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Erster Mai, Taser frei: Berliner Polizei führt Elektroschock-Waffen für Streifengänge ein

Berliner Streifenpolizisten sollen künftig in den Bezirken Mitte und Kreuzberg Taser mit sich führen. Die Beschaffung und Ausbildung hatte noch die schwarz-rote Koalition beschlossen. Damals waren Grüne und Linke dagegen. Nach drei Jahren könnte die allgemeine Einführung anstehen.

Elektroschockwaffe "M26" der Firma Taser. Auch das Berliner SEK nutzt die Geräte.

Noch in diesem Monat wollen zwei Berliner Polizeidirektionen mit der Einführung von Tasern beginnen. Das berichtet die Berliner Morgenpost am heutigen Mittwoch. Laut dem Innenstaatssekretär Torsten Akmann (SPD) sollen die Dienststellen der Abschnitte 32 (Mitte) und 53 (Kreuzberg) mit den Waffen ausgerüstet werden. Zunächst handele es sich dabei um eine Testphase, die jedoch schon jetzt auf drei Jahre angelegt ist. In den beiden Abschnitten Mitte und Kreuzberg wurden bereits jeweils zehn BeamtInnen für die Nutzung des Tasers ausgebildet. Die Kosten sollen sich auf 55.000 Euro belaufen.

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Die eigentlich als Elektroimpulswaffe bezeichneten Taser beschießen die betroffene Person mit Projektilen, an denen Widerhaken befestigt sind. Über damit verbundene Drähte werden Stromstöße von 50.000 Volt übertragen, die eine kurzzeitige Lähmung hervorrufen. Während sie die Hersteller als „nicht tödliche Waffe“ bezeichnen, wählen KritikerInnen lieber den Begriff „weniger tödliche Waffe“. Gemäß einer Aufstellung der Tageszeitung Guardian starben bis November 2015 mindestens 47 Menschen in den USA nach dem Einsatz von Tasern.

Einstufung als Schusswaffen

Bislang nutzt in Berlin nur das Sondereinsatzkommando (SEK) solche Geräte. Die Einheit hat vom Namensgeber, der Firma Taser, den Typ mit der Bezeichnung „M26“ beschafft. Laut der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Piraten aus dem Jahr 2013 wurden die Geräte seit ihrer Einführung im Jahr 2001 insgesamt 18-mal eingesetzt. Vier Einsätze erfolgten aus Anlass von „Bedrohungsszenarien“, 14 anlässlich von Suizidversuchen. Bis 2016 sind weitere fünf Einsätze hinzugekommen.

Die Einführung in Berlin wurde bereits unter der alten schwarz-roten Koalition beschlossen. Im Sommer hatte der damalige Innensenator Frank Henkel (CDU) die dreijährige Testphase angekündigt, trotz scharfer Kritik der Grünen und der Linkspartei. Auch die nötige Vorschrift zur Nutzung der Taser durch StreifenbeamtInnen hatte Henkel bereits ändern lassen. Eine Zustimmung des Abgeordnetenhauses sei dafür nicht nötig gewesen. Rechtlich werden Taser wie beim SEK als Schusswaffen betrachtet.

Um sie als „zusätzliches Hilfsmittel der körperlichen Gewalt“ einzustufen, wäre eine Gesetzesänderung nötig. Der damalige Koalitionspartner SPD wollte dies nicht unterstützen. Nach der Testphase könnte sich die SPD in der jetzigen rot-rot-grünen Koalition zur Einstufung der Taser als „Hilfsmittel“ entschließen. Dann wären dem Einsatz der Waffen weniger Grenzen gesetzt.

Taser sollen Todesschüsse verhindern

Henkel ging es insbesondere um den Alexanderplatz, der im vergangenen Jahr wegen mehrerer Gewaltvorfälle für Schlagzeilen sorgte. Dem abgelösten Innensenator zufolge sollten die Taser unter anderem Todesschüsse verhindern. So hatte die Polizei im Jahr 2013 einen geistig verwirrten Mann erschossen, nachdem dieser in den Neptunbrunnen am Alexanderplatz stieg.

Erst gestern hatte die Berliner Polizei in Hohenschönhausen einen ebenfalls geistig verwirrten Mann erschossen, da dieser sich mit einem Messer in seiner Wohnung verschanzte und selbst Rettungskräfte herbeirief. Die StreifenbeamtInnen brachen die Tür auf und eröffneten das Feuer aus drei Pistolen, als der Mann mit dem Messer weiter im Flur herumwedelte.

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22 Kommentare
  1. Der Haupteffekt wird wohl der sein, daß die Elektrowumme noch lockerer sitzt.
    Seit den schrecklichen Bildern vom Neptunbrunnen frage ich mich immer wieder, wie schlecht ausgebildet, ängstlich und damit ungeeignet oder auch überlastet bzw überfordert diese Waffenträger sind.
    Was geht in den Polizisten vor, wenn sie die Gefahrensituation durch das Aufbrechen der Tür herbeiführen, um ihn durch die Exekution vom Selbstmord abzuhalten.

