Es lässt mich nicht los, dieses kleine, viereckige Gerät. Das eine Ding, das ich immer bei mir trage, selbst wenn ich nur vom Schlafzimmer in die Küche laufe. In der Bahn, in Pausen, beim Warten an der Ampel, vorm Einschlafen, direkt nach dem Aufwachen: In jeder freien Sekunde geht mein erster Griff zum Smartphone. Selbst wenn ich Besseres zu tun hätte und selbst wenn mich der Inhalt eigentlich gar nicht interessiert oder ich vom Scrollen schon längst Kopfschmerzen habe. Auch dann, wenn ich eigentlich nicht frei habe. Wenn ich – so wie jetzt gerade – eine Hausarbeit für die Uni schreiben sollte oder eine Kolumne abgeben muss.
Meine durchschnittliche tägliche Bildschirmzeit auf Instagram beträgt zwei Stunden. Zwei Stunden jeden Tag. Auf ein Jahr hochgerechnet sind das 730 Stunden, die ich mit einer einzigen App verbracht habe. In dieser Zeit hätte ich im vergangenen Jahr eine Sprache lernen oder ein gesamtes zusätzliches Studiensemester im Umfang von 30 ECTS abschließen können. Ganz abgesehen von der Zeit, die ich auf WhatsApp, beim Surfen oder mit Serien verbringe. Mir ist das seit Jahren bewusst. Und trotzdem ändert sich nichts. Das ist kein persönliches Versagen. Es ist Systemdesign.
Laut einer Studie aus dem Jahr 2025 verbringen deutsche Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren im Schnitt über 200 Minuten täglich im Netz. Das entspricht einem Teilzeitjob. 68 Prozent der Befragten stimmen der Aussage zu: „Es kommt oft vor, dass ich mich vergesse und viel mehr Zeit am Handy verbringe, als ich geplant hatte.“ Das ist kein Charakterproblem. Das ist das Ergebnis von Milliarden Euro, die in Systeme investiert wurden, um genau das zu erreichen.
By Design
Soziale Medien sind längst nicht nur Unterhaltungsmedien. Sie sind Aufmerksamkeitsmaschinen. Ihr Geschäftsmodell basiert nicht auf guten Inhalten, die produzieren sie nicht einmal selbst. Und wenn wir ehrlich sind, ist der meiste Content in Sozialen Medien weder besonders unterhaltsam noch bereichernd.
Das Geschäftsmodell basiert darauf, menschliche Aufmerksamkeit zu binden, zu messen und in Werbeeinnahmen zu verwandeln. Je länger wir scrollen, desto wertvoller sind wir als Nutzer. Unsere Zeit ist das Produkt.
Alles netzpolitisch Relevante
Drei Mal pro Woche als Newsletter in deiner Inbox.
Die Mechanismen sind gut dokumentiert: Plattformen wie Meta und ByteDance setzen auf denselben neurobiologischen Mechanismus wie Spielautomaten: den variablen Verstärkungsplan. Das Gehirn schüttet Dopamin nicht aus, wenn es eine Belohnung erhält, sondern während es eine erwartet. Es ist das Vielleicht, das süchtig macht. Vielleicht unterhält mich der nächste Clip besser als der davor.
Dazu kommen Endlosscrolling ohne natürliche Pause, Push-Benachrichtigungen im Sekundentakt, Empfehlungssysteme, die nicht das Interessanteste zeigen, sondern das, was uns emotional am stärksten aktiviert. Der Schließen-Button kleiner und grauer als der Weiter-Button. Die Datenschutzeinstellungen hinter drei Menüs versteckt. Die Kündigung, die nach jeder Menge Kleingedrucktem den Account nur für dreißig Tage stilllegt.
All das zusammen ergibt eine Architektur, in der Freiheit simuliert wird – du kannst ja jederzeit aufhören – aber strukturell verhindert. Wer hier „zu viel“ Zeit verbringt, hat nicht versagt. Er hat sich einem System ergeben, das dafür optimiert wurde, ihn auf der Plattform zu halten. Und das es gleichzeitig schafft, uns all das als emanzipatorisch zu verkaufen.
