#DCBlackout

Hunderttausende Tweets über ein Ereignis, das es nicht gab

In Zeiten gesellschaftlicher Unruhe floriert auch die Desinformation. Am Montag trendete plötzlich der Hashtag #DCBlackout, in dem behauptet wurde, Washington sei von der Kommunikation abgeschnitten.

Mit Bildern aus der Serie „Designated Survivor“ versuchten Accounts, den Eindruck eines Großbrands in Washington zu erwecken. CC-BY-SA 4.0 ABC.com/ Montage: netzpolitik.org

Am Montag trendete in den USA der Hashtag #DCBlackout, in dem eine angebliche Abschaltung von Kommunikationsmedien in der US-Hauptstadt postuliert wurde. Begleitet war er von Tweets, die mit Bildern aus der Serie „Designated Survivor“ den Anschein eines Großfeuers am Washington Monument erwecken sollten. Laut Washington Post wurde der erste Tweet mit dem Hashtag von einem Account mit drei Followern abgesetzt, hunderttausende weitere Tweets folgten.

Doch es gab weder ein Großfeuer in der Nähe des Capitols noch einen Internet-Blackout in Washington. Die NGO Netblocks.org veröffentlichte eine Grafik  dazu. Twitter nahm den Hashtag dann wegen Manipulation aus den Trending Topics.

Netzverfügbarkeit Schaubild
In der fraglichen Zeit gab es keinen Netz-Blackout. - Alle Rechte vorbehalten Netblocks.org

Der ehemalige Mozilla Fellow Darius Kazemi hat in einem Twitter-Thread die Aktivitäten beschrieben, bei denen sowohl gehackte oder mithilfe von Apps übernommene Accounts wie auch erst kürzlich erstellte mit wenigen Followern eine Rolle spielten. Kazemi sieht in #DCBlackout eine Operation, die auf allen Seiten Chaos stiften soll. Das begründet er damit, dass sich die aktiven Accounts in Behauptungen und Gegenbehauptungen und Gegen-Gegenbehauptungen widersprachen.

Kazemi wollte sich nicht festlegen, ob dabei auch maschinell gesteuerte Accounts zum Einsatz kamen. Das Streuen von Gerüchten und Hashtags ist auch mit einer begrenzten Zahl von Menschen möglich, denen eine Menge Accounts zur Verfügung stehen.

netzpolitik.org hat zusammen mit dem Softwareentwickler Sascha Zantis den Hashtag am 1. Juni von etwa 15 bis 24 Uhr (UTC) beobachtet und damit etwa 360.000 Tweets erfasst, von denen 90 Prozent Retweets sind. In dem untersuchten Datensatz waren etwa drei Prozent der Accounts jünger als zehn Tage, und 25 Prozent jünger als ein Jahr. Von den erfassten Tweets und Retweets wurden alleine 312.000 von iPhone und Android-Apps abgesetzt, was gegen eine Automatisierung spricht. Es sei bei diesen Apps „extrem schwierig, eine realistische Interaktion automatisch zu simulieren“, sagt Florian Gallwitz, Professor für Medieninformatik an der TH Nürnberg.

So alt waren die am Hashtag beteiligten Accounts. Ein Balken sind 100 Tage. - CC-BY 4.0 Sascha Zantis

Eine erste Untersuchung der Netzwerkstrukturen innerhalb der erfassten Daten zeigt, dass im Umfeld der rund zehn einflussreichsten Accounts alleine etwa 100.000 Interaktionen entstanden.

Darunter sind Falschmeldungen wie die, dass Washington seit sechs Stunden ohne „Connection“ sei. Der Account, der selbst nur 135 Follower hat, konnte damit etwa 27.000 Retweets und 85.000 Likes sammeln. Beliebt war auch ein Tweet, in dem behauptet wurde, dass Twitter ein bestimmtes Video lösche. Beide Accounts haben nicht auf eine Anfrage von netzpolitik.org geantwortet.

Bei den Accounts mit besonders vielen Interaktionen handelt es sich allerdings nicht um die zehn Accounts, die am meisten unter dem Hashtag gepostet haben. Unter diesen zehn waren auch klassische Spam-Accounts, sie sind fast alle von Twitter gesperrt worden.

Insgesamt sperrte Twitter laut Washington Post nach dem Vorfall hunderte Accounts mit der Begründung Spam und Plattform-Manipulation.

Nicht der einzige Fall

#DCBlackout ist nicht der einzige Fall von Desinformation im Rahmen der landesweiten Proteste gegen Rassismus in den USA. Twitter sperrte auch einen Account, der von der rechtsradikalen Gruppe Identity Evropa betrieben worden sein soll und vorgab, ein Antifa-Account zu sein. Im Rahmen dieser False-Flag-Aktion hatten die Rechtsradikalen zu Gewalt aufgerufen, um diese Gewaltaufrufe anschließend der politischen Gegenseite in die Schuhe zu schieben.

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Eine Ergänzung
  1. Der gleiche Hashtag trendete gestern Abend auch auf mastodon.social. Mangels eigener Twitter-Erfahrung konnte ich damit aber wenig anfangen.
    Vielleicht sollte der Betreiber von mastodon.social nochmal über seine „in den Trends“-Funktion nachdenken.

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