat der signifikante Teil der Bevölkerung damit auch keine realen Probleme, daher die Wahlergebnisse.


  7. Horst Dieter Leonhard

    ,

    Das Volk bzw. der Bürger will solche Gesetze nicht. Diejenigen, die solche Gesetze wollen sind einer anderen Klientel zuzuordnen. Es sind diejenigen, die am Volksvermögen partizipieren. Und es nicht leiden können, wenn ihnen jemand auf die Schliche kommt. Und nur dafür werden diese tollen Leistungsmerkmale des Überwachens gelobtpreist.


  8. Christoph Strebel

    ,

    Bisher kenne ich vor allem den Spruch Datenschutz ist Täterschutz. Herumkrakeelende, die die Bürger straflos nerven dürfen, „Da kann die Polizei nichts machen“, ganz viele, die nach Einnahme verbotener Substanzen so psychisch krank werden, dass sich nicht mehr schuldfähig sind… mehr Einbrüche, mehr Beschaffungskriminalität… je mehr der normale Bürger Opfer von Verbrechern wird, desto leichter lassen sich Überwachungen durchsetzen. Für diese Vorlage gäbe es auch beim Volksentscheid eine Mehrheit.
    Überwachung wegen „Mit dem Handy am Steuer“ klingt unverhältnismäßig. Die Strafen für Fahrlässige Tötung im Straßenverkehr sind bislang kaum messbar, so harmlos.


    1. Jedi Ritter

      ,

      „Für diese Vorlage gäbe es auch beim Volksentscheid eine Mehrheit.“

      Was macht Sie in diesem Punkt so sicher?

      Ihre Argumentation verkennt,

      a) dass die Kriminalstatistik im Gegensatz zur Wahrnehmung durch die Bevölkerung einen Rückgang der Kriminalität anzeigt,

      b) dass psychische Störungen in der Hauptsache nicht durch die Einnahme von Rauschmitteln verursacht werden und primär nichts mit der Polizei zu tun haben,

      c) dass der Begriff „Freiheit“ nicht impliziert, jeder könne unter Ignoranz des sozialen Verantwortungsbereiches tun und lassen, was er möchte, sondern um geistige und gedankliche Freiheit und psychologische Unbefangenheit, die nachgewiesenermaßen durch ständiges Beobachtet- und Kontrolliertwerden zerstört wird und zu einer Verhaltensänderung bzw. Einschränkung der psychologischen Handlungsfreiheit führt,

      d) dass es nicht darum geht, Straftäter nicht zur Verantwortung zu ziehen, sondern um Verhältnismäßigkeit der Mittel, sprich Ausweitung derselben auf Unschuldige sowie Herabsetzen polizeilicher Eingriffsschwellen,

      e) dass diejenigen, die (Überwachungs-)Maßnahmen fordern, diese niemals auf sich selbst angewendet wissen wollen,

      f) dass Sie darauf hoffen, Bestrafung (gekoppelt mit Überwachung) sei der einzige Weg, gesellschaftliche Missstände zu beseitigen, dafür die sozialen Hintergründe und damit die Ursachen nicht wahrnehmen bzw. ändern möchten usw.

      Ihr Beispiel mit der derzeit praktizierten Handyüberwachung im Straßenverkehr ist – bei meiner durchaus vorhandenen Zustimmung zur Gefährlichkeit solcher Verstöße – insofern ungeeignet, als dass es sich (ebenso wie eine Geschwindigkeitskontrolle) um eine punktuelle Momentaufnahme handelt, die sich von anderen geforderten Überwachungsmaßnahmen technisch wie juristisch erheblich unterscheidet.

      Zu meinen Argumenten finden Sie auf dieser Seite viele Artikel und umfangreiches Material. Ich empfehle Ihnen, sich ausführlich damit zu beschäftigen.


      1. Anonym

        ,

        Naja, das einzelne Handy ist punktuell, aber die Massen an Geräten mit dubioser Software, inklusive schlecht gewartetem, womöglich mit Spyware ab Werk versehenen Drittparteigeräten, sorgt schon für eine räumliche Abdeckung, die in der Theorie jegliche Kamerapläne verblassen lassen.

