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Zur netzpolitischen Dimension (9) des Bands „Ökonomie und Gesellschaft“ und der Internationalen Studierendeninitiative für Pluralismus in der Ökonomie [Update]

In der Serie „netzpolitische Dimension“ geht es um Themen, deren netzpolitische Relevanz sich bisweilen erst auf den zweiten Blick erschließt. Diesmal: Pluralismus in der Ökonomie.

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Anfang der Woche wurde ein vorläufiges Vertriebsverbot des Sammelbands „Ökonomie und Gesellschaft“ der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) bekannt. Dies führte zu teils heftigen Protesten – etwa seitens bei der deutschen Gesellschaft für Soziologie. Vor allem der Umstand, dass die Entscheidung des Innenministeriums auf Druck der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) zu Stande kam, sorgt für Unmut.

Eine erste netzpolitische Dimension des Vorfalls ist der Umstand, dass das Buch auf der Webseite der BpB als „vergriffen“ angeführt wird und es deshalb nicht einfach ist, sich selbst ein Bild von dem Werk zu machen. Wäre der Band – wie andere öffentlich finanzierte BpB-Bücher auch – unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht worden, es wäre viel schwieriger den Zugang zu dem Werk zu unterdrücken. Selbst wenn sich die BpB letztlich gegen einen offiziellen (Weiter-)Vertrieb entscheiden sollte, der Zugang zu dem Werk wäre weiterhin einfach möglich.

Dominante und marginalisierte Denkschulen in der Ökonomie

Abgesehen davon ist die Begründung der Entscheidung des Innenministeriums bemerkenswert, die auf fehlenden Pluralismus abstellt, wie Spiegel Online unter Berufung auf ein Ministeriums-E-Mail berichtet:

Der Titel des Bandes verspricht eine umfassende Darstellung von Ökonomie und Gesellschaft, in dem Band selbst aber dominiert eine bestimmte Denkschule zu Wirtschaftsfragen deutlich.

Tatsächlich ist es aber so, dass der Band „Ökonomie und Gesellschaft“ mit seinem stärker soziologisch fundierten Blick auf wirtschaftliche Zusammenhänge einen Beitrag zu größerer Vielfalt in den Wirtschaftswissenschaften leistet. Wenn schon „eine bestimmte Denkschule zu Wirtschaftsfragen“ als dominant bezeichnet wird, so wäre hier wohl zuvorderst der neoklassische Mainstream in ökonomischer Lehre und Forschung zu nennen, der auf einer utilitaristischen Basis und Axiomen wie Knappheit, Optimierung und Gleichgewicht beruht. Dieser Mainstream ist aber wohl eher nicht Gegenstand des vorliegenden Sammelbandes zu „Ökonomie und Gesellschaft“.

Das Ausmaß neoklassischer Theorie- und Methodendominanz ist dabei außergewöhnlich groß. In der Lehre spielen alternative („heterodoxe“) theoretische Paradigmen wie evolutionäre, ökologische, post-keynesianische, feministische oder institutionalistische Ökonomie keine Rolle. Während es in anderen Disziplinen wie Soziologie, Politikwissenschaft oder auch der BWL völlig selbstverständlich ist, die Studierenden bereits im Bachelor-Studium mit Grundlagen verschiedener Theorieströmungen vertraut zu machen, fehlen vergleichbare dogmengeschichtliche Angebote im Kerncurriculum der allermeisten deutschsprachigen VWL-Studiengänge.

Studierende kämpfen im Netzwerk Plurale Ökonomik für mehr Vielfalt in der VWL

Logo-plurale-ökonomikWie einseitig und unzureichend das VWL-Lehrangebot nicht nur in Deutschland ist, belegt wohl am besten die International Student Initiative for Pluralism in Economics (ISIPE), die in Deutschland unter „Netzwerk Plurale Ökonomik e. V.“ firmiert. Letztere beschreiben das Problem wie folgt:

Junge NachwuchsökonomInnen bekommen in Ihrer Ausbildung meist nur dieses eine Denkmuster – die neoklassische Modellökonomik – vermittelt, und auch danach sind DoktorandenInnen, Postdocs und ProfessorenInnen der VWL einem hohen Konformitätsdruck ausgesetzt. Die Lösung realer gesellschaftlicher Probleme rückt dabei im Schein mathematischer Objektivität und eines überhöhten Dogmatismus in den Hintergrund.

