Digitaler Nachlass

„Der Whatsapp-Verlauf ist für viele das Wichtigste“

Erinnerungspraktiken ändern sich durch die Digitalisierung. Immer weniger Menschen schalten noch eine Traueranzeige in der Zeitung. Stattdessen schreiben manche Angehörige den Verstorbenen nach ihrem Tod weiter auf WhatsApp, sagt der Soziologe Lorenz Widmaier. Ein Interview über das Trauern.

Traditionelle Trauerpraktiken werden im Digitalen häufig wieder aufgegriffen. Hier ein Facebook-Post, der eine virtuelle Kerze zeigt. – Alle Rechte vorbehalten Lorenz Widmaier

In diesem Artikel geht es auch um Suizid. Wenn du Suizidgedanken hast oder vermutest, dass eine Person in deinem Umfeld betroffen ist, sprich mit Freund:innen darüber. Unter 0800-1110111 oder per Chat erhältst du kostenlose Hilfe von Berater:innen, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Er würde gerne mit mir über die schönen Seiten des digitalen Erbes sprechen, sagt Lorenz Widmaier gleich in unserem ersten Gespräch am Telefon. Das würde oft zu kurz kommen bei diesem Thema.

Ich habe den Soziologen Widmaier angerufen, um zu erfahren, was Angehörige eigentlich mit dem Smartphone und den Social-Media-Konten eines Verstorbenen machen. Wie gehen sie mit dem digitalen Erbe der Person um: Wegwerfen, löschen, anschauen, fortführen?

Das Smartphone würde fast immer aufgehoben, stellt Widmaier gleich zu Anfang klar. Für sein Forschungsprojekt über den digitalen Nachlass hat er 31 Angehörige von Verstorbenen in ihrem Zuhause besucht und ihre Erinnerungspraktiken fotografiert. Ob ich Fotos von den Whatsapp-Nachrichten einer Mutter an ihren verstorbenen Sohn sehen möchte? Er bereite gerade eine Ausstellung damit vor.

Widmaier lebt auf Zypern und promoviert an der Technischen Universität zur Bedeutung von digitalen Nachlässen für Hinterbliebene und digitalen Trauer- und Erinnerungspraktiken. Er ist zufällig zu Besuch in Berlin, als wir uns im Oktober mit Abstand und Maske zum Interview treffen.


Lest hier das Interview mit Katrin S., die aus persönlicher Erfahrung über den Umgang mit dem digitalen Erbe ihrer verstorbenen Tochter erzählt.


„Der Whatsapp-Verlauf ist für viele mit das Wichtigste“

netzpolitik.org: Lorenz, für dein Forschungsprojekt hast du mehr als zwei Dutzend Angehörige in ihrem Zuhause besucht und ihre Erinnerungspraktiken fotografiert. Wenn du jetzt die Augen schließt und an das Thema digitaler Nachlass denkst, welches Bild hast du dann vor Augen?

Lorenz Widmaier: Ich habe vor allem ein positives Gefühl, weil das Thema sehr viel schöne und wertvolle Seiten hat. Nicht nur, es gibt natürlich auch digitale Nachlässe, die traurig sind und die man nicht anschauen will. Aber die meisten Gespräche mit Hinterbliebenen waren wirklich hilfreich und schön.

netzpolitik.org: Was fällt alles unter den Begriff digitaler Nachlass?

Widmaier: Grundsätzlich fällt da alles drunter, was es digital gibt. Bilder, Dokumente, Videos. Und natürlich Messenger-Apps. Der WhatsApp-Verlauf ist mittlerweile für viele mit das Wichtigste, und zwar genau aus dem Grund, dass da die ganz alltägliche Kommunikation stattfindet. „Ich gehe jetzt einkaufen, brauchst du noch was?“. Das ist für viele extrem wichtig im Erinnern. Es ist toll, dass man auf diesem Weg etwas hat, was es so früher nicht gab. Briefe beispielsweise sind oft speziell geschrieben, da hat man sich extra darangesetzt.

netzpolitik.org: Was für Unterschiede gibt es noch zwischen digitalem Nachlass und herkömmlichen Nachlass?