        Theorie bedeutet, nicht so sehr Kameras, aber akustische und weitere Sensoren. Punktuelle Fotos werden auch gerne genommen, um biometrische Informationen über Umstehende zu bekommen. Klar erfordert das Angreifer. Bei der digitalen Kompetenz unserer Gesetzgebung würde es mich allerdings nicht wundern, wenn irgenwie indirekt Lücken „für KI“ bleiben, die letztlich ständige Überwachung möglich machen.

        Wir kommen nicht umhin, entweder den adversarialen Kontext aufzuheben, das geht nicht mit Hinterteil präsentieren (vgl. Historie), oder aber Geräte und Betriebsmittel selbst in sicher herzustellen.

        Wohin die USA driften ist nicht 100% klar. Die werden sich sicherlich irgendwie konsolidieren, über die nächsten 10–30 Jahre. Der Exploit mit ungefähr allen Konsequenzen läuft allerdings jetzt bereits, und ob Digitalriesen in irgendeiner Form Bollwerke darstellen, ist bestenfalls unklar. Eigentlich ist der Nachweis in einigen Fällen bereits erbracht, dass das eher nicht der Fall ist.


  9. Horst Dieter Leonhard

    ,

    1984 hat mich schon als Hauptschüler fasziniert. Weil in diesem Film erkennbar war, dass der Sinn der Wörter ins Gegenteil gedreht wurde. Und das Volk durch geschickte Propaganda und Medien so geführt wurde, das es glaubte „Die meinen es ja nur gut mit uns“.

    diejenigen, die das wissen und die heutige Situation in der Welt sehen und denen es dabei nicht kalt den Rücken runterläuft … vor denen hab ich Angst.


    1. Samisdata

      ,

      Naja, es muss aber auch ganz klar gesagt werden, dass in 1984 die breite Masse der Bevölkerung nicht alleine mit bereitwillig und gutmütig übernommenem Doppeldenk gelenkt wird, sondern eben auch mit einem brutalen Repressionsapparat, der eine allgemeine Atmosphäre von Angst, Gefügigkeit und Duckmäusertum erzeugt. Wer will schon nen Haufen hungriger Ratten ins Gesicht bekommen…
      Ähnlichkeiten zum aktuellen Chilling Effect natürlich ganz offensichtlich.


  10. Christoph Strebel

    ,

    Welche Definition liegt hier dem Begriff von Freiheit zugrunde?
    Vielleicht Recht auf reine Willkür und Rücksichtslosigkeit, Egoismus und Verantwortungslosigkeit?
    Wer frei sein möchte, muss sich selbst fragen, wofür, mit welcher Hilfe , wogegen und auf wessen Kosten er frei sein will.
    In jedem Punkt gibt es nur genau eine Freiheit, die nur entweder der eine oder der andere oder ein Dritter haben kann. Einer kann entscheiden, die anderen müssen gehorchen und ertragen. Wenn sich einer dagegen erfolgreich wehrt, ist ersterer nicht mehr frei. In einem modernen Staat ist es Aufgabe des Rechtsstaates zu entscheiden, wer eine Freiheit bekommt, und dem Nachachtung zu verschaffen. Wenn der Staat da nichts tut, handeln andere: Der Stärkere, die Mafia, ausländische Mächte…
    Freiheit wird noch nicht durch mangelnden Datenschutz bzw. durch Transparenz aufgehoben, sondern wenn es zusätzlich Sitten, Normen und Gesetze gibt, die Handlungen verbieten und denen Nachachtung verschafft wird.


  11. Anonym

    ,

    Jetzt fehlt nur noch der Elon Musk-Gehirnchip, dann sind alle glücklich.
    Und der wird kommen…


    1. Immer das Maß wahren, bzw. dessen Definition prüfen.

      ,

      Glücklich? In der Werbung. Wenn darüber Kontrolle geschieht, dann über alles was funktioniert, im Zweifel Stop-and-Go. Aufmerksamkeitssteuerung in Echtzeit bei Medienkonsum u.ä. Was darf interessieren, was nicht, was soll man lassen, etc. Solange Gesetze im Weg sind, müssen die es vielleicht positiv aussehen lassen. Dann wird man wohl von Nebenwirkungen sprechen, letztlich aber allgemein in der Statistik gesteigerte „Effektivität des Menschen“ preisen. Dass die Alten bald nicht mehr existieren, weil effizient tot, fällt sicherlich erst verspätet auf.

