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Studie: Potentiale für Open Education in Berlin

Cover-TSB-StudieWie Sebastian Horndasch von Wikimedia Deutschland laufend berichtet, gibt es in Berlin einen parteiübergreifenden Konsens Entwicklung und Einsatz von offenen Lehr- und Lernunterlagen (Open Educational Ressources, OER) stärker zu fördern. Jenseits von diesem grundlegenden Bekenntnis zu OER ist aber keineswegs klar, auf welche Weise der politische Wille auch in konkrete Bildungspraxis übersetzt werden soll. Um hierfür einen Beitrag zu leisten, bat mich die Technologiestiftung Berlin (TSB) Anfang des Jahres darum, eine Kurzstudie zum Thema zu erstellen, die heute im Rahmen einer Pressekonferenz mit TSB-Vorstand Nicolas Zimmer und dem Berliner Bildungsstaatssekretär Mark Rackles präsentiert wurde (Studie als Download).

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Ausgehend vom politischen Bekenntnis zur Förderung von OER in Berlin untersucht die gemeinsam mit Jennifer Hill und Maximilian Heimstädt verfasste Studie vor allem zwei Fragen: Wie ist die Situation von OER in Berlin im Vergleich mit anderen Bundesländern in Deutschland? Wo können konkrete OER-Maßnahmen ansetzen, im oft unübersichtlichen und verschachtelten Kompetenzgeflecht von Schul- und Universitätsverwaltung?

Zur Beantwortung der ersten Frage konnten wir u.a. auf Daten des im Rahmen der re:publica in einer Public Beta vorgestellten Digitalen Offenheitsindex ([do:index]) zurückgreifen. Dabei zeigt sich, dass 80 Prozent aller Fragen nach konkreten OER-Aktivitäten wie z.B. Informations- und Weiterbildungsangebote oder OER-Portale in verschiedenen Bereichen (Verwaltung, Schule, Universität) verneint wurden. OER ist demnach in Deutschland noch nicht im Bildungsalltag angekommen (siehe auch Abbildungen). Zwischen den Bundesländern gibt es jedoch große Unterschiede. Berlin, Brandenburg und Niedersachsen sind mit mehr als drei dokumentierten OER-Aktivitäten an der Spitze. In den meisten übrigen Bundesländern beschränken sich die Aktivitäten auf das Angebot kostenloser, aber nicht offen lizenzierter Lernmittel und MOOCs.

Abbildungen-OER-Studie

Die Datenbasis zur Beantwortung der zweiten Frage nach Ansatzpunkten für konkrete OER-Maßnahmen bildeten daran anschließend 19 leitfadengestützten Interviews mit 22 AnsprechpartnerInnen, u.a. aus der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft (SenBJW), dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM), der iMINT-Akademie, Schul- und Fachbereichsleitern verschiedener Schultypen, Vertretern Berliner Hochschulen (FU, HU, TU, HTW und Beuth) sowie von Bildungsmedienverlagen.

In einem ersten Schritt dienten diese Interviews vor allem dazu, den Status quo der Lernmittelfinanzierung in Berlin zu erheben und nach möglichen Ansatzpunkten für die (Vor-)Finanzierung, Erstellung und Nutzung von OER zu fragen. Im Ergebnis haben wir für den Schulbereich drei aufeinander aufbauende Szenarien entwickelt, die einen verstärkten Einsatz von OER ermöglichen sollen, ohne deshalb grundlegende Bildungsstrukturreformen zu erfordern:

  • Szenario 1 „Graswurzeln düngen”: Klares Bekenntnis der SenBJW zu OER, Veranstaltung von OER-Wettbewerben, OER als Fokusthema für Lehrkräftefortbildung sowie Benennung und Ausbildung von OER-AnsprechpartnerInnen an Schulen.
  • Szenario 2 „OER Mainstreamen“: Entwicklung lehrplankonformer OER-Lernmittel für ein MINT-Fach der Mittelstufe, Veröffentlichung eines Kriterienkatalogs für OER-Lernmittel durch die SenBJW zur Ermöglichung von OER-Vorfinanzierung im Rahmen des bestehenden, dezentralen Einsatzes von Lernmittelbudgets.
  • Szenario 3 „Vorrang für OER“: Schaffung einer Stabsstelle OER in der SenBJW, Aufbau eines Berliner OER-Portals sowie monetäre Anreize für finanzielle Beteiligung an OER-Vorfinanzierung durch Schulen in Form eines OER-Bonus.

Im Universitätsbereich erschwert die doppelte Autonomie von Hochschul(bibliothek)en und Lehrenden direkte Steuerung von politischer Seite. Dennoch gibt es auch hier Handlungsoptionen wie Förderprogramme für OER-Lehre nach internationalen (z.B. in den USA) und nationalen Vorbildern (z.B. MOOC-Wettbewerb des Stifterverbands), Integration von OER-Unterstützung in vorhandene Lernplattformen und Kursmanagementsysteme wie Moodle sowie die Einrichtung einer Stelle für OER im Hochschulbereich in der SenBJW, verbunden mit der Aufforderung an die Hochschulen klare OER-Zuständigkeiten zu schaffen.

Den Abschluss der Studie bilden zwei Handlungsfelder, die in den Interviews deutlich wurden, gleichzeitig aber über Berlin hinausreichen. Einerseits wurde, gerade auch in Gesprächen mit Verlagsvertretern, deutlich, dass eine Modernisierung des Urheberrechts durch Einführung einer Allgemeinen Bildungs- und Wissenschaftsschranke auch Erstellung und Nutzung von OER erleichtern würde (vgl. dazu die kürzlich veröffentlichte Studie von Katharina de la Durantaye). Andererseits wurde klar, dass weiterer Forschungsbedarf vor allem im Bereich von OER-Geschäftsmodellen sowie hinsichtlich der Möglichkeit länderübergreifender OER-Kooperationen besteht.

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