Zehn Jahre VroniPlag-WikiDas Problem der Plagiate wird weiter ignoriert

Fragwürdige wissenschaftliche Arbeiten, die vor Plagiatsstellen nur so strotzen: Seit zehn Jahren dokumentiert eine Gruppe Unverzagter im VroniPlag-Wiki Doktorarbeiten, deren Verfasser besser nicht promoviert worden wären. Zum Jubiläum bleibt die Frage: Was ist die Bilanz des Kampfes gegen wissenschaftliche Unredlichkeit?

In der „Odyssee“ sieht Odysseus den Sisyphos, einst König von Ephyre, wie er mühselig mit beiden Händen einen riesigen Stein fortbewegt, um den Felsblock auf den Gipfel eines Berges zu wälzen. Und jeder weiß, was dann passiert. CC-BY-SA 3.0 Sam Beebe/Ecotrust

Heute vor zehn Jahren wurde das VroniPlag-Wiki ins Leben gerufen. Die kleine Community besteht aus einer Gruppe von Menschen mit wissenschaftlichem Hintergrund, die seit dem Jahr 2011 Plagiate in Hochschulschriften öffentlich in einem Wiki dokumentieren. Bisher sind 210 Dokumentationen veröffentlicht und die entsprechenden Hochschulen über die Plagiate informiert worden. Heute könnte die Plattform also ihr zehnjähriges Jubiläum und ihren Durchhaltewillen feiern – wenn es denn wirklich einen Grund zum Feiern gäbe. Weil das strukturelle Problem der universitären Plagiate immer noch darauf wartet, in Richtung einer Lösung geschoben zu werden, kann das Jubiläum nur ein Weckruf sein.

Vor zehn Jahren lag es gewissermaßen in der Luft, sich im Netz in Gruppen zusammenzuschließen, um gemeinsam Plagiate aufzudecken und an der gewissenhaften Dokumentation der Fundstellen zu arbeiten. Denn das Projekt VroniPlag-Wiki ging als ein Nachfolgeprojekt aus der damaligen GuttenPlag-Wiki-Community hervor. Diese hatte sich gemeinschaftlich dem Aufdecken und der Dokumentation der zahlreichen Plagiatsstellen in der Dissertation des ehemaligen Bundesministers Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg gewidmet und letztlich zu dessen Rückzug aus der Politik beigetragen.

Der prominente und heftig diskutierte Fall brachte auch den Stein ins Rollen, andere Doktorarbeiten gemeinschaftlich zu prüfen. Denn diese sind in der Regel öffentlich, stehen einer Prüfung also jederzeit offen. Das Veröffentlichen ist auch gerade die Essenz wissenschaftlichen Arbeitens, denn so können andere Forscher darauf aufbauen. Eine Dissertation muss nicht nur eigenständig sein, sondern typischerweise auch den aktuellen Stand der Wissenschaft wiedergeben, einordnen und reflektieren sowie ihn in Verbindung mit eigenen Forschungen setzen.

Das VroniPlag-Wiki hatte das ursprüngliche Ziel, Plagiate in der Dissertation der Juristin Veronica Saß zu dokumentieren, deren Doktorgrad im Mai 2011 aberkannt wurde. Wer sich nicht mehr erinnert: Saß ist die Tochter von Edmund Stoiber, dem damaligen CSU-Ministerpräsidenten von Bayern, und wurde „Vroni“ genannt. Daher stammt der Wiki-Name. Und wegen ihrer Verwandtschaft mit dem prominenten Spitzenpolitiker gab es bereits zwei Tage nach Beginn des Projekts viel Presseberichterstattung darüber.

Wer sind die „Plagiatsjäger“?

