Überwachung

ASC Monitoring System: Wie eine Firma aus Unterfranken Überwachungstechnologien an den Oman verkaufen will

Deutsche Firmen exportieren Technologien zur Telefonüberwachung auch an autoritäre Regime im Nahen Osten. Wir veröffentlichen ein Angebot der bayrischen Firma „ASC“ an das Sultanat Oman. Spähziel waren der staatliche Ölkonzern sowie Universität und Flughafen der Hauptstadt Maskat.

Überwachungstechnologie made in Unterfranken: Firmenzentrale von ASC.

Letzte Woche berichtete The Register: Spionage-Technik-Firmen Gamma und Trovicor nehmen Shell im Oman ins Visier. Unter Berufung auf „interne Dokumente“ beschreibt Alastair Sloan, wie die beiden Firmen Überwachungstechnologien an den Staat auf der Arabischen Halbinsel verkauft haben sollen.


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Dass die ursprünglich als gemeinsame Aktion von Register, Privacy International und netzpolitik.org geplante Kooperation im Laufe des redaktionellen Prozesses untergegangen ist – geschenkt. Aber da das Originaldokument nicht mit veröffentlicht wurde, müssen wir das hier nochmal aufgreifen und weiterdrehen. Hier das erwähnte Dokument: Angebot für die Integration eines ASC-Überwachungssystems an dem Oman aus dem Mai 2010.

Alte Bekannte: Trovicor und Gamma

Angebot von Trovicor und Gamma an Oman.
Angebot von Trovicor und Gamma an Oman.

Verfasst wurde das Angebot von Tobias Friedrich für die trovicor GmbH. Diese Neugründung aus dem ehemaligem Geschäftsbereich „Voice and Data Recording“ von Siemens ist immer wieder Thema unserer Besichterstattung und auf BuggedPlanet. Wikipedia bezeichnet trovicor als „auf Überwachungstechnik spezialisiertes Unternehmen mit Hauptsitz in München“.

Das Angebot geht über das ebenfalls wohlbekannte Firmengeflecht von Gamma im Libanon und richtet sich an das Sultanat Oman. Folgende Leistungen wurden angeboten:

Integration der folgenden ASC-Überwachungssysteme in das trovicor-Überwachungszentrum:

  • Verteidigungsministerium Oman – 2x 60 Kanäle
  • Petroleum Development Oman – 2x 30 Kanäle
  • zukünftig: Universität Maskat – 2x 30 Kanäle
  • zukünftig: Flughafen Maskat – 2x 30 Kanäle

ASC: „Wir erfassen und analysieren Kommunikation“

Die Firma ASC ist uns bisher noch nicht großartig aufgefallen. Das Motto des „weltweit führenden Software-Unternehmens“ lautet: „we record & analyze communications“. Mit Hauptsitz im unterfränkischen Hösbach verkauft man an internationale Kunden für Finanzdienstleister, Kontrollzentren im Luftverkehr sowie Rettungsdienste und Sicherheitsbehörden. Das Kerngeschäft ist die Aufzeichnung und Analyse von Audiokommunikation über Funk und Telefon.

Beispielgrafik mit Sprachaufzeichungen in Algerien, Ägypten, Singapur und Vietnam. Quelle: ASC.
Beispielgrafik mit Sprachaufzeichungen in Algerien, Ägypten, Singapur und Vietnam. Quelle: ASC.

Damit versucht man offensichtlich, auch im Oman Fuß zu fassen.

Oman: „Versammlungsfreiheit ist nicht erlaubt“

Absolutistischer Herrscher: Sultan von Oman.
Absolutistischer Herrscher: Sultan von Oman.

Der Staat im Osten der Arabischen Halbinsel ist eine absolute Monarchie und „wird seit 1970 vom absolutistischen Herrscher Sultan Qabus ibn Said regiert“. Der Sultan vereint alle legislative, exekutive und judikative Macht, politische Parteien sