Sprachforschung

Die Schmähgemeinschaft der neuen Rechten

Die Szene der neuen Rechten gruppiere sich vor allem um Schimpfwörter, sagt der Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth. Über Jahre hat er die Artikel und Kommentare rechter Internetportale gesammelt. Seine Auswertung auf dem Chaos Communication Congress offenbart die Strategie, die sie im Netz verfolgen.

Schreihals
Wer hat die schlimmsten Schimpfwörter? Sprachforscher Joachim Scharloth hat ein regelrechtes Wetteifern in der Szene der neuen Rechten beobachtet. (Symbolbild) Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Asa Rodger

Die neue Rechte definiere sich vor allem über Beleidigungen und herabwürdigende Sprache, mit der sie große Teile der Gesellschaft verunglimpft. Insofern handele es sich bei ihr um nichts anderes als eine „Schmähgemeinschaft“. Zu dieser Schlussfolgerung kommt der Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth. Er hat die Texte und Kommentarbereiche von 29 rechten Internetportalen gesammelt und ausgewertet. Der Professor für German Studies an der Waseda Universität in Tokyo hat seine Ergebnisse Ende Dezember beim 36. Chaos Communication Congress in Leipzig vorgestellt. Sie lassen Rückschlüsse auf die wahre Motivation der Wortschöpfer:innen zu.

Joachim Scharloth Alle Rechte vorbehalten Screenshot | media.ccc.de

220 Millionen Wörter aus den vergangenen vier bis sechs Jahren hat Scharloth für seine Analyse gespeichert. Ausgewählt hat er dafür einige der Websites, die ein rechter Blog 2017 in einer sogenannten „Hitparade der APO-Blogs“ aufgelistet hatte, darunter sind Publikationen wie „PI-News“, „Tichys Einblick“ oder „Jouwatch“.

Gefunden hat der Forscher nach eigenen Angaben mehr als 30.000 unterschiedliche Schimpfwörter. Er hat untersucht, wie sie sich sprachlich zusammensetzen und wie häufig sie im Einzelnen verwendet wurden. Nur ein Bruchteil der Begriffe tauchte demnach tatsächlich mehrfach auf. Die Gesamtzahl der Funde habe über die Jahre jedoch deutlich zugenommen, sagt Scharloth netzpolitik.org.

Er attestiert den rechten Wörtschöpfer:innen viel Kreativität. „Sie sind sicherlich Sprachbereicherer, aber auch Sprachentwerter.“ Aus „Migrant“ und „Ratte“ werde „Migratte“, aus „Journalist“ und „Halunke“ werde „Journalunke“. Zwei Wörter würden miteinander kombiniert, sodass die negative Bedeutung des einen auf das andere abfärbe. „Da werden Framing-Strategien ziemlich gut sichtbar.“

„Patrioten“, die das Land und die Demokratie verachten

Alleine für Angela Merkel hat der Wissenschaftler nach eigenen Angaben mehr als 1000 Beschimpfungen gefunden. Der Name der Bundeskanzlerin werde auf den rechten Websites als „Mehrkill“ verballhornt. „Manchmal nennt man sie auch einfach Ferkel oder sogar Adolfela Ferkel, um eine Anspielung auf Adolf Hitler zu machen.“

Deutschland in den Worten der neuen Rechten Alle Rechte vorbehalten Screenshot | media.ccc.de | Bearbeitung: netzpolitik.org

Doch nicht nur die Bundeskanzlerin würdigen die neuen Rechten mit ihren Äußerungen Scharloth zufolge herab. Wie ein roter Faden scheint sich auch die Verachtung für Deutschland und seine demokratischen Institutionen durch die Beiträge auf den untersuchten Websites zu ziehen. „Es gibt wahnsinnig viele Schimpfwörter, die Deutschland herabwürdigen“, so der Forscher. „Das verwundert dann schon bei Patrioten.“

Auch die Bundesländer hätten die neuen Rechten umgetauft. So gebe es in deren Fantasie „Baden-Türkenberg“, „Mordbayern“, „Anhaltend-saudumm“ oder „Meckpomm-Wildnis“. Selbst für die Deutschen im Allgemeinen habe er Hunderte negative Ausdrücke gefunden. Sie würden etwa als „Schlafvolk“ verunglimpft. „Ausgerechnet die Populisten, die sagen ‚wir sind das Volk‘, würdigen das Volk herab.“

