Aussteiger

Rechts unter Palmen

Er zog aus, um Deutschland zu entkommen und die Welt zu entdecken. 30 Jahre später ist Manfred ein Rechtsradikaler. Die Propagandamaschine im Netz und ihre Narrative wirken bis in eine Strandidylle im 10.000 Kilometer entfernten Indonesien hinein. Eine Spurensuche.

Strand mit Palmen, im Vordergrund ein einfacher Holzzaun
Was muss eigentlich passieren, dass man AfD-Anhänger wird, wenn man täglich diesen Ausblick hat? CC-BY-SA 4.0 netzpolitik.org

Manfred ist Aussteiger. Nach zehn Jahren Arbeit bei einem großen deutschen Unternehmen und ein paar Jahren im Außendienst fährt er Ende der Achtziger Jahre mit dem Motorrad los und entdeckt die Welt. Er hat keinen Bock mehr auf Arbeit, auf Ausbrennen, auf ein Leben für Reihenhaus und Steuererklärung. Er experimentiert mit Drogen, genießt das Leben. „Tauchen war das Schönste, was ich je gemacht habe. Eine neue Welt.“ Die neue Welt hat es ihm angetan.

Manfred bleibt in Indonesien, lernt dort seine Frau Esti kennen und heiratet. Er wird Moslem, damit ihre Eltern der Hochzeit zustimmen. Irgendwann um die Jahrtausendwende bauen sich die beiden in einem kleinen Dorf am Meer eine Existenz auf. Ein paar Bambushütten für Touristen an einem traumhaften Strand. Sie bekommen Kinder. Die sind begeisterte und gute Surfer.

Eine neue Welt

Die Hütten mit Meerblick sind einfach, sie haben eine Veranda mit Hängematte, das Essen ist reichhaltig und lecker, es riecht nach Meer. Der Ort ist ein Traum für alle, die Ruhe unter Palmen haben wollen.

Doch Manfred ist heute Anhänger der AfD und schimpft jeden Tag über Deutschland, Merkel und die Muslime, die Deutschland angeblich überfluten und übernehmen wollen.

Er nennt mich immer Martin statt Markus. „Was machst Du beruflich, Martin?“ – „Ich bin Journalist.“ – „Du bist Journalist? Hoffentlich nicht gleichgeschaltet.“ Ein rechtes Narrativ.

Ein paar Surfer und andere Aussteiger sind an meinem ersten Abend da. Im Fernsehen läuft das Rugby-Halbfinale. „Besser als Fußball. Das ist wie Schach“, sagt Manfred. Wellen schlagen an den Strand. Sie sind hoch und laut. Die Surfer freuen sich. Ich mag die Geräuschkulisse und die salzige Gischt, die bis an die Bar hochkommt. Das Rugby-Spiel ist fertig. Die Surfer gehen. Manfred und ich reden.

Jeden Tag eine neue Geschichte

„Das Gesicht des Islams hier ist das Lächeln. Alle sind gut, lieb und freundlich. Doch die Wahrheit ist eine andere. Glaub mir, Martin.“ Und dann geht es los. Die Flüchtlinge würden Deutschland kaputtmachen, alles sei gesteuert. Die Wahrheit würde unter Verschluss gehalten, man könne nicht mehr seine Meinung sagen. Der Klimawandel? Eine Lüge, damit auch Luft besteuert werden kann. Merkel habe nach dem Wahlsieg 2013 die Deutschlandfahne weggeworfen, überall anders dürfe man stolz auf sein Land sein.

Er sei zum Schluss gekommen, dass die Demokratie nicht die beste Regierungsform sei. „Wir werden von klein auf indoktriniert, nicht die Wahrheit zu sehen.“ Es sind die bekannten Sätze. Auswechselbar. Die toxische Realität des Rechtsrucks in Deutschland.

