10 Jahre – Happy birthday Twitter!

Twitter.com feiert heute seinen zehnten Geburtstag. Keine andere kommerzielle Plattform im Netz ist für unsere Arbeit so wichtig. Deswegen wollen wir uns bedanken und gratulieren.

screenshot-twitter com 2016-03-20 21-24-56Ich erinnere mich noch an unsere zweite erste re:publica im Frühjahr 2008 2007, wo die ersten Twitter-Fans auftauchten. Das war die Zeit, wo ich noch kein Smartphone hatte und mobiles Internet ein Vermögen kostete. Auf der re:publica selbst war ich noch nicht überzeugt, aber bald drauf fing ich an, mich mit dem Dienst und seinen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Was dazu führte, dass ich schnell meinen ersten mobilen Internet-Tarif klickte, um meiner Timeline auf Twitter auch unterwegs zu folgen. Auf einem Handy, was noch nicht smart und das Display nicht größer als eines meiner Brillengläser war. Zum Glück kam bald ein Smartphone, und auch mobiles Netz wurde preiswerter.

2010 hatten wir für den Abschluss eine Skype-Schalte zum Twitter-Gründer Biz Stone geplant. Der tauchte aber nicht auf, und Johnny Haeusler improvisierte das Warten mit einer Karaoke-Einlage zu Bohemien Rhapsody. Das kam sogar besser an, und niemand vermisste das Gespräch.

Twitter wurde schnell eine gleichwertige Ergänzung zu meinem RSS-Reader, bis dahin meine bevorzugte Timeline. Seitdem läuft beides parallel, Twitter sogar noch bevorzugt, weil ich bisher immer noch keine zufriedenstellende RSS-Lösung für mein Smartphone gefunden habe. Die Kürze fordert heraus: Man muss sich auf das Wesentliche konzentrieren, man lernt Zuspitzen und alles ist schnell. Man muss filtern und kann dabei lernen, schnell Infos zu verarbeiten. Seit einigen Jahren läuft Twitter von morgens bis abends nebenbei. Statt Zeitung beim Frühstück lese ich meine Timeline über Nacht rückwärts, vor allem um einen Überblick zu haben, was in den USA passierte. Vor dem Schlafen gehen schaue ich nochmal, ob irgendwas passiert.

Twitter hat einige Merkmale, die es von allen anderen bekannten sozialen Medien unterscheidet: Es ist kurz (140 Zeichen), schnell wie in Echtzeit und vor allem (noch) chronologisch. Bei Facebook weiß man nie, was einem der Algorithmus anzeigt und was nicht. Vor allem zeigt unsere Facebook-Seite, dass Artikel in der Regel nur einem kleinen Teil unserer dort 85.000 Fans angezeigt werden. Da könnte man nachhelfen, wenn man Geld einwirft, worauf wir aber keine Lust haben.

Bei Twitter geht zumindest nichts verloren, man muss nur weit genug in die Vergangenheit zurückscrollen. Genau das mag ich: Man kann, muss aber nicht. Aber ich will oft.

Twitter ist aus der Politik derzeit nicht mehr wegzudenken

Und vor allem: Auch wenn Twitter bei uns im Gegensatz zu vielen anderen Ländern nie den Massendurchbruch geschafft hat, so ist es aber in einigen Bereichen nicht mehr wegzudenken, vor allem im Journalismus und in der Politik. Wir sind an der Schnittstelle von beidem, und deswegen ist Twitter als Plattform für uns so relevant. Da fast alle Akteure, seien es Medien/Journalisten, Politiker und Organisationen oder einfach nur Aktivisten, aktiv dabei sind. Und bei Twitter als Sender auftreten. Was uns neben vielen Infos auch immer mehr relevante Zitate für unsere Berichterstattung liefert.

Twitternutzer wissen: Alle wichtigen Informationen kommen zuerst über Twitter. Und dann überall anders. Auch das macht den Dienst so besonders, zumindest für Newsjunkies.

Es gibt verschiedenste Nutzungen von Twitter. Ich nutze es vor allem beruflich. Ich bin ein Netzwerk-Knoten und folge selbst vielen anderen Knoten. Ich twittere unsere Artikel und retweete interessante Links und Einschätzungen und teile diese damit wiederum denjenigen, die mir folgen. Im Grunde genommen mache ich auf Twitter das, was ich hier früher auch gemacht habe, bevor wir journalistischer wurden: Ich empfehle interessante Links und Kommentare. Und ich folge am liebsten anderen Accounts, die genau dasselbe machen.

Der @netzpolitik– Account hat derzeit um die 250.000 Follower. Wobei ein Teil davon sicherlich auch Bots und viele tote Accounts sind. 250.000 klingt viel, ist es vielleicht auch, aber andererseits auch ganz schön wenig im Vergleich zu irgendwelchen Stars, von denen ich noch nie was gehört habe und die in anderen Filterblasen stattfinden. Über Twitter kann man nach fast allem fragen, und in der Regel bekommt man die passende Antwort. Man kann auch einen Dialog führen, sofern das in 140 Zeichen möglich ist, muss aber nicht.