Alleine im deutschsprachigen Raum gibt es mittlerweile an über 20 Hochschulen studentische Gruppen, die mit dem Netzwerk Plurale Ökonomik assoziiert sind. Die Studierenden des Netzwerks beschränken sich aber längst nicht mehr auf bloße Kritik am Status quo der Lehre in der VWL. An immer mehr Universitäten organisieren sie Ringvorlesungen, um auch anderen ökonomischen Denkschulen einen Platz einzuräumen. An meiner Universität, der FU Berlin, firmiert der Kurs dieses Semester unter „Denkschulen und aktuelle Kontroversen der Ökonomik“ (Kursübersicht-PDF). Bereits im letzten Wintersemester wurde ein ähnlicher Kurs organisiert und die meisten Vorträge sind in einem eigenen YouTube-Channel zugänglich (u.a. auch mein Vortrag zum Thema „Warum Pluralismus in der Ökonomie (fehlt)?„).

Auf Basis vorhandener Vorlesungsvideos und offen verfügbarer Lehr- und Lernmaterialien ist inzwischen ein virtuell-plurales VWL-Studium in Vorbereitung. Die netzpolitische Dimension der Initiative wird daran deutlich: Ohne digitale Technologien und Plattformen, die Bereitstellung von und Zugang zu alternativen ökonomischen Lerninhalten sehr kostengünstig ermöglichen, wäre die gegenwärtige Dynamik der internationalen Studierendeninitiative nur schwer denkbar. Und mit mehr – sei es auch nur virtuellen – heterodoxen Lehrangeboten steigt die Wahrscheinlichkeit, dass langfristig auch die ökonomische Forschung wieder pluralistischer wird.

Am Ende bleiben vor allem zwei Fragen: Wie groß muss der Frust über die Eintönigkeit der Lehre in einer Disziplin sein, dass Studierende derart große Anstrengungen unternehmen, um auch von anderen Perspektiven, Theorien und Methoden zu hören? Wie profitabel muss wiederum jene Eintönigkeit im Umkehrschluss für den BDA sein, damit dieser sich zum Bekämpfer ökonomischen Abweichlertums aufschwingt?

[Update, 30.10.,18:00]

Wie Spiegel Online berichtet wurde das Vertriebsverbot des Band „Ökonomie und Gesellschaft“ mittlerweile wieder aufgehoben, auf der BpB-Homepage steht inzwischen „in Kürze wieder verfügbar“. Das Buch darf wieder verkauft werden, wird aber mit einem Hinweisblatt versehen:

Darauf soll vermerkt werden, dass die in dem Band enthaltenen Kapitel nicht das ganze Spektrum der Ansichten zu ökonomischen Fragen widerspiegeln.

Vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee und sollte ganz allgemein auf Lehrbücher im Bereich der Ökonomie ausgedehnt werden. Bücher wie Mankiws „Principles of Economics“ dürften dann auch nicht mehr ohne vergleichbare Warnhinweise verkauft werden, am besten mit Hinweisen auf alternative Lektüre.

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10 Kommentare
  1. Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) na ja…….die verteilen Denkschablonen……um möglichst staats und systemtreue Bürger zu formen……die Institution halte ich für äusserst fragwürdig.

    Nicht alles schlecht was die machen…….aber bei einigen Themen fehlt kritische Distanz und Ausgewogenheit. Gerade die Wirtschaft ist das Thema der Zukunft……hier sollte man das Feld nicht allein Eliten überlassen die Konzernen nahe stehen…und einer sehr eigenen Agenda folgen!

    1. Ich hatte deren Schriften als Jugendlicher mal abonniert und auch gelesen und verstanden. Den Eindruck, dass sie SEHR oder gar ZU regierungsfreudlich sind, hatte ich damals nicht; ich erinnere mich, dass ich darüber sogar ein wenig erstaunt war = dass die damals sonst übliche Propaganda in West-Berlin (auch in der Presse, damals schon heftig) bei diesen Schriften unterlassen wurde. Es wurde „nur“ aufgeklärt.

  2. Tja, der angesprochene „neoklassische Mainstream in ökonomischer Lehre“ hat ja inzwischen eine derartige Dominanz, dass seitens der Mehrheit der Politiker Gesellschaft im Wesentlichen nur nur als Markt gesehen wird, so dass sich auch das allgemeine gesellschaftliche Leben den Markt-„Gesetzen“ (die tatsächlich ja nur von der speziellen Lehrmeinung formulierte Hypothesen mit erfahrungsgemäß prognostisch hoher Fehlerquote sind) unterzuordnen hat.
    Es ist trostlos zu sehen, von wie armseligen „Lokomotivführern“ wir heutzutage regiert werden: „Andere Spurweite? Fährt nicht nicht einmal auf Schienen? Das kann nicht sein, weil es nicht sein darf!“

  3. BDA fand ich schon immer gut, auf dessen fundierte Leseempfehlungen sollte man hören. Habs gerade bestellt :-D
    Frau Streisand lässt auch schön grüßen. :-P

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