Doch Manfred war seit acht Jahren nicht mehr in Deutschland. Er war erst drei Mal zurück in den letzten 30 Jahren, erzählt er. Er habe immer schon nach ein paar Tagen Beklemmungen bekommen. Und Heimweh nach Indonesien.

Dann redet sich Manfred in Rage. Erzählt mir von einem Mann „mit Hintergrund“, der seine Frau mit der Axt enthauptet habe. Wieder einmal. „Diese Geschichten werden verschwiegen. Ich kann Dir jeden Tag bis zu deiner Abreise so eine Geschichte bringen, Martin.“ Das hat mir unter den Palmen am Strand im Urlaub nun wirklich gefehlt. Ich lehne dankend ab.

Eine Kommunikationsstrategie der neuen Rechten ist die beständige Wiederholung von angeblichen und tatsächlichen Kriminalfällen unter mutmaßlicher Beteiligung von Geflüchteten. Social Media Accounts wie „Einzelfallinfos“ betreiben dieses einseitige Geschäft genauso wie rechtsradikale „Alternativmedien“ vom Schlage Jouwatch.

Deutsches Brot und deutsches Blut

Manfred ist fast sechzig heute, läuft immer in bunter halblanger Surferhose und mit freiem Oberkörper herum. Der graue Bürstenhaarschnitt zeigt seine alte Kraft, seine Augen aber sind müde. Vielleicht sieht man in ihnen das tägliche Bier an seiner Bambusbar. Sein Deutsch hat sich über die Jahre verändert, es klingt anders, es mischen sich englische Laute und indonesische Betonungen mit rein.

Der Auswanderer hat sich gerade einen neuen, großen Backofen gekauft, der immer piepst, wenn er die eingestellte Temperatur erreicht hat. Manfred liebt Brotbacken, experimentiert mit selbstgemachten Sauerteigen, züchtet eigene Hefe mit Rosinen. Er ist ein guter Bäcker, der mir jeden Tag neue Leckereien zu probieren gibt. Immer wieder riecht es nach frischem Brot, nach Pizza, Panini. Immer liegt Mehlstaub auf der Theke. Er backt vermutlich die besten Apfelkrapfen in ganz Indonesien. Beim Brot und beim Backen sind wir uns nahe, können reden, uns gemeinsam begeistern.

Doch wir streiten wieder am nächsten heißen Abend, die Sonne ist gerade groß und rot untergegangen. Es hat immer noch 30 Grad, ist schwül. Geckos rufen an den Bambuswänden. Manfreds jüngerer Sohn übt in seiner Hütte Gitarre. Ich frage, warum Manfred nach 30 Jahren im Ausland sein Deutschsein plötzlich so wichtig ist. Warum ihn muslimische Geflüchtete in Deutschland so stören. Und warum ihn, der an diesem wunderschönen Fleckchen Erde lebt, um alles in der Welt ausgerechnet die Dealer vom Görlitzer Park in Berlin interessieren.

Und dann nimmt er seine Leidenschaft fürs Backen als Beleg für Identität und Volkszugehörigkeit. „Das mit dem Brot mache ich, weil ich Deutscher bin“, sagt er. „Manfred, das Brot ist doch scheissegal, darum geht es doch nicht“, erwidere ich. „Doch Martin, darum geht es, das steckt in meinem Blut. Und deswegen will ich mein Volk schützen.“

Mit Höcke in einem Boot

Und dann kommt das nächste Thema vom neurechten Sprechzettel: Meinungsfreiheit, natürlich. Ob er jetzt auch Faschist sei, nur weil er seine Meinung sagt, will Manfred wissen. „In Deutschland ist man doch jetzt gerichtlich verpflichtet, den Höcke einen Faschist zu nennen.“ Irgendwie sieht er sich mit Höcke in einem Boot. Es wird laut zwischen uns. „Komm, wir lassen das“, sagt er, „sonst schade ich meinem Geschäft hier.“ Es klingt wie ein „Na, siehst Du.“ Manfred das Opfer, das nicht mehr sagen kann, was es will.

