Nach der Wahl zum Deutschen Bundestag machte sich ein gewisser Schock breit: Nicht nur über den Einzug der rechtspopulistischen AfD, sondern über den Anstieg von 5,9 und 7,4 Prozent bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein auf nun über zwölf Prozent im Bund. Es begann sogleich die unvermeidliche Diskussion, wer den Schwarzen Peter bekommen soll: Haben „die Medien“ durch übermäßige Aufmerksamkeit für die AfD erst den erfolgreichen Einzug ins Parlament ermöglicht? Ist der neuen Partei zuviel Platz eingeräumt, sie hochgeschrieben worden? Haben sich in der medialen Berichterstattung die Kampagnen der Rechtspopulisten wirklich so vermehrt wiedergefunden, auch was die Sprache und Richtung von Artikeln angeht?
Ein großer Satz Daten erlaubt kurz nach der Wahl einen wissenschaftlichen Blick auf die Berichterstattung zur AfD und deren tatsächliche mediale Aufmerksamkeit. Er basiert auf der Arbeit von drei Wissenschaftlern der Forschungsgruppe „Political Extremism and Democracy“ an der Simon-Fraser-Universität in Vancouver.
Breites politisches Spektrum
Das Team unter der Leitung von Dr. Steven Weldon hat seit dem 1. Juli 2017 sowohl Posts von rechtsgeneigten Plattformen und Blogs als auch Meldungen aus gängigen deutschen Medienhäusern gesammelt und ausgewertet. Über den gesamten Wahlkampf-Sommer bis zum Tag der Wahl kamen über siebentausend Berichte, Artikel und Meldungen zusammen, mit denen der Verlauf der Kampagnen nachgezeichnet werden kann.
Als typische rechtspopulistische Websites im deutschsprachigen Raum wurden die bekannten Plattformen pi-news.net, jungefreiheit.de und compact-online.de, aber auch michael-mannheimer.net, politikstube.com und deutsche-stimme.de ausgewählt, die allesamt während des Wahlkampfes die Kampagnen der AfD offensiv unterstützten. Fast dreitausend Beiträge wurden hier gesammelt.
Auf der Seite der sogenannten Mainstream-Medien wurden über 4.500 Artikel aus den Politikressorts von Bild, Welt, Handelsblatt und tageszeitung ausgewertet, jeweils aus den Printversionen der täglich erscheinenden Zeitungen. Ein breites politisches Spektrum von konservativen bis linken Blättern konnte damit abgebildet werden.
Insgesamt ist das Datenmaterial mit über siebentausend Einzelartikeln insofern aussagekräftig, dass über mehrere Monate nachvollzogen werden kann, in welcher Frequenz und Häufigkeit die AfD auftauchte und ab wann welche Begriffe und Themen Einzug in die Berichterstattung hielten.
Vorarbeiten zu den Auswertungen
Für das eigentliche Sammeln der Daten, das sogenannte Webscraping, programmierten die Forscher einen automatisierten Webbrowser. Dieser „simuliert“ einen Benutzer, der von Website zu Website surft, und basiert auf dem Paket Selenium für die Programmiersprache Python. Dieses Programm ließen die Wissenschaftler über einen Zeitraum von fast drei Monaten jeden Tag laufen, um automatisiert die Beiträge und Texte einzusammeln.
Mit dieser großen Menge textueller Daten wird es nötig, auch die Auswertung mittels Software durchzuführen. Zur Analyse der Textsammlung verwendete das Team das Paket „quanteda“ in Verbindung mit dem unter Wissenschaftlern beliebten Statistikprogramm R.
Dadurch kann im einfachsten Fall auf Knopfdruck zunächst ermittelt werden, wie häufig und bei welchen Medien über die gesamte Zeitspanne hinweg beispielsweise die AfD erwähnt wurde und ob sich im Verlauf die Häufigkeit ändert. In einem zweiten Schritt werden Gruppen von Wörtern gebildet: Diese Wortlisten zur Identifizierung von Themen wählten die Forscher selbst und speisten sie in die Software ein. Denn für komplexere Anfragen sind solche Wortlisten gefragt.