Sehr bald wurde plakativ in Zusammenhang mit dem VroniPlag-Wiki über die „Plagiatsjäger“ gesprochen und gefordert, dass die Gruppe mit „offenem Visier“, also orthonym arbeiten solle. Von Anfang an hatte die Gruppe aber klargestellt: Bei Plagiatsfällen sei es egal, wer die Person ist, die darauf hinweist; zentral sei, was man in einer Gegenüberstellung belegen und sehen könne, nämlich Hochschulschrift und Quelle, und welcher Art in Qualität und Quantität die Missachtung wissenschaftlicher Standards ist.

Die Gruppe arbeitet bis heute konsequent pseudonym, damit man zwar alle Edits von einer Person im Wiki nachvollziehen kann, aber nicht bei allen auch weiß, wer das ist. Etliche Mitwirkende sind nicht öffentlich bekannt. Aber mindestens drei Personen sind bekannt und haben sich auch medial geäußert.

Dreistes Kopieren am laufenden Band

Eine dieser Personen ist Debora Weber-Wulff. Sie ist nicht irgendeine Plagiatsjägerin, sondern medial wohl die deutsche Plagiatsjägerin schlechthin. Im echten Leben arbeitet sie als Wissenschaftlerin, forscht auch zum Thema Plagiat. Das strukturelle akademische Plagiatsproblem immer wieder auf die Tagesordnung zu bringen, ist ihr auch nach zehn Jahren ein Anliegen. Sie berichtet gegenüber netzpolitik.org von den Anfängen des VroniPlag-Wikis:

Ich bin Mitte April 2011 dazugestoßen. Ich habe im Februar und März 2011 pausenlos der Presse erklärt, was ein Plagiat ist und warum es problematisch ist. Ich habe mich am 13. April 2011 angemeldet mit dem Nick, den ich auch bei der Wikipedia nutze, WiseWoman. Meine eigenen wissenschaftlichen Forschungsinteressen lagen schon seit 2002 im Bereich Plagiat, als ich erstmals über das Problem publiziert habe.

Die Informatik-Professorin beschreibt auch, was viele Lehrende an Hochschulen und Universitäten in dieser Zeit erlebt haben, nämlich dreistes Kopieren am laufenden Band:

Ich hatte 2001, kurz nachdem ich als Professorin zur HTW gewechselt bin, gut ein Drittel Plagiate in einem meiner Kurse. Ich habe mein Wut auf die Studierenden dadurch rausgelassen, dass ich anderen Dozenten beibringen wollte, wie man mit Google Plagiate findet. Bis heute bin ich dabei, Leuten zu zeigen, wie einfach das ist! Man braucht keine sogenannte Plagiatssoftware. Arbeitsintensiv ist nur das Dokumentieren der Funde.

Debora Weber-Wulff
Debora Weber-Wulff - CC-BY-SA 4.0 René Zieger

Man sollte im Hinterkopf haben: Die alltägliche Nutzung von Suchmaschinen ist an den Unis und Hochschulen bereits fast zwanzig Jahre üblich. Damit Plagiate zu prüfen, sollte eigentlich längst keine Raketentechnologie mehr sein. Dass hingegen sogenannte Plagiatssoftware in vielen Fällen kaum brauchbar ist, zeigt Weber-Wulffs jahrelange Forschung.

Das VroniPlag-Wiki war eingangs eine gar nicht mal so kleine Gruppe, die zusammenarbeitete: Über 200 verschiedene Logins mit mehr als fünf Edits haben aktiv im Wiki mitgearbeitet, obwohl manche Leute auch sogenannte Sockenpuppen genutzt haben. Das heißt, eine Person hat sich mehrere Accounts angelegt.

Viel langfristige Energie steckten aber nur wenige Menschen hinein: Nur dreizehn Accounts haben mehr als 5.000 Edits. Es gibt dazu noch zwei Bots, die im Wiki aktiv sind. Sie sind für Aufgaben zuständig wie das Verschieben von Fällen aus dem sogenannten Analyse-Raum, wo keinen Namen genannt werden, in den Hauptnamensraum, wo die oft umfangreiche Dokumentation überprüft wird mit dem Ziel, den Fall mit dem Namen des Plagiators und der Betreuer zu veröffentlichen. Die Berichte, die danach an die Hochschulen geschickt werden, generiert ein Bot aus den vorhandenen Dokumentationsseiten. Die Generierungsvorschrift wird ebenfalls mit einem Bot erzeugt.

