Im März gab Volkswagen einen Gewinneinbruch von 44 Prozent bekannt. In den Augen von Wirtschaftsexpert*innen ist das nur einer von vielen Markern dafür, wie düster es in der Automobilbranche und damit der deutschen Wirtschaft im Ganzen aussieht.
Seine Position als Weltmarktführer könne Deutschland aber in einem anderen Bereich wiederfinden, so die Bundesregierung und allen voran Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) auf dem Digitalgipfel in Berlin. Stichwort „Künstliche Intelligenz“.
„KI kann unser Comeback werden, wenn wir uns ganz auf sie einlassen“, sagte der Minister am Montag in seiner Eingangsrede. Dabei wird aus diesem Angebot schnell eine resolute Forderung. Auch nach Deregulierung, beispielsweise bei der KI-Verordnung der EU.
Deutschlands Weg zur KI-Nation 2030, so wie im Koalitionsvertrag gefordert, will Wildberger außerdem ebnen, indem er Investitionen in Rechenpower fördert. Letztere verbraucht KI in großer Menge. Von der Kritik am immensen Ressourcenverbrauch durch KI ist auf dem Gipfel jedoch nirgends die Rede.
KI statt Open Source
Insgesamt wurden kritische Stimmen beispielsweise aus der Zivilgesellschaft in Side-Events verschoben oder gar nicht erst eingeladen. Das passt zu Wildbergers unausgesetzter Lobrede auf KI. Um die Zukunft mit KI zu verwirklichen, brauche es weniger Bedenkenträger und ein klares und umfassendes Ja zu KI, fordert Wildberger. Dabei setzt er auf Geschwindigkeit, Risiken dürfe man nicht überbewerten. Denn am Ende gelte es, den Anschluss im KI-Rennen nicht zu verlieren.
Statt die Risiken zu thematisieren und zu erklären, wie man mit ihnen umgeht, verlieren sich die Panelist*innen jedoch in großen Versprechungen darüber, was mit KI künftig möglich sein wird. In der öffentlichen Verwaltung soll sie etwa den Mitarbeiter*innen die Arbeit abnehmen.
Ganz nach dem Motto des Gipfels „Gestaltung einer sicheren, souveränen und wettbewerbsfähigen KI“, auf Englisch: „Shaping AI: safe, sovereign, competitive“, erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) bei der Pressekonferenz am Montag: souverän zu handeln, heiße Gestaltungsmacht auszuüben. Wie diese Gestaltungsmacht jedoch genau aussieht und was damit unter „souverän“ zu verstehen ist, benannte Merz nicht. Er verwies lediglich darauf, dass Deutschland international bereits Partnerschaften eingegangen sei, etwa mit Kanada in Form der Sovereign Technology Alliance (STA). Thematischer Schwerpunkt der Allianz: Künstliche Intelligenz.
Die Allianz äußert sich laut Programm unter anderem darin, dass der kanadische KI-Hersteller Cohere das deutsche KI-Start-up Aleph Alpha aufgekauft hat. Die beiden sollen „souveräne KI-Fähigkeiten“ stärken. Das Thema Open Source als Mittel für digitale Souveränität fiel auf dem diesjährigen Gipfel unter den Tisch.
Öffentlicher Sektor als attraktiver Markt
Um KI als Motor für die Wirtschaft zu aktivieren, votierten Digitalpolitiker wie Vertreter*innen aus der Wirtschaft auf den Panels dafür, KI auch im öffentlichen Sektor stärker zu nutzen und sie in IT-Prozesse von Unternehmen und Behörden einzubinden.
Nach den Plänen von Wildberger soll das künftig auch über den Einsatz in der Bundesverwaltung laufen. Die will er auf KI umkrempeln. Bis 2030 soll sie ihre Prozesse „zu 90 Prozent mit KI aufladen“, so formulierte es auch Staatssekretär Thomas Jarzombek (CDU) auf dem Panel zu agentischer KI „als Gamechanger für die Verwaltung der Zukunft“. Die Zahl stammt aus dem neuen Ergebnisbericht der ebenfalls neuen KI-Taskforce. Mehr als 90 Prozent der Bundesbehörden sollen „mindestens eine produktiv genutzte KI-Anwendung zur Bearbeitung von Kernaufgaben oder zur Entlastung der Zentralabteilung einsetzen“.
