Demokratie

IT-Gipfel: Bundesregierung und Industrie reden ohne viel Gesellschaft über digitale Bildung

Heute und morgen findet in Saarbrücken der zehnte IT-Gipfel der Bundesregierung statt. Oberthema ist diesmal „digitale Bildung“. Wie jedes Jahr diskutiert die Bundesregierung mit Industrievertretern über Digitalisierung. Die Gesellschaft hat man wieder mal vergessen.

CC BY Mario Behling

Das Konzept des IT-Gipfels ist seit zehn Jahren dasselbe geblieben: Politiker sitzen mit Industrievertretern und Industrie-nahen Forschungsvertretern auf Panels. Die Bundesregierung schüttet Geld über dem IT-Industrieverband Bitkom und seinen Mitgliedsunternehmen aus. Irgendwas mit Cloud. Es gibt schöne Fotos. Alles und alle Beteiligten sehen total modern und innovativ aus. Und nächstes Jahr dann dasselbe mit einem anderen Thema, aber den gleichen Beteiligten. So geht das schon seit zehn Jahren.


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Dabei sollte doch alles anders werden: Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel versprach vor zwei Jahren, dass der Gipfel-Prozess geöffnet würde:

„Mit der Digitalen Agenda hat die Bundesregierung politische Leitlinien für die Digitalisierung formuliert. Mir ist wichtig, dass sich IKT-Branche, Anwender und gesellschaftliche Gruppen wie die Netzgemeinde künftig auf Augenhöhe begegnen, deshalb öffnen wir den IT-Gipfel-Prozess.

Und im Vorwort der offiziellen Broschüre zum letzten IT-Gipfels erklärte Gabriel noch:

Die Neuausrichtung des Gipfels auf die sieben Handlungsfelder der Agenda und ein intensiver Dialog mit den Anwendern von IT unter Einbeziehung gesellschaftlicher Gruppen waren aus meiner Sicht richtige Schritte. Denn die erfolgreiche Gestaltung der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft kann nur gelingen, wenn alle Beteiligten gemeinsam daran arbeiten.

Auf dem Gipfel selbst ist davon nichts zu sehen.

Es gibt genau ein Panel der „Plattform Verbraucherpolitik in der digitalen Welt“ im Rahmen des Auftaktprogrammes am ersten Tag, das tatsächlich nach Zivilgesellschaft und Industrievertretern gleichberechtigt aufgeteilt ist. Bei den anderen etwa 23 Panels ist das nicht gelungen, wahrscheinlich hat man sich nicht einmal bemüht.

Auf dem eigentlichen IT-Gipfel, der morgen stattfindet, gibt es genau drei Vertreter, die man als Zivilgesellschaft bezeichnen könnte, einmal den Vorsitzenden der IG-Metall und dann noch zwei Betriebsratsvorsitzende aus Konzernen. Das war es dann auch schon. Stattdessen sind Vertreter der Deutschen Telekom, Bertelsmann oder Giesecke & Devrient gleich auf mehreren Panels dabei.

Vollkommen unverständlich ist es, dass die Bundesregierung es geschafft hat, auf mehreren Panels Vertreter der klassischen Schulbuchverlage zu setzen. Aber kein Vertreter von offenen Bildungsmaterialien mitdiskutieren darf.

Stell Dir vor, 2016 findet ein IT-Gipfel zur digitalen Bildung statt und statt Vertreter offener Bildungsmaterialien sitzen nur Schulbuchverlage auf Panels.

Der IT-Gipfel zeigt eindrucksvoll jedes Jahr, wie die Bundesregierung die Digitalisierung sieht. Rein wirtschaftlich und ohne viel Gesellschaft. Die Zukunft findet woanders statt.

19 Kommentare
  1. Bei golem ist ein netter Artikel über Bildung in der Schule „Lernwelt Saar“ erschienen: Das Kultusministerium und der Schulträger konnten [..] kaum helfen: „Bei Schulbüchern oder Tischen und Stühlen ist klar geregelt, welche Institution das Geld zur Verfügung stellt. Bei digitalen Medien? Dafür fühlt sich niemand zuständig.“ Seit Jahren läuft das alles nur auf Eigeninitiative mit NULL Budget. Gleichzeitig stehen laut Bundesrechnungshof Millionenwerte an IT-Infrastuktur ungenutzt herum.

    Es fühlt sich niemand verantwortlich und es ist auch niemand zuständig. Solange beim Personal nicht mal richtig Hausputz gemacht wird, wird das nie etwas. Zur Not reicht auch eine Weisung von ganz oben. Aber genau dort sitzen nach wie vor die ganzen schwarzen Löcher.

  2. Der Gipfel wird genauso bedeutungslos wie die anderen neun vorbeiziehen und schnell wieder vergessen sein. Das sind nicht nachhaltige Showveranstaltungen für den Reisekader (der partiell auch noch in Berlin wegen Air Berlin fest hing und das für eine Nachricht hielt). Ich kuck mir nicht mal mehr die Interview-Videos der Studenten dazu an. Selbst die Hypothese, dass die Bundesregierung die Veranstaltung nur wirtschaftlich sähe ist gewagt. Es sind nur unwirtschaftliche Ausgaben ohne nennenswerten Return.

