DigitalisierungStudie kritisiert geplante Nationale Bildungsplattform

Die Nationale Bildungsplattform wird in Zukunft nicht nur die digitale Bildung, sondern auch unsere Auffassung von Bildung generell bestimmen. Das Projekt der Bundesregierung ist gegenwärtig noch in der Umsetzung. Eine Studie im Auftrag von Wikimedia Deutschland kritisiert die aktuellen Pläne, die fehlende Einbindung der Zivilgesellschaft und fordert einen offenen Diskurs.

Bildung ist vielfältig – das sollte sich auch in der Nationalen Bildungsplattform widerspiegeln, fordert eine neue Studie. – Illustration von Jasmina El Bouamraoui und Karabo Poppy Moletsane mit CC0-Lizenz, bearbeitet von Matthias Wörle im Auftrag von Wikimedia Deutschland, https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/

Seit Anfang 2021 ist die Nationale Bildungsplattform (NBP) in Planung, ein Projekt der damaligen Bundesregierung, das digitale Bildungsangebote bündeln soll. Auf einer Meta-Plattform sollen sich alle, die mitmischen wollen bei der digitalen Bildung versammeln:  Von den in der Pandemie in Betrieb genommenen Lernplattformen der Bundesländer bis hin zu privaten Softwaredienstleistern. Mit einem Single-Sign-On-Account bei einem Bildungsanbieter soll man sich auch bei allen anderen authentifizieren können. Im nächsten Jahr soll die NBP ans Netz gehen und Menschen aller Altersklassen zur Verfügung stehen – denn Lernen wird hier auch als lebensbegleitend verstanden.

Aber wird die NBP all diese hohen Erwartungen erfüllen können? Wikimedia Deutschland e.V. hat eine Studie (PDF) in Auftrag gegeben, welche „Werte und Strukturen der Nationalen Bildungsplattform“ untersucht hat und am Dienstag dieser Woche veröffentlicht wurde.

Plattformen sind nicht neutral

Die Studienautor:innen kommen zu dem Schluss, dass jede Entscheidung über eine technische Umsetzung Auswirkungen darauf haben wird, wie und von wem die NBP letztlich benutzt wird. Sie räumen auf mit der Annahme, man könne ein neutrales Gerüst schaffen und müsse lediglich „unpolitische Designentscheidungen“ treffen. Denn nach welchen Kriterien ein Algorithmus die Sichtbarkeit von Personen oder Inhalten verstärke, ob ein Feature implementiert werde oder nicht – solche Entscheidungen haben oft „nachhaltige Konsequenzen“, so das Studienteam.

Zudem wird eine Plattform von solchem Ausmaß eine „Infrastrukturhegemonie“ ausüben, wie Michael Seemann es in seinem Buch „Die Macht der Plattformen“ bezeichnet. Das heißt, sie beeinflusst nicht nur die Lernrealität von Nutzenden der Plattform, sondern auch derjenigen, die die NBP nicht nutzen. Denn Institutionen wie Schulen oder Educational-Tech-Start-Ups werden sich bei der Gestaltung ihrer Angebote daran orientieren, was die NBP unter Bildung versteht.

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Deshalb kritisiert die Studie, dass kein Diskurs darüber stattgefunden habe, welches Konzept von Bildung der Plattform zugrunde liegt. „Solange wir nicht begreifen, dass die technischen Infrastrukturen um uns herum politisch sind, verlieren wir den demokratischen Zugriff auf einen Großteil unserer Welt“, heißt es im Fazit.

Wenn die Nationale Bildungsplattform also zwangsläufig bestimmte Ideen von Bildung und Formen des Lernens in den Vordergrund stellt, dann bleibt die Frage: Welche sind das und wer entscheidet darüber? In diesem Fall ist die Antwort wohl: niemand so richtig. Denn die Frage, „welche Art von Bildung hier reproduziert wird“, wurde gar nicht erst gestellt. „Aus rein technisch-pragmatischen Gründen“ wurden schon bestehende Features in die NBP integriert und die sind natürlich geprägt von der aktuell vorherrschenden Vorstellung von Bildung.

Was ist gute Bildung?

Bildung ist aber vielfältig und es bestehen verschiedene Formen, die ebenso verschiedene Ziele verfolgen. Unser Bildungssystem ist laut dem Studienteam stark von Wissensaneignung sowie dem Erwerb arbeitsmarktrelevanter Qualifikationen geprägt. Diese Formen der Bildung sind „output-orientiert“, das heißt, dass sich Erfolge an einem Ergebnis, zum Beispiel neu gewonnenem Wissen oder einem Zertifikat, messen lassen. Aber Bildung besteht auch aus Partizipation und Wissensgenerierung. Hinzu kommt, dass man analoge Konzepte nicht einfach ins Digitale übersetzen kann, ohne sie zu transformieren. Dementsprechend braucht es eine Vision nicht nur von Bildung im Allgemeinen, sondern von digitaler Bildung im Besonderen. Und die liefert die Studie gleich mit.