Die Taskforce besteht aus mehreren regierungsinternen Arbeitsgruppen und hatte ihre erste Sitzung im Juli. Koordiniert wird sie vom Wildbergers Ministerium und geleitet von Staatssekretär Markus Richter (CDU). Die Themen auf ihrer Agenda laut Bericht: „KI und Gesellschaft, KI-Sicherheit, KI-Anwendung, KI-Infrastruktur, Frontier AI und KI-Talente“.
So soll es beim Thema „KI und Gesellschaft“ darum gehen, Vertrauen gegenüber KI in der Gesellschaft zu stärken und „Teilhabe, Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt“ zu fördern. Die Taskforce verfolgt das Ziel, dass mehr als 80 Prozent der „Bevölkerung KI-Anwendungen aktiv im privaten oder beruflichen Alltag“ nutzen.
Verwaltung künftig per agentischer KI
Ein Beispiel für KI im öffentlichen Sektor sind agentische KI-Systeme für die öffentliche Verwaltung. Die sollen entscheidend werden, erklärte Jarzombek (CDU) begeistert. Agentische KI spiele in der Bundesverwaltung bereits eine Rolle mit Funktionen wie der Vollständigkeitsprüfung von Anträgen oder Zusammenfassungen von mehrseitigen Dokumenten. Dazu entwickelt das Digitalministerium etwa das Projekt Spark-KI Workflow, das Tool soll dabei helfen, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen.
Alles netzpolitisch Relevante
Drei Mal pro Woche als Newsletter in deiner Inbox.
Im Fokus stehe, Personal zu entlasten und die Bearbeitungszeit für Anträge deutlich zu verkürzen. Langfristig soll agentische KI aber auch insgesamt den erwarteten Personalnotstand abfangen, wie Stephanie Kaiser vom DigitalService auf dem Panel zu agentischer KI erklärt. Bis 2035 würden circa 1,5 Millionen Verwaltungsmitarbeiter*innen in den Ruhestand gehen.
Kaiser arbeitet zusammen mit Philip von Haehling, Geschäftsführer des Unternehmens „PD – Berater der öffentlichen Hand“, am neuen Agentic Agency Framework. Damit zeichnet das Digitalministerium das Zielbild der Verwaltung, in der künftig „KI-Agenten viele Aufgaben selbstständig erledigen“. Das Framework ist noch im Aufbau, soll aber langfristig eine Verwaltung ermöglichen, „die auch dann für die Menschen da ist, wenn Fachkräfte fehlen“.
Ansprechpartner KI
Das soll dann in etwa so aussehen, dass Bürger*innen die Verwaltung über eine einzige Anlaufstelle erreichen und ihre Anliegen nicht unbedingt mit einer Fachkraft besprechen, sondern mit der KI. Dafür soll in entsprechende KI-Infrastruktur investiert werden. Hier steht Geld zur Verfügung, das seit Jahrzehnten für digitale öffentliche Infrastruktur fehlt.
Agenten sollen sich dann bei der Bearbeitung von Anträgen „behördenübergreifend im Hintergrund miteinander abstimmen“, so Kaiser. Je nach Risiko prüfe der Mensch oder steuere, wo es nötig werde. Dabei müssten die Schritte der Agenten nachvollziehbar und kontrollierbar bleiben. Wie das realistisch technisch erzielt werden soll, führten Kaiser und von Haehling vor Ort nicht aus.
Vielmehr stellten sie in Aussicht, dass die Verwaltung künftig die immer größer werdende Anzahl an eingehenden Anträgen leichter bewältigen kann. Das sei zurzeit noch eine große Herausforderung. Immer mehr Menschen würden ihre Anträge mit KI generieren und das nehme deutlich weniger Zeit in Anspruch.

Schreibe eine Ergänzung!