Um ein einfaches Beispiel zu geben: Wollte man hypothetisch aus dem umfänglichen Material herausfinden, ob zwei Parteichefs im Wahlkampf mit bestimmten Musikern assoziiert sind, könnte man nach dem AfD-Chef Alexander Gauland und dem FDP-Chef Christian Lindner sowie Namen von Musikgruppen suchen. Auf Knopfdruck kann man so die (zutreffende) Antwort erhalten: „In keinem der 7.333 analysierten Artikel kamen gemeinsam vor: Die Kastelruther Spatzen, Alexander Gauland und Christian Lindner.“
Nach diesem Muster können auch politische Abfragen konzipiert werden. Die folgenden Auswertungen basieren auf der Addition von Erwähnungshäufigkeiten der Parteien und einer Auswahl an Wahlkampfthemen.
Auswertung aus zweieinhalb Monaten Wahlkampf
Wie zu erwarten, stieg insgesamt der Anteil der Erwähnungen aller Parteien auf den rechtsgerichteten Blogs über die Dauer des Wahlkampfes für fünf der sechs Plattformen an. Nur die Linke erreichte ihren Höhepunkt in der ersten Julihälfte, im Nachgang der G20-Proteste in Hamburg.

Der größte Gewinner bei den rechten Blogs über die zweieinhalb Monate Wahlkampf hinweg ist die AfD. Sie gewann am eklatantesten hinzu: Zu Beginn des Sommers gerade mal auf dem vierten Platz, führt sie die Rangliste des Anteils an Artikelerwähnungen ab Mitte September bis zum Wahltag klar an. Auch die SPD wird zum Ende hin verstärkt erwähnt. CDU und CSU sind über die längste Zeit führend, bis beide – wenig überraschend – von der AfD überholt werden.

In den Mainstream-Medien zeigen sich insgesamt weniger Schwankungen bei den Parteierwähnungen. Platz eins und zwei sind – im Gegensatz zu den rechten Blogs – überhaupt nicht umkämpft: Über die gesamte Dauer der Datenerhebung ist die Union klarer Spitzenreiter, nur einmal Anfang August kann die SPD bis auf wenige Prozent heranrücken.
Für die kleineren Parteien bedeutet der herannahende Wahltermin einen Zugewinn an proportionalen Erwähnungen. FDP und Grüne werden beide im ersten Augustdrittel gehäuft genannt: FDP-Chef Lindners Äußerungen zur Situation auf der Krim sowie Spekulationen über das Rennen um Platz drei bei der Wahl könnten sich hier abbilden. Die Linke kann zum Wahltermin ihren eigenen Spitzenwert vom Juli, den sie auch in den rechtslastigen Blogs einnahm, einholen.
Auch in den Mainstream-Medien macht die AfD am meisten Boden gut: Zu Beginn des Beobachtungszeitraumes auf dem letzten Platz, steigt ihr Erwähnungsgrad in Artikeln bis zur Wahl. Sie überholt im September die anderen kleinen Parteien FDP, Grüne und Linke. Am Wahltag hat sich die Rangfolge der Parteien weitestgehend in Einklang mit dem Wahlergebnis hin entwickelt: Union und SPD auf Platz eins und zwei, AfD auf drei, die Grünen dahinter, damit besser als ihre Platzierung bei der Stimmenanzahl. Es folgen die FDP und schließlich die Linke.
Insgesamt „gewinnt“ die AfD also nur, wenn man ihren prozentualen Zugewinn betrachtet. Ansonsten haben die beiden großen Parteien klar die meisten Anteile an Erwähnungen in den traditionellen Printmedien. Auf einen überproportionalen Anteil an AfD-Erwähnungen lassen diese Daten also nicht schließen.

