Corona-App

Gesundheitsministerium will Quarantäne digital überwachen

Jens Spahn kündigt am Montag die nächste Corona-App an. Diesmal soll sie Gesundheitsämter dabei unterstützen, die Einhaltung der häuslichen Quarantäne kontrollieren. Kritiker:innen fürchten, der Vorstoß könnte nun die technische Kontaktverfolgung gefährden.

Junge und Mädchen stehen vor geschlossener Tür und schauen nach draußen.
Wird die Quarantäne hier schon per App überwacht? Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Kelly Sikkema

Es sind nur wenige Sätze, die Gesundheitsminister Jens Spahn in der Pressekonferenz am Dienstag zu einer neuen Corona-Anwendung verliert – doch sie lassen aufhorchen. Neben personeller und finanzieller Unterstützung der Gesundheitsämter kündigt er auch ein „digitales Update“ an, das die Arbeit der kommunalen Einrichtungen erleichtern soll. Zentral für dieses Vorhaben ist wohl auch eine Quarantäne-App. Diese soll es möglich machen, digital zu prüfen, ob Personen ihre Quarantäne-Auflagen einhalten.

Es ist die dritte von staatlicher Stelle angekündigte Anwendung, die die Eindämmung der Corona-Krise unterstützen soll. Viele Fragen – insbesondere wie sich die App zum großen Projekt der technischen Kontaktverfolgung verhält – bleiben bislang offen.

Die Stärkung der Gesundheitsämter soll Priorität haben

Mit den von Bund und Ländern anvisierten Lockerungen des Kontaktverbotes steht im Mittelpunkt nun insbesondere das konsequente Verfolgen von Infektionsketten und Kontakten mit Infizierten. Es stellt die Gesundheitsämter jedoch vor personelle Schwierigkeiten: Nach behördlichen Angaben sollen auf 20.000 Einwohner:innen im Idealfall fünf Mitarbeitende in den Gesundheitsämtern kommen. Mitarbeitende aus anderen Bereichen der Verwaltung und Studierende der Medizin sollen den Ämtern bei der Aufgabe unter die Arme greifen.

Neben finanzieller Unterstützung für die ad-hoc Digitalisierung in Höhe von 150.000 Euro pro Gesundheitsamt, die „unbürokratisch“ abgerufen werden könne, kündigte Spahn an, die Ämter auch mit einer weiteren App zu unterstützen. Im Sinne hat er jedoch nicht die schon breit diskutierte Anwendung zur Kontaktverfolgung, um die es in der vergangenen Woche Streit gab. Vielmehr plant Spahn eine weitere, – neben der Kontaktverfolgungs- und Datenspende-App – dritte Anwendung zur Eindämmung der Pandemie.

Ein digitales Quarantäne-Tagebuch

Die angekündigte Quarantäne-App soll insbesondere das Arbeitsvolumen der Gesundheitsämter senken. Diese erhalten von Ärzt:innen und Laboren Informationen über COVID-19-Infektionen in ihrem Zuständigkeitsbereich und leiten diese nicht nur an die zuständigen Landesbehörden weiter, sondern sind auch dafür zuständig, Auflagen an Infizierte zu erteilen – beispielsweise die häusliche Quarantäne, um die es in Spahns Vorstoß geht.

Im Moment soll das zuständige Gesundheitsamt zwei Mal täglich prüfen, ob Auflagen eingehalten werden – per Telefon oder Hausbesuch. Die neu vorgesehene Lösung wird in einem Beschlusspapier des Corona-Kabinetts, auf das das Bundesgesundheitsministerium verweist, als „Quarantäne-Tagebuch“ bezeichnet. Die „von bestehender Soft- und Hardware systemunabhängige Lösung“ soll im Falle positiver erster Erfahrungen schon Ende April ausgerollt werden.

Für Gesundheitsämter ist perspektivisch eine verpflichtende Nutzung anvisiert, Bürger:innen hingegen sollen sich auch gegen die Nutzung entscheiden können. Detailfragen zur technischen Umsetzung beantwortet das Ministerium auf Anfrage noch nicht. Der Beschluss des Corona-Kabinetts hält lediglich fest, dass Bürger:innen auf der Plattform Angaben machen können, wie sich ihre Symptome entwickeln. So würde die Arbeit der zuständigen Amtsärzt:innen erleichtert.