„Weil wir aber konstruktiv sind, haben wir dem ganzen zweierlei entgegengesetzt“, schreibt Michael Seemann, Co-Autor der Studie, auf Twitter. Zum einen haben sie ihre eigene Vision von guter, digitaler Bildung ausformuliert – in dem Wissen, dass andere Menschen andere Visionen haben und aus Differenzen ein wichtiger Diskurs entstehen kann.

Zum anderen schlägt das Studienteam zwei Wege zur Neuausrichtung der NBP vor, entweder einen Neustart oder eine Reform der aktuellen Pläne. Ein „Neustart“ des Prozesses würde bedeuten, den Prozess zur Umsetzung der NBP zu stoppen und unter Einbeziehung der Zivilgesellschaft zuerst einmal Ziele zu formulieren. Der zweite Vorschlag, den das Team zwar nicht präferiert, aber für politisch eher durchsetzbar hält, sieht vor, die Zielsetzung nachzuholen, ohne den Prozess anzuhalten.

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Die Studienautor:innen kritisieren auch, dass kein Konzept zur Governance der NBP entwickelt worden ist. Governance umfasst unter anderem die Moderation von Interaktionen sowie die Frage, welche Metadaten erhoben werden und zu welchem Zweck. Dazu sieht der „Reform“-Vorschlag die Einsetzung einer Userrates vor, der als „oberstes Entscheidungsgremium“ für Governance zuständig sein soll.

“Lehrende oder Lernende? Je nachdem!“

Auf der Plattform soll auch die Idee von lebensbegleitendem Lernen berücksichtigt werden. Dazu gehört beispielsweise, dass eine Person nicht nur entweder anderen etwas beibringen oder selbst etwas lernen kann, sondern beides. „Bist du Lehrende oder Lernende? Je nachdem!“, sagt Saskia Esken im Rahmen der Vorstellung der Studie. Von ihr stammt die Idee, auf einer Meta-Plattform bestehende Bildungsangebote zu vernetzen.

Doch nicht nur unser Bildungsideal findet Eingang in die Plattform, sondern auch unser Menschenbild. Das wurde auf der Veranstaltung am Dienstag deutlich, bei der Wikimedia Deutschland e. V. die Studie präsentiert hat. „Weiß die 16-jährige, welches Angebot das richtige für sie ist?“, fragten sich die Teilnehmer:innen des Panels. Oder bräuchte es anstatt vollkommener Konkurrenz ein System, dass besonders junge Menschen an die Hand nimmt? Solche Fragen wollen gestellt und beantwortet werden.

Am 28. Juni 2022 endete die Phase, in der verschiedene Prototypen getestet wurden. Das zuständige Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat die Ausschreibung zur Nationalen Bildungsplattform daraufhin veröffentlicht. Die NBP wird also demnächst technisch realisiert – es sei denn, es wird doch noch die Notbremse gezogen.

6 Ergänzungen

  1. In jedem Fall Geldverschwendung. Wird nie mithalten können mit der Entwicklung und Qualität bestehender offener Wissensquellen im Internet. Und Kategorisierungen, was an Grund- und Fachbildung für wichtig gehalten wird, gibt es auf den Bildungsservern in fast jedem Bundesland bzw. in den Modulhandbüchern der Unis.

    1. Im Gegenteil. Es verursacht mehr Kosten, wenn jede Schule, Universität und jedes Land selbst die Soft- und Hardware planen und beschaffen muss, um digitale Bildung zu ermöglichen, als wenn es eine Standardlösung gäbe, auf die alle zurückgreifen. Das liegt daran, dass bei IT-Projekten meist die Fixkosten (d.h. Entwicklungs- und Wartungskosten) überwiegen, nicht die variablen Kosten (z.B. skalierende Serverkosten). Durch die größere Menge Ressourcen für das eine Projekt erhöht sich auch die erreichbare Qualität. Zu Qualität zähle ich dabei nicht nur die Features, sondern auch Zuverlässigkeit, Performance, Kompatibilität und nicht zuletzt Privatsphäreschutz. Allzu oft greifen die Lehrenden auf YouTube, Zoom und Google Drive zurück, um die digitale Bildung umzusetzen, weil diese Dienste zumindest ziemlich zuverlässig funktionieren.

      1. Das ist allerdings ein politisches Problem, das nicht mangels bereits existierender technischer Lösungen besteht. Will man die unnötigen doppelten Strukturen aufheben, muss man den Ländern die Hoheit im Bereich Bildung zumindest beschneiden oder sie sonstwie dazu bringen, zusammen zu arbeiten.
        Genauso hängt die extreme Abhängigkeit vom Einsatz und Wissen einzelner Lehrer und Schulen nicht davon ab, dass es keine Alternativen zu Zoom und Google Drive gäbe, sondern dass die Nutzung dieser Alternativen nicht konsequent vorgegeben wird.

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