Auch die Themenverläufe in den Mainstream-Medien weisen auf keine übermäßige Bedeutung der AfD-Kernthemen Immigration und Flüchtlinge hin: Bei der hier gezeigten Auswahl liegt Bildung anteilsmäßig klar vorn, gefolgt von Themen mit EU-Bezug.
Erst an prozentual dritter Stelle folgt die Flüchtlingsthematik, mit sichtbarer Zunahme im späten Juli. Das bedeutet zugleich, dass von einem „Schweigekartell“ auch keine Rede sein kann. Im selben Zeitraum sprach sich der SPD-Kandidat Martin Schulz dafür aus, Flüchtlinge zum Wahlkampfthema zu machen – augenscheinlich ohne nachhaltigen Erfolg.
Terrorismus und innere Sicherheit, ein weiterer auch von der AfD besetzter Themenkomplex, zeigt sich in zwei Zeiträumen mit Zugewinn: einmal Mitte Juli im Bereich der Jahrestage der Anschläge in München, Ansbach und Würzburg sowie Mitte August, als über den Terroranschlag in Barcelona berichtet wurde.
Ansonsten scheint dieses Thema in der politischen Berichterstattung der traditionellen Medien verhältnismäßig wenig Anteil zu bekommen. Von der Liste rechter Phrasen, wie zum Beispiel „EUssr“, „Öko-Diktatur“, „68er-Filz“ oder „Lügenpresse“, griffen die Printmedien nur sehr wenig auf.

Anders bei den rechten Blogs: Zum Ende des Wahlkampfes scheint der Ton hier schärfer zu werden, rund fünfzehn Prozent aller Beiträge enthalten eine oder mehrere dieser Phrasen. Insgesamt enthalten die meisten Artikel den Themenkomplex „Immigration und Flüchtlinge“, mit deutlichem Höhepunkt im August, als die Themensetzung von Schulz in den Mainstream-Medien längst verhallt war.
Auch Schlagwörter zum Thema „EU“ wurden von den Blogs zunächst gehäuft verwendet, jedoch gegen Ende des Wahlkampfes vom Thema „Bildung“ abgelöst und überholt – laut Nachwahlbefragungen für viele Wählerinnen und Wähler das wichtigste Thema. Zusätzlich scheint in den rechtslastigen Blogs das Thema „Innere Sicherheit“ als mehr oder weniger konstantes Grundrauschen in Artikel übernommen zu werden.
Die Ergebnisse der Blog-Analysen stehen im Einklang mit dem, was man erwarten würde: AfD-nahe Blogs setzen auf Artikel über Flüchtlinge, um ihre Anhänger zu mobilisieren. Erst gegen Ende kommt das Thema „Bildung“ als allgemeinerer Themenkomplex hinzu. Erkenntnisse aus der Kampagnenforschung, vor allem aus den Vereinigten Staaten, beschreiben, wie zu Beginn eines Wahlkampfes Anhänger gefestigt und später dann gemäßigte Wähler mitgenommen werden. Ähnliches könnte hier passieren. Auch das gegen Ende des Wahlkampfes zunehmende Auftauchen der AfD selbst könnte darauf hinweisen.
In den Mainstream-Medien hingegen gibt es keinen eindeutigen Beleg, dass die AfD-Kandidaten oder ihre Partei übermäßig Aufmerksamkeit bekommen haben. Angela Merkel hatte die Nase stets vorn – Stichwort „Kanzlerinnenbonus“. Auch die SPD mit Schulz hatte durchweg einen großen Anteil an Erwähnungen.
Zwar wird die AfD kurz vor dem Wahltermin mit stark zunehmender Häufigkeit erwähnt, aber würde man ihr Abschneiden in Sonntagsfragen über diesen Zeitraum über die Graphik legen, so wäre keine klare Korrelation erkennbar. „Keine klare Korrelation“ heißt hier aber nicht, dass gar keine Erwähnungen stattgefunden hätten, denn ohne die mediale Reichweite dieser jungen Partei wäre ihr Aufstieg denkbar schleppender gewesen. „Keine klare Korrelation“ heißt in diesem Fall allerdings, dass es komplizierter ist, als einfach auf „die Medien“ als Komplizen zu zeigen.
