„Das automatisierte Erkennen von Situationen“ durch Videoüberwachung wird seit Dienstag am Berliner Bahnhof Südkreuz geprobt. Bei dieser sogenannten „Intelligenten Videoanalysetechnik“ arbeiten die Deutsche Bahn und die Bundespolizei zusammen. Der Test ist die zweite Phase eines umstrittenen Überwachungsprojekts, das bereits massiv für Protest gesorgt hatte. Der Start hätte eigentlich schon im Februar stattfinden sollen, wurde aber auf unbestimmte Zeit verschoben – bis jetzt.
Die Tests sollen bis Ende des Jahres laut RBB dienstags von 12 bis 20 Uhr sowie mittwochs von 8 bis 16 Uhr durchgeführt werden. Dabei stellen Freiwillige nach Drehbuch Situationen nach, die das System dann erkennen soll. Alle Bereiche des Bahnhofs sollen auch ohne Betreten der gekennzeicheten Erkennungsbereiche zugänglich sein. Im Betrieb soll das System dann Mitarbeiter von Polizei oder Bahn auf Situationen aufmerksam machen.
Starke Kritik gegen Vorgängerversuche
In der ersten Phase war die automatische Gesichtserkennung getestet worden. Dagegen hatte es bereits mehrmals gesellschaftlichen Protest mit Musik und Straßentheater gegeben.
Im Anschluss hatte das Innenministerium den Auswertungsbericht zu den Ergebnissen des Tests verzögert vorgelegt, dann wurde er unter anderem vom Chaos Computer Club massiv kritisiert: Die Erkennungsquoten seien geschönt, die Vorgangsweise unwissenschaftlich, die notwendige Diskussion um politische Eckbedingungen glatt übergangen worden.
Auch Verhaltensscanner können sich negativ auf die Freiheitsrechte einer Person auswirken: Menschen können sich dazu gedrängt fühlen, ihr Verhalten an die Erwartungen anzupassen, um nicht aufzufallen. Gleichzeitig wissen sie jedoch nicht genau, was überhaupt auffällig ist und einen falschen Alarm bei den Polizisten und Bahnmitarbeiterinnen auslösen könnte. Denn die Algorithmen, die Verhalten und Situationen bewerten, sind nicht transparent.
Erfassung spezifischer Situationen
Hier die vollständige Liste der Situationen, die in der jetzigen Phase laut Bundespolizei erkannt werden sollen:
- Liegende Personen, z. B. gestürzte Personen, die medizinische Hilfe benötigen
- Betreten definierter Bereiche/Zonen, z. B. Objektschutz von Baustellen im Bahnhof oder Schließfachüberwachung
- Personenströme/Ansammlungen, z. B. Visualisieren von Ansammlungen vor Fahrtreppen oder schnelle Bewegungen von Personengruppen
- Personenzählung, z. B. Anzahl von Personen, die sich in einem festgelegten Bereich aufhalten.
- Abgestellte Gegenstände, z. B. Gepäckstücke, die sich über einen längeren Zeitraum herrenlos am gleichen Ort befinden
- Nachvollziehen der Positionen von Personen/Gegenständen, z. B. um Zuordnungen von herrenlosen Gepäckstücken gewährleisten zu können (ausschließlich Bundespolizei, kein Datenzugriff durch DB)
- Retrograde Auswertung von Videodaten der zuvor genannten Szenarien, um später auswerten zu können, wie Gefahrensituationen entstanden sind (ausschließlich Bundespolizei, kein Datenzugriff durch DB)
Die drei beteiligten Firmen, deren Systeme getestet werden sollen, sind IBM, die aus Hitachi, Conef und MIG bestehende Hitachi-Gruppe sowie die Partner Funkwerk und G2K. Zweck des Systems soll laut Bahn sein, „durch innovative Technologien die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit des Bahnbetriebs zu steigern“. Die Polizei will dagegen eine „effektivere Gefahrenabwehr auf dem Gebiet der Bahnanlagen der Eisenbahn des Bundes“.