    Die Kanzlerin selbst flüchtet ja auch schnell, nicht um den Gipfel flacher zu machen, sondern für den Obama, der sich trotz seiner nicht eingelösten Versprechen (Afghanistan, Guantanamo) sowie tausender toter Zivilisten, die er mit Drohen aus Deutschland hat töten lassen (viele mit Daten vom BND, was das Parlament aber nichts angehen soll), noch nach Deutschland traut.

    1. Sehr geehrter Herr Graeber,
      immer wieder lese ich Kommentare mit dem Tenor „wozu brauchen die Kinder Computer, ich komme ja auch ohne klar“. Andererseite lese ich dann Artikel, in denen die mangelnde Computer- und Internet-Kompetent im Deuschland festgestellt und beklagt wird.

      Ob das wohl miteinander zusammenhängt? ;-)

      Auch ich komme sehr gut ohne Facebook oder WhatsApp klar, in mienem (etwas gehobenen ;-)) Alter und dem meines Freundeskreises ist das auch nicht zwingend notwendig. Bei Kindern und Jugendlichen sieht das schon ganz anders aus. Hier ist es m.E. dringend geboten, die Grundfertigkeiten im Umgang mit solchen Medien zu lehren und über die Möglichkeiten, aber auch Gefahren hierbei aufzuklären.

      In der Arbeitswelt sind Computer schon heute nicht mehr wegzudenken. Ich kenne Ihre Arbeit nicht, aber schon die Tatsache, dass Sie diesen Kommentar verfasst haben zeugt ja schon von der Nutzung eines Computers. Ich kann Ihnen versichern, dass sie – selbst wenn Sie keinen eigenen Computer besäßen – täglich mit ca 50 bis 100 Rechnern in Kontakt kommen. Zugegeben, die meisten davon müssen Sie nicht selber bedienen, aber genau diese Kiner und Jugendlichen, um die es hier geht, müssen sie in der Zukunft nicht nur bedienen sondern auch weiterentwickeln. Dazu sind ein möglichst frühes Verständnis der Technologie und die Fähigkeiten ihrer Verwendung sehr nötig. Wir verlieren in D und EU schon jetzt immmer mehr den Anschluss bei diesen Technologiefeldern, nicht zuletzt aufgrund solcher Standpunkte wie den von Ihnen vorgebrachten.

      Ich möchte sie und Ihnre Meinungsgenossen darum bitten, versuchen Sie doch mal, die Welt mit den Augen der Kinder und Jugendlichen zu sehen, die in ihrem täglichen Leben außerhalb der Schule mit ihren Smartphones, Spielekonsolen, Laptops und (immer weniger) PCs umgehen, in der Schule dann aber nichts davon wiederfinden. Wie sollen sie dann sehen, dass sie in der Schule tatsächlich für’s Leben lernen, wenn die Schule nichts mit ihrem Leben zu tun hat?

      Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich halte Bücher auch immer noch für sehr wichtig, genauso wie klassische und moderne Literatur, wie Kunst und Musik. Aber die Vermittlung dieser Inhalte wird leiden, wenn die zu Lehrenden die Schule an sich für veraltet und lebensfern halten.

      1. Lieber PeterPan,
        um auf den Artikel zurückzukommen: um so bitterer ist es dann doch, dass die betroffene Gesellschaft vom IT-Gipfel geradezu vorsätzlich ausgeschlossen wird – und das nicht zum ersten Mal. Und um so befremdlicher liest sich dann auch die Klage des noch EU-Digital-Kommissars, die heute in der FAZ zu lesen ist, dass 18 Millionen Deutsche im „digitalen Abseits“ stünden. Man könnte also noch einen Schritt argumentieren und sagen, sie werden dort hingestellt.

    2. FULL ACK.

      Sehen wir bei den meisten unseren Bewerbern: Deutsch ist zwar Pflichtfach, aber das Ergebnis…
      Soziales Miteinander ist ein Fremdwort.
      Respektvolles Verhalten gegenüber Vorgesetzten oder älteren Betriebs Mitgliedern: Fehlanzeige.

      Aber es wird ja alles besser, wenn wir nur genügend PC’s und Tablets in die Schulen stecken.
      Die Verlagsbranche kümmert sich dann schon um staatskonformen Inhalt.

    3. Hier wird ein Widerspruch konstruiert, der nicht existiert. Natürlich kann soziale Kompetenz einüben und gleichzeitig Computer verwenden. Darüber hinaus werden die meisten Team-Projekte heutzutage IT- und netzgestützt durchgeführt. Auch das funktioniert nur mit sozialer Kompetenz.

    1. Dann soll sie halt ihre Ordner, Festplatten und medizinische Befunde auf die Straße werfen. Ich verstehe gar nicht, warum sich Politiker so abschotten. Das ist doch kontra-produktiv.