Beschimpfungen sind die Sprache der neuen Rechten

Dass soziale Bewegungen ihre eigenen Ausdrucksformen entwickeln, ist kein neues Phänomen. Scharloth verweist auf die 68er-Bewegung und ihren Politjargon oder die Friedensbewegung, die beispielsweise auf Lieder gesetzt habe. „Bei der neuen Rechten sind das eben die Schimpfwörter.“ Die Ablehnung sei der kleinste gemeinsame Nenner einer ideologisch relativ durchmischten Szene.

Als einen ihrer Ideengeber erachtet er Donald Trump. Der US-Präsident hatte ärmere Länder im Zusammenhang mit der amerikanischen Einwanderungspolitik vor knapp einem Jahr als „Shithole countries“ bezeichnet. „Nachdem Trump ‚Shithole‘ gebraucht hatte, ist das ein geflügeltes Wort geworden, auch in der deutschen Rechten. Es gibt alle möglichen Ableitungen: ‚Shitholisieren‘, ‚geshitholt‘, ‚Shitholistan‘ und wird rauf und runter benutzt.“

Den Provokateur:innen die Bühne nehmen

Joachim Scharloth zufolge versuchen die Nutzer:innen in den Kommentarspalten der Websites regelrecht, einander mit Herabwürdigungen zu überbieten. Die Provokationen zielten darauf ab, Aufmerksamkeit für die eigene Botschaft zu erzeugen. Wer auf sie eingehe, spiele den Verfasser:innen geradezu in die Hände.

„Ich glaube, dass es tatsächlich eine kulturelle Frage ist, ob wir im Netz Diskurse auf diesem Niveau führen wollen.“ Der Forscher schlägt deshalb einen anderen Ansatz vor: Die Beschimpfungen zu ignorieren und die Provokateur:innen in den sozialen Netzwerken nach Möglichkeit zu ignorieren, sie dort außerdem zu blockieren. Er will ihnen so die Bühne nehmen, auf der sie ihre politische Meinung verbreiten.

Scharloth warnt vor den Folgen, die auch Sprache im Netz in letzter Konsequenz haben kann, denn sie entfalte eine Wirkung. „Sprechen ist auch Handeln. Es grenzt aus und kann das Ansehen von Menschen schädigen.“ Physische Gewalt werde verharmlost oder gar legitimiert, Akzeptanz geschaffen für Terrorismus und rechte Netzwerke. „Ich fürchte, dass da noch einiges kommt.“

Der Talk zum Nachschauen

 

Du möchtest mehr kritische Berichterstattung?

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten.

Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

Unterstütze auch Du unsere Arbeit jetzt mit deiner Spende.

 

Unsere Arbeit bei netzpolitik.org wird fast ausschließlich durch freiwillige Spenden unserer Leserinnen und Leser finanziert. Das ermöglicht uns mit einer Redaktion von derzeit 15 Menschen viele wichtige Themen und Debatten einer digitalen Gesellschaft journalistisch zu bearbeiten.

Mit Deiner Unterstützung können wir noch mehr aufklären, viel öfter investigativ recherchieren, mehr Hintergründe liefern - und noch stärker digitale Grundrechte verteidigen!

Dann unterstütze uns hier mit einer Spende.

8 Ergänzungen
  1. Hier wären Google und Facebook auch gefragt Texte mit agressiver Rethorik in der Timeline und den Suchergebnissen niedriger zu ranken. D.h dafür zu sorgen das diese seltener angezeigt werden, dadurch könnte man schon viel erreichen. Zum einen das solche Propaganda dann eine deutlich geringere Reichweite hätte. Zum anderen wäre es eine erzieherische Maßnahme die dafür sorgt das Menschenfeindlichkeit eben nicht mehr mit viel Aufmerksamkeit belohnt wird.