Widmaier: Digitaler Nachlass unterscheidet sich oft mit Blick auf die Menge, die Alltäglichkeit und natürlich auch darin, was damit gemacht werden kann. Ein Fotoalbum ist relativ statisch, das hat man und zeigt es manchmal. Aber über das Smartphone wird viel geteilt und weitergeleitet und man bekommt noch was von anderen zugeschickt. Das ist neu. Viele entdecken nach dem Tod noch neue Bilder des Verstorbenen, zum Beispiel, wenn sie den Namen googeln. Gleichzeitig würde ich die Unterschiede nicht überbewerten, denn es kommt immer auch auf die konkrete Person an. Bei manchen ist der digitale Nachlass sehr klein, da gibts dann nur 20 Bilder auf dem Smartphone und das wars.

„Das Smartphone wird fast immer aufbewahrt“

netzpolitik.org: Hast du mit Angehörigen gesprochen, die sich dagegen entschieden haben, den digitaler Nachlass eines Verstorbenen anzuschauen?

Widmaier: Ja, auf jeden Fall. Insbesondere bei Partnerschaften gibt es das öfter. Häufig habe ich dann gehört „Das Handy meines Partners war zu Lebzeiten tabu. Wir hatten immer unsere privaten Bereiche. Warum soll ich das jetzt anschauen?“ Interessanterweise wurde das Smartphone trotzdem oft aufbewahrt. Das Wegwerfen war keine Option.

netzpolitik.org: Warum ist für viele das Smartphone des Verstorbenen so wichtig?

Widmaier: Ich denke, das liegt daran, dass Smartphones ein Gegenstand sind, den man am Körper trägt und den auch der Verstorbene ständig in der Hand hat. Deswegen ist das als Objekt unabhängig von den Daten ganz wertvoll. Deshalb werden Smartphones fast immer aufgehoben, teilweise werden sie auch weiterverwendet, aber es ist eigentlich immer etwas ganz Besonderes. Bei Computern hatte ich das Gefühl, die werden eher aussortiert. Da werden die Daten gesichert, aber dann kommt der Rechner weg.

Angehörige suchen nach Antworten

netzpolitik.org: In welchen Fällen entscheiden sich Hinterbliebene dafür, das digitale Erbe der Verstorbenen anzuschauen?

Widmaier: Bei verstorbenen Kindern ist es oft so, dass die Eltern sich das anschauen. Gerade bei einem Suizid oder bei einem Kriminalfall gibt es Fragen, die man beantworten möchte. Ich habe beispielsweise mit einem Vater gesprochen, der konnte den digitalen Nachlass nutzen, um zu verstehen, dass sein Sohn selbst keine Schuld an seinem plötzlichen Tod trug, sondern andere. Diese speziellen Fragen konnte er durch den Nachlass beantworten und und das war für ihn sehr, sehr wichtig.

netzpolitik.org: Also sind es vor allem Eltern, die sich die Nachrichten ihrer verstorbenen Kinder anschauen?

Widmaier: Es gibt auch Paare, die sagen „Wir hatten keine Geheimnisse voreinander, wir wussten schon immer alles, auch was auf dem Smartphone drauf ist.“ Da ist das dann überhaupt kein Thema, natürlich kann man sich das auch nach dem Tod anschauen. Also in Partnerschaften gibt es wirklich beide Positionen.

Sexualität bleibt Privatsache

netzpolitik.org: Wo ziehen Angehörige meistens die Grenze in dem, was sie sich anschauen und was nicht?

Widmaier: Also zum einen sind manche Erinnerungen einfach zu schmerzhaft, gerade bei Videos. Das haben sich dann einige nicht angeschaut, weil es zu emotional war. Manche haben auch nur die Erinnerungen aus den letzten Jahren angeschaut, aber nichts, was davor war, oder andersherum nur die aus der Kindheit.

Und dann gibt es Unterschiede, was sich Leute aus Datenschutzgründen nicht anschauen. Viele haben gesagt, sie schauen sich nicht die Whatsapp-Nachrichten des Partner an. Das wäre zu privat, andere Nachrichten werden aber angeschaut. Gerade bei verstorbenen Kindern, die schon ein bisschen älter waren, die vielleicht Partner hatten, wurden die Nachrichten sehr vorsichtig angeschaut. Denn da gibt es ja auch Bilder von Sexualität und alles Mögliche, was man als Eltern nicht sehen will.

netzpolitik.org: Das heißt, es kann auch passieren, dass man als Angehörige etwas sieht, was man nicht sehen wollte.

Widmaier: Teilweise müssen Angehörige in die E-Mails gehen, um nach Informationen über irgendwelche Verträge zu suchen. Die haben dann gesagt, sie schauen sich das nur an, um die Informationen zu kriegen, aber nicht, um darin zu stöbern. Dafür reichen dann vielleicht schon Empfänger und Betreffzeile. Also da werden die E-Mails mit ein bisschen Abstand angeschaut.