Sie hat bei ihrem Vater in Bratislava promoviert, auf 113 von 113 Seiten sind Plagiatsfundstellen dokumentiert: Die Betroffene versichert, den Titel nicht weiter zu führen. Weitere Konsequenzen sind nicht bekannt. - CC-BY-SA 3.0 Vroniplag-Wiki

Am Anfang wurde eine Mitteilung an die betroffene Universität nur als ein Link zum Wiki verschickt, aber es war schnell klar, dass die betroffenen Universitäten damit oft nichts anfangen können. Daher wird heute ein Bericht aus den Wiki-Seiten zum jeweiligen Fall von dem erwähnten Bot generiert.

Die VroniPlag-Wiki-Projektentstehung war weder planbar noch vorhersehbar, sondern entstand aus dem Engagement von Aktiven, das sich verstetigte. Denn sehr bald nach dem prominenten Guttenberg-Fall fanden sich mehr und mehr Dissertationen, die Plagiate aufwiesen. Im ersten Jahr wurden insgesamt 18 Dokumentationen veröffentlicht. In den Jahren danach sind weit mehr veröffentlicht worden, nachdem systematisch nach Plagiaten in medizinischen Dissertationen gesucht wurde. Diese haben mit 99 plagiierten Arbeiten (aus Medizin und Zahnmedizin) heute auch den traurigen statistischen Spitzenplatz im VroniPlag-Wiki inne.

Nachhaltiges Beschweigen des Problems

Diese medizinischen Arbeiten sind oft sehr schlank und knapp und eignen sich, das strukturelle Problem des Plagiierens zu veranschaulichen. Der Wissenschaftsrat hat bereits 2004 festgestellt (S. 75), dass der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn der „pro-forma“-Forschung in medizinischen Doktorarbeiten fragwürdig ist. Die Empfehlungen des Rates zur Verbesserung der Situation wurden bis heute nicht umgesetzt.

Erschreckend daran ist, dass diese Dissertationen häufig einfach Texte übernehmen, zum Beispiel die Diskussion bisheriger Forschung, ohne deren Korrektheit zu überprüfen. Gerade in der Medizin kann das fatale Folgen haben. Wissenschaftliche Unredlichkeit ist also kein bloßes Privatproblem der Handelnden oder nur eines der Institutionen, in denen sie auftreten. Insbesondere dann, wenn sie wie in der Medizin viel zu häufig auftreten, hätte ein Gegensteuern längst passieren müssen. In einer Zeit, in der ohnehin eine Wissenschaftsfeindlichkeit grassiert, sind solche plagiierten Arbeiten Wasser auf die Mühlen deren, die Wissenschaft für eine bloße Meinung halten.

Und natürlich sind nicht die Menschen, die solche Arbeiten prüfen und die dreisten Fälle in einem Wiki dokumentieren, dafür zu kritisieren, sondern in erster Linie die Promovenden selbst, aber auch deren Betreuer, über die wenig gesprochen wird, und letztlich auch deren Hochschulen, die durch das nachhaltige Beschweigen des Problems mitschuldig sind.

