Digitaler Nachlass

„Der Computer meiner Tochter ist eine Schatzkiste an Erinnerungen“

Die Mutter eines verstorbenen Kindes erzählt, wie sie die privaten Nachrichten ihrer Tochter nach deren Tod las. Eine ganz persönliche Perspektive auf das Thema digitaler Nachlass.

Für Angehörige können Fotos auf dem Rechner der Verstorbenen sehr wertvoll sein. – Alle Rechte vorbehalten Azo

In dem folgenden Interview wird über Suizid gesprochen. Wenn du Suizidgedanken hast oder vermutest, dass eine Person in deinem Umfeld betroffen ist, sprich mit Freund*innen darüber. Unter 0800-1110111 oder per Chat erhältst du kostenlose Hilfe von Berater*innen, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

Wer heute verstirbt, hinterlässt oft Smartphone, E-Mail-Konto oder Tausende digitale Fotos. Wenn die Verstorbene keinen ausdrücklichen Wunsch geäußert hat, bleiben Angehörige alleine in ihrem Umgang damit. Etwa mit der Frage, ob ein Social-Media-Account gelöscht oder fortgeführt werden soll.

Dass Hinterbliebene auf die digitalen Konten von Verstorbenen unter bestimmten Umständen zugreifen dürfen, hat in Deutschland das höchste Zivilgericht entschieden. Im Jahr 2018 räumte der Bundesgerichtshof in einem viel besprochenen Fall der Mutter einer verstorbenen 15-Jährigen das Erbrecht am Facebook-Konto ihrer Tochter ein. Das hat auch Auswirkungen auf die Privatsphäre aller Kontaktpersonen der Verstorbenen.

Viele ethische Fragen im Umgang mit dem digitalen Nachlass lassen sich jedoch nicht allgemeingültig beantworten. In diesem Interview spreche ich mit Katrin S. über ihre persönliche Erfahrung mit dem digitalen Erbe. Katrin berichtet, wie sie Zugang zu dem Computer, aber nicht dem Smartphone ihrer verstorbenen 13-jährigen Tochter bekam und was für Hemmungen sie hatte, die privaten Nachrichten der Jugendlichen zu lesen.

Für das Gespräch haben wir uns – mit Abstand und Masken – in Berlin getroffen. Der Nachname ist der Redaktion bekannt, wird hier jedoch nicht ausgeschrieben, um die Identität der Verstorbenen zu schützen.


Lest hier das Interview mit Lorenz Widmaier, der zur Bedeutung von digitalen Nachlässen für Hinterbliebene forscht und erzählt, in welchen Fällen sich Angehörige gegen den Zugriff auf das Smartphone eines Verstorbenen entscheiden.


Der digitale Nachlass

netzpolitik.org: Katrin, deine Tochter war 13 Jahre alt, als sie sich das Leben nahm. Was hat sie hinterlassen an digitalem Erbe?

Katrin: Wir haben ihren Computer und ihr Handy. Außerdem hatte sie einen Tumblr-Blog und ein Konto bei Facebook.

netzpolitik.org: Wann hast du dich das erste Mal nach dem Tod deiner Tochter mit diesen digitalen Hinterlassenschaften beschäftigt?

Katrin: Ich denke, das war am nächsten oder übernächsten Tag. Sie hat sich suizidiert und hat einen Abschiedsbrief hinterlassen, wo die Adresse von ihrem Tumblr-Blog drauf war. Deswegen bin ich relativ schnell darauf eingegangen und hab den Blog gelesen.

Auf der Suche nach Antworten

netzpolitik.org: Wie war das diesen öffentlichen Blog zu lesen, den du davor nicht kanntest?

Katrin: Tatsächlich war der Blog und alles, was ich danach auf ihrem Computer gefunden habe, sehr wichtig für mich, um Antworten zu bekommen. Ich konnte dadurch noch mal eine ganz andere Seite von ihr kennenlernen. Als sich mir dieser andere Teil von Lina eröffnet hat, war ich erst mal fassungslos, wie tief traurig sie wirklich war. Wenn ich diesen Blog nicht gelesen hätte, hätte ich mich immer gefragt, wie es dazu kam. Wenn man so fassungslos ist, stellt man sonst welche Theorien auf. Von daher war das total wertvoll.

netzpolitik.org: Ein Freund der Familie hat dir geholfen ihren Computer zu entsperren. Was hast du dort gefunden?

