Privatsphäre in GefahrAustralien stellt sich gegen Alterskontrollen bei Pornoseiten

Die Technologien sind nicht ausgereift, warnt die australische Regierung. Alterskontrollen bei Pornoseiten könnten die persönlichen Daten von Erwachsenen gefährden. Der deutschen Medienaufsicht dagegen ist Datenschutz für Porno-Konsumierende „wumpe“.

Eine Australien-Flagge, die Suchleiste der Website Pornhub
Australien hat Bedenken bei Alterskontrollen – Alle Rechte vorbehalten Flagge: IMAGO / Chromorange; Screenshot: pornhub.com; Montage: netzpolitik.org

Rund um den Globus wollen Regierungen gerade Alterskontrollen im Internet hochziehen. Unter anderem in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und den USA sollen Besucher*innen von Pornoseiten vermehrt Daten preisgeben, um zu beweisen, dass sie volljährig sind. Da Pornoplattformen zu den meistbesuchten Seiten im Netz gehören, betrifft das Abermillionen Menschen. Sie sollen zum Beispiel ihre Ausweise vorlegen oder ihr Gesicht biometrisch scannen lassen. Gegen diesen Trend stellt sich nun die Regierung in Australien.

Alterskontrollen müssen „ein Gleichgewicht zwischen Privatsphäre und Sicherheit herstellen, ohne die persönlichen Daten von Erwachsenen zu gefährden, die sich für den Zugang zu legaler Pornografie entscheiden“, erklärte nun das zuständige Ministerium für Infrastruktur in einem ausführlichen Statement (PDF). Außerdem müssten Alterskontrollen verlässlich funktionieren, ohne einfach umgangen werden zu können. Diese und weitere Eigenschaften könnten aktuelle Technologien jedoch nicht erfüllen. Das Fazit der Regierung: Der Markt für Alterskontrollen sei aktuell nicht ausgreift. „Eine Entscheidung über verpflichtende Alterskontrollen kann noch nicht getroffen werden.“

Behörde empfiehlt Förderung von Pornokompetenz

Das Ministerium reagiert damit auf Australiens unabhängige Regulierungsbehörde eSafety. Die Behörde hat das Ziel, die Sicherheit für australische Internet-Nutzer*innen zu erhöhen. Im März hat sie eine ausführliche Analyse über Alterskontrollen für Pornoseiten vorgelegt. Die Empfehlungen von eSafety sind nicht bindend. Die zumindest vorläufige Absage der australischen Regierung an Alterskontrollen ist für die Regulierungsbehörde sogar ein Dämpfer: eSafety selbst hätte weniger Bedenken und hat den Einsatz von Alterskontrollen in Pilotprojekten empfohlen.

Die Analyse von eSafety legt außerdem dar, aus welchen Gründen Minderjährige vor Pornografie geschützt werden sollen. Sie empfiehlt mehrere Lösungswege und wägt deren Vor- und Nachteile ab. Ein weiteres Mittel ist der Behörde zufolge Aufklärung, und das nicht nur an Schulen. „Junge Menschen wenden sich oft an Gleichaltrige, daher ist es wichtig, das sexuelle Wohlbefinden und die Pornokompetenz junger Menschen zu fördern“, schreibt eSafety.

Pornokompetenz ist eine besondere Art von Medienkompetenz, den Begriff gibt es auch im Deutschen. Bei Pornokompetenz geht es unter anderem darum, zwischen medialer Darstellung und Realität zu unterscheiden und einen guten Umgang mit den Inhalten zu entwickeln. Die Pornowissenschaftlerin Madita Oeming schreibt in ihrem Buch „Porno – eine unverschämte Analyse“ zu diesem Begriff: „Ziel ist es, Jugendliche dazu zu ermächtigen, sich entsprechend ihrer Bedürfnisse und Interessen für oder gegen Pornonutzung zu entscheiden und dabei sowohl Risiken zu minimieren als auch positive Potenziale für sich auszuschöpfen.“

Die US-amerikanische Free Speech Coalition ist ein gemeinnütziger Wirtschaftsverband, sie vertritt die Interessen der Pornobranche. In einem Statement lobt sie die Entscheidung der australischen Regierung. „Die australische Regierung hat sich dafür entschieden, dem Schutz der sensiblen Daten von Bürger*innen Vorrang einzuräumen und ihnen gleichzeitig den Zugang zu legalen Inhalten zu erhalten“, schreibt Geschäftsführerin Alison Boden auf Englisch.

