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Beschlagnahme bei der ZEIT: Recherchematerial hat in Ermittlungen nichts zu suchen

Dass die Hamburger Polizei allen Ernstes Redaktionsräume der Zeit durchsuchen wollte, ist ein Frontalangriff auf die Pressefreiheit. Journalistisches Rohmaterial hat in den Händen von Staatsanwälten und Polizeien nichts verloren. Wenn wir das durchgehen lassen, erschüttern wir das Vertrauen in die Presse.

  • Markus Reuter
Rote Ampel vor einem Haus, auf dem ein Logo mit der Aufschrift "Die Zeit" hängt
Bei der Durchsuchung von Redaktionen müssen alle Ampeln auf Rot springen. (Symbolbild) – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / Jürgen Ritter

Wieder einmal hebeln Strafverfolgungsbehörden den Quellenschutz und damit die Pressefreiheit aus. Dieses Mal hat es „Die Zeit“ erwischt, bei der das Landeskriminalamt Hamburg und die Staatsanwaltschaft am Montag mit einem Durchsuchungsbeschluss für die Redaktion anrückte. Die Durchsuchung wehrte das Medium nur ab, weil es die fraglichen Daten freiwillig, „versiegelt“ und unter Widerspruch herausgab. Die Zeit protestiert gegen die Maßnahme, will den Durchsuchungsbeschluss anfechten und hofft darauf, dass die Daten vor einer gerichtlichen Entscheidung nicht genutzt werden.

Die Beschlagnahme von Interviewaufzeichnungen, also dem Rohmaterial eines Podcasts zum Block-Delling-Prozess beim Landgericht Hamburg, ist eine Frechheit. Der Schutz von Informant:innen und Quellen dient dazu, dass diese sich der Presse vertrauensvoll öffnen können, ohne Angst vor einer Enttarnung oder einer Verfolgung zu haben. Nur ein funktionierender Schutz der Quellen garantiert, dass die Presse ihre Aufgabe voll und ganz wahrnehmen kann.

Der Quellenschutz ist elementarer Bestandteil der Pressefreiheit – das ist auch höchstrichterlich mehrfach bestätigt worden. Grundsätzlich haben Journalist:innen ein umfassendes Zeugnisverweigerungsrecht, dazu kommt ein Beschlagnahmeverbot für Recherchematerial.

Pressefreiheit frontal angegriffen

Wer das, wie nun die Hamburger Ermittler, ignoriert, greift die Pressefreiheit frontal an. Das Bundesverfassungsgericht hat klargemacht, dass eine Durchsuchung in Redaktionsräumen nicht vorrangig dem Zweck dienen darf, den Verdacht von Straftaten durch Informanten aufzuklären – sondern dann schon die Pressevertreter:innen selbst beschuldigt sein müssen. Das ist bei der Zeit ausdrücklich nicht der Fall. Das Gericht will mit der Maßnahme neues Beweismaterial erheben und nebenbei die Glaubhaftigkeit der Zeugen überprüfen.

Wenn wir Staatsanwaltschaften, Polizeien und Gerichten solche Maßnahmen durchgehen lassen, erschüttern wir das Vertrauen in die Presse – und das schadet der Demokratie als Ganzes. Nur weil es sich beim Block-Prozess um ein Verfahren mit maximaler Medienaufmerksamkeit handelt, heißt das nicht, dass Polizei und Staatsanwaltschaft hier rechtsstaatliche Prinzipien mit Füßen treten dürfen.

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass sich Staatsanwaltschaften an der Pressefreiheit vergehen. So ließ eine Staatsanwaltschaft 2013 gleich Wohnungen von fünf Fotografen durchsuchen, um an deren Bildmaterial zu kommen, mit dem ein Straftäter auf einer Demo identifiziert werden sollte. Im Jahr 2023 hatte die Polizei den Freiburger Sender Radio Dreyeckland und zwei Privatwohnungen durchsucht – die Maßnahme wurde jüngst vom Bundesverfassungsericht für rechtswidrig erklärt.

Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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7 Kommentare zu „Recherchematerial hat in Ermittlungen nichts zu suchen“


  1. Leider wird die AFD nicht besser sein, bzw. wird nichts besseres bewirken. Wie stellen sich die Parteien? Irgendwer mit Prinzipien, da draußen?