Soft Power reicht nicht aus
Auf solche Probleme antworten Entscheidungsträger gerne mit weichen Steuerungselementen: etwa mehr Medienkompetenz in der Schule. Das ist nicht falsch. Aber es ist unzureichend – selbst wenn dieser Forderung endlich einmal ernsthaft nachgegangen würde. Es wäre so, als würde man einem rauchenden Jugendlichen sagen, er solle mehr Willenskraft aufbringen, anstatt Tabakwerbung zu regulieren und Zigarettenhersteller zur Verantwortung zu ziehen.
Das strukturelle Problem ist eine fundamentale Machtasymmetrie: Auf der einen Seite Unternehmen mit Milliardenumsätzen und Tausenden Mitarbeitern, die sich rund um die Uhr mit einer Frage beschäftigen: Wie halten wir Menschen möglichst lange auf der Plattform? Und auf der anderen Seite Nutzer, die – selbst wenn sie wissen, wie ihnen da eigentlich geschieht – nahezu keine Möglichkeit haben, sich davor zu schützen und gleichzeitig weiterhin große Online-Plattformen zu nutzen.
Brüssel will mehr digitalen Verbraucherschutz
Nach Jahren der Diskussion plant die EU-Kommission den Digital Fairness Act (DFA); ein Gesetz, das das digitale Verbraucherrecht grundlegend neugestalten soll. Grundlage ist eine Erhebung aus dem Oktober 2024, deren Befund ernüchternd ausfiel: Die bestehenden EU-Verbraucherschutzgesetze taugen für das digitale Zeitalter nicht. Verbraucher werden durch manipulative Online-Praktiken zu Vertragsabschlüssen verleitet, die sie sonst nicht getätigt hätten.
Wir sind communityfinanziert
Unterstütze auch Du unsere Arbeit mit einer Spende.
Der DFA soll nach aktueller Beschreibung seitens des EU-Parlaments unter anderem vier Kernprobleme regulieren: Dark Patterns, suchterzeugendes Design, Influencer-Marketing und die unlautere Personalisierung durch die Plattformbetreiber selbst.
Kein Wunder, dass die Plattformen dagegen Sturm laufen. TikTok erklärte in der Konsultation zum geplanten Gesetz, es bestehe nur sehr begrenzter Bedarf an zusätzlicher Regulierung. ByteDance, Meta, Google: Sie alle wissen, was auf dem Spiel steht. Weniger manipulatives Design bedeutet weniger Verweildauer, weniger Werbeeinnahmen.
Die EU hat mit DSA, DMA und AI Act bereits ambitionierte Digitalgesetze verabschiedet. Diese Regelwerke haben eine gemeinsame Leerstelle: Sie regulieren Inhalte und Marktmacht, nicht das Design der Plattformen. Der DFA soll genau diese Lücke schließen. Entscheidend wird – wie so oft – die Durchsetzung des Acts sein. Die EU hat eine unrühmliche Geschichte, ambitionierte Gesetze zu verabschieden und sie anschließend unzureichend durchzusetzen.
„Langweiliger“, aber freier
Ich will keine App-freie Welt. Keine vordigitale Idylle, wie sie so mancher Kulturpessimist allzu gerne zeichnet. Was ich will, ist die tatsächliche Freiheit, darüber zu entscheiden, wie ich meine Zeit verbringe. Eine App-Architektur, die mich nicht gegen mich selbst ausspielt.
Soziale Medien müssen langweiliger werden. Nicht im Sinne schlechterer Inhalte – die sind ohnehin meist beliebig. Sondern im Sinne eines Designs ohne psychologische Fallen. Das zu ermöglichen, ist eine politische Entscheidung. Und es wird Zeit, dass diese Entscheidung zugunsten der Verbraucher in Brüssel getroffen wird.

Genau die gewünschten Plattformen gibt es seit Jahren. Mastodon ist zu meiner Hauptinformationsquelle für Nachrichten, Berufliches und Freizeit geworden. Das Design ist genau wie im Artikel gefordert und es geht unter den Usern geordnet und gesittet zu.
https://fediverse.info/
Ich weiß nicht, ob eine Regulierung durch die EU hier wirklich ausreicht. Gut, Dark Patterns, suchterzeugendes Design, Influencer-Marketing und die unlautere Personalisierung sind aus meiner Sicht sowieso kriminell. Doch mit einem Verbot alleine ist es wohl nicht getan. Es stellt sich die Frage, warum überhaupt das Bedürfnis da ist.