Das Verwaltungsgericht Meiningen hatte in einem Beschluss (Dokument) im September 2019 geschrieben, dass die Bezeichnung „Faschist“ für Höcke nicht aus der Luft gegriffen sei, sondern auf einer überprüfbaren Tatsachengrundlage beruhe. Darüber mokierten sich neurechte Publikationen wie die Junge Freiheit.

Ich versuche zu verstehen, wie jemand 10.000 Kilometer von Deutschland weg, unter Palmen ins Fahrwasser der Rechten gerät. Entscheide mich, mir nicht ein neues Hotel zu suchen, sondern nachzubohren.

„Ich spreche bis heute kaum Indonesisch“, sagt Manfred. Vielleicht ist er nie wirklich angekommen? Auch nach 30 Jahren habe er keine Staatsbürgerschaft des südostasiatischen Landes bekommen, obwohl er mit einer Indonesierin verheiratet ist. Aber ist das nicht gerade ein Beleg dafür, dass eine restriktive Einwanderungspolitik nicht zielführend und ungerecht ist? Nein, Deutschland soll auch so hart mit Zuwanderern sein, findet Manfred.

Vielleicht ist es auch ein Gefühl mangelnder Wertschätzung aus Deutschland, die er spürt? „Der letzte Brief von einem deutschen Amt kam vor 15 Jahren. Ich bin nichts wert in Deutschland.“ Wenn er zurückkehre, bekomme er weniger als die Geflüchteten, obwohl er deutsches Blut habe. Das ist erwiesenermaßen falsch, denn Deutsche bekommen mehr als Geflüchtete.

Rechte Nabelschnur Internet

Es ist wohl ausgeschlossen, dass Manfred durch seine Gäste – Surfer:innen und die Einsamkeit suchende Backpacker – radikalisiert wurde. Viel mehr ist wohl das Internet die rechte Nabelschnur, die ihn mit Ansichten, Ideen, Verschwörungen füttert und radikalisiert. „Bis dieses Jahr gab es bei Youtube immer sehr kritische Beiträge, bei denen man sich selbst eine Meinung bilden konnte.“ Doch jetzt wolle der Staat das unter Kontrolle bringen, deswegen habe Youtube den Algorithmus geändert. „Man bekommt nichts Interessantes mehr vorgeschlagen.“ Er abonniere jetzt, was ihm wichtig erscheint. Doch selbst seine Abos würden wie von Geisterhand gelöscht werden.

Youtube steht schon lange in der Kritik, weil sein Empfehlungsalgorithmus Inhalte bevorzuge, die eine Radikalisierung fördern. Tatsächlich hatte der Konzern in diesem Jahr Änderungen am Algorithmus angekündigt, um Fake News einzudämmen.

Er gebe aber immer noch genug gute Informationsquellen abseits des Mainstreams geben, findet Manfred. Er nennt das „bestimmte Kreise“. Anhand der Geschichten, die er erzählt, müssen es Publikationen wie Jouwatch, PI-News oder Tichys Einblick sein. Der übliche Informationscocktail derer, die jeden Tag auf der Suche nach Empörung, Aufregung, Hass oder Hetze sind.

Dass die neurechte Propagandamaschine und ihre Narrative bis in diese Bambusidylle hineinwirken, ist erstaunlich. Erstaunt ist auch Manfreds Frau Esti: „Immer nur beschweren, immer nur deutsche Politik“, sagt sie zu mir auf Englisch. „Wir leben doch am anderen Ende der Welt. Was hat das alles mit uns hier zu tun?“

*Manfred und Esti heißen in Wirklichkeit anders. Der Autor hat biografische Details oder Ortsangaben, die Hinweise auf die Identität der beiden geben könnten, bewusst weggelassen.