Weber-Wulff plädiert für härtere Strafen: „Eigentlich haben die Universitäten ja die Aufgabe, die Wissenschaft voranzutreiben. Plagiate oder erfundene Studien tragen nichts zur Wissenschaft bei und sollen daher besonders hart bestraft werden, damit Leute nicht auf der Idee kommen, plagiieren zu wollen.“

An der Charité promoviert: Die Ärztin hat eine Doktorarbeit als Eins-zu-Eins-Kopie übernommen, die zwei Jahre vorher beim selben „Doktorvater“ eingereicht worden war. Sie hat zwar die Zahlen verändert, aber vergessen, die Prozentsätze anzupassen, die sie 1 zu 1 übernahm. Sie praktiziert als Urologin in Berlin-Wilmersdorf. - CC-BY-NC-SA 3.0 Vroniplag-Wiki

Die Universitäten wachgerüttelt

Der Fall des damaligen Ministers und Union-Hoffnungsträgers Karl-Theodor zu Guttenberg hat vor zehn Jahren über Wochen die Gemüter erheblich erhitzt, ohne Zweifel auch die Universitäten wachgerüttelt. Dass ein wachsendes Problem mit kopierenden und die wissenschaftlichen Standards weitgehend ignorierenden Akademikern besteht, daran wurden sie mit dem prominenten Plagiatsfall erinnert.

Aber ein ganzes Jahrzehnt verging, ohne dass die notwendigen Veränderungen angegangen wurden. Denn so dreiste Plagiate wie das des Ex-Ministers, mit Übernahmen langer Passagen anderer Autoren oder von ganzen Zeitungsartikeln, kommen auch in aktuellen Dissertationen vor. Dutzende im VroniPlag-Wiki dokumentierte Fälle hinterlassen nur Kopfschütteln ob der Dreistigkeit des Betruges. Die Frage, ob jemand diese Dissertationen überhaupt gelesen hat, drängt sich immer wieder auf.

Im Rückblick auf das letzte Jahrzehnt bleibt die traurige Einsicht: Leider kam keine nachhaltige Veränderung zustande, mochte der Guttenberg-Schreck auch einigen noch eine längere Weile nach dem Minister-Rücktritt am 1. März 2011 in den Knochen gesteckt haben. Vielleicht trug gerade seine Prominenz und auch die anderer Politgrößen in den Jahren danach dazu bei, dass die Hochschulen sich leichter wegducken konnten. Doch die Prominenten sind eben nur die Spitze eines großen Eisbergs.

Es war für viele Hochschulen damit getan, das Problem einfach zu ignorieren, ein paar freiwillige Kurse über wissenschaftliches Arbeiten anzubieten oder die Plagiatserkennung mit Softwarekäufen anzugehen. Plagiatserkennungssoftware ist nachweislich keine Lösung, da sie nicht ausreichend gut funktioniert und bekanntlich strukturelle Probleme gesellschaftlicher Natur mit Software ohnehin nur sehr selten gelöst werden können. Das, was eigentlich passieren sollte, nämlich die Förderung einer Kultur von akademischer Integrität, wurde leider zu selten angegangen oder auch nur versucht.

Bisher (Stand: 27. März) wurden auf 142 von 334 Seiten Plagiatsfundstellen dokumentiert. Der Wirtschaftswissenschaftler hat ausgiebig Texte aus der Enzyklopädie Encarta übernommen. - CC-BY-NC-SA 3.0 Vroniplag-Wiki

Trotz der Tatsache, dass wegen der plagiierenden Politprominenz hierzulande viele Menschen von dem Problem wissen und sich dazu eine Meinung gebildet haben, hinkt Deutschland hinterher, wenn es darum geht, ihm auch Herr zu werden. In den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien oder Großbritannien ist man da schon weiter: Entworfen wurden dort an vielen Universitäten bereits sogenannte Academic Integrity Policies, die das Problem benennen und es gerade nicht ignorieren. Studierende werden in guter wissenschaftlicher Praxis geschult und müssen auch Sanktionen hinnehmen, wenn sie diese Praxis missachten. Das kann dazu führen, dass sie die Universität verlassen müssen.

