Eine rechte Influencerin zieht auf Twitter Parallelen zwischen angeblichen Corona-Maßnahmen und dem Holocaust. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) sieht darin eine Verhöhnung der Opfer von NS-Verbrechen, aber Twitter lässt die Botschaft im Netz. Erst nach einer Anfrage von netzpolitik.org macht die Plattform sie für Nutzer:innen aus Deutschland unzugänglich.
Der Skandal, den die Influencerin aufgedeckt haben will, wäre ungeheuerlich: Deutschland habe wieder Gefangenenlager für Andersdenkende eingeführt, also für Menschen in Quarantäne. Die Behauptung entspricht nicht der Wahrheit, trotzdem versucht die Influencerin, ihr Nachdruck zu verleihen. „Nicht unter die Dusche gehen!“, schreibt sie auf Englisch dahinter.
Die Nationalsozialisten haben rund sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet, mehr als die Hälfte davon in Konzentrationslagern. Viele von ihnen starben in Gaskammern, die als Duschen getarnt waren.
Mehr als 75 Jahre sind seither vergangen. Auf Twitter taugen sie heute offenbar als Punchline. Denn es ist offensichtlich, dass die Influencerin in ihrem Tweet auf NS-Verbrechen anspielt. Sie selbst räumt das in einem späteren Tweet faktisch ein, als sie beklagt, Vergleiche mit dem Dritten Reich würden als Verharmlosung von Antisemitismus gebrandmarkt.
Punkt im Meinungskampf auf Kosten der NS-Opfer
Aber die 20-jährige Influencerin ist hier nicht das Opfer. Wir nennen ihren Namen nicht, denn dieser Artikel handelt nicht von ihr, sondern von ihrer Botschaft, die Twitter stehen ließ. Einer Botschaft, die auf der Plattform seither mehr als tausendmal geteilt wurde und mehr als 3.700 Likes erhielt.
„Durch den Vergleich mit der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wird die Shoa bagatellisiert“, sagt Alexander Rasumny von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS). „So etwas ist verletzend für alle Menschen, die einen persönlichen Bezugspunkt zur Shoa haben, ja eigentlich für alle jüdischen Menschen.“ Rasumny sieht in dem Tweet einen bewussten Versuch, die Geschichte zu verzerren und einen billigen Punkt im politischen Meinungskampf zu machen – auf Kosten der NS-Opfer.
Die Influencerin selbst reagiert unwirsch, als netzpolitik.org sie mit ihrer Äußerung konfrontiert. Unsere „Interpretation“ des Tweets bezeichnet sie pauschal als „falsch“, will jedoch lieber nicht erklären, was sie mit dem Tweet angeblich stattdessen aussagen wollte. In einer bizarren E‑Mail behauptet sie, wir hätten sie angelogen und wollten einen „kontextfreien Scherzartikel im schlechten deutschen Schreibstil“ verfassen.
Der Kontext
Um den Kontext der Botschaften zu verstehen, welche die Influencerin ins Netz stellt, hilft es, sich ihr Schaffen näher anzusehen. Aufmerksamkeit erlangt sie erstmals, als das ZDF-Magazin Frontal21 sie im November 2019 zuhause besucht, wenige Wochen nach dem rechtsterroristischen Anschlag auf die Synagoge in Halle.
In einem Livestream hat sie zuvor beklagt, die Todesopfer – zwei Deutsche – hätten zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. „Der Otto-Normal-Verbraucher-Deutsche steht da ganz unten, sozusagen“, sagte die Influencerin. „Dann kommen irgendwo so dazwischen die Moslems, und ganz oben steht eben der Jude als so das Unterdrückungsmerkmal schlechthin.“
Gegenüber der ZDF-Reporterin weist die Influencerin schon damals den Antisemitismus-Vorwurf zurück, als habe es sich nur um ein unglückliches Missverständnis gehandelt. „Wenn jemand das als etwas Anderes wahrnimmt, na gut, dann kann ich diese Wahrnehmung natürlich nicht beeinflussen“, sagt die Influencerin.