Über WhatsApp mit den Verstorbenen in Kontakt bleiben

netzpolitik.org: Manchmal lesen Angehörige nicht nur Nachrichten, sondern interagieren auf diesem Weg auch mit der Verstorbenen oder deren Freundinnen.

Widmaier: Dass Freund*innen der Verstorbenen nach dem Tod noch schreiben, das gibt es in der Tat oft. Auch, dass die Angehörigen den Toten selbst noch schreiben, gibt es häufig. Ich habe zum Beispiel mit einer Mutter gesprochen, die hat ihren Sohn durch einen Unfall verloren und sie hat dann nach seinem Tod noch drei Jahre regelmäßig über WhatsApp an ihn geschrieben.

Am Anfang gibt es da dann noch diese zwei blauen Häkchen und irgendwann nur noch das eine Graue. Aber dann hat sie sein Handy wieder aufgeladen und es gab wieder die zwei Blauen und das ist so zwei, drei Jahre gegangen. Sie ist auf diesem Weg mit ihm in Kontakt geblieben. Interessanterweise hat sie den Chatverlauf dann genommen und als 10×15-Fotos entwickelt und daraus ein Album gemacht. Damit wollte sie diese Erinnerung sichern, weil sie WhatsApp nicht traut, dass die Daten nicht irgendwann weg sein könnten.

Screenshot von Whatsapp-Verlauf zwischen Mutter und Kind. - Alle Rechte vorbehalten Lorenz Widmaier

Passwörter sind eher selten eine Hürde

netzpolitik.org: Hast du mit Angehörigen gesprochen, die an technischen Hürden gescheitert sind und keinen Zugriff auf die Geräte oder Konten der Verstorbenen bekommen konnten?

Widmaier: Dass man die Passwörter nicht bekommt, das war erstaunlicherweise relativ selten der Fall. Da dachte ich, dass würde viel öfter passieren. Das Problem ist eher, dass Angehörige manchmal nicht wissen, wie Facebook funktioniert oder dass es Plattformen wie Instagram oder TikTok überhaupt gibt. Wer noch nie davon gehört hat, kommt auch nicht auf die Idee, sich das anzuschauen. Unklar ist außerdem, wie man ein Facebook-Profil sichert. Scrollt man so lange zu den alten Beiträgen, bis der Browser abstürzt? Solche ganz praktischen Schwierigkeiten gab es oft.

Ich habe ein Gespräch mit einer Mutter geführt, die hatte eine externe Festplatte im Nachlass gefunden und wusste aber nicht, wie man die anschließt und darauf zugreift. Wir haben das dann gemeinsam gemacht und ich saß da auch fünf Stunden dran, bis wir die Daten hatten.

netzpolitik.org: An wen wenden sich Angehörige für Unterstützung bei technischen Schwierigkeiten? Es ist ja ein sehr sensibler Bereich.

Widmaier: Meistens an Freunde oder es bleibt erst mal liegen. Das war oft der Fall, dass man das erst mal verschoben hat und dann wurde es irgendwann weniger wichtig. Wichtig war dann oft, dass man die Möglichkeit hatte. Manche wenden sich auch an spezielle Firmen, die die Daten retten.

Menschen trauern dort, wo auch gelebt wurde

netzpolitik.org: Auf welchem Weg wird in der digitalen Öffentlichkeit getrauert?

Widmaier: Ich habe mit einem Vater gesprochen, der macht Videos aus den Sprachnachrichten und Fotos seiner verstorbenen Tochter und er macht das auf YouTube komplett öffentlich. Andere haben Messenger-Gruppen mit fünf Leuten oder Gedenkseiten mit zweihundert Leuten. Manche schreiben täglich, andere nur zu besonderen Tagen, wie Geburtstagen. Also es gibt da alle Abstufungen von privat bis zu komplett öffentlich.

netzpolitik.org: Wie sieht eine digitale Traueranzeige aus?

Widmaier: Das ist spannend. Ich habe mit einem Bestatter geredet und er meinte, dass nur noch etwa 50 Prozent der Angehörigen eine Todesanzeige in der Zeitung schalten. Und bei allen anderen läuft das über Facebook oder WhatsApp. Hinterbliebene ändern beispielsweise ihren Status zu „in Trauer“. Das ist dann weniger eine klassische, förmliche Traueranzeige, sonder oft ein bisschen bunter, teilweise mit Bildern. Emojis werden ganz oft verwendet, auch in den Antworten.

netzpolitik.org: Du setzt dich für einen positiven Blick auf den digitalen Nachlass ein. Warum?