Bei uns hingegen kann eine amtierende Bundesministerin ankündigen, einfach auf das Führen ihres Doktortitels zu „verzichten“, nachdem sie beim Plagiieren erwischt wurde. Die SPD Berlin zollte ihr dafür nicht nur öffentlich Respekt, sondern wählte sie kurz darauf als ihre Kandidatin für den Regierenden Bürgermeister. Franziska Giffey ist nur das jüngste Polit-Beispiel mit einer Dissertation, in der mehr als jede achte Seite ein Plagiat enthält.

Ihre Universität griff übrigens zu einer „Rüge“ statt zur Aberkennung des Titels. Dieses Instrument der „Rüge“ wurde auch schon anderswo angewendet, nach dem Motto: Wir tadeln, aber nehmen nicht den akademischen Grad weg. Rügen sind aber in den Promotionsordnungen nicht vorgesehen. Und jedem, der jahrelang an seiner eigenen Dissertation hart gearbeitet hat, muss so eine „Rüge“ wie Hohn vorkommen. Die durch die Dokumentationen der VroniPlag-Wiki-Community angestoßenen Überprüfungen von Doktorarbeiten führen auch nicht immer zu Aberkennungen akademischer Grade, aber eine solche „Rüge“ blieb die Ausnahme.

Der Vorteil der Rüge ist: Keiner klagt dagegen, dass der Doktorgrad nicht entzogen wird. Andersrum wehren sich aber tatsächlich auch einige der Plagiatoren gegen den Verlust ihres zusammenkopierten Titels: In der zehnjährigen VroniPlag-Wiki-Geschichte wurde die Entziehung des akademischen Grades bereits in zwanzig Fällen durch Gerichtsurteil bestätigt. Die Chuzpe muss man erstmal haben, wenn die eigene Doktorarbeit in öffentlich einsehbarer haarkleiner Dokumentation als Plagiat dokumentiert ist, dann vor ein Gericht zu ziehen, um gegen die daraufhin erfolgte Aberkennung des Doktorgrades zu kämpfen.

Eine kollaborative Plattform

Auch weil viele im deutschen Hochschulbetrieb das Plagiieren in seiner strukturellen Dimension noch immer nicht wahrhaben wollen: Die VroniPlag-Wiki-Community wird weitermachen. Denn über zweihundert dokumentierte Fälle (195 Dissertationen und 13 Habilitationsschriften) sind noch lange nicht das Ende der Fahnenstange. Wer also noch nicht pandemüde ist und sich dem Problem Plagiat auch gern annehmen möchte, kann nach wie vor im Wiki mitmachen. Es ist schließlich von Anfang an als eine kollaborative Plattform gemeint gewesen.

Eine Plagiatsprüfung ist oft zeitaufwendig, aber besondere Kenntnisse braucht man dafür nicht. Ein paar Einstiegshürden sind aber nicht wegzudiskutieren: Man sollte sich in wissenschaftlicher Praxis zumindest etwas auskennen, für die Quellenrecherche mehr als nur die von den meisten Menschen benutzte Suchmaschine kennen und auch etwas Geduld und Freude an Details mitbringen.

Mitstreiter sind aber auf jeden Fall gern gesehen. Denn das Problem, dem sich das VroniPlag-Wiki seit zehn Jahren widmet, ist mitnichten vom Tisch. Es ist nicht einmal kleiner geworden.


Offenlegung:
Debora Weber-Wulff gehört seit Beginn zur VroniPlag-Wiki-Community und äußert sich vielfach öffentlich dazu. Auch Constanze Kurz war im Wiki aktiv, allerdings nur ganz zu Anfang. Beide arbeiten seit Jahren in der Fachgruppe „Informatik und Ethik“ der Gesellschaft für Informatik (GI) zusammen.

13 Ergänzungen

  1. Das VroniPlag-Team erweist dem Wissenschaftsbetrieb einen wichtigen Dienst, vielen Dank an alle Beteiligten! Wenn die Hochschulen nicht endlich wirksam gegen Plagiate und akademischen Schlendrian vorgehen, wird sich das Ansehen der Promotion und letztlich der Ruf der Wissenschaft an sich weiter verschlechtern.

