Demokratie

Studie zu Foodora und Deliveroo: Die App ist der Chef

Die Lieferfirmen geben ihren Mitarbeitern gerne das Gefühl, unabhängig und frei zu sein. Durch permanente Überwachung und über Anreizsysteme werden jedoch die Fahrer:innen diszipliniert und interne Konkurrenz geschürt. Wissenschaftlerinnen haben das Geschäftsmodell jetzt untersucht.

Alleine gegen die anderen? Die Lieferunternehmen üben mit Kontrollsystemen Kontrolle und Druck auf die Fahrer:innen aus. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Kai Pilger

Ob im Burgerladen um die Ecke oder auf den Radwegen der Stadt. In größeren Städten gehören die Fahrer:innen von Essenslieferanten wie Foodora oder Deliveroo quasi zum Inventar. Die Unternehmen haben in den letzten Jahren die Vermittlung von Liefergeschäften und deren Abwicklung fast komplett übernommen. Doch unter welchen Bedingungen arbeiten eigentlich diejenigen, die das Essen zum Kunden bringen?

Die Soziologinnen Mirela Ivanova und Joanna Bronowicka von der Europa-Universität Viadrina haben das gemeinsam mit den Rechtswissenschaftlerinnen Eva Kocher und Anne Degner untersucht. Sie erforschten im Rahmen eines von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekts zu den Arbeitsbedingungen des Geschäftsmodells Lieferservice. Den Ergebnissen der Studie zufolge stehen der scheinbaren Autonomie der Fahrer effektive Kontrolltechniken gegenüber.

Die Untersuchung basiert auf Interviews von Berliner Foodora und Deliveroo-Fahrer:innen, deren Vorgesetzten und Gewerkschaftsvertretern. Außerdem flossen die Auswertung und Beobachtung von Arbeitsabläufen, E-Mails, Stellenbeschreibungen, Newslettern sowie Versammlungen und Demonstrationen in die Studie ein.

Der Arbeitsprozess funktioniert der Studie zufolge bei beiden Lieferdiensten sehr ähnlich:

Wenn eine Bestellung eingeht, müssen die Fahrer das gewünschte Essen vom Restaurant abholen und zum Kunden transportieren. Dabei werden sie durch eine App über Aufträge informiert und bei der Abwicklung unterstützt. Der Ablauf ist in Einzelschritte zerlegt: die Auftragsannahme, die Fahrt zum Restaurant, die Entgegennahme, die Fahrt zum Kunden, die Übergabe. Die Erledigung jedes einzelnen Arbeitsschritts muss per Klick bestätigt werden. Die Fahrer nutzen ihre eigenen Räder und Smartphones, Dienstkleidung und Transportbox stellen die Unternehmen zur Verfügung.

Einen deutlichen Unterschied gibt es jedoch beim rechtlichen Status der Fahrer:innen. Bei Foodora handelt es sich um abhängig Beschäftigte mit einem Stundenlohn von neun Euro, bei Deliveroo um Selbstständige, die fünf Euro pro Lieferung erhalten.

Disziplinierung mit System

Laut der Forscherinnen suggerieren beide Unternehmen den Fahrer:innen, dass sie ihr eigener Chef seien. In der Realität sei aber die App, über die die Arbeitsprozesse organisiert werden, der Chef.

In der deutschsprachigen Zusammenfassung (PDF) der englischsprachigen Studie (PDF) heißt es dazu:

Die Kontrolle per App funktioniere zum einen über automatische Benachrichtigungen, heißt es in der Studie. Die Aktivitäten der Fahrer werden demnach mittels GPS-Ortung und Auswertung ihrer Klicks in Echtzeit überwacht. Sobald das Programm eine Unregelmäßigkeit wie fehlende Bewegung oder überlange Wartezeiten feststellt, poppt beim Fahrer eine entsprechende Nachricht auf. Ein Vorgesetzter aus Fleisch und Blut greift nur dann ein, wenn die automatisierte Kommunikation ihren Zweck nicht erreicht. Dass es selten dazu kommt, scheint nicht unwesentlich zur gefühlten Autonomie beizutragen: Viele der Befragten finden Anweisungen von einem Algorithmus offenbar weniger störend als Anweisungen von einem menschlichen Chef.

Bei beiden Unternehmen wird die Disziplinierung der Fahrer über ein Vergütungssystem erreicht: Bei Deliveroo ist es die Bezahlung pro Lieferung, bei Foodora ein Bonussystem. Die Daten, die bei der digitalen Überwachung der Fahrer:innen anfallen, werden laut der Studie dafür genutzt, internen Wettbewerb zu erzeugen. Wer einen hohen Score hat, kommt bei der wöchentlichen Schichtvergabe als erstes zum Zug, wer einen schlechten Score hat, muss die Schichten nehmen, die niemand haben will.

3 Ergänzungen
  1. Hier gibt es einen guten Querbezug zum podcast 161. Dort wird ua gefragt, ob solche Algorithmen zur Arbeitsorganisation unter ethischen Gesichtspunkten vertretbar sind.

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