Öffentlichkeit

Die Angst vor Echokammern ist übertrieben. Ein Rückblick auf den Wahlkampf 2017 im Netz

Die deutsche Politik ist seit dem Einzug der AfD in den Bundestag stärker polarisiert als zuvor. Schotten sich die WählerInnen im Netz von Nachrichten ab, die nicht in ihr Weltbild passen? Nicht unbedingt, sagen Forscher der Universität Hildesheim. Sie haben 2,9 Millionen Facebook-Posts vor der Wahl 2017 analysiert. Hier ein Einblick in ihre Erkenntnisse.

CSU-Anhänger bei einer Wahlveranstaltung im Sommer 2017 in Bayern CC-BY 2.0 Markus Spiske

Von Wolf J. Schünemann, Stefan Steiger und Fritz Kliche

Der Einzug der AfD in den deutschen Bundestag ist der sichtbarste Ausdruck einer Polarisierung der deutschen Parteienlandschaft, die sich in den zurückliegenden Jahren vollzogen hat. Häufig werden Polarisierung und Radikalisierung der Kommunikation im Internet zugeschrieben. Im Netz fänden sich zunehmend homogene Gruppen zusammen, die dann abgeschottet von Kritik und dem demokratischen Meinungspluralismus zu immer extremeren Positionen tendierten – so die oft vertretene These von der Echokammer.

Wir haben die Echokammer-Hypothese getestet. Im Rahmen eines durch das ZDF und die Universität Hildesheim geförderten Projekts haben wir untersucht, ob in der deutschen Online-Kommunikation tatsächlich Anzeichen für Echokammern zu finden sind.

Unser Fazit: Alles in allem können unsere Ergebnisse die Echokammer-Hypothese nicht unterstützen. Mainstream-Medien überwiegen auf allen Parteiseiten eindeutig. Im Gegensatz zu anderen Studien können wir Echokammern auch am Rande des politischen Spektrums und insbesondere bei der AfD nicht finden. Während die Anzahl und Qualität der Nischenmedien, die für die AfD Stimmung machen – etwa „tichyseinblick.de“ und „philosophia-perennis.com“ – bemerkenswert ist, beobachten wir keine Ablösung vom Rest des parteipolitischen Systems mit Blick auf die Bezugnahme zu Medienseiten.

2,9 Millionen Facebook-Posts analysiert

Zunächst zu unseren Daten. Zur Prüfung der Echokammer-These haben wir auf den Facebookprofilen der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien sowie auf den Seiten der jeweiligen SpitzenkandidatInnen während des Wahlkampfes 2017 im Zeitraum vom 29. Januar bis zum 24. September 2017 insgesamt 2,9 Millionen Beiträge gesammelt. Ziel der Untersuchung war es festzustellen, ob sich die parteipolitische Kommunikation auf Facebook durch relativ geschlossene Räume auszeichnet, in denen potenziell konträre Meinungen und Standpunkte gar nicht mehr oder nur deutlich reduziert wahrgenommen werden.

Wir haben aus dem Datenmaterial alle URLs herausgefiltert und überprüft, auf welche Quellen die NutzerInnen am häufigsten verwiesen. Die dieser Vorgehensweise zugrundeliegende Vermutung ist, dass sich geschlossene Kommunikationsräume in unterschiedlichen Linkmustern niederschlagen. Ähnliche Studien für die USA haben ergeben, dass republikanische InternetnutzerInnen andere Nachrichtenseiten verlinken als demokratische. Weitere Studien haben gezeigt, dass sich Echokammern insbesondere an den politischen „Rändern“ bilden.

Die AfD übt in Deutschland offen Kritik an den etablierten Medien. Ihre Abgeordneten verbreiten immer wieder Inhalte von rechten Nischenmedien. Wenn eine Echokammer im deutschen Parteiensystem zu erwarten ist, dann also am ehesten für die AfD. Exakt dieses Ergebnis kam bei der SZ-Untersuchung zum „Facebook-Faktor“ im Vorfeld der Bundestagswahl heraus. Aber lässt sich diese Beobachtung anhand der geteilten Inhalte erhärten?

Deutschland ist kein Echokammern-Land

Vorab sei gesagt, dass Deutschland anders als zum Beispiel die USA kein natürlicher Kandidat für die Ausbildung von Echokammern ist. Allgemein ist zu sagen, dass Deutsche immer noch weniger digitale Medien nutzen als viele vergleichbare demokratische Gesellschaften. Die Nutzerzahlen von sozialen Medien sind im internationalen Vergleich niedriger. Laut Reuters Digital News Report 2018 sind 52 Prozent der deutschen InternetnutzerInnen auf Facebook, 24 Prozent nutzen das Netzwerk für die politische Informationsversorgung.