    Aufrüstung wird die Probleme nicht lösen, sondern verstärken.

    1. Wird man sehen. Rechtliche Gleichstellung mit Schusswaffen ist durchaus sinnvoll, denn damit ist die Einsatzhuerde, die Einsatzueberpruefung und der Papierkram dazu recht hoch.

      1. Du unterstellst also, daß der Polizist in der Stresssituation an Papierkram denkt?!
        Ich nicht!
        In der Masse halte ich die Leute für absolut ungeeignet, eine Waffe zu tragen.

    2. @Horst Kevin
      „Aufrüstung wird die Probleme nicht lösen, sondern verstärken.“
      Dem pflichte ich bei.
      Die Militarisierung der Polizei führt zu amerikanischen Zuständen,Racial Profiling inclusive.
      Deeskalation als Methodik ist etwas für Weicheier und Warmduscher,Cowboys mit festen Feindbildern,Männer/Frauen der Tat(Hirn outgesourced,falls vorhanden) sind das Gebot der Stunde,wohl demjenigen, der nicht an so einen Rambo gerät.

      1. Die beste Antwort auf Militarisierung der Polizei die man geben kann.

        “ Frage von Civ4freak, 07.02.2014 5.528
        Wieso haben viele Polizisten in England, wenn sie auf Streife sind keine Dienstwaffe bei sich? “

        „Hilfreichste Antwort – ausgezeichnet vom Fragesteller
        von cmacm, 08.02.2014 5.528

        Ich war mal Polizist in N. England, wie mein Vater und Onkel(London) auch. Die Waffe ist nicht notwendig und hat den Vorteil das wenn die Polizei nicht bewaffnet ist, fühlen sich Kriminellen nicht genötigt Schusswaffen zu benutzen. Man sieht es im USA, alle wollen waffen, weil warum soll nur der Staat es dürfen?…also geht jeder mit waffe auf tour und dann hat man überall krieg auf die strassen. Will man das??.

        Bis auf weniger Ausnahmen funktioniert es auch prächtig, und den kleinen schlagstock wird auch höchst selten eingesetzt oder benötigt. Es ist einer andere Kultur und Grunddenken. Sehr schwer vorstellbar wenn man in diesen System nicht groß geworden ist.

        Waffen werden für Sondereinsätze ausgegeben zb. Flying Squad in London , oder Airport sicherheit , etc. Aber das letzte was wir brauchen ist ein bild von einer bewaffnete Staatsmacht in unseren straßen. Die riesen mehrheit ist doch nicht kriminell und will sich auch nicht so fühlen als müsse es ‚bewacht‘ werden vom Staat. Wir sind stolz auf unseren Polizei, und ohne Waffen hat man mehr den Gefühl als seien sie ansprechbar und nicht übermächtig.

        Was seit hunderte Jahren geht, muss man auch nicht ändern. “

        Aufrüstung ist nicht „alternativlos“ .

  2. aus dem artikel:

    „Laut der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Piraten von 2013 wurden die Geräte seit ihrer Einführung im Jahr 2001 insgesamt 18-mal eingesetzt. Vier Einsätze erfolgten aus Anlass von „Bedrohungsszenarien“, 14 anlässlich von Suizidversuchen.“

    ja warum beraubt die polizei denn den leuten ihr ureigenstes selbstbestimmungsrecht? warum wird immer pauschal davon ausgegangen, dass potentielle selbsttöter geistig unzurechnungsfähig ist? und was wird für die leute besser, nachdem sie „gerettet“ worden sind?

    wenn man die 14 von den 18 fällen abzieht, dann bleibt nicht mehr wirklich viel über.

  3. Das ist alles so merkwürdig!

    Das Land Berlin hat nicht einmal genug Ressourcen um die Ausbildung an der Schusswaffe auf vernünftigem Niveau sicher zu stellen, aber dann noch weitere Waffen einführen, an denen man die Leute dann auch nicht richtig ausbildet? WTF?!

    Sollte das Beispiel mit dem Mann vom Neptunbrunnen wirklich in einem offiziellen Dokument auftauchen, spreche ich den Verantwortlichen jedglichen Verstand ab. Denn Wasser und Elektrizität vertragen sich ja so gut…

    Den Tod hätte man vermieden mit einem taktischen Rückzug, Perimerterbildung und dann einer Überwältigung des Deliquenten mit ausreichend Polizeikräften….Oh warte, dafür müsste man ja genügend in Menschen investieren und nicht in Technik und Unternehmen.

    Für den aktuellen Fall: Siehe Horst Kevins Kommentar.

  4. Hier fehlt halt die Handhabe der Berufserfahrung.Die menschen die Berufserfahrung haben die gehen in vorruhestand weil die Stadt Berlin sie total ausgelutscht hat.Die Jungen Menschen die jetzt ihre Ausbildung anfangen wachsen in ein Terrorzenario rein….Die Ausbildung kann gar nicht mehr sein wie vor 10 oder 20 Jahren….Es wird keine Ruhe mehr geben.Diese Leute sind mit 50 Jahren ein Frak der Gesellschafft.In einer Modernen gesellschaft.