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4 Ergänzungen
  1. Schöner Text! Die große Frage ist: War Manfred jemals nicht rechts? Ein gewisser Wertekompass hat wahrscheinlich immer gefehlt. Kombiniert mit dem Gefühl mangelnder Anerkennung – deshalb auch der Ausstieg aus dem System. Youtube und Tichy ist dann radikales Zünglein unter Palmen, mehr nicht.

  2. Tolle Reportage, aber meiner Meinung nach ein bisschen zu sehr aus dem „Sonne und Strand ist ein Paradies und dann passt alles“-Blickwinkel. Was vergessen wird, ist das es einfacher zu glauben ist, wenn man weiter weg/alles schwerer nachprüfbar wird. Wenn Manfred liest, dass in Deutschland auch „deutsche Mädchen“ schon Burkas tragen müssen, dann kann er das aufgrund seines Wohnortes nicht mehr persönlich falsifizieren. Der Widerspruch, zwischen dem Untergang, den die Rechten herbeischreien, und dem realen Leben wird kleiner, je weiter man weg ist.

    Dies soll keine Entschuldigung für Manfred sein, denn ohne Grund schlägt auch der Youtube-Algorithmus keine Verschwörungsvideos vor, aber das hat Lukas schon in seinem Kommentar aufgebracht.

  3. Hab letstenz den Blog von einem Rechten Aussteiger auf den Philipinen gelsen, der da behauptet das die Deutschen Frauen wegen dem Feminismus nichts mehr Taugen würden und Deutsche Männer deshalb nun gezwungen wären ausländerinen zu heiraten was ja überhaupt ganz schlimm wäre da so die Deutsche Rasse aussterben würde. Er selbst lebt dort mit einer Asiatin zusammen…..

    Gerade in der Neurechten Szene gibt es doch schon einige überraschend schräge Existenzen.

    Auch wenn es mir mißbehagt, hier müssen google und Facebook dann eben doch die Algorythmen ihrer Such und Empfehlungsseiten so ändern das solcher Content nicht mehr so leicht verbreitet werden kann. Mehr positive Inhalte in den Vordergrund stellen und dafür sorgen das neu rechte Inhalte keine solche Reichweite bekommen.

    Gibt eben leider zu viele Leute die allerlei schrägen Fake News Müll sofort glauben wenn Sie mit ihm konfrontiert werden.