  2. „Wenn wir der Polizei solche Maßnahmen durchgehen lassen, erschüttern wir das Vertrauen in die Presse – und das schadet der Demokratie als Ganzes. Nur weil es sich beim Block-Prozess um ein Verfahren mit maximaler Medienaufmerksamkeit handelt, heißt das nicht, dass Polizei und Staatsanwaltschaft hier rechtsstaatliche Prinzipien mit Füßen treten dürfen.“

    nicht nur polizei und staatsanwaltschaft. ein durchsuchungsbeschluss wird immer von einem richter ausgestellt bzw durch die unterschrift rechtswirksam. also muss in die liste „polizei und staatsanwaltschaft“ auch „gericht“ rein


    1. Markus Reuter

      ,

      Stimmt, ich habe das Gericht ergänzt.


    2. Hier ist es explizit das Gericht selbst, das in einer laufenden Verhandlung im Rahmen der Beweisaufnahme die Durchsuchung angeordnet hat.

      Das steht auch so im LTO Artikel.


      1. LTO dröselt den Fall weiter auf: https://www.lto.de/recht/hintergruende/h/block-prozess-tag-82-zeit-podcast-pressefreiheit-angriff-ehefrau-hensel-zeugin

        Ein interessanter Aspekt ist, dass der Quellenschutz nicht die Quellen, sondern die Journalisten schützen soll. Wobei das in der Praxis wohl auf dasselbe hinausläuft. In dem konkreten hat die Zeugin wohl angegeben, durch die Durchsuchung stark verunsichert geworden zu sein. Was am Ende wohl dazu führt, dass noch weniger Zeugen und Whistleblower mit Journalisten reden werden, weil Polizei und Staatsanwaltschaft über Durchsuchungen jede Zusicherung von Schutz und Anonymität zu Nichte machen.

        Ebenfalls interessant ist, dass offenbar unabhängig von der Rechtmäßigkeit der Durchsuchung alle Informationen von Polizei und Staatsanwälten genutzt werden dürfen, die gefunden wurden.

        Der Fall ist etwas anders als viele andere Durchsuchungen, weil der Name der Zeugin den Behörden bereits bekannt war, und die Zeugin bereits umfassend ausgesagt hatte. Zudem waren Teile der Interviews schon veröffentlicht worden. Wsa die Frage aufwirft, welches Ziel die angedrohte Durchsuchung überhaupt hatte.

        Und ob nicht veröffentlichte Teile des Interviews dem Quellenschutz unterliegen, oder ob jede Information, die man einer Journalistin gibt, als „öffentlich“ betrachtet und verwertet werden kann.

        LTO geht davon aus, dass die ZEIT diese Fragen wohl notfalls bis zum Bundesverfassungsgericht bringen wird.


        1. Thorsten Gorch

          ,

          „Quellenschutz nicht die Quellen, sondern die Journalisten schützen soll“ Quellen werden von der Staatsgewalt als Gefahr gesehen. Könnte ja die Staatsräson gefährden. Ja, war schon immer so, leider. Sollte jeder Whistleblower wissen.

          „Ebenfalls interessant ist, dass offenbar unabhängig von der Rechtmäßigkeit der Durchsuchung alle Informationen von Polizei und Staatsanwälten genutzt werden dürfen, die gefunden wurden.“

          Ja, ein Verwertungsverbot existiert in Deutschland nicht. Die Staatsgewalt kann Fehler noch & nöcher begehen. Interessiert nicht.

          Ich weiß auch nicht warum die Mehrheit denkt Rechtstaat bedeutet das sie geschützt werden. Das System wird geschützt. nicht der Bürger, vielleicht der extrem wohlhabende Bürger, aber nicht Otto / Ottine Normalsteuerzahler. Der/Die/Diverse hat Maul zu halten.


  3. Gab es ein milderes Mittel? Dh. wurde die Herausgabe der Aufzeichnungen angefragt? Steht der Eingriff in einem vernünftigen Verhältnis zum möglichen Erkenntnisgewinn?

    Welchen konkreten Beweiswert erwartete das Gericht noch von den unveröffentlichten Materialien, der einen Eingriff in die Pressefreiheit und sogar Durchsuchungen von Privatwohnungen rechtfertigt? Wann wird eine legitime richterliche Sachaufklärung zu einem unverhältnismäßigen Eingriff in Grundrechte?

    Ich bin auf die Begründung der Kammer gespannt, die Begründung für die Rechtsmittel gegen die Entscheidung liegen unabhängig des Ergebnisses auf dem Tisch.

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