    U.a könnte man unter agressiven Kommentaren auch den „Like“ Button entfernen. Somit liese sich die positive feedback loop der Rassisten wirksam stören ohne das eine Zensur notwendig wäre.

    1. Gerade bei Wortneuschöpfungen stelle ich mir deinen Vorschlag ziemlich schwierig vor. Es muss eine Liste der schlechten Wörter gepflegt werden, die zwangsläufig schnell veraltet und nicht viel bringt, wenn die meisten Wörter nur einmal verwendet werden. Eine andere, KI-basierte Lösung, die selbstständig Wörter generiert und zur Liste hinzufügt, würde gewiss viele Fehler erzeugen.

      Ich sehe daher Google, Facebook et al eher in der Pflicht, Benutzer*innen die Möglichkeiten zu bieten, selbst zu moderieren. Twitter geht neuerdings diesen Weg, mit ihrem Plan für einen offenen Standard für soziale Netzwerke.

    2. welche motivation sehen sie bei google und facebook, die sie diese maßnahmen ergreifen lassen würden?

      welches Interesse haben diese unternehmen, reichweite in und damit interaktion mit ihren produkten zu verringern?

      inwieweit entspricht erziehung zu Menschenfreundlichkeit deren unternehmenszweck?

      helfen sie mir, ich kann das nicht erkennen.

      .~.

      1. Das ist ganz einfach. Google, und mehr noch Facebook, wollen der Freizeitpark im Netz sein, mit viel Bling Bling und einer unbeschwerten Nutzerexperience. Was Sie nicht sein wollen sind die etwas schmuddeligen Kneipe, bei der das Essen zwar schmeckt, bei der man aber auch immer diesen einen Tisch mit den dumpfen Gesellen im Blick hat. Den über die Zeit gehen die Menschen, die sich daran stören (die meisten) dann trotz guter Küche eben nicht mehr in diese Kneipe.

  2. Ein guter und wichtiger Artikel. Aber könnte man nicht statt:
    „…einen anderen Ansatz vor: Die Beschimpfungen zu ignorieren und die Provokateur:innen in den sozialen Netzwerken nach Möglichkeit zu ignorieren, sie dort außerdem zu blockieren. “
    einfach wie früher
    „Don’t feed the troll“
    sagen?
    Ok das müsste man ein bisschen abwandeln: „Don’t feed the Patriot“ oder „Don’t feed the
    Nappix*“
    oder ganz kurz:
    II
    Ignore Idiots.
    :)

    *Nazis, AfDler, Prepper, Pegidas, Identitäre, Xenophobe

  3. Diese Karte halte ich teilweise für falsch. Ich bezeichne mich selbst gerne als linksgrünversifft, spreche aber nicht neurechts, wenn ich als Schwabe sage, dass ich aus dem Schwobaland komme und gerne in MacPomm (oder MeckPomm) Urlaub mache. Das sage ich seit 20 Jahren so ohne je einem nennenswerten Einfluss von rechts ausgesetzt gewesen zu sein. Nur weil Rechte unser nordöstliches Bundesland auch so nennen, halte ich die Bezeichnung trotzdem nicht für rechte Sprache. Ich finde beide genannten Begriffe auch nicht abwertend oder herabwürdigend.

    1. Die „Dunkelsachsen“ und das „Höckeland“ hätte ich auch eher bei den Linken verortet. Aber da ist ja der ganze Osten bekanntlich Dunkeldeutschland, und auch der Hass auf Ausländer (solange es Schwaben sind die einen den Wohnraum streitig machen) geht in Berlin auch durchaus von Links aus…

      Was irgendwie im Artikel fehlt sind die ironischen Übernahmen von gut gemeinten Ausdrücken.
      Aus dem politisch korrekten PoC (alle Menschen die nicht weis sind) wird z.B. die „Person of Crime“ definiert. Dazu die „Goldstücke“, die „kulturelle Bereicherung“, die „Fachkraft“,….

      1. Im ursprünglichen Talk wird darauf eingegangen – aber auch, dass insbesondere durch Sonderzeichen gekennzeichnete (zum Bsp. „Gänsefüßchen) Beleidigungen besonders schwer maschinell auszuwerten sind.

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.