Im Vergleich dazu sind in den USA 68 Prozent aller NutzerInnen auf Facebook und 39 Prozent geben an, sich dort politisch zu informieren. Die selbe Untersuchung zeigt für Deutschland ein im internationalen Vergleich hohes Vertrauen in die etablierten Nachrichtenmedien und eine geringe Polarisierung dieser bestehenden Landschaft.

Da wir an der Linkpraxis der ParteiunterstützerInnen interessiert waren, haben wir daher zunächst die Beiträge aller NutzerInnen entfernt, die auf mehr als einer Parteiseite aktiv waren (Cross-Poster). Damit verbunden ist die Annahme, dass NutzerInnen, die nur auf einer Parteiseite Beiträge gepostet haben, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch UnterstützerInnen dieser Partei sind. Der Ausschluss der Cross-Poster stellt die einzige Möglichkeit dar, eine plausible Annahme über die parteipolitische Orientierung eines Nutzers zu formulieren, da wir aus Gründen der Datenverfügbarkeit, aber auch des Datenschutzes keinerlei weitergehende Informationen über die NutzerInnen haben, die diese Zuschreibung erlauben würden.

Kurzum: Die Cross-Poster-Reduktion ergibt über den gesamten Datensatz besehen Sinn, sie kann und will für den Einzelfall aber keine sichere Aussage treffen. Durch den Ausschluss der Cross-Poster blieben noch 1,25 Millionen Beiträge zur Analyse übrig, die wir in einem ersten Schritt nach allen URLs durchsucht haben. Die Ergebnisse haben wir auf die jeweiligen Domains reduziert und anschließend kumuliert.

Nah am Mainstream gepostet

Das Ergebnis zeigt, dass die Top-10 der meistgeteilten Domains bei allen Parteien zentrale Akteure der deutschen Medienlandschaft beinhaltet. Einige Nachrichtenseiten finden sich bei allen Parteien (welt.de, spiegel.de), andere bei fast allen (zeit.de, focus.de). Die Top-10 umfassen bereits etwa 30 Prozent aller überhaupt geteilten Links. Betrachtet man die 25 am häufigsten geteilten Links, steigt dieser Wert auf über 40 Prozent. Darunter finden sich auch einige parteispezifische Quellen. Theoretisch ist es möglich, dass die NutzerInnen auf dem Profil AfD zwar die gleichen Medien teilen wie die übrigen NutzerInnen, dass dies aber überwiegend in einer negativen und ablehnenden Art geschieht. Auch das haben wir geprüft.

Sentimentanalyse für die Top 10 verlinkten Domains in Kommentaren bei der AfD und Alice Weidel Alle Rechte vorbehalten Schünemann/Steiger/Kliche

Wir führten für alle Beiträge, die eine der Top-10-Domains enthalten, eine sogenannte Sentimentanalyse durch. Die Analyse bewertet, ob sich ein Text – in unserem Fall die Beiträge mit den entsprechenden URLs – durch eine eher negative oder positive Tonalität auszeichnet. Dazu werden die Wörter, die im Beitrag enthalten sind mit einem Wörterbuch positiver und negativer Begriffe abgeglichen. Wenn zum Beispiel eine häufig zitierte Domain meistens von negativen Wörtern begleitet wird, ist es wahrscheinlich, dass der Benutzer versucht, sich von den Inhalten oder der Quelle zu distanzieren, auf die verwiesen wird. Den einzelnen Wörtern in den Beiträgen wurde daher ein Wert von -1 (negativ) oder 1 (positiv) zugewiesen. Wir haben eine Nachricht als positiv bewertet, wenn sie mehr positive (mindestens zwei) als negative Wörter enthält. Umgekehrt wurde ein Beitrag als negativ bewertet, wenn er mehr negative als positive Wörter enthielt (ebenfalls mindestens zwei). Alle anderen Nachrichten wurden als neutral eingestuft.

Insgesamt konnten wir in diesem Analyseschritt keine Belege für ein negatives Linkmuster finden, da die Kommentare, die mindestens einen Link enthalten, überwiegend neutral falls nicht eher positiv als negativ waren. Ein Befund, der für alle Parteien einschließlich der AfD zutrifft (Tabelle 2). Es gibt also keine Anzeichen für negative Linkmuster, die die vorherigen Ergebnisse in Frage stellen würden. Darüber hinaus können wir die Annahme verwerfen, dass die AfD (besser: NutzerInnen auf der Profilseite) auf die referenzierten Inhalte etablierter Medien systematisch negativ und abwertend verweisen.