      Naja, es würde wohl letztlich differenzierter. Nur, was erwarten wir denn von Leuten?
      A) Die die größten Ausnutzungsklitschen der Geschichte gebaut und so weiterbetrieben haben.
      B) Die gerne gegen Demokratie wetten.
      C) Die sich ideologisch wie Unterstützerisch nicht weit von Faschistoidem begeben?

      Ach so, nebenbei, den Welthunger haben die auch nicht besiegt. Trotz all des Überschusses. Es bleiben nicht alle Checkboxen leer, egal wen von denen man ranlässt. Daher frage ich, was die Menschen eigentlich erwarten, wohin die Jungs irgendwen führen werden? Wie werden deren „Lösungen“ diesmal aussehen?

      KI sind schon mal als Killermaschinen designt. Scale, kill the task. Auch die agentischen Systeme entsprechen dem. Du kannst eigentlich nur sinnvoll mit einem Harness sprechen, aber du kannst nicht mit dem Harness sprechen. Du könntest ein Sicherheitssystem drum herum bauen, ein nachvollziehbares Expertensystem aus der KI machen, aber du hast nur ein Leben, der Hersteller jedoch keins.

      Man hat kein Wesen bzw. System vor sich, dem man irgendwas beibringen könnte, z.B. verantwortungsvollen Internetzugriff. Nächste Session dann Zurück auf 0. Unsichere Methoden. Unglaublicher Aufwand, „plötzlich“ überprüfbare Schnittstellen zu bauen, Vier-Augen-Prinzip, algorithmische Prüfbarkeit, o.ä., da man das System irgendwie zwingen müsste, diese und nur diese zu benutzen.


      1. Anonym

        ,

        „Aufmerksamkeitssteuerung in Echtzeit bei Medienkonsum“

        Das klingt etwas süffisant und verlockend, aber es bedeutet Rückkopplung. Damit kann man töten. Eigentlich ist das bei Social Media bereits der Fall, je mehr Menschen sich dem ausliefern.

        Gehässig könnte einer, der da denkt, die KI-Welle habe den einzigen Zweck, nach erfolgreicher Bearbeitung durch Antivirusprodukte und „Sicherheitsfirmen“, den Sicherheitsbegriff entgültig in den Orkus zu treten, damit eben diese Rückkopplung durchkommt.

        Aber im Ernst, das in der Breite mitzumachen wäre ähnlich dämlich, wie alle an Ebola lecken zu lassen.


        1. Anonym

          ,

          „je mehr Menschen sich dem ausliefern“

          Präzisierung: Fokus sollte sein, „je mehr sich ein Mensch ausliefert“, wegen Rückkopplung bzgl. einer einzelnen Person. Lauter Selfspygadgets und Apps helfen dabei. Der Plural gilt in gewisser Weise auch, sicherlich auch bei allgemeinem Schaden, bei dem aber der direkt sichtbare Schaden für Einzelne für diese nicht so sichtbar scheint, aber über die Masse einen großen Effekt hat.


  12. Samisdata

    ,

    Ehrlich gesagt schwanke ich nach Lesen des Artikels zwischen „sofort Geld an Bürgerrechts-NGOs spenden“ und „im Internet die Baupläne für EMP-Puls-Generatoren suchen und damit Polizei-RZ besuchen“.
    Kann nicht irgendwer mal ne OpenClaw-Instanz drauf ansetzen, die Server der Landespolizei zu trollen?
    Oder auch- moment da klingelt es gerade an der Tür, das dürfte die Lieferung meiner elektronischen Fußfessel sein.

    *user logged off durch polizeiliche Anordnung*


  13. Martin Steinmetz

    ,

    Dass die Schwarzen für sowas gut sind, war klar. Aber, dass die Grünen bei sowas mitmachen verwundert. Die habe wohl ihre letzten Prinzipien den warmen Sesseln geopfert!

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