Demokratie

FairTube-Ultimatum läuft ab: YouTube lädt Gewerkschaften zum Gespräch

Nach einem ersten inoffziellen Treffen sollen in Berlin bald Gespräche zwischen FairTube und Google stattfinden. Die Kampagne von YouTubers Union und IG Metall fordert mehr Transparenz über die Funktionsweise der Videoplattform und ein Recht auf Mitsprache.

Smartphone, Bildschirm zeigt YouTube-Logo auf weißem Hintergrnud
Bald soll es Gespräche zwischen YouTube und FairTube geben. Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Christian Wiediger

Und sie bewegt sich doch: YouTube hat IG Metall und die YouTubers Union zu Gesprächen in das Berliner Büro der Videoplattform eingeladen. Die Gewerkschaften hatten das Unternehmen mit der Kampagne FairTube dazu aufgerufen, Youtubern mehr Transparenz und Mitspracherechte zu gewähren. Auf die Forderungen und ein damit verbundenes Ultimatum hatte YouTube bisher ablehnend reagiert.

In der offiziellen Antwort des YouTube-Mutterkonzern Google heißt es laut IG Metall nun, man habe „ein hohes Interesse am Erfolg und der Zufriedenheit der YouTube Creator.“ Deshalb wisse Google „das zuletzt von Gewerkschaftsseite geäußerte Interesse an einer weiteren Unterstützung der Arbeit der YouTube Creator zu schätzen.“ Der Konzern habe FairTube zu einem Treffen in sein Berliner Büro eingeladen, um „einige grundlegende Fragen der Zukunft der Arbeit zu diskutieren“, heißt es in dem Schreiben weiter.

FairTube ist eine Kampagne von IG Metall und YouTubers Union. Vor einem Monat hatte sie einen Forderungskatalog an die Plattform gestellt. Zu den fünf Forderungen gehört unter anderem, dass YouTube seine Entscheidungen zur Sortierung von Inhalten transparenter macht – also zum Beispiel erklärt, warum ein Video in eine bestimmte Kategorie eingestuft wird. Auch die Gründe für die Demonetarisierung oder Löschung von Videos und Kanälen soll der Konzern künftig offenlegen.

Wenn es nach der Kampagne geht, soll YouTube zudem eine neutrale Schlichtungsstelle schaffen, die zwischen Videoschaffenden und dem Konzern vermitteln kann. Außerdem soll es einen Beirat geben, in dem YouTuber an Entscheidungen über den Konzern beteiligt werden.

Gewerkschaften behalten sich Klage weiterhin vor

Inoffizielle Gespräche zwischen YouTube und dem Gründer der YouTubers Union, Jörg Sprave, haben bereits diese Woche stattgefunden. Das bestätigte der deutsche YouTuber gegenüber netzpolitik.org. Er hatte das Treffen letzte Woche in einem Facebook-Post angekündigt. Worum es dabei genau ging, sei aber vertraulich.

Sprave äußerte sich letzte Woche sehr positiv über die kommenden Verhandlungen. „Das sind großartige Nachrichten, die meine Erwartungen sogar übertreffen“, schrieb er in einer Ankündigung in der Facebook-Gruppe der Youtubers Union. YouTube zeige ernsthaftes Interesse, mit FairTube zusammenzuarbeiten. „Aber natürlich hat die eigentliche Arbeit erst begonnen – wir werden sehen müssen, wie die Gespräche laufen werden und wie YouTube auf unsere Forderungen reagiert.“

Die Forderungen von FairTube waren mit einer Frist verbunden, die heute endet. Hätte YouTube bis dahin keine Gespräche aufgenommen, drohte die Kampagne mit Klagen: Einerseits wegen eventueller Scheinselbstständigkeit von Videoschaffenden, andererseits wegen möglichen DSGVO-Verstößen. Der Countdown wird jetzt aber erst einmal angehalten, so die IG Metall zu netzpolitik.org.

„Der Druck, den wir gemeinsam mit der YouTubers Union auf Google und YouTube gemacht haben, hat sich gelohnt“, erklärt die zweite Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, gegenüber netzpolitik.org. „Es ist uns gelungen, Google an den Tisch zu holen. Wir freuen uns auf die Gespräche und wollen einen raschen Termin. Dort wird sich zeigen, zu welchen Änderungen YouTube bereit ist.“

Google wollte auf Anfrage nicht bestätigen, ob Gespräche stattgefunden hätten. Ein Sprecher gab gegenüber netzpolitik.org lediglich ein standardisiertes Statement ab, allerdings um einen Satz erweitert: „Anders als es hier behauptet wird, sind YouTube Creator aus rechtlicher Sicht keine Angestellten von YouTube.“ Zu eventuellen DSGVO-Verstößen oder den einzelnen Forderungen von FairTube äußerte der Konzern sich nicht.

Protest ist medientauglich

Sprave hatte die YouTubers Union, die als öffentliche Facebook-Gruppe organisiert ist, letztes Jahr als Antwort auf die sogenannte „Adpocalypse“ gegründet. Nachdem YouTube seine Algorithmen geändert hatte, brachen damals für viele kleinere Videoschaffende die Einkünfte ein. Sprave war danach bereits in Gesprächen mit Google, konkrete Änderungen gab es aber nicht. „Was uns bisher fehlte, waren echte Druckmittel“, so Sprave gegenüber netzpolitik.org.

Die Zusammenarbeit mit der IG Metall, der größten Gewerkschaft Deutschlands, habe das nun geändert. „Sollte YouTube unterliegen – und davon gehen wir aus – wird das für YouTube nicht nur teuer, sondern auch ein PR-Desaster“, sagte Sprave zu netzpolitik.org. Auch viele US-amerikanische Medien hatten bereits über die Kampagne berichtet.

Für Sprave hat die Kampagne unterdessen bereits einen positiven Nebeneffekt, den er auch selbst thematisiert: Sein eigener YouTube-Kanal boomt seit der Ankündigung von FairTube. Aber gut findet Sprave das nicht. „In den letzten 28 Tagen habe ich mehr Geld auf YouTube gemacht, als in den sechs Monaten vorher“, schrieb er in einem weiteren Post auf Facebook. Er führt das auf den neuen YouTube-Algorithmus zurück, der Prominenz im weiteren Internet mit mehr Klicks auf der Seite belohnt. So zumindest seine Vermutung, denn wie genau der Algorithmus funktioniert, weiß natürlich niemand.

Nach den Medienberichten über FairTube würde der Algorithmus seine Videos sogar wieder in der „Trending“-Übersicht platzieren, schrieb Sprave – und dabei sind Gewerkschaftsvideos normalerweise nicht für ihre Massentauglichkeit bekannt. Er sieht das als Beweis dafür, dass YouTube momentan eher auf Hollywood-Prominente als auf unabhängige YouTuber zugeschnitten ist. Wir dürfen gespannt sein, ob die Initiative daran etwas ändern wird.

2 Ergänzungen
  1. Die scheren sich einen Dreck um die Rechte der User. Denen geht die Düse.
    Tausende User sind offensichtlich Scheinselbstständige. Seit Jahren und Jahrzehnten. Alleine in Deutschland. Das wären dann Millionenforderungen in dreistelliger Höhe für Nachzahlungen an gerechtem Lohn umd Sozialleistungen. Ausserdem wäre das Geschäftsmodell obsulet.

    1. Weder ist die Scheinselbständigkeit offensichtlich, noch ist sie offenbar. Es gibt lediglich Anhaltspunkte aufgrund differgierender Rechtsprechung. Selbst bei den Klickworkern gibt es keine einheitliche Rechtsprechung.

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