    Ein weiteres, leider wesentlich schwierigeres Problem sind die um sich greifenden Trivialarbeiten. Inzwischen gibt es ganze Disziplinen, in denen Abschlussarbeiten und Dissertationen eingereicht werden und sogar Bestnoten erzielen können, die ich nicht mal als Hausarbeit akzeptieren würde.

    Niemand erwartet in einer Bachelor- oder Master-Abschlussarbeit nobelpreisverdächtige Forschung, aber ein Gespür für relevante Themen und Leidenschaft für die wissenschaftliche Methode müssen erkennbar sein.

  2. Das Problem der Plagiate zu ignorieren ist natürlich schlecht aber die Qualität der Nicht-Plagiate ist so mies, dass es eigentlich keinen Unterschied macht ob Plagiat oder nicht. Ich benutze meinen Doktorgrad inzwischen kaum noch, weil ich mit diesen unfähigen Idioten, die inzwischen mit einem Dr. rumlaufen, nicht in einem Atemzug genannt werden will.

    Noch unverständlicher finde ich, dass selbst bei gefundenen Plagiaten und aberkannten Doktorgraden der finanzielle Ertrag des plagiierten, und somit unzulässig geführten, Doktorgrades nicht zurückgezahlt werden muss. Eigentlich müsste er, Schadensersatz, Gewinnabschöpfung, wird er aber nicht. Es gibt Untersuchungen, sonach ein Doktorgrad 100.000 € pro Jahr an zusätzlichem Gehalt wert ist. Das wäre für die Dauer der unzulässigen Führung zurückzuzahlen, wenn der Doktor entzogen wird!

  3. Vielleicht sollte die Öffentlichkeit einmal grundsätzlich diskutieren, wieso eigentlich jemand, der in seiner Jugend einmal eine mehr oder weniger bedeutende Fleißarbeit abgeliefert hat, diese durch ein Kürzel zum Namensbestandteil machen und zeit seines Lebens Vorteile daraus ziehen kann. Schlichte Gemüter unterstellen einem Dr. leicht Intelligenz (egal auf welchem Gebiet), glauben ihm, kompetent zu sein. In welchem Fach jemand promoviert, über welches Thema er gearbeitet hat: danach fragt doch keiner. – Promotionen sollten als Stufe in einer universitären Laufbahn Beachtung finden, aber nicht im Alltag eine Person aufwerten. – Die Krux: Eine Abschaffung des Dr.-Titels als Namensbestandteil kann nur aus der wissenschaftlichen Welt initiiert werden. Außenstehenden würde nur mit der Neid-Keule begegnet. Aber: Gibt es einen Couragierten unter den Weisen?

    1. Dummheit ist nicht an Intelligenz gebunden, bzw. manchmal eben doch.

      Vielleicht kann man extra Titel für Dummheit verleihen? Die können dann aber nicht freiwillig sein :).

  4. Ich habe mich seinerszeit (vor dem Jahr 2000) gegen eine Promotion entschieden und führe jetzt einen Job aus, den ich heute ohne Dr. Titel nicht mehr bekommen würde. Das Niveau (hier speziell in einem technisch/wissenschaftlichen Umfeld) ist gesunken. Und soweit ich sehen kann, war das gesellschaftspolitisch eine gewünschte Entwicklung.

    Leute, die trotz Dr. Titel nicht wissenschaftlich arbeiten können – und die Plagiatsthematik spielt hier eine untergeordnete Rolle – gab es schon immer (die geneigte Leserin kann ja mal nachschlagen, für was Dr. Helmut Kohl den Titel bekommen hat …). Für manche war der Titel eine Entrittskarte in eine ‚andere‘ Karriere.

    Die Qualitätsicherung lag schon immer bei den Promotionsanbietern.