Netzwerkdarstellung der 25 am häufigsten geteilten Domains Alle Rechte vorbehalten Steiger/Schünemann/Kliche

Um unsere Ergebnisse für die Top-25-Domains zu veranschaulichen, haben wir eine Netzwerkdarstellung erstellt. Für die Abbildung haben wir Parteien und Medien als Knoten definiert. Der resultierende Netzwerkgraph stützt die Erkenntnisse aus dem Vergleich der Top-10-Listen. In der Mitte des Netzwerks befinden sich die Medienakteure, die auf vielen Parteiprofilen verlinkt werden. Parteispezifische Quellen und Referenzen stehen am Rand jeder Partei. Diese Links weisen allerdings deutlich weniger absolute Nennungen auf als die im Zentrum liegenden Quellen.

Fazit: Ähnliche Quellen über die Parteigrenzen hinweg

Nach der Analyse lässt sich festhalten, dass sich zumindest mit Blick auf die geteilten Quellen in der untersuchten Kommunikation auf Facebook keine Echokammern feststellen lassen. Stattdessen konnten wir eine Reihe etablierter Medienseiten identifizieren, die von allen NutzerInnen auf den unterschiedlichen Profilen der Parteien und SpitzenkandidatInnen verlinkt wurden. Auch eine systematisch abwertende Konnotation von Links zu etablierten Medienseiten konnten wir nicht finden.

Eine kritische Reflexion und Vorsicht bei der Einordnung der Ergebnisse ist dennoch geboten. Wir konnten zwar zeigen, dass die NutzerInnen aller Parteien regelmäßig auf die gleichen Quellen verwiesen haben. Dies schließt aber eine individuelle Auswahl von Inhalten mit potenziell fragmentierenden Folgen für die politische Öffentlichkeit nicht aus.

Wenn die Rezeption von Nachrichten nur noch auf schnellen Klicks und kleinen Ausschnitten basiert, die überall verfügbar sind, werden die einzelnen Quellen gegebenenfalls weniger relevant, da sich jeder sein individuelles Portfolio individueller „Nachrichtenschnipsel“ aus unterschiedlichsten Quellen zusammenstellen kann. Da wir die tatsächlich geteilten Inhalte nicht analysiert haben, ist dies theoretisch auch bei der untersuchten Kommunikation möglich.

Auch sollte abschließend festgehalten werden, dass wir die eingangs angesprochene Polarisierung durchaus beobachten können. Wenn wir etwa die Inhalte aller Kommentare nach Parteien miteinander vergleichen, fällt eine inhaltliche Polarisierung ins Auge.

Vergleichen wir die Kommentare auf der AfD-Seite mit denjenigen für die übrigen Seiten, zeigt sich eine besondere Polarisierung im Hinblick auf die Form und den Ton der Auseinandersetzung. Das betrifft etwa die Verwendung offensiver Sprache. Welche Gründe es für derlei Phänomene auch geben mag, die Echokammer, verstanden als parteipolitisch spezifischer Medienkonsum, kommt nach unserer Analyse nicht infrage.

Auch für die nahenden Europawahlen sind keine grundlegenden Abweichungen von diesen Befunden zu erwarten. Die entsprechende Forschung hat immer wieder gezeigt, dass sich die Medien- und Parteienkommunikation in EU-Wahlkämpfen in nationalen Bahnen bewegt. Damit haben Europawahlen definitiv ein Echokammerproblem der ganz anderen Art, ihren strukturellen Nationalismus.

Das Forschungsprojekt der Universität Hildesheim ist hier zu finden.

Update, 24. April 2019 und 2. Mai:
Nach Hinweisen auf Darstellungsfehler in der Netzwerkgraphik haben uns die Autoren eine überarbeitete Graphik zur Verfügung gestellt. Vielen Dank an @snddrn und andere für den Hinweis! Zur Kritik an Methode und Deutung der Studie nahmen die Autoren auf dem Blog des Projekts Stellung. Die vollständige Studie wird nach Auskunft der Forscher veröffentlicht, sobald das Review-Verfahren einer Fachzeitschrift abgeschlossen ist.

Eine Ergänzung
  1. Ja, was sind denn nun Echokammern?
    Einziger Anhaltspunkt ist die Einleitung, darin fragt der Autor “ schotten sich die Wähler im Web von Nachrichten ab, die nicht in ihr Weltbild passen?“ Allein durch das Abschotten entsteht aber noch kein Echo.

    Das Echo entsteht durch die Posts, die die Wähler nach dem Lesen eines Artikel senden. Und die liegen „nah am Mainstream“. Also gibt es einen Mainstream in den Meinungen und den Posts. Dann wären die Posts das Echo und alle Beteiligten befinden sich dann eben doch in der Echokammer des Mainstream, oder?

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