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„Bildung in einer digitalen Welt“: Lob und Tadel des Bündnis Freie Bildung an Kultusministerien-Strategie

Ein Strategiepapier der Kultusministerkonferenz macht deutlich, dass offen lizenzierte Lehr- und Lernunterlagen zukünftig eine zentrale Rolle im Bereich digitaler Bildung spielen sollen. Dennoch bleibt noch Luft nach oben, wie das Bündnis Freie Bildung dokumentiert.

Offen lizenzierte Lehr- und Lernunterlagen sollten eine zentrale Rolle bei digitaler Bildung spielen.
CC BY-SA 2.0, via flickr/opensource.com

Ende letzten Jahres hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) das Strategiepapier „Bildung in einer digitalen Welt“ (PDF) veröffentlicht. In der begleitenden Erklärung versprach KMK-Präsidentin Claudia Bogedan, dass damit


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[d]as Lernen im Kontext der zunehmenden Digitalisierung von Gesellschaft und Arbeitswelt sowie das kritische Reflektieren darüber zu integralen Bestandteilen des Bildungsauftrages [werden]. Digitale Medien halten ein großes Potential zur Entwicklung und zum Einsatz neuer Lehr- und Lernprozesse bereit, sie tragen dazu bei, Schülerinnen und Schüler individuell noch besser zu fördern und damit unsere Anstrengungen für mehr Chancengerechtigkeit durch Bildung zu unterstützen.

In seiner Stellungnahme lobt jetzt das Bündnis Freie Bildung – ein Zusammenschluss zivilgesellschaftlicher Organisationen, die im Bereich offener Lehr- und Lernunterlagen (Open Educational Resources, OER) aktiv sind –, dass in dem Strategiepapier solche OER gleich mehrfach Thema sind:

So unterstreichen z. B. Aussagen, dass Lehrende in der Lage sein sollen, sowohl aus proprietären Angeboten als auch aus freien Bildungsmaterialien auszuwählen, die Anerkennung von OER. Auch das eigene Kapitel zu OER im Bereich Hochschule ist zu begrüßen[.]

Geschäftsmodelle für offene Lehr- und Lernunterlagen fehlen

Dieser grundsätzlich positiven Bewertung zum Trotz kritisiert die Stellungnahme eine Reihe von Details wie die irreführende Verwendung des Begriffs „Rechtssicherheit“ oder die Behauptung des Strategiepapiers, dass es noch keine Geschäftsmodelle für OER gäbe. Letztere Argumente mit Verweis auf Anbieter wie tutory.de zu entkräften, greift jedoch etwas zu kurz, denn tatsächlich fehlt es bislang vor allem im Schulbereich noch völlig an Geschäftsmodellen für OER-Lernunterlagen. Der Grund dafür ist schlicht, dass die Finanzierungsstrukturen komplett auf das gedruckte (Schul-)Buch ausgerichtet sind und öffentliche Gelder deshalb nicht für OER-Erstellung ausgegeben werden werden können (vgl. für mögliche Alternativen eine für die Technologiestiftung Berlin erstellte Studie aus 2014).

Abgesehen davon meint das Bündnis Freie Bildung aber auch dort OER-Bezüge – quasi den „Geist von OER“ – zu erkennen, wo der Begriff nicht explizit genannt wird:

So wird z. B. zu den zentralen „Kompetenzen in der digitalen Welt“ die „selbstbestimmte Teilhabe an der digitalen Gesellschaft“ [S. 15] gezählt. Als wichtige Kompetenzen für individuelles und selbstgesteuertes Lernen werden benannt: „teilen“, „zusammenarbeiten“, „an der Gesellschaft aktiv teilhaben“, „entwickeln und produzieren“ (inkl. veröffentlichen und teilen) – das alles lässt sich mit OER, freien Lizenzen, offenen Daten, kollaborativen Arbeitsweisen etc. nachhaltig realisieren.

Freie und Open Source Software bleibt ausgespart

Als klares Versäumnis wird hingegen das Aussparen des Themas Freier und Open Source Software im Strategiepapier benannt:

Die derzeitige Debatte zur Digitalisierung im Bildungsbereich wird überwiegend von Lernmanagementsystemen, E-Learning-Programmen, Schul-Clouds, aber auch durch die Nutzung von Tablets und anderen internetfähigen Geräten in unterschiedlichen Lehr- und Lernszenarien dominiert. Dabei wäre es sinnvoll gewesen, die Nachteile von proprietären Systemen (Bindung an einen Anbieter, Updates, Datensicherheit, etc.) zu benennen und zumindest auf die Möglichkeiten von Open-Source Produkten hinzuweisen.