    1. „Das Niveau (hier speziell in einem technisch/wissenschaftlichen Umfeld) ist gesunken. Und soweit ich sehen kann, war das gesellschaftspolitisch eine gewünschte Entwicklung.“

      Ich denke das war das Ziel der „Bologna“-Reformen: Bachelor und Master, und am Ende 50-70% Uni-Absolventenquote (wo es vorher 20-30% waren), um die dann in Jobs zu stecken, die vorher gute Ausbildungsberufe waren. Das Wissenschaftliche folgt da nur diesem Zeitgeist.

      An Helmut Kohl muss ich bei dem Thema auch immer denken (also schön, dass es erwähnt wird). Er steht da stellvertretend für eine dünkelhafte Personengruppe, die den Titel nur um des Titels Willen erworben hat, und dann damit aggresiv Respekt einfordert (erinnert sich jemand noch daran wie Kohl manchen Journalisten angeraunzt hat, wenn er von diesem nicht als „Herr Doktor Kohl“ angesprochen wurde?).

  5. Man muss unterscheiden zwischen Dr.-Titeln in Natur- und denen in Geisteswissenschaften. Im ersten Bereich ist es sehr viel schwieriger zu plagiieren, weil die Bestandteile einer Doktorarbeit in Arbeitsgruppen diskutiert werden, die Ergebnisse fast immer durch exakt nachvollziehbare Laborarbeit gewonnen werden und somit von jedermann auf der Welt direkt überprüft und nachvollzogen werden können. Es gibt also einen quasi-internen Kontrollmechanismus, weshalb ein Dr. rer.nat durchaus das Ansehen in der Berufswelt hat, die exakte wissenschaftliche Arbeit erwartet. In den Geisteswissenschaften sind aufgrund der sehr textlastigen Doktorarbeiten Plagiate und falsche Zitate bzw. Abschnitte sehr viel leichter zu erstellen und auch nachzuweisen. Dass – wie oben richtig dargestellt – das „Dr.“ vor dem Namen für viele sogenannte „Polit- (oder andere) Aufsteiger“ als Prestige-Pusher dient, ist eine ganz andere (bedauerliche) Sache…

    1. „von jedermann auf der Welt direkt überprüft und nachvollzogen werden können“ – ist sehr optimistisch. Siehe: https://en.wikipedia.org/wiki/Replication_crisis

      Es gibt Veröffentlichungen (mit meinem Namen drauf und der ist nicht Engstrand), die sehr Viel vorraussetzen – im Laboraufbau / oder gleichwertig in Simulationsumgebungen – und nur mit extremen Aufwand direkt zu reproduzieren sind. Wir achten sehr darauf, das nachvollziebar ist, was benötigt wird, aber den kompletten Aufbau bis runter zur zB Elektrodynamik wird keiner spendieren, der nicht schon am selben Thema arbeitet.

      Im Gegenzug kenne ich einige Geisteswissenschaftler (mit Dr.) die in Arbeitsgruppen regelmäßig zusammen kommen; Ergebnisse, Folgerungen und Beweise diskutieren, eben wissenschaftlich arbeiten. Hängt eben von der Professorin ab.

  6. Philip Engstrand: Ja, das stimmt natürlich. Ich meinte natürlich Personen, die in dem Fach, in dem eine Arbeit nachvollzogen werden soll, eine entsprechende Mindestkompetenz aufweisen und die Methodik einer Arbeit(sweise) verstehen.

  7. Aus den letzten 10 Jahren, d.h. der Zeit nach Guttenberg, stammen bei Vroniplag 22 deutsche Dissertationen, davon ist bisher in 3 Fällen der Doktorgrad entzogen worden.
    Selbst die 22 wären nur etwa jede zehntausendste Dissertation … Klar ist das nur die Spitze des Eisbergs, aber die Zahl ist viel zu winzig, als dass sie irgendeine Aussage darüber zuließe, ob sich seit Guttenberg etwas gebessert hat oder nicht.

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