Unbeantwortet lassen Beschlusspapier und Ministerium jedoch, wie genau die neue Plattform dazu beitragen kann, das physische Einhalten der Quarantäne zu prüfen. Anwendungen zur Prüfung der häuslichen Quarantäne sind in einigen anderen Ländern schon etabliert – teils mit wenig Rücksicht auf datenschutzrechtliche Bedenken.

Zweifelhafte Vorbilder

Staatliche Stellen in Polen ordnen beispielsweise an, dass sich Personen unter Quarantäne eine App des Digitalisierungsministeriums installieren müssen. Mehrmals am Tag fordert die Anwendung ein Selfie mit Geolokalisierung von zu Hause an – ist dieses nicht binnen 20 Minuten eingeschickt, wird die Polizei eingeschaltet und prüft vor Ort, ob die Person anwesend ist oder nicht.

Hong-Kong hingegen setzt auf verpflichtende Tracking-Armbänder, um zu prüfen, ob Quarantäne-Auflagen eingehalten werden. Diese nutzen nicht GPS-Standortdaten, sondern erstellen aus Informationen zu WLAN-Netzwerken, der Signalstärke von Funkmasten und Bluetooth-Signalen ein Profil des eigenen Zuhauses. Stellen Armband und eine zugehörige Handy-Anwendung fest, dass eine bestimmte Distanz zur eigenen Wohnung – ein sogenannter Geofence – überschritten wird, drohen hohe Strafen.

Sorgen um die neue App

Auch in Hinblick auf diese teils problematischen technischen Lösungen scheint Spahns vage Ankündigung einer weiteren App problematisch. Seine Äußerungen vom Montag führen somit ein Muster fort, das sich in den letzten Wochen verstetigt zu haben scheint. Schon die umstrittene Datenspende-App des Robert Koch-Instituts wurde im Windschatten der Debatte um Bluetooth-Lösungen für die Kontaktnachverfolgung von Corona-Fällen veröffentlicht. Auch Spahns Ankündigung der Quarantäne-App kommt unerwartet und spart so viele Details aus, dass eine gesellschaftliche Debatte unmöglich scheint.

Beim Koalitionspartner führt das zu Irritationen: „Der Gesundheitsminister prescht mit immer neuen Anforderungen an die Corona-App vor, wobei nicht immer klar ist, ob er eine weitere Funktionalität oder eine weitere App meint“, kritisiert Jens Zimmermann, digitalpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Der Vorstoß Spahns knüpfe somit an seiner früheren Überlegungen an, mit der Tracing-App auch Quarantäne-Auflagen zu prüfen.

Zimmermann zufolge wirken sich Aussagen des Ministers deshalb auch auf das Projekt der Bluetooth-Kontaktverfolgung aus. „Mit diesen Vorschlägen hinsichtlich der Überwachung von Quarantäne-Maßnahmen gefährdet der Bundesgesundheitsminister die Akzeptanz und er stellt die Freiwilligkeit in Frage – und riskiert damit das Scheitern der App, bevor sie überhaupt fertig entwickelt wurde.“

Auch Ulrich Kelber, Bundesbauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit, schreibt auf Twitter, er sei weder in die Planungen des Ministeriums eingebunden, noch könne er sich eine Quarantäne-App in Deutschland vorstellen.

Während also das Beschlusspapier des Corona-Kabinetts festhält, eine freiwillige Lösung anzuvisieren, die nicht in bestehende Software-Systeme integriert ist, macht das Bundesministerium für Gesundheit keine konkreten Angaben, wie die Quarantäne-App aussehen und funktionieren soll. Insbesondere jedoch Spahns knappe Ankündigung der Anwendung scheint problematisch. Denn transparente und proaktive Kommunikation in der Krise sollte insbesondere bei einem so heiklen Thema wie der häuslichen Quarantäne selbstverständlich sein.

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13 Ergänzungen
  1. Da waere dann die elektronische Fussfessel fuer jeden. Das koppeln wir dann an die AI-gestuetzte automatische „Erkennung“ und fertig: total billig, skaliert, keine qualifizierten Leute im Gesundheitsamt notwendig, Fehler sind niemandes Schuld.

    Entweder unsere Politiker machen gerade Schautanzen fuer ein Publikum unter Drogen, oder sie meinen das mit dem Staatsumbau zu Stasi 2.0 wirklich ernst.