Katrin: In den Suchanfragen und bei den besuchten Seiten in ihrem Browser konnte ich sehen, dass sie sich länger mit Suizid beschäftigt hat. Das hat mir geholfen, zu wissen, dass sie sich schon länger mit diesen Gedanken beschäftigt hat. Dass es wirklich geplant war und keine Entscheidung, die einen Tag vorher entstanden ist.

netzpolitik.org: Hast du dort auch Sachen gefunden, die schwer für dich zu ertragen waren?

Katrin: Es gibt ein Foto, was sie anscheinend zum Schluss am späteren Tatort gemacht hat. Anhand von dem Datum und der Uhrzeit war klar, dass sie es kurz vor ihrem Tod aufgenommen hat. Das war ein Bild, was mich sehr aufgewühlt hat und sehr beschäftigt hat. Trotzdem ist es jetzt mittlerweile sehr wertvoll für mich.

„Ich habe sie davor nie singen hören“

netzpolitik.org: Du hast mir ein Video von deiner Tochter mit einer ihrer Freundinnen gezeigt.

Katrin: Ja, das kommt auch von ihrem Computer. Diese Videos sind so schön, weil sie sich da selber mit ihren Freundinnen aufgenommen hat und so alberne Sachen macht. Die singen vor dem Computer und ich habe sie sonst nie singen hören. Das ist total schön. Das war auch damals, als wir es gefunden haben, schon schön, weil sie da eben so unbeschwert ist. Es wäre wahrscheinlich anders, wenn sie jetzt jedes Mal geweint hätte und gesagt hätte, wie furchtbar die Welt ist und ihr Leben ist.

netzpolitik.org: In ihrem Abschiedsbrief hat Lina explizit auf ihren Blog verwiesen, vielleicht weil sie wollte, dass ihr den lest. Bei dem Computer war das anders. Hast du dich da gefragt, ob du dir das ansehen darfst?

Katrin: Ich habe nicht so viel nachgedacht, ob ich daran darf oder nicht. Ich habe mir einfach Antworten erhofft. Auch weil Linas Computer immer offen gewesen war, der war nie gesperrt. Erst einen Tag vor ihrem Tod hat sie ein Passwort eingesetzt. Da hatten wir eine Begegnung miteinander, wo ich gefragt habe, was für ein Bild sie da als Desktop-Hintergrund hat. Daraufhin hat sie wohl ein Passwort rein gemacht, vermutlich um zu verhindern, dass ich ihren Gedanken noch näher komme.

Das Smartphone bleibt versperrt

netzpolitik.org: Du wolltest Antworten finden und bist bei Linas Smartphone auf eine Hürde gestoßen. Bis heute konntet ihr das Gerät nicht entsperren. Was hat das dann in dir ausgelöst?

Katrin: Das hat mich tatsächlich länger beschäftigt, weil ich gerne gewusst hätte, was sie zum Schluss bei WhatsApp mit ihren Freundinnen geschrieben hat. Aber das ging nicht mehr. Es hat vielleicht ein Jahr gedauert, bis ich gedacht hab, dass das jetzt in Ordnung ist. Aber das Handy liegt immer noch bei uns. Es gibt noch einen kleinen Teil in mir, der denkt, dass es vielleicht doch irgendwann mal möglich sein wird, das zu entsperren.

netzpolitik.org: Hast du darüber nachgedacht, die Freundinnen von Lina um die Herausgabe ihrer jeweiligen WhatsApp-Chats zu bitten?

Katrin: Nein, da habe ich nicht drüber nachgedacht. Da hätte ich wohl auch eine höhere Hemmschwelle gehabt. Da hängen ja dann so Fragen dran, wie viel die gewusst haben und so. Das würde ich nicht wollen. Man muss dann ja auch damit rechnen, dass man das emotional nicht ertragen kann.

„Die privaten Chats zu lesen war sehr intim“

netzpolitik.org: Bei Facebook hast du Nachrichten zwischen Lina und ihren Freundinnen gefunden und gelesen.