Seither sind weitere Provokationen hinzugekommen. Offenbar spekuliert die Influencerin auf so etwas wie internationalen Ruhm. Sie twittert vor allem auf Englisch, damit noch mehr Leute teilhaben können an ihrer Empörung, auch über Klimaaktivist:innen. Sie ließ sich von einer Lobby-Organisation als „Anti-Greta-Thunberg“ inszenieren und als die Washington Post dem auf den Leim ging, verlinkte sie den Artikel auf ihrer Website – in einem eigens angelegten Bereich für „Medienauftritte“. Auf Twitter hat sie es so auf mehr als 40.000 Follower:innen gebracht.
In den vergangenen Wochen verbreitete sie vor allem das Märchen, Donald Trump sei einem Wahlbetrug zum Opfer gefallen. Nachdem Fans des gescheiterten US-Präsidenten Anfang Januar das Kapitol stürmten, zog die Influencerin mutmaßlich die Aufmerksamkeit von Twitter auf sich. Wie sie später selbst öffentlich behauptete, habe die Plattform sie für einen aufwieglerischen Tweet kurzzeitig gesperrt.
An der Äußerung der Influencerin mit dem Vergleich vermeintlicher Corona-Maßnahmen mit NS-Verbrechen zeigte Twitter hingegen kaum Interesse. Verfasst hatte die Influencerin den Tweet schon am Dienstagmorgen vor einer Woche, ihre Follower:innen reagierten schnell und zahlreich. „Heil!“, antwortete einer, da war gerade mal eine Minute vergangen. Wohl weil der Tweet in ihren Kreisen gut ankam, pinnte die Influencerin ihn in ihrem Profil ganz oben fest.
Twitter geht dem Problem aus dem Weg
Am Freitag fragte netzpolitik.org bei Twitter an, wie viele Meldungen zu dem Tweet der Influencerin eingegangen seien. Konkrete Fragen ließ die Plattform unbeantwortet, die E‑Mail, die uns ein Sprecher schickte, enthält nur allgemein gehaltene Aussagen. Twitter wolle sicherstellen, dass Menschen sich auf der Plattform Gehör verschaffen können, heißt es darin etwa. Man verurteile Antisemitismus aufs Schärfste. Richtlinien verböten Versuche, gewalttätige Ereignisse zu leugnen oder zu verharmlosen, auch den Holocaust zu verherrlichen oder zu befürworten sei verboten.
In der Praxis scheinen zumindest hierzulande Zweifel angebracht, dass Twitter solche Richtlinien auch konsequent umsetzt. „Man sieht, dass viele Social-Media-Plattformen vor allem außerhalb der USA bei der Moderation nicht den Aufwand betreiben, der nötig wäre“, sagt Alexander Rasumny von der RIAS. Es sei ehrenwert, dass Twitter grundsätzlich anfange, ein Problembewusstsein dafür zu entwickeln, dass die Leugnung und Verharmlosung der Shoa etwas sei, das nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Meinungsfreiheit betrachtet werden könne. Den Ansprüchen, die für den englischsprachigen Raum gelten, sollte Twitter Rasumnys Meinung nach jedoch auch für den deutschen gerecht werden.
Die Erfahrung zeigt: Twitter geht dem Problem offenbar am liebsten aus dem Weg. Ungefähr zeitgleich mit der Antwort an netzpolitik.org blendet die Plattform den Tweet der Influencerin nach mehr als drei Tagen auf einmal aus – allerdings nur für Nutzer:innen aus Deutschland. Wer ihn aus Österreich oder aus der Schweiz aufruft, dem wird weiterhin geraten, in deutschen Gefangenenlager für Andersdenkende auf keinen Fall unter die Dusche zu gehen. Dass es solche Lager nicht gibt und die RIAS die Äußerung für eine Verhöhnung von NS-Opfern hält, das ist Twitter offenbar weitgehend egal.
„Es ist soweit, die deutsche Justiz hat meinen Tweet für deutsche Follower gesperrt“, verkündet die Influencerin am Freitagabend und es klingt ein bisschen, als sei ein herbeigesehntes Ereignis endlich eingetreten. Dass die deutsche Justiz etwas damit zu tun hat, darauf gibt es keine Hinweise. Dafür schaltet die Verfasserin jetzt in den Opfermodus um. Ihre enorme Reichweite nutzt sie auch, um der RIAS einer abenteuerlichen Logik folgend ihrerseits Antisemitismus vorzuwerfen. Twitter lässt sie machen.