Zusammengefasst ändern die durchaus berechtigten Kritikpunkte des Bündnis Freie Bildung am KMK-Papier nichts an den großen Fortschritten, die im Bereich offener Lehr- und Lernunterlagen auf politisch-strategischer Ebene in den letzten Jahren zu beobachten sind. Gleichzeitig müssen die Länder jetzt auch liefern und endlich ihre Finanzierungsstrukuren für OER(-Geschäftsmodelle) öffnen.

5 Kommentare
  1. aber vom #web ist nirgends die rede, auch nicht in den kritischen anmerkungen. „offene bildung in einer digitalen welt“ würde ja heißen: möglichst viel steht im web, in html. angefangen mit den curricula, und zwar in für normalmenschen lesbarer und nachvollziehbarer form.

    1. Wir als Anbieter von OER im Internet wünschen uns von den Ländern auch maschinenlesbare Lehrpläne. Das würde die Organisation von OER ungemein vereinfachen und das Auffinden von Material enorm verbessern. Denn Fakt ist, es gibt schon einen Haufen OER, nur findet man es nicht, weil es nicht mit Lehrplaninhalten verknüpft ist.

      Meine Bitte also an die KMK: Mapped alle Lehrplaninhalte alle Lehrpläne Deutschlands in einer Datenbank und stellt eine API zur Verfügung, womit man eigene Inhalte verknüpfen kann und ihr werdet sehen, OER wird ein Selbstläufer.

  2. Hoffentlich tut sich in dem Bereich wirklich etwas! Ich bin sehr gespannt, wie sich das schulische Lernen in den nächsten Jahren entwickeln wird.

  3. Dieses Dokument ist zwar schon etwas älter, wird jedoch gerade wieder aktuell, denn jetzt wurde der „Bildungspakt“ beschlossen.
    https://netzpolitik.org/2018/digitalpakt-bundesregierung-will-schulen-keine-endgeraete-bezahlen/

    Meine Kritik gilt dem Kapitel 2.2 Umsetzung, u.a. auch das ID-Management-System.
    Es entsteht eine undurchsichtige Bildungsgrundlage, in der Bildungsverlage quasi ihre Bücher online zur Verfügung stellen. Die Schüler wiederum erhalten eine eindeutige ID.
    Mit anderen Worten, wird diese ID mit der Schule und den Verlagen verknüpft. So könnten hier „gläserne Schüler“ entstehen, wenn gleichzeitig die Schülerdaten ebenfalls damit verknüpft werden. Das ID-Management soll zwar davor schützen, aber wie erfolgt dann die individuelle Abrechnung ? Und wie sicher ist das System ?
    „—Nutzung von Lernangeboten mit Rückmeldesystem über den eigenen Leistungsstand, selbst
    wenn sie lizenzkostenfrei—“
    Bezogen auf die Schulorganisation:
    „—Damit wird es zukünftig möglich sein, elektronische Schü-
    lerakten zu organisieren —“

    Die Idee von „BYOD“ (d.h. Nutzung des eigenen Handys/Laptops/Pad) gehört für mich im schulischen Bereich verboten. Die Gerätetechnik ist sehr unterschiedlich im Preis, die auf dem Handy eingesetzte Software (APP, Internet) ist für mich nicht kontrollierbar. Wer will wie einem Schüler verbieten, statt (Schul-)WLAN das Mobile Netzt zu nutzen.
    Das „freie“ Internet ist nicht der Garant für „freie“ Bildung.

    Useriös finde ich den Punkt „Technischer Support“, der möglicherweise von „—Support-Aufgaben an einen oder mehrere „technische Netzwerkadministratoren“ vor Ort in der Schule—“ zu delegieren.
    Hier werden fachfremde Personen zusätzliche Supportaufgaben aufgedrückt, in Händen von ausgebildeten IT Personal durchgeführt werden müssen.

    Generlle Kritik ist die völlige Vernachlässigung der Instandhaltungskosten (in Summe ein mehrfaches der Anschaffungskosten)
    und die Endgeräteausstattung für Lehrer, die offensichtlich immer noch nicht von den Schulen (öffentl. Arbeitgeber) gestellt werden, im Gegensatz zu den privaten Arbeigebern.
    An vielen Schulen sind Drucker nicht mehr zeitgemäß oder funktionieren nicht mehr. Lehrer müssen zu Hause ihre Unterlagen drucken.

    Abulehnen ist der Vorschlag, Sponsoren für die Finanzierung zu finden.
    Hier entstehen nicht erwünschte Abhängigkeiten von Sponsoren und damit eine mögliche privatwirtschaftliche Einmischung in Lehrinhalte oder speziellen Hard- und Softwareausstattung.
    „—Public-Private-Partnership (PPP)—„.

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