Auf der diesjährigen Hauptversammlung der Deutschen Telekom AG zeigte sich Telekom-Chef Tim Höttges angriffslustig und spottete über die Mitbewerber, die nur „jammern“, aber kaum eigene Netze ausbauen würden. Das mag zutreffen, wenn man die Unternehmen allein für sich betrachtet und unter den Tisch fallen lässt, dass die Tochter Telekom Deutschland GmbH in weiten Teilen der Bundesrepublik über eine historisch bedingte und nach wie vor signifikante Marktmacht verfügt. Insgesamt übertrafen die Investitionen der alternativen Anbieter in „Sachlagen auf dem Telekommunikationsmarkt“ mit 4,2 Milliarden Euro aber immer noch die Ausgaben der Telekom (3,9 Milliarden Euro), wie aus dem Jahresbericht der Bundesnetzagentur (PDF) hervorgeht.
Nicht eingerechnet sind dabei die Nebenwirkungen des umstrittenen Vectoring-Antrags der Telekom, betonten die Interessensvertretungen Breko und Vatm in einer gemeinsamen Presseerklärung: „Der Monopolantrag der Telekom für den Vectoring-Ausbau in den nahezu 8.000 Nahbereichen der Hauptverteiler führt jedoch gerade zu großer Verunsicherung bei den alternativen Investoren“, erkärte Vatm-Geschäftsführer Jürgen Grützner. Der Regulierungsentscheid der Bundesnetzagentur ist mittlerweile in Brüssel gelandet und wird derzeit eingehend von der EU-Kommission geprüft, die negative Auswirkungen auf den Wettbewerb und auf den Breitbandausbau befürchtet.
90 Prozent durch Vectoring versorgen
Wie eine Warnung liest sich dann auch die Aussage von Höttges, der skizzierte, wie die deutsche Netz-Infrastruktur aussehen könnte, sollte die Kommission den Antrag tatsächlich durchwinken: „Wenn die Genehmigung aus Brüssel für Vectoring kommt, kann allein die Telekom 90 Prozent der Menschen mit schnellem Internet versorgen“, zitierte die FAZ den Telekom-Chef. Wenn man bedenkt, dass die geplante Zuschlagsregelung den Wettbewerbern kaum die Chance lässt, einen Hauptverteiler entsprechend auszustatten, dann lässt sich schlussfolgern, dass es letztlich zu der befürchteten Re-Monopolisierung des Netzes kommen dürfte.
Auch sonst müsse man die Behauptungen energisch zurückweisen, so die Konkurrenten, denn in puncto Glasfaserausbau bis ins Haus oder die Wohnung (FTTB/FTTH) hätten die Mitbewerber eindeutig die Nase vorn:
Nach Zahlen des BREKO erfolgen derzeit (Stand: Mitte 2015) über 80 Prozent des Glasfaserausbaus (FTTB / FTTH) in Deutschland durch die alternativen Netzbetreiber. Die Telekom gibt zwar immer wieder Glasfaserkilometer an, dabei handelt es sich aber im Wesentlichen nicht um die Verlegung von direkten Glasfaseranschlüssen (FTTB / FTTH) – vielmehr zählt der Konzern seine FTTC-Anschlüsse (VDSL / VDSL Vectoring) hinzu.
Begeistert zeigte sich Höttges auch vom Erfolg der US-Mobilfunktochter, die den Mobilfunk neu erfunden hätte: „Wir können in anderen Märkten davon lernen“. Bleibt zu hoffen, dass er damit nicht die zweifelhaften Zero-Rating-Angebote des Netzbetreibers meint, die in den USA die Netzneutralität untergraben. Sollten die unter dem Banner von BEREC organisierten europäischen Regulierungsbehörden diese Praxis nicht eindeutig verbieten, können wir uns aber zweifellos auf eine Flut entsprechender Angebote einstellen.
Fragwürdig ist auch die Entscheidung, nicht nur wie üblich eine Dividende auszuschütten, sondern diese um zehn Prozent zu steigern. Fragwürdig deshalb, weil die Bundesrepublik und die staatliche Förderbank KfW nach wie vor nicht unerhebliche Anteile am Netzbetreiber halten. Während die eine Hand also auf staatliche Förderungen schielt, um den Breitbandausbau voranzubringen, verteilt die andere Hand einen Teil der Gewinne an die mehrheitlich privaten Anteilseigner. Eine schiefere Optik können wir uns kaum vorstellen.