Hashtags machen Politik!

zensursulaMit Twitter kamen auch Hashtags und vereinfachten das Verfolgen von politischen Debatten. Manche Hashtags wurden auch zur Stil-Ikone von Debatten. Der erste wichtige netzpolitische Hashtag wurde #Zensursula. Da hatten wir auch echt Glück, dass Ursula von der Leyen nicht Brigitte hieß und jemand auf die Namenskombination kam. Später kam #acta hinzu, ein Hashtag, der jahrelang nur eine kleine informierte globale Community zusammenhielt und der dann Anfang 2012 explodierte und wo die Proteste das Handelsabkommen zu Fall brachten. Ein Jahr später thematisierte #aufschrei Sexismus und prägte eine gesellschaftliche Debatte darüber.

Am Anfang der Snowden-Enthüllungen war #prism der dominante Hashtag. Konnte ja keiner ahnen, dass das nur eines von einer Vielzahl an Überwachungsprogrammen war. #prism hatte auch schnell das Problem, dass eine US-Sängerin ein Album mit demselben Namen rausbrachte.

Aus dem politischen Geschehen ist Twitter zumindest derzeit nicht mehr wegzudenken. Bei Debatten im EU-Parlament bzw. seinen Ausschüssen verfolgen wir, was die Abgeordneten, ihre Assistentinnen und andere Beobachter twittern. Das hilft uns in Echtzeit, eine Debatte besser einzuschätzen. Oder schauen wir in den Bundestag, da liefert #nsaua einen guten Überblick, was während einer Sitzung des Geheimdienst-Untersuchungsausschusses passiert und wie das kommentiert wird.

Im vergangenen Jahr kam #Landesverrat dazu. Ich erinnere mich noch genau, wie der Prozess innerhalb von Minuten ablief und sich dieser Hashtag gegenüber anderen durchsetzte. Und ich weiß immer noch nicht, warum wir nicht selbst darauf kamen, wir dachten erstmal an #neulandesverrat, dabei war #Landesverrat durch Einfachheit und die Symbolik perfekt. Im Rahmen der Debatte wurde sogar unsere IBAN-Nummer Trending-Topic, als unsere Spendenseite nicht erreichbar war. Danke dafür.

Über den Einsatz von Fake-Accounts auf Twitter im Rahmen von Spaß und Kommunikationsguerilla haben wir in einem parallelen Artikel geschrieben: 10 Jahre Twitter – Fälschen, Foppen, Faken.

Über die politischen Ursprünge von Twitter haben wir mit einem der ersten Entwickler vor drei Jahren einen Netzpolitik-Podcast gemacht: Rabble über die politischen und aktivistischen Ursprünge von Twitter.

Twitter ist sehr gut, aber nicht perfekt!

Und früher war alles besser: Da gab es noch eine offene API und eine Vielzahl an externen Clients. Das hat Twitter irgendwann abgeschaltet. Zwar gibt es immer noch gute Clients wie Tweetdeck (aufgekauft von Twitter und mittlerweile ein Webdienst), aber die Offenheit ist weg.

Dazu kommen Datenschutz-Aspekte: Das PRISM-Programm dürfte der NSA immer noch Root-Zugriff bieten. Und dann kommt das bekannte US-Datenschutz-Problem: Niemand kann kontrollieren, ob gelöschte Tweets tatsächlich gelöscht werden oder nur als gelöscht angezeigt werden. Tor-Nutzer beschweren sich zu Recht darüber, dass häufig der Zugang über das Anonymisierungsnetzwerk versperrt ist. Andererseits war Twitter das einzige Unternehmen, dass einige Nutzer darüber informierte, dass sie Opfer einer besonderen Geheimdienstüberwachung waren. Auch wenn immer noch keine Details darüber bekannt wurden.

Da Twitter an der Börse ist und Investoren Gewinn machen wollen, ist die Zukunft des Dienstes ungewiss. Hauptgeschäftsmodell ist immer noch Werbung. Aber viel wird im Vergleich zu Facebook und Co. nicht verkauft, und vor allem mag keiner Werbung sehen. Ich gehöre zu denen, die sofort für ein werbefreies Twitter jeden Monat eine Abo-Gebühr zahlen würden. Davon gibt es viele. Aber wahrscheinlich nicht genug, um die Investoren zu befrieden. Möglicherweise wird Twitter irgendwann von einem der üblichen großen US-Unternehmen aufgekauft. Besser wird es dann sicher nicht.

Was fehlt: Eine dezentrale, datenschutzfreundliche und offene Alternative als Infrastruktur. Die auf allen Plattformen interoperabel funktioniert. Einen Dienst, der Kommunikation in Echtzeit ermöglicht. Auf den man sich verlassen kann, auch und gerade dann, wenn es stressig wird. Nur dann wird es auch eine kritische Masse geben. Alle bisherigen Versuche sind genau daran gescheitert. Ich hoffe, irgendwann klappt es.

Bis dahin wünsche ich mir, dass Twitter sich weiter gegen Zensur einsetzt und kluge Entscheidungen trifft, die unsere Daten besser schützen und uns Nutzer nicht verkaufen oder vergraulen. Im Moment hätten wir keine wirkliche Alternative, die besser ist. Und das ist ein Problem.

16 Kommentare
  1. Frl. Unverständnis 21. Mrz 2016 @ 9:32

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Die Kommentar-Regeln findest Du hier.

Unterstütze unsere Recherchen und Berichterstattung für Grundrechte und ein freies Internet durch eine Spende. Spenden