  4. Interessanter Artikel, zumal für mich, der nach unzähligen Reisen und immer enger werdenden Banden seit bald zwei Jahren in Brasilien lebt und als Kind in Spanien aufgewachsen ist (die letzten 5 Jahre der Franco-Diktatur). Mein erstes Wort, das ich als Fünfjähriger auf Spanisch kannte, war „alemán“ („deutsch“), und hier in Brasilien nennen mich auch die meisten einfach „alemão“. Man wird also sowohl von Außen wie von Innen – ob es einem passt oder nicht – zunächst einmal über seine Herkunft definiert. Ich freue mich auch, dass ich in meinem kleinen Ort einen deutschen Nachbarn habe, mit dem mich gelegentlich in der Muttersprache auf eine Weise austauschen kann, die nur unter uns möglich ist, weil wir gewisse Prägungen, Erfahrungen und Sozialisationen teilen.
    Es war außerdem schon damals in Spanien zu beobachten, dass die Expats fern der Heimat oft „deutscher“, patriotischer sind oder werden, als die Landsleute in der Heimat. Die ersten deutschen Siedler in Brasilien suchten sich überwiegend Regionen, die klimatisch dem deutschen Klima und der deutschen Landschaft ähnelten, in Brasilien vor allem im Süden (Santa Catarina), und sie fingen gleich an, Bier nach deutschem Reinheitsgebot zu brauen (brasilianisches Bier wird bis heute nach deutschem Reinheitsgebot gebraut), Brot und Kuchen nach deutschem Rezept zu backen, Häuser nach deutscher Tradition zu bauen. Auch ich habe inzwischen Sehnsucht nach deutscher Gastronomie, vor allem nach der Voelfalt des deutschen Brotangebotes, weil das brasilianische auf Dauer einfach extrem einfältig und einseitig ist und ebenso nach deutscher Wurst. Offenbar prägen uns unsere kulinarischen Gewohnheiten ein Leben lang. (Bevor meine brasilianische Ex-Frau nach Deutschland zog, war ihre größte Sorge, es gäbe keinen „arroz e feijao“/Reis und Bohnen).
    Ansonsten habe ich mit dem „Deutschsein“ – was auch immer das sein soll – gewisse Probleme, weil es eh ein diffuser Begriff ist und ich mich womöglich dank meiner spanischen Kindheit nie wirklich als „Deutscher“ definiert und gefühlt habe, lieber als Europäer. Dabei sind die Stereotypen, mit denen man als Deutscher hier in Brasilien – und anderswo sicher auch – konfrontiert wird, durchaus positiv: wir gelten als solide, zuverlässig, ordentlich, fleißig, intelligent, fortgeschritten, professionell (allerdings auch als zu ernst und humorlos). Und in der Tat, wenn ich meine Einstellung zu Leben und Arbeiten mit der der Brasilianer vergleiche, dann sind diese Unterschiede nicht von der Hand zu weisen.
    Trotzdem bin ich persönlich vor allem nach Brasilien gezogen, weil ich mich von der ersten Reise an in das Land und die Lebensart verliebt habe und mir Deutschland zunehmend so auf den Zeiger ging, dass ich es wirklich nicht mehr aushalten konnte. Dank Internet und WhatsApp kann man sich ja auch aus der Ferne sehr umfangreich über die Heimat und das Weltgeschehen informieren. Und je länger ich hier in Brasilien bin, umso glücklicher bin ich, nicht mehr in Deutschland und Europa zu sein! Denn aus der Ferne betrachtet wirken als diese Debatten, politischen und gesellschaftlichen Diskurse noch absurder und grotesker als vor Ort. Deutschland erscheint hier umso mehr als Land, in dem über alles und jedes und auf hohem Niveau gemeckert wird. Mit der AfD sympathisiere ich nicht, sehe sie aber vor allem als Symptom einer um sich greifenden Unzufriedenheit mit einem politischen System, das zu viel debattiert statt zu handeln, das die Bedürfnisse und Sorgen der Bevölkerung nicht ernst genug nimmt und einen Common Sense – wenn überhaupt – nur auf allerkleinster Sparflamme herstellen kann. Mit Moslems habe ich kein Problem, zumal ich als Grundschullehrer viel persönlichen Kontakt hatte und sie vor allem als Erdenbürger sehe, die ihre Kultur wie alle anderen Expats auch gleichfalls in der Diaspora pflegen wollen. Ich kann aber auch verstehen, dass sich viele Menschen angesichts der Vielzahl an Flüchtlingen und Moslems überfordert und ausgeliefert fühlen und der Politik nicht mehr zutrauen, die drängenden Probleme zu lösen. Toleranz ist gut und schön, aber für mich als Ausländer in Brasilien oder wo auch immer in der Welt ist es eine Selbstverständlichkeit, mich den Sitten, Gesetzen und Gepflogenheiten anzupassen, ohne damit meine Herkunft aufgeben zu müssen. Ein Staat und eine Gesellschaft, welche die Dinge einfach so laufen lassen oder so tun, als gäbe es diese Probleme nicht, verliert die Kontrolle. Es ist wohl genau dieser Kontrollverlust und diese Tatenlosigkeit, die viele dazu verführen, nach einem autoritäreren Staat zu rufen, der einfach pragmatisch und effizient handelt, statt nur halbseidene Kompromisse zu produzieren, die es möglichst allen Interessengruppen (und damit niemandem) recht machen sollen. Bei mir verfestigt sich auch zunehmend der Eindruck, dass diese ganze Mediokratie mittlerweile ein sich selbst nährendes System ist, ohne wirkliche Problem-Lösungen zu liefern. Der Berg kreiste und gebar eine Maus.

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