Nur eine erste Analyse
Um der Sache weiter auf den Grund zu gehen, hat das Forschungsteam aus Kanada nicht nur Artikel und Beiträge vor der Bundestagswahl gesammelt, sondern auch „Likes“ und „Shares“ auf Facebook-Seiten sowie über 75 Gigabyte an Kurznachrichten von Twitter. In den nächsten Wochen werden die drei Forscher die Analyse der Text-Daten mit vertiefenden Methoden weiterführen und ihre zusätzlichen Datenquellen mit einbeziehen. Wir werden über die Ergebnisse berichten.
Diese erste Analyse konzentriert sich auf die Anzahl der Erwähnungen der verschiedenen Parteien und Themen. Zwar kann damit noch nicht automatisch auf den tatsächlichen Umfang der Berichterstattung geschlossen werden, aber die Daten der Forscher zeichnen klar ein anderes Bild als das, was derzeit in einigen Analysen und Kommentaren verbreitet wird.
Die Auswertung setzt allerdings auf die schriftliche Berichterstattung und bezieht keine Bewegtmedien wie Fernsehen oder Youtube mit ein. Gerade der Eindruck aus dem TV-Duell zwischen Merkel und Schulz mit der zeitlichen Überbetonung der Flüchtlingsfragen und den tendenziösen Fragestellungen verstärkten aber das Gefühl, dass traditionelle Medien den AfD-Themen nachhecheln würden. Denn selbstverständlich hat neben Printmedien auch das Fernsehen die Wahrnehmung der AfD und ihrer Themen beeinflusst. Dennoch bleibt die Auswertung der kanadischen Forscher in gewisser Weise nicht auf schriftliche Artikel und Postings beschränkt, da hier natürlich regelmäßig auch Inhalte aus Fernsehberichten thematisiert werden.
Hält die These der AfD-geneigten Medien?
Dass die traditionellen Medien eine übergroße Schuld am Erstarken der AfD hätten und zu einseitig wären, lässt sich als These wohl nicht mehr halten, wenn man die letzten Monate des Wahlkampfes mit dem Statistikauge betrachtet. Denn mit Blick auf die Mainstream-Medien und ihre Themensetzung zeigen sich signifikante Unterschiede bei der Erwähnung der Parteien und ihrer Themen – und gerade keine Übermenge an AfD-Berichten.

Alexander Beyer hat zunächst in Tübingen Politik- und Medienwissenschaften studiert. Er promoviert an der Simon-Fraser-Universität in Vancouver. Seine Forschung dreht sich um die medialen Strategien von rechten Parteien in Europa sowie die Möglichkeiten und Verhaltensweisen zur politischen Antwort durch Parteien der Mitte. Zusätzlich interessiert er sich für automatisierte Datensammlung, Netzwerk- sowie Textanalyse und Big Data.
Über die Forschungsgruppe: Das Forschungsteam von Alexander Beyer leitet Dr. Steven Weldon. Er ist Professor für Politikwissenschaft und Direktor des „Centre for the Study of Public Opinion and Political Representation“ an der Simon-Fraser-Universität in Vancouver und leitet die Forschungsgruppe zum Thema „Political Extremism and Democracy“. Er hat ein Jahr als Fulbright-Stipendiat in Potsdam verbracht. Seine Fachgebiete sind politische Repräsentation, Europäische Integration, politisches Verhalten sowie Diversität und Multikulturalismus.
Zum Team gehört auch Denver McNeney, er schließt derzeit seine Promotion am „Centre for the Study of Democratic Citizenship“ der McGill-Universität in Montreal ab und wird anschließend als Postdoc an der Simon-Fraser-Universität in Vancouver forschen. Seine Interesse gilt der Heterogenität von öffentlicher Meinung. Er beschäftigt sich vor allem mit automatisierter Textanalyse. Zusätzlich forscht er mit Zeitreihenanalyse und Paneldaten.