    1. Diese Waffen sind vielleicht nicht tödlich.Bei falschen Gebrauch aber auf jeden Fall Lebensgefährlich bis Tödlich.12000 Volt.Wenn ich damit einen Stromkasten treffe geht die unweigerlich in Flammen auf.Ein Menschlicher Körper tut dies nicht weil er Flüssigkeit in sich hat.Denkt mal drüber nach…

      1. Das ist Blödsinn,
        ein Taser erzeugt zwar so viel Spannung, der Strom ist aber sehr gering! Zudem werden nur sehr kurze Impulse abgegeben, die insgesamt abgegebene Energie pro Zeit ist um Magnituden geringer wie die, die beiden Kurzschluss in einem 12kV Verteiler abgegeben wird.

        1. @Anonymous

          „Das ist Blödsinn, “
          Gut das Sie das Fazit Ihres Posts schon vorab benennen.
          Ich entnehme Ihrem Post medizinische Unwissenheit, gepaart mit einer übertriebenen Technikhörigkeit.

          Menschen mit koronaren Herzkrankheiten,
          Atemwegserkrankungen,Arterioskelerose,Schwangere Mütter,Demenzkranke ,belastet mit der zusätzliche Streßsituation ,befördert man mit tödlicher Sicherheit gen Walhalla.
          Ihre Argumentation ist sehr einseitig technoid und bezieht sich auf den „Normal“ gesunden Menschen,aber die Menschen sind eben nicht alle gleich und das zum Glück.
          Ich bezweifele ,dass die Taserbenutzer die Menschen vorher medizinisch untersuchen, bevor sie abdrücken,wobei ich den starken Missbrauch noch nicht einmal benennen möchte,weil Spuren des Missbrauchs nicht nachgewiesen werden können.
          „Quelle Der Spiegel 16.12.2008
          Eine Studie ergab das von 2001-2008 durch Taser 334 Menschen in den U.S.A. getötet worden sind. Die Studie der Menschenrechtsorganisation stützt sich auf 98 Autopsien und kommt zu dem Schluss, dass 90 Prozent der nach einem Taser-Einsatz Verstorbenen nicht bewaffnet waren und von ihnen häufig keine unmittelbare Bedrohung ausging.“ Nicht von ungefähr plädiert Amnesty International gegen den Einsatz von Taser waffen.

  5. Ich finde es eine gute Entwicklung.
    Das einzige Gegenargument das mir in den Sinn käme,
    wäre dass das Wirkmittel lockerer sitzt.
    Aber ganz ehrlich, wenn ich die Wahl hab zwischen zweimal tasern
    oder einmal eine 9mm im Kopf, weiß ich was ich wähle.

    1. Ich fürchte, die Wahl hat man nicht.
      Drei Taser aufn Schlag werden wohl auch den stärksten Eskimo vom Schlitten werfen. Das Risiko dürfte auch steigen.

  6. Wäre es nicht sinnvoller eine Spezialeinheit aus Menschen aufzustellen die gute Ideen haben wie man den Einsatz eines Tasers vermeiden kann ?
    Diese Spezialeinheiten könnte man dann vorschicken wenn wieder ein durchgeknallter mit dem Messer rumwedelt. Sollte wieder erwarten der Typ mit dem Messer auf den Spezialisten einstechen könnten die Polizisten immer noch das Feuer mit ihren Dienstwaffen eröffnen.
    9mm Metall die im Körper aufplatzen sind schließlich weniger gefährlich als 12 000 Volt, vor allem wenn ein Stromkasten oder eine Wasserfläche in der Nähe ist. Auch Herzkranke vertragen ein bisschen Schwermetall bestimmt besser als einen Stromstoß.

  7. Wenn man mit Zahlen spielt
    >>so und so viele starben durch Taser in diesem und jenem Zeitraum<<
    ist es immer wichtig von Relationen zu sprechen und nicht von absoluten Zahlen.
    Man könnte zb. mit Leichtigkeit einen Wert errechnen, der aussagt wie lethal ein Beamter mit Schusswaffe im vergleich zum Taserbewaffneten ist.
    Und der Wert wird, vermute ich jetzt mal,
    klar zu gunsten der Taser ausfallen.
    Das Taser deswegen immer noch nicht schön sind will ich nicht bestreiten. Aber das sind Raubüberfälle auch nicht.

    1. @Schatten
      Bei Raubüberfällen ,welche Sie unsinnigerweise erwähnen, wurde der Taser auch nicht eingesetzt,sondern vornehmlich bei Routinekontrollen,wie o.g. bei überwiegend unbewaffneten Personen,von denen keine unmittelbare Bedrohung ausging ausging.

      Wer lesen kann ist klar im Vorteil und etwas Denken vorm Mailen kann auch nicht schaden.

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