Es ist Wochenende. Zeit, über die Digitalisierung des Biertrinkens nachzudenken! Wer jetzt ein Fragezeichen auf der Stirn hat, fühlt sich in etwa so wie ich, als mir das Telekom-Magazin „Digitaler Mittelstand“ zufällig in die Hände fiel. „Wenn sich das Bierglas in der Cloud meldet“, prangt über einem Artikel in türkisfarbenen Lettern in der Print-Ausgabe. Hätte ich ein Bierglas in der Hand gehabt, es wäre mir wohl auf den Boden gefallen.
Der Glasproduzent Rastal will den Sprung in die digitale Zukunft schaffen, indem er Biergläser smart macht. Und die Bar gleich mit. In der Zukunftsvision von Rastal würde mein nächster Barbesuch wohl folgendermaßen ablaufen: Ich komme in eine Bar mit schnieker Hochglanz-Inneneinrichtung. Monochrom gehalten. Um mich herum Menschen, die auf ihre Smartphones starren. Nicht, weil sie nicht mit ihrem Gegenüber reden wollen. Nein, sie sind gerade dabei, das nächste Bier zu bestellen.
Mein Smartphone, das Bier und ich
Auf dem weiß lackierten Designertisch prangt ein QR-Code. Souverän zücke ich mein Smartphone und scanne den Code ein. Die Getränkekarte erscheint. Helles, Dunkles, Radler. Lieber einen halben Liter oder fange ich erstmal mit einem 0,33er-Glas an? Ich wische hin und her, kann mich nicht entscheiden. Am Ende bestelle ich das Gleiche wie immer. „Absenden“ drücken, erledigt. Keine Minute vergeht und es erscheint eine Bedienung. Er stellt mir das SmartGlass auf den Tisch und sagt „Bitte sehr“. Ich antworte mit Danke, mehr werde ich heute Abend nicht mit diesem Menschen reden. Am Ende des Abends bezahle ich über die Mobile-Payment-Option und verschwinde wieder.
Nachdem der Mensch am Tresen das Bier gezapft und bevor die Bedienung es mir gebracht hat, wurde das Bier noch kurz auf der SmartBar abgestellt. Die erfasst über einen Funkchip das Glas und kennt Füllmenge und die zum Glas gehörige Biersorte. Das soll Gastronomen und Getränkelieferanten das Leben leichter machen. Damit sie Kundengewohnheiten besser analysieren können. Getränkehersteller sollen sich so „in einem stark umkämpften Markt durch neue Kunden-Insights besser positionieren“ können. Wer will so etwas?
Ein Appell wider die Effizienzsteigerung
Bisher bekommt meine Stammkneipe es ganz gut hin, ihre Bestellungen zu planen. Sogar damals schon, als noch alles analog lief. Meiner Lieblingsbarkeeperin ist es egal, ob ich erst ein Bier und später einen Gin Tonic trinke oder umgekehrt. Am Ende des Abends sind die Flaschen leerer, egal, wer was trinken mag und wann er oder sie das tut. Im Sommer läuft das Radler besser, im Winter das dunkle Bier. Was für die Bestellung interessiert, ist die Summe und die Erfahrung der Barbesitzer.
Und nein, ich will meine Getränke nicht in Hochgeschwindigkeit geliefert bekommen und es ist mir egal, ob das Tablet die Bestellung viel schneller überträgt als ein Kellner laufen könnte. Das führt der Chefdesigner Carsten Kehrein übrigens als Argument an. Ich will keine Beschleunigung beim Biertrinken. Ich will die Gelegenheit haben, mit der Lieblingsbarkeeperin ein paar Minuten über das Wetter und die S‑Bahn Berlin zu lästern, bevor ich entscheide, vielleicht heute doch eine Apfelschorle zu trinken. Oft weiß sie sowieso schon, was ich trinken will, bevor ich das tue. Ganz ohne App. Mit der SmartBar könnten einige Kellner und Barkeeperinnen eingespart werden, aber ich würde dann wohl nicht wiederkommen. Und mein Bier lieber für weniger Geld zu Hause trinken.
Einwilligung in die Datenverarbeitung bei 1,5 Promille
Ich will nicht, dass in die Cloud übertragen wird, was ich letztes Wochenende getrunken habe, auch nicht pseudonymisiert. Fragt mich eigentlich bei der Bier-Cloud jemand, ob ich der Datenverarbeitung zustimme? Der Übermittlung an Getränkehersteller? Und ist meine Zustimmung nach dem fünften Glas noch besonders wirksam? Und was kommt in fünf Jahren? Fragt in Zukunft die Krankenkasse, wie viel ich an einem durchschnittlichen Montag so getrunken habe?
„Wer ein Glas digitalisieren kann, kann auch alles andere digitalisieren“, sagt Rastal-Inhaber Raymond Sahm-Rastal. Damit mag er Recht haben, es gibt ja schon smarte Salzstreuer mit eingebauten Lautsprechern und Toaster, die Freunden Nachrichten auf das Brot brennen können. Und wehe, böse Ransomware macht das System kaputt und das Bier fließt nicht mehr. Wäre schade drum. Prost.