Nur ein willkürlich gewähltes Beispiel: Stellen wir uns mal ganz dumm. Man könnte vielleicht als konservative, wirtschaftlich denkende EU-Kommissarin die Frage nach den gesellschaftlichen Kosten in Relation zum Verdienst der Anbieter stellen.
Sagen wir nur 2h jeden Tag, entspricht, um einfacher zu rechnen, mit dem sehr geringen Stundenlohn von 12.50EUR/h, wird zu 500EUR in der Woche, bei 40h = 2000EUR pro Monat als Äquivalent zur Arbeitszeit. Das Wochenende vergessen wir mal. Diese 2000EUR werden nicht versteuert. Der Staat hat nix davon.
2000 EUR? Kann man nicht so rechnen? Auch weil die sozialen Netzwerke nur einen Bruchteil, sagen wir 10% davon wieder einfahren? 200EUR? Bei 1% sind das immer noch 20EUR. Von mir aus nur 2EUR, dann verbrennt Meta, TikTok also 1998EUR eines jeden Nutzers im Monat.
Wieviele Nutzer hat Meta?
Full ACK!
„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ hat Adorno gesagt. Übertragen auf die Welt der kommerziellen (durch Datensammlung und Werbung finanzierten) antisozialen Plattformen heißt das: Die bestehenden Plattformen mit ihren auf der Erregungsökonomie beruhenden Geschäftsmodellen entziehen sich vom Prinzip her jeglicher Regulierung. Die einzig nachhaltige Möglichkeit ist: komplett verbieten.
Wir alle müssen uns auch an die eigene Nase fassen: Wenn das Produkt kostenlos ist, bist du das Produkt. Wie müssen uns daran gewöhnen, gute Dienste selber persönlich zu finanzieren: guten Journalismus, Online-Dienste. Natürlich zahle ich regelmäßig an „meine“ Mastodon-Instanz, „meine“ PeerTube-Instanz, einige NGO und einige Nachrichtenportale. Die müssen alle von irgendetwas leben, damit sie nicht auf die miesen Geldquellen der Big-Tech angewiesen sind.
> Mastodon ist zu meiner Hauptinformationsquelle für Nachrichten, Berufliches und Freizeit geworden.
Zunächst möchte ich sagen, dass ich nie der Versuchung unterlegen bin, mich bei sog. „Social Media“ anzumelden. Ich wusste von der Allmacht von Administratoren in der IT, und mir war es von Anfang an klar, dass ein Herr Zuckerberg kein sozialer Wohltäter ist, sondern schnell richtig reich werden will. Mir war sofort klar, da mache ich nicht mit, ich lasse mich nicht dazu benutzen, andere reich und mächtig zu machen.
Bekannte und (richtige) Freunde haben mich bedrängt, hier und da mitzumachen. Noch heute sage ich ihnen, dass dazu meine Dummheit dafür nicht ausreicht.
Was ich mir doch alles mit meiner Haltung erspart habe — ‚doch meine Kameraden konnte ich nicht retten, sie gingen an ihrer eigenen Dummheit zugrunde, denn sie aßen von den (kostenlosen) Rindern des Helios.‘
Erfahren habe ich von deren schlechten Gefühlen, Bedrängnis, Angst, Verderb und sogar Tod. Manche versuchten davon los zu kommen, und schafften es nicht, obwohl es ihnen klar ist, dass sie ihre Lebenszeit vergeuden. Zu tief sind sie verstrickt und damit beschäftigt, ihre virtuellen Kulissen permanent zu reparieren, und es geht ihnen dabei überhaupt nicht gut.