Warum Fachleute vor Alterskontrollen warnen

Während die Regierung in Australien differenzierte Abwägungen trifft, verfolgt die Medienaufsicht in Deutschland eine schlichtere Strategie. Hier pochen die Landesmedienanstalten auf strenge Alterskontrollen und drohen Pornoseiten mit Netzsperren. Die zuständige Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) empfiehlt ausdrücklich auch invasive Systeme, die etwa den Personalausweis scannen, das Gesicht von Nutzer*innen biometrisch erfassen oder Daten mit der Kreditauskunftei Schufa abgleichen. Auf der Berliner Konferenz re:publica sagte Deutschlands oberster Jugendschützer, Marc Jan Eumann (SPD), Datenschutz von Porno-Konsumierenden sei ihm „echt wumpe“.

Bürgerrechtler*innen warnen seit Jahren nachdrücklich vor den Gefahren von Alterskontrollen, einerseits, weil sie das Grundrecht auf Privatsphäre gefährden, anonyme Internet-Nutzung enorm einschränken und Menschen ohne Ausweisdokumente diskriminieren können. Andererseits, weil sie ihr Ziel verfehlen; Jugendliche zum Beispiel vor schlechten Erfahrungen durch Pornografie zu schützen. Längst gibt es auch weniger invasive Lösungen, etwa gerätebasierte Filter, die Aufsichtspersonen auf den Handys und Laptops ihrer Schützlinge installieren können.

In den USA ist der politische Druck auf Pornoseiten derweil noch größer. Mehrere US-Staaten verlangen Ausweise vor dem Besuch von Pornoseiten, unter anderem Louisiana, Mississippi, Utah, Virginia und Arkansas. Pornhub, eine der meistbesuchten Websites der Welt, hat sein Angebot deshalb aus diesen Staaten zurückgezogen.

Alterskontrollen werden nicht nur im Kontext von Pornoseiten diskutiert. Auch andere Gesetze, die Jugendliche im Netz schützen sollen, handeln von Alterskontrollen, etwa die geplante EU-Verordnung zur „Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs von Kindern“ – bekannt als Chatkontrolle – oder der US-amerikanische Kids Online Safety Act.

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6 Ergänzungen

  1. Wir können uns darauf einstellen, dass dann als nächstes der Ruf nach Alterskontrollen bzw. generellem Ausweiszwang bei der Nutzung von VPN-Diensten gefordert wird. Es geht nämlich schon eine Weile nicht mehr um Jugendschutz oder Schutz vor Missbrauch, sondern es geht inzwischen grundsätzlich darum die Anonymität im Internet abzuschaffen.

  2. Huch, jetzt bin ich aber wirklich überrascht! Normalerweise wetteifern die Ausies doch mit den Briten, wer bei Überwachungsmaßnahmen schneller ist.
    Nun denn – hoffen wir, dass die Phase der Weisheit lange anhält.

  3. Die ganzen Neuländler in den Regierungen der Welt, sollten doch erst mal einen Beweis erbringen, das Pornokonsum im Jugend oder von mir aus auch im Kindesalter tatsächlich schädlich ist. Bislang gibt es nur Behauptungen von den ganzen Klemmies.

    1. Ich möchte vor allem auch mal einen einzigen Erwachsenen treffen, der vor der Volljährigkeit nie einen Porno geschaut hat. Das ist alles so ein sinnloses Theater. Statt Aufklärung zu betreiben und den Pubertierenden einen selbstbestimmten Umgang zu ermöglichen, muss hier gehelikoptereltert werden und mit dem 18. Geburtstag dann ist man angeblich plötzlich komplett reif…

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