  2. Man könnte es auch digitale Fußfessel nennen, wenn das Dumm-Phone am Fußkettchen hängt.

    Aber „Äpp“ (sic!) ist ja mainstream-fähiger Allzweck-Euphemismus.
    Äpps sollen geeignet sein, den Verlust von Vernunft zu verschleiern.

    1. Einen schönen Gruß aus 1984.
      Ich bin im Jahre 1989 nicht auf die Straße gegangen um 31 Jahre später doch wieder von „Landsleuten“ überwacht zu werden. Wehren den Anfängen!!!
      Es wäre schön, wenn der Großteil der Menschheit einfach nur mal sein Hirn benutzt.

  3. Ob diese App in der Android-Version wohl in einem Android-Emulator wie z.B. BlueStacks läuft? Ob Herrn Spahn solche Möglichkeiten bewußt sind?
    Nicht daß das noch so wie in China endet, wo es Leute gibt, bei denen dann plötzlich die Polizei vor der Tür steht, nur weil sie zufällig für ein paar Minuten in einem Funkloch waren…
    (Automatisiert zu bestimmten Zeitpunkten vorher vorbereitete Bilder zu verschicken, ist sicherlich auch nicht unmöglich…)

  4. Uebrigens nicht vergessen: das sind dieselben Politiker, die gegen jede Vernunft das Leistungsschutzrecht wie auch Artikel13 EU-Urheberrecht durchgesetzt haben. Denen ist voellig egal, ob das technisch funktioniert, weil es fuer ihren persoenlichen Erfolg voellig egal sein kann, das interessiert die vermutlich nichtmal wirklich.

  5. Meine Empfehlung sich der digitalen Überwachung zu entziehen und auf den „Datenschleudern“ nicht erreichbar zu sein ist das Mobiltelefon auszuschalten.
    Was gewinnt ihr dabei? Lebensqualität und die Freiheit, nicht immer erreichbar zu sein!

  6. In Taiwan wurde dies auch per APP überprüft, erfolgreich. Die APP muss melden ob das smartphone im Haus ist, zudem gibt es regelmäßige Kontrollanrufe der Polizei um sicherzugehen das auch jemand ran geht. D.h die Person nicht ohne Handy das Haus verlassen hat sondern tatsächlich daheim anwesend ist.

    Das kritische und schwierige würde jedoch sein solche Maßnahmen nach der Krise wieder los zu werden um eine dauerhafte Überwachung auch außerhalb des Notstandes zu verhindern.

    1. – „Wir“ wollen die App, um keine Kontrollanrufe machen zu müssen.
      – Taiwan ist eine insel, umgeben von Wasser.
      – Taiwan war mutmaßlich sehr früh (besser) informiert.
      – Die werten noch mehr Daten aus.
      – Die haben den System/software Unterbau schon längst im Einsatz.
      – Die haben sehr früh geschaltet und rigoroser Masken und Beschränkungen gefahren. Teils geht das nur mit Vorbereitung (Masken).
      – Wo ist der Nachweis einer spezifischen Wirksamkeit der App?

  7. Fuer die Verschwoerungstheoretiker ist damit uebrigens auch klar, warum man gerade gezielt eine harte zweite Welle anstrebt: wenn die LEute richtig verzweifelt sind, dann akzeptieren sie das IT-Ermaechtigungsgesetz.

    Kurz danach sind dann Abweichler Volksschaedlinge oder psychisch krank, hatten wir alles schonmal.

  8. Ich finde, man sieht daran gut, wie wenig Ahnung viele Politiker von der digitalen Welt haben. Es gibt schließlich auch Leute, die einfach kein Smartphone haben (so wie ich, ich bin 23, und genieße es, nicht ständig erreichbar zu sein), oder die ihr Smartphone einfach nicht immer mit sich herumtragen wollen, sondern auch gerne mal „offline“ sind. Klar, es ist eine Minderheit, aber es gibt sie – und ich würde auch kein Smartphone benutzen, das die Regierung mir schenken würde, schließlich hat das ja auch seinen Grund.

    Oder dass es Leute gibt, die vielleicht keinen Google Play Store auf dem Handy haben, aber wie man die Bundesregierung kennt, selbst eine App, die mit Steuergeldern bezahlt wurde, nur im Google-Store und mit Google-Trackern veröffentlicht wird (siehe z.B. die App „Breitbandmessung“ der Bundesnetzagentur). Also über diese digitale Naivität kann ich nur schmunzeln und mir an den Kopf fassen.

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