Eine längst überwunden geglaubte Diskussion kehrt zurück: Die Killerspiel-Debatte. Zuletzt intensiv geführt nach den Schul-Amokläufen bis 2009, verstummten die Verbotsforderungen und der Streit geriet in Vergessenheit.
Computerspiele als schneller Sündenbock bei Amokläufen
Nach dem Amoklauf in München am vergangenen Freitag brachte unter anderem Bundesinnenminister de Maizière gewaltverherrlichende Spiele wieder in die Diskussion:
Dann, und das zeigen ja auch viele Studien – und ich muss ihnen sagen, ich weiß darauf auch keine Lösung: Es ist nicht zu bezweifeln, so war es auch in diesem Fall, dass das unerträgliche Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet auch eine schädliche Wirkung auf die Entwicklung gerade junger Menschen hat, das kann kein vernünftiger Menschen bestreiten. Und das ist auch etwas, was in dieser Gesellschaft mehr diskutiert werden sollte als bisher.
Hintergrund von de Maizières Äußerungen ist, dass der Täter viel Zeit mit dem Spielen von Ego Shootern wie Counter Strike verbracht habe. Auch Volker Kauder, der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, warb dafür, „diese Ego-Shooter-Spiele“ zu hinterfragen. Regina Görner, CDU-Bundesvorstandsmitglied, gab an, sich schon länger zu fragen, „was die Mechanik dieser Spiele in den Hirnen der Leute anrichtet.“
Auch Hermann Utz, der leitende Kriminaldirektor des Polizeipräsidiums München, ließ Computerspiele nicht unbehelligt und behauptete, der Täter habe sich „wie in einem Computerspiel bewegt“. Dass ein Bekannter diesem einen „komischen Gang“ mit merkwürdigem Aufsetzen des linken Beins attestierte, mag damit nicht hunderprozentig zusammenpassen.
Kausaler Zusammenhang zwischen Computerspielen und Gewalt nicht nachweisbar
Die vielen Studien, die de Maizière in seinem Statement erwähnt, sind nicht so eindeutig, wie er das darstellt. Zwar gibt es Studien, die zu dem Ergebnis kommen, dass Gewalt und Computerspiele zusammenhängen. Ihnen gemeinsam ist jedoch, dass sie eine Korrelation aufzeigen und keine Kausalität. Anders ausgedrückt: Es ist nicht belegbar, ob eine gesteigerte Aggressivität durch Computerspiele hervorgerufen wird oder durch eine Lebenssituation entsteht und dann zu einem vermehrten Konsum gewaltdarstellender Spiele führt. Das Familienministerium selbst kam 2010 zu dem Schluss, dass sich kein seriöser Ursachenzusammenhang herstellen lässt. Viel entscheidender sei das allgemeine, soziale Umfeld. So auch der Computerspiele-Forscher Maic Masuch in der Süddeutschen Zeitung zur Ursächlichkeit von Computerspielen und Gewaltausbrüchen:
Kein vernünftiger Wissenschaftler kann das mit einer solchen Sicherheit behaupten. Und wenn das kein Wissenschaftler kann, dann kann das auch kein Minister.
Jörg Fegert, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Ulm, betonte in einem Interview mit der taz, dass grundlegend für einen Amokläufer „dessen spezifische Persönlichkeitsentwicklung“ sei. Die Kriminologieprofessorin Britta Dannenberg, die 75 Amokläufe in Deutschland untersuchte, kam zu dem Schluss, dass Spiele nicht ursächlich für Gewalt seien, sondern in manchen Fällen „bereits Tatgeneigte versuchen sich so in ihre Fantasie zu versetzen“.
Es gibt andere Probleme: Soziale Ausgrenzung, Mobbing und mangelhafte psychologische Versorgung
Dass de Maizière die Computerspieldebatte voreilig angefacht hat, demonstrierten die nachfolgenden Relativierungen. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums konnte leider auf Nachfrage in der Regierungspressekonferenz am heutigen Montag keine Beispiele für einen unverantwortungsvollen Umgang mit Computerspielen nennen. Die Diskussion, die de Maizière angekündigt habe, sei etwas, „das in die Zukunft gerichtet ist“. Der Innenminister ruderte auch selbst wieder einige Meter zurück und distanzierte sich von einer Verbotsforderung der betreffenden Computerspiele:
Natürlich wird nicht gleich jeder, der solche Spiele spielt, zum Gewalttäter, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass solche gewaltverherrlichenden Spiele positiv für die Entwicklung vor allem von jungen Menschen sind. Ein Verbot ist in unserem freiheitlichen Rechtsstaat nicht der richtige Weg und wäre auch schwer umzusetzen. Aber wir müssen uns intensiv darüber Gedanken machen, wie wir zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit solchen Medien kommen, damit Kinder und Jugendliche nicht ungeschützt Gewalterfahrungen ausgesetzt sind, deren längerfristige Folgen wir nicht sicher abschätzen können.
Doch er hat durch seine Äußerungen die Diskussion wieder angeschoben und damit von vielen anderen Faktoren abgelenkt. Das widerspricht der „Besonnenheit“, die er in den letzten Tagen so gern angemahnt hat. Statt den einfachen Weg zu gehen und Computerspielen wie dem Darknet eine (Teil-)schuld in die Schuhe zu schieben, braucht es eine größere Diskussion: Zum Beispiel über die psychotherapeutische und psychiatrische Versorgungslage und über den Umgang mit Mobbing und sozialer Isolierung. Auch und gerade weil es für diese Probleme keine einfachen Lösungen gibt.