  3. Und wieder darf sich Bundeskanzlerin Murkel hinstellen und ungestraft den ach so restriktiven Datenschutz anprangern, der ja die lieben, lieben Konzerne daran hindert oder sie dabei ausbremst, Kapital aus „Big Data“, also aus unseren Daten, zu schlagen. Jedes Mal denke ich mir dann, dass sie wohl selbst nicht genau weiß, wovon sie da eigentlich redet und nur das dumme Gewäsch wiedergibt, dass ihre Politikberater ständig rumseibern. De facto bräuchte es aber vielmehr das genaue Gegenteil: einen stärkeren Datenschutz, der von unabhängigen Instanzen überwacht und durchgesetzt wird. Und wir als Nutzer und Verbraucher sollten gleichermaßen den Konzernen den Stinkefinger zeigen, indem wir hungrigen Datenkraken nicht noch mehr Futter in den Schlund werfen.

    1. Ich hab eher den Eindruck, dass sich auf dem IT-Gipfel der Reisekader trifft, der Marketing machen soll und dann Welle machen soll ohne Nachhaltigkeit. Ähnlich wie beim Breitbandgipfel, wo sich der Reisekader seit über 10 Jahren trifft und die Telekom sich mit Kupfer immer noch weigert, mit Glasfaser 1Gbit/s und mehr anzubieten.
      Wichtiges was ich auf Facebook und Twitter über den IT-Gipfel gelernt habe:
      – der Berliner Reisekader steckte wegen Airberlin am 1. Tag fest, war aber pünktlich zum Mittagessen da
      – ein Thema war das Kleid einer Dame und die Höhe ihrer Absätze
      – Sigmar Gabriel fand, dass die Damen auf dem Podium zu wenig gesagt hatten
      – Die Studenten vom Hasso Plattner Institut haben wie in den vergangenen Jahren wieder Filme mit Interviews gemacht. Offenbar denken die Studenten, dass die Leute, die nicht zum Reisekader gehören, nichts lieber tun als stundenlang Filme zu sehen mit Marketing-Plattitüden des Reisekaders zu sehen (wegen des schlechten TV-Programms): Im Informationszeitalter sind die Studenten jedenfalls noch nicht angekommen. Es fehlen textuelle Zusammenfassungen des Kongresses und Dokumentationen der Vergangenen, damit man auch evuluieren kann, ob von dem Buzzword-Bingo auch irgendwas implementiert wurde, oder ob darauf verzichtet wurde, damit der Reisekader eine Dauerstelle hat und jedes Jahr mit großer Empathie das gleiche sagen kann.
      Wie gute Veranstaltungsdokumentation aussehen kann, wurde die Woche in München gezeigt:
      https://www.it-muenchen-blog.de/index.php/open-government-tag-2016-die-zeichen-stehen-auf-veraenderung/
      – und dann noch der Calliope. Alle vom Reisekader haben einen geschenkt bekommen und zeigen stolz Fotos davon (geschenkt von Steuergelder des BMWi, der das Projekt finanziell fördert?)
      https://calliope.cc/
      Aber nicht erfährt man darüber, warum eine deutsche nationale Entwicklung notwendig wurde. Nicht erfährt man darüber, warum nicht einfach das Original aus UK von BBC genommen wurde? Nichts erfährt man drüber, warum der deutsche Nachbau erst 2017 auf den Markt kommt, obwohl das britische Original seit Jahren für 17 britische Pfund seit Jahren auf dem Markt ist? Nicht erfährt man darüber, warum die Briten das im 7. Schuljahr einsetzen, die Deutschen aber im Dritten. Nicht erfährt man darüber, warum überhaupt eeine Sonderentwicklung notwendig ist, obwohl es für den Rasperri Pi Tonnen von Büchern, Veröffentlichungen, Hardware, Online-Dokus und Tools frei auf dem Markt gibt? Nichts erfährt man darüber, warum ein Schulbuchverlag dabei ist (soll in der Tradition der Kultusministerkonferenz weiter die Digitalisierung behindert werden, wie wir es bei der VGWort mit der KMK an den Hochschulen gerade sehen, wie wir es gesehen haben, als die KMK für die Schulbuchverlage auf Rechnern in den Schulen Schüler und Lehrer kriminell beschnüffeln wollte – Modell Stasi 4.0 statt Open Access und OER?).
      Mir gehen diese nicht nachhaltigen Jubelperser-Veranstaltungen auf den Senkel: sie Kosten irrsinniges Geld, bringen keine Nachhaltigkeit, rauben Aufmerksamkeit für Bullshit, sie werden unprofessionell gemacht (s.o. Dokumentation).

      Sie sind vom Typ: Gut, dass wir mal drüber gesprochen haben. Die D21 misst den Effekt: wir fallen bei der Digitalisierung national immer weiter zurück. Markus Beckedahl hat schon recht, dass man sich da nicht groß kümmern braucht. Da war die Leipziger Messe noch innovativer zu der Zeit als Angela Merkel in Leipzig noch Physik studierte.

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