Katrin: Ja, sie hatte sich mal bei mir am Computer eingeloggt und deswegen konnte ich da einfach in ihr Facebook-Profil reingehen. Da konnte ich verfolgen, was sie mit anderen geschrieben hatte.

netzpolitik.org: Wie war das?

Katrin: Das zu lesen war noch mal etwas anders, als auf ihrem Computer die Bilder anzugucken. Also wirklich in einen privaten Chat reinzugehen und das zu lesen, das war schon sehr intim. Aber jede Nachricht dort war wie ein Steinchen in dem Gesamtbild. Das war echt wichtig für mich.

netzpolitik.org: Hast du darüber mit Freundinnen von Lina gesprochen?

Katrin: Ja, ich wusste, dass die Freundinnen von Lina das sehen, wenn ich mich einlogge, weil dann die grüne „online“ Lampe in ihrem Profil leuchtet. Das hat die natürlich aufgewühlt und manche von ihnen haben mich dann auch angeschrieben. Außerdem haben viele Lina nach ihrem Tod geschrieben, um ihr noch mal etwas mitzuteilen. Manche dieser Nachrichten waren so berührend für mich, dass ich da auch geantwortet hab. Da gab es schon so eine Hemmschwelle, weil es eben ganz intime Gedanken und Gefühle waren, aber die waren dann alle dankbar, noch mal so eine Rückmeldung zu kriegen.

„Ich wollte so viel wie möglich erfahren“

netzpolitik.org: Wie war das für Linas Freundinnen zu wissen, dass du jetzt Nachrichten aus den letzten Jahren liest?

Katrin: Ich habe nicht nachgefragt und es hat auch keiner was gesagt. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass es ein Unbehagen gab. Obwohl, vielleicht haben die Freunde sich auch nicht getraut, zu sagen, dass sie es nicht in Ordnung finden. Für mich war es in dem Moment wichtig. Ich wollte so viel wie möglich erfahren.

netzpolitik.org: Haben die Nachrichten dir helfen können, dein Bild zu vervollständigen?

Katrin: Definitiv. Da musste es gar nicht um Suizidgedanken gehen. Aber Lina im Austausch mit den anderen zu sehen, hat mir noch mal einen Teil von ihr eröffnet, den ich gar nicht kannte. Ich hab zum Beispiel ein Video gefunden, wo sie raucht. Mir war klar, dass wir alle Dinge machen, die unsere Eltern nicht sehen sollen. Aber für mich war das dann nicht erschreckend, sondern das hat sie mir näher gebracht.

Ich habe wirklich jeden Schnipsel aufgehoben, den wir gefunden haben. Jeder belanglose Kram war für mich wirklich so wichtig und bis heute könnte ich nicht sagen, dass ich da was löschen würde.

Das Facebook-Profil soll online bleiben

netzpolitik.org: Wie hast du die vielen digitalen Fotos zum Erinnern und Trauern genutzt?

Katrin: Ich habe ein Album gemacht mit Bildern von der schönen Zeit, die wir mit Lina hatten. Das war wichtig, weil vor allem ihre Schwester damals Schuldgefühle hatte. Die Bilder haben ihr geholfen zu reflektieren und zu sehen, dass es gar nicht so war, wie es sich zu dem Zeitpunkt vielleicht angefühlt hat. Wir hatten jede Menge Spaß gehabt, nicht nur Auseinandersetzungen.

netzpolitik.org: Die Profile von Lina bei Tumblr und Facebook sind weiterhin online.

Katrin: Ja, ich würde es nie fertig bringen, die stillzulegen. Dann wäre sie für mich tot. Auch der Gedenkzustand auf Facebook ist keine Option für mich. Am Anfang waren wirklich noch oft Freundschaftsanfragen da, da hab ich dann auch drauf geklickt. Also die laufen weiter und manchmal guck ich in Linas Seite rein. Weißt du, das ist wie eine Schatzkiste. Sie ist da, aber du musst sie nicht immer öffnen. Es ist einfach ein gutes Gefühl, zu wissen, dass sie da ist.

netzpolitik.org: Gibt es noch etwas, was du sagen möchtest?

Katrin: Für mich ist einfach wichtig, zu sagen, wie wertvoll dieser digitale Nachlass ist. Es geht eben nicht nur um die Frage „Wie viel darf man denn da wirklich noch in die Privatsphäre der Verstorbenen rein?“, sondern darum zu zeigen, was das für die Hinterbliebenen auch für ein Schatz ist.

netzpolitik.org: Vielen Dank für deine Offenheit und das Gespräch.