Ja, ich habe Mastodon ausprobiert. Und ja, dort geht es wohl nicht ganz so übel zu, aber ich habe daran wenig Interesse. Ich kann mit meiner Zeit besseres anfangen, anstatt mich durch Ergüsse und Bildchen der anderen zu quälen. Zeitaufwand und Nutzen stehen in keinem guten Verhältnis, weil Entertainment und Zeitvertreib dabei nicht zu meinen Bedürfnissen zählen.
Validierte Nachrichten sind mir wichtig, nicht der Dreck auf „X“ oder Telegram, der mein Hirn beschädigen könnte, mein wichtigstes (Über-)Lebensorgan. Das jedoch wurde vor allem durch sog. Bezahlschranken immer schwieriger, eine verhängnisvolle Entwicklung, weil sie viele Menschen faktisch von Informationen abschneidet.
Nachtrag, natürlich ist nicht mal 40 sondern mal 5*4 (5 Tage/Woche, 4 Wochen pro Monat) zu rechnen. Dann sind das nicht 2000 sondern 500EUR im Monat (sorry, nicht ganz wach). Das ändert aber wenig am Prinzip
Dem wie auch der sehr ansprechenden und treffenden Darstellung des Problems im Artikel kann ich nur zustimmen. Es gibt Mittel und Wege, die Macht, Dominanz und Methoden der Giga-Plattformen zu durchbrechen. Nutzen wir sie!
Da stimme ich ja zu. Allerdings will „meine“ Firma und auch die Behörden z.B. nicht von Microsoft weg, trotz aller Argumente und Kostenrechnungen. Wir wollen nicht von whatsApp weg, versuchen Signal und Co. zu regulieren, setzen uns den Manipulationen von „social media“ freiwillig aus und setzen ohne den blassesten Schimmer „voll auf KI“.
„Welche Farbe soll die Datenbank haben? Mauve has the most ram!“ (Dilbert) ist eine passende Beschreibung der Entscheider.
Wir sperren willkürlich das Internet und verbieten Kindern den Umgang damit. Daten sind das Gold der Zeit, ganz egal, ob sie mir gehören, ob sie halbwegs korrekt sind oder ob es Vorschriften gibt. Kameraüberwachung, Handyüberwachung, Gesinnungsprüfungen, aber staatliche Transparenz auf ein Minimum absenken (Informationsfreiheitsgesetz anyone?)? Die deep
fake diskussion lass ich mal aus (Frauen- und Menschenrechte irgendwer?).
Also, also man müsste schon den Arsch hochheben, um die Mittel und Wege zu nutzen. Man sollte mit den Füßen abstimmen, bevor es zu spät ist und die dritte und vierte Partei am „Projekt 18“ arbeiten muss. Denn dann haben wir keine Wahl mehr.
730 Stunden? Frau Siepmann, Sie sind App-Süchtig. ;-)
Ich habe vor über einem Jahrzehnt Facebook verlassen. Nicht so sehr (aber auch) weil ich es auf Dauer langweilig fand immer das gleiche zu lesen, sondern weil ich mit einer Änderung der AGB in der man sich raus nahm einen jederzeit überall (Like-Buttons) verfolgen zu dürfen. Da wollte ich einfach nicht mehr. Und ich betrauere das damit ein Sterben Privater Homepages und deren Vielfalt einher ging. In anderen Bereichen ist es leider nicht so einfach (muss ich zugeben) den Willen auf zu bringen etwas bestimmtest (Nicht mehr) zu tun.
Etwas als Schädlich betrachtetes Staatlich zu regulieren ist auch Zweischneidig. Eine neue Regierung könnte das schnell zum üblen wenden. Aber das es gelänge die Anbieter von Dark Pattern u.a. Tricks ab zu bringen bezweifele ich auch, hängt doch genau daran sicher ein Großteil ihres Geschäftsmodells. Der Einzige Weg ist offenbar der hier, die Leute darüber aufklären WAS da mit ihnen passiert. Oder, dazu ein Sprachliches Framing und diese Medien auch als das benennen was sie im Kern sind: ASOZIAL. Also genau das Gegenteil von dem was sie (uns) „verkaufen“ wollen. Die Nutzer sind es die Verkauft werden.
4. Möglichkeit: Bezahlt die User für den Content und die Meta-daten die sie Produzieren! = Gewinnabschöpfung. ;-)