Wir haben mit Joachim Scharloth zu den neurechten Schimpfworttiraden auch einen Podcast aufgenommen:
Die neue Rechte definiere sich vor allem über Beleidigungen und herabwürdigende Sprache, mit der sie große Teile der Gesellschaft verunglimpft. Insofern handele es sich bei ihr um nichts anderes als eine „Schmähgemeinschaft“. Zu dieser Schlussfolgerung kommt der Sprachwissenschaftler Joachim Scharloth. Er hat die Texte und Kommentarbereiche von 29 rechten Internetportalen gesammelt und ausgewertet. Der Professor für German Studies an der Waseda Universität in Tokyo hat seine Ergebnisse Ende Dezember beim 36. Chaos Communication Congress in Leipzig vorgestellt. Sie lassen Rückschlüsse auf die wahre Motivation der Wortschöpfer:innen zu.

220 Millionen Wörter aus den vergangenen vier bis sechs Jahren hat Scharloth für seine Analyse gespeichert. Ausgewählt hat er dafür einige der Websites, die ein rechter Blog 2017 in einer sogenannten „Hitparade der APO-Blogs“ aufgelistet hatte, darunter sind Publikationen wie „PI-News“, „Tichys Einblick“ oder „Jouwatch“.
Gefunden hat der Forscher nach eigenen Angaben mehr als 30.000 unterschiedliche Schimpfwörter. Er hat untersucht, wie sie sich sprachlich zusammensetzen und wie häufig sie im Einzelnen verwendet wurden. Nur ein Bruchteil der Begriffe tauchte demnach tatsächlich mehrfach auf. Die Gesamtzahl der Funde habe über die Jahre jedoch deutlich zugenommen, sagt Scharloth netzpolitik.org.
Er attestiert den rechten Wörtschöpfer:innen viel Kreativität. „Sie sind sicherlich Sprachbereicherer, aber auch Sprachentwerter.“ Aus „Migrant“ und „Ratte“ werde „Migratte“, aus „Journalist“ und „Halunke“ werde „Journalunke“. Zwei Wörter würden miteinander kombiniert, sodass die negative Bedeutung des einen auf das andere abfärbe. „Da werden Framing-Strategien ziemlich gut sichtbar.“
„Patrioten“, die das Land und die Demokratie verachten
Alleine für Angela Merkel hat der Wissenschaftler nach eigenen Angaben mehr als 1000 Beschimpfungen gefunden. Der Name der Bundeskanzlerin werde auf den rechten Websites als „Mehrkill“ verballhornt. „Manchmal nennt man sie auch einfach Ferkel oder sogar Adolfela Ferkel, um eine Anspielung auf Adolf Hitler zu machen.“

Doch nicht nur die Bundeskanzlerin würdigen die neuen Rechten mit ihren Äußerungen Scharloth zufolge herab. Wie ein roter Faden scheint sich auch die Verachtung für Deutschland und seine demokratischen Institutionen durch die Beiträge auf den untersuchten Websites zu ziehen. „Es gibt wahnsinnig viele Schimpfwörter, die Deutschland herabwürdigen“, so der Forscher. „Das verwundert dann schon bei Patrioten.“
Auch die Bundesländer hätten die neuen Rechten umgetauft. So gebe es in deren Fantasie „Baden-Türkenberg“, „Mordbayern“, „Anhaltend-saudumm“ oder „Meckpomm-Wildnis“. Selbst für die Deutschen im Allgemeinen habe er Hunderte negative Ausdrücke gefunden. Sie würden etwa als „Schlafvolk“ verunglimpft. „Ausgerechnet die Populisten, die sagen ‚wir sind das Volk‘, würdigen das Volk herab.“
Beschimpfungen sind die Sprache der neuen Rechten
Dass soziale Bewegungen ihre eigenen Ausdrucksformen entwickeln, ist kein neues Phänomen. Scharloth verweist auf die 68er-Bewegung und ihren Politjargon oder die Friedensbewegung, die beispielsweise auf Lieder gesetzt habe. „Bei der neuen Rechten sind das eben die Schimpfwörter.“ Die Ablehnung sei der kleinste gemeinsame Nenner einer ideologisch relativ durchmischten Szene.
Als einen ihrer Ideengeber erachtet er Donald Trump. Der US-Präsident hatte ärmere Länder im Zusammenhang mit der amerikanischen Einwanderungspolitik vor knapp einem Jahr als „Shithole countries“ bezeichnet. „Nachdem Trump ‚Shithole‘ gebraucht hatte, ist das ein geflügeltes Wort geworden, auch in der deutschen Rechten. Es gibt alle möglichen Ableitungen: ‚Shitholisieren‘, ‚geshitholt‘, ‚Shitholistan‘ und wird rauf und runter benutzt.“
Den Provokateur:innen die Bühne nehmen
Joachim Scharloth zufolge versuchen die Nutzer:innen in den Kommentarspalten der Websites regelrecht, einander mit Herabwürdigungen zu überbieten. Die Provokationen zielten darauf ab, Aufmerksamkeit für die eigene Botschaft zu erzeugen. Wer auf sie eingehe, spiele den Verfasser:innen geradezu in die Hände.
„Ich glaube, dass es tatsächlich eine kulturelle Frage ist, ob wir im Netz Diskurse auf diesem Niveau führen wollen.“ Der Forscher schlägt deshalb einen anderen Ansatz vor: Die Beschimpfungen zu ignorieren und die Provokateur:innen in den sozialen Netzwerken nach Möglichkeit zu ignorieren, sie dort außerdem zu blockieren. Er will ihnen so die Bühne nehmen, auf der sie ihre politische Meinung verbreiten.
Scharloth warnt vor den Folgen, die auch Sprache im Netz in letzter Konsequenz haben kann, denn sie entfalte eine Wirkung. „Sprechen ist auch Handeln. Es grenzt aus und kann das Ansehen von Menschen schädigen.“ Physische Gewalt werde verharmlost oder gar legitimiert, Akzeptanz geschaffen für Terrorismus und rechte Netzwerke. „Ich fürchte, dass da noch einiges kommt.“
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