Fühlst du dich antriebslos oder bist in einer scheinbar ausweglosen Situation? Unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 findest du zu jeder Tags- und Nachtzeit Hilfe. Du kannst dich dort anonym und vertraulich beraten lassen, welche Form der Therapie dir helfen könnte. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen bietet die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention.

5 Ergänzungen
  1. Als Vater verstehe ich, dass man sein Kind besser verstehen will und versuche zu verstehen, wie traumatisch dieses Erlebnis gewesen sein muss.

    Aber dieses Mädchen hat explizit auf einen digitalen Bereich verwiesen und andere Bereiche per Passwort geschützt. Ich finde es ethisch nicht korrekt, Zugriff einklagen zu können. Man verletzt damit auch die Privatsphäre Dritter.

    1. Sorry, aber was du da sagst ist Unsinn und auch nicht besonders empathisch.
      Die Briefe seiner verstorbenen Großeltern zu lesen gehört dann auch dazu und ähnliches.
      Wenn man einen geliebten Menschen verloren hat, dann sind diese Dinge das einzige was bleibt und selbst jemand wie du würde, denke ich, in einem solchen Falle ebenso handeln, genauso wie die stärksten Männer im Angesicht des Todes noch mal Mami rufen oder denken.
      Das ist menschlich und ich finde es sehr schön wenn zugehörige Dinge und Erinnerungen bleiben von dem was so schnell vergeht.
      Auch denke ich, dass es einem Menschen der dieses Leben nicht mehr möchte, wie es gerade für diesen Menschen ist, egal ist was mit dessen zugehörigen Dingen und Erinnerungen geschieht.

      1. Der Vergleich hinkt hart. Wir kippen heute in Smartphones und Internetdienste unser ganzes Leben. Und dazu gehören auch Dinge, die eben nicht jeder sehen soll. Oder möchtest du, dass deine Kinder später sehen, wie du deiner Frau Dickpics in der Mittagspause geschickt hast. Unser Umgang mit dauerhaft gespeicherten Informationen hat sich vollkommen geändert. Und da muss auch zwangsläufig die Frage gestellt sein, was will die Verstorbene über auch preisgeben. Und hier wollte sie offenbar und aktiv nicht, dass es die Inhalte des Laptops sind. Das hat man dann zu respektieren, ebenso wie die Privatsphäre der anderen Personen, mit der sie im Kontakt stand.

      2. Du wirfst anderen vor nicht empathisch zu sein, zeigst dich aber geleichzeitig gegenüber dem dass der Erblasser absolut unempathisch. Ich habe meinen Körper z. B. der medizinischen Ausbildung vermacht und danach eine anonyme Seebestattung gewählt. Eben weil ich will dass alles von mir verschwindet. Das gilt auch für alles digitale. Auch auf die Idee die Briefe verstorbener zu lesen, würde ich niemals kommen.

  2. Ich finde es zwar verständlich, dass eine Mutter oder ein Vater daran interessiert sind, was ihre Tochter oder ihr Sohn so mit anderen besprochen hat, halte es aber für eine unverschämte Grenzüberschreitung.

    Der digitale Nachlass sollte besonders geschützt werden. Persönliche Gespräche, die im „Offline-Bereich“ geführt werden, bleiben für immer privat und werden nirgendwo abgelegt. Online-Gespräche sind genau die gleichen, höchst intimen Gespräche, die auch im „Offline-Leben“ stattfinden – nur eben in schriftlicher Form. Dass diese Gespräche später von Dritten gelesen werden, empfinde ich aus persönlicher Sicht als einen schlimmen Vertrauensbruch und moralisch unterste Schublade.

    Online sprechen wir über Sexualität, Gefühle, Sorgen, Ängste etc. und sind viel verletzlicher als im direkten Face2Face Gespräch mit anderen. Wir sollten dafür sorgen, dass unser Innerstes nicht durch „Hacker“ (selbst wenn es Verwandte sind) nach außen gekehrt werden kann.

    Mich macht es wütend, wie die Mutter die Intimsphäre ihrer Tochter verletzt.

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