Öffentlichkeit

Kampf gegen den Islamischen Staat: Youtube löscht offenbar zu viele Videos

Nichtregierungsorganisationen beklagen, dass Youtube bei der Löschung von „extremistischen Inhalten“ auch Videos löscht, die den Krieg in Syrien dokumentieren. Ein unabhängiges Archiv hat jedoch die Videos gespeichert.

Szenerie nach einem Luftschlag in Raqqa. All rights reserved Airwars.org

Youtube löscht bei seinen Maßnahmen gegen extremistische Inhalte und Propaganda offenbar auch Videos, die Kriegsverbrechen des Islamischen Staates dokumentieren. Das berichtet die unabhängige Nachrichtenplattform Middle East Eye, deren Inhalte auch von der Löschung betroffen sind.

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Die Löschungen hätten nur Tage nach der Ankündigung des Unternehmens begonnen, dass es von nun an mit künstlicher Intelligenz und ohne menschliche Hilfe extremistische Videos löschen könne. Betroffen sind auch Videos der Organisationen Airwars und Bellingcat sowie der Nachrichtenkanal Orient News der syrischen Opposition.

Chronik des syrischen Bürgerkriegs gelöscht

Chris Woods, Chef von Airwars, sagte gegenüber Middle Easy Eye, dass Youtube damit die Arbeit oppositioneller syrischer Aktivisten gefährde: „Wenn wir uns die betroffenen syrischen Konten anschauen, ist das Beunruhigende, dass diese Videos die Chronik eines sechs- oder siebenjährigen Krieges sind und einige der wichtigsten Teile dieses Krieges aus der Perspektive der Syrer abbilden.“

Elliot Higgins von Bellingcat ergänzt: „Ironischerweise schadet Youtube mit der Löschung der Oppositionskanäle der syrischen Geschichte mehr, als der Islamische Staat jemals gehofft hatte.“ Die Löschaktion sei ein „totaler Flop“, welche oftmals die falschen Videos treffe.

Unabhängiges Archiv hat ein Backup der Dateien

Einige der Videos hat Youtube mittlerweile wiederhergestellt, viele davon sind nur noch mit Altersverifikation (Anmeldung) zu sehen. Der Vorfall mit der Löschung der Videos zeigt wieder einmal, dass sich Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen nicht auf Plattformen verlassen können: Um sicherzugehen, dass Inhalte verfügbar bleiben, ist immer eine eigene Infrastruktur nötig. Plattformen können höchstens als weiterer bequemer Distributionsweg für die Inhalte betrachtet werden.

Glücklicherweise steht mit SyrianArchive.org ein von Plattformen unabhängiges Archiv zur Verfügung. Ein Sprecher des Projektes bestätigt gegenüber netzpolitik.org, dass man mehr als 300.000 Videos aus etwa 400 Youtube-Kanälen gespeichert habe. Die Videos sind in einer Datenbank abrufbar und werden nach festen Kriterien verifiziert.

Update:
Youtube hat sich für das fälschliche Löschen von Videos entschuldigt und hat die Videos teilweise wiederhergestellt. Das berichtet Middle East Eye.

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3 Kommentare
  1. Erinnert irgendwie an den Fall, Facebook vs. Bild vom nackten,fliehenden Mädchen nach einem Napalmangriff, während des Vietnamkriegs.Da hat Facebook das Bild aus öffentlichen Posts entfernt und lenkte erst durch öffentlichen Druck ein,da das Bild das Grauen des Krieges und die Kriegsverbrechen der USA dokumentierte.
    Aktive Geschichtsvernichtung drohte.Die schon lang erwachsene Frau,die auf dem Bild noch klein war,sprach sich auch dazu aus und hat auch den geschichtlichen Wert ihres Bildes gesehen und hatte nichts gegen die Publikation.
    Da hatten Menschen mit Menschen interagiert und sind zur Übereinkunft gelangt.
    Wenn Google aber künstliche Intelligenz nutzt um automatisch Videoaufnahmen zu löschen ohne dass Menschen vorher überprüfen ob die K.I. auch wirklich die richtige Entscheidung getroffen hat,dann ist das potenziell automatisierte Geschichtsvernichtung.Ob das nun Propaganda ist die da entfernt wird oder nicht,kann keiner für sich selbst beurteilen wenn ein Video vorher gelöscht wird.Man wird hier potenziell verarscht und die Beweise die vielleicht einer Verarschung entgegenhalten könnten,werden ausgerechnet durch ein Unternehmen entfernt (oder besser gesagt,durch eine K.I. des Unternehmens) welches US Gesetzen unterliegt.Gesetzen eines Landes, in der die Regierung (jetzige und damalige) bereits mehrerer Kriegsverbrechen schuldig ist,da sie Länder ohne ein UN Mandat angegriffen hat.
    Da wirkt so ein „Kollateralschaden durch K.I.“ irgendwie wie kalkuliertes Oops™.
    Was ich mich hierbei jedoch frage ist,sollten Unternehmen wie Google politische Meinungsmache betreiben dürfen? Denn solch unkontrolliertes Löschen kann ja Meinungen beeinflussen,da Wissen vernichtet bzw. vorenthalten wird.Sollte man sich hier nicht dringend für ein Verbot von K.I. in solchen Bereichen einsetzen, um willkürlicher Löschung von Geschichtsrelevanten Medien vorzubeugen?
    Und außerdem.Warum muss Propaganda gelöscht werden? Warum arbeiten wir nicht an Wegen Propaganda da zu bekämpfen wo sie auf uns einwirken soll – in unseren Köpfen?
    Warum wird nirgendswo gelehrt wie man Propaganda erkennt oder gesunden Zweifel manifestiert um potenzieller Propaganda auf geistiger Ebene Einhalt zu gebieten? Warum wollen wir ständig verbieten und löschen? Ist hier das bekannte „aus den Augen,aus dem Sinn“ wirklich eine Lösung? Oder nur Mittel zum Zweck? Den Krieg verhindern wir dadurch nicht sondern befeuern ihn durch mangelndes Wissen um die Vernichtung und das Leid betroffener Menschen.
    Der IS wird dadurch auch nicht verschwinden.
    Zudem ist das problematisch, weil wir im TV ständig nur eine Version erzählt bekommen.Die Leute vom IS sind nicht die einzigen die Propaganda für sich nutzen.Eine eigene Sicht für die Dinge zu entwickeln ist hier wichtig was aber nur mit freiem Zugang zu Informationen möglich ist.

    Warum sollen wir also auf Unternehmen und deren K.I.’s vertrauen,den Eindruck den wir uns von dieser Welt machen,für uns zu gestalten?
    Das geht in eine abartige und zugleich gefährliche Richtung,finde ich.

    Orwell’s 1984 lässt grüßen.

    https://de.wikipedia.org/wiki/1984_(Roman)#Methoden_der_Machtaus.C3.BCbung

  2. Alleged civilian casualties from Russian attacks : 1635

    Ist max count im Menü von
    SyrienArchive.org.
    Scheint sich um einen objektiven Laden zu handeln. XD

    Ich weiss ja nicht ob das nicht jedem klar ist. Die Russen sind auf Wunsch Assads in Syrien. Sie können zwar Verbrechen begehen, aber Kriegsverbrechen sind der NATO vorbehalten.

    1. Ich weiß nicht ob die Zahlen stimmen und wer auf wessen Wunsch wo ist, aber ich bin gegen Krieg und Gewalt.Lieber miteinander reden und Probleme durch Dialog lösen als durch gegenseitigen Mord.
      Gewalt führt zu noch mehr Gewalt.

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