Widmaier: Oft wird das digital ja so ein bisschen belächelt. Gerade wenn man irgendwo seinen Kaffee fotografiert. Aber genau dieses Bild kann am Ende sehr wichtig sein. In der akuten Phase, nachdem jemand verstorben ist, ist das noch gar kein Thema. Aber ein, zwei oder drei Jahre später kann das sehr wertvoll sein. Auch wenn der Partner an Krebs gestorben ist, ist es sehr hilfreich, sich die Bilder anzuschauen, um sich noch mal zu versichern, dass er ein gutes Leben hatte. Und das sollte ernst genommen werden.

Solange sich der ganze Diskurs nur darum dreht, wie man digitale Konten löscht, fehlt etwas sehr Wichtiges. Denn was zu Anfang gleich gelöscht wird, ist später nur schwer zurückzuholen.


Fühlst du dich antriebslos oder bist in einer scheinbar ausweglosen Situation? Unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 findest du zu jeder Tags- und Nachtzeit Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen, welche Form der Therapie dir helfen könnte. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen bietet die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention.

2 Ergänzungen
  1. Ich finde bei dem Thema auch wichtig es mit dem Recht auf Vergessen auszubalancieren.
    Auch wenn man extrem vorsichtig durch meinen Verlauf scrollt, gibt es Dinge die gehen niemand etwas an.

    Ich denke da sind auch Dinge wichtig die jetzt schon zur Privatsphäre gehören.
    Mailinglisten die öffentliche Archive betreiben müssen die Mail-Adressen nicht zwingend darstellen.
    Accounts überall sollten regelmäßig prüfen ob ihre Nutzer erreichbar sind mit den Daten die sie angegeben haben (E-Mail, SMS, etc) und wenn das über einen Zeitpunkt X nicht erfolgt, still legen, ausblenden und so nicht öffentlich relevant nach einer gewissen Zeit rückstandsfrei entfernen.
    Leuten muss es möglich gemacht werden ihre Geräte und Accounts so zu betreiben dass es quasi ein „Opt-In“ geben muss um anderen Leuten jetzt oder später selektiven Zugriff zu geben.
    Features wie Selbst Zerstörende Nachrichten in Messengern sind zwar kein absoluter Schutz gegen Mitschneiden beim Gegenüber, aber können helfen wirklich delikate Dinge für Außenstehende wirklich zu verbergen.
    Die Wünsche dere Angehörigen sind nicht über den Wunsch des einzelnen zu stellen.

    1. @NTP

      Eine Balance zwischen den Wünschen den Angehörigen und dem Recht auf Vergessen herzustellen finde ich auch wichtig. Wobei das vermutlich eher selten entgegengesetzte Pole sind: viele Angehörige, mit denen ich gesprochen habe, möchten mit dem digitalen Erbe im Sinne der Verstorbenen verfahren. Das Problem ist dann aber, dass die Verstorbenen dazu nur sehr selten Ihre Wünsche hinterlassen haben.

      Ich bin mir nicht sicher, ob das, wie von dir angeregt, technisch gelöst werden kann. Die Möglichkeiten zur Nachlassvorsorge, die es zum Beispiel bei Facebook gibt, sind sicher ein Anfang, führen aber auch oft zu Problemen, die der Verstorbene so nicht bedacht und gewollt hat. Ein „Recht auf Vergessen“ finde ich auch wichtig, aber wenn dies zum automatisierten Vergessen führt, habe ich Sorge, dass viele wichtige Erinnerungen ungewollt verloren gehen. Ich bin daher umgekehrt eher für ein „Opt-In“ dass Geräte oder Zugänge nicht vererbt werden sollen.

      Anstatt auf technische Lösungen zu setzen habe ich eher die Hoffnung, dass das Thema etwas mehr in die Öffentlichkeit kommt und man darüber spricht. Und die Angehörigen dann nicht dem digitalen Erbe gegenüberstehen, ohne die Wünsche der Verstorbenen zu können. Man könnte zum Beispiel auch dafür sensibilisieren, dass das Thema in Testamenten oder Vorsorge-Checklisten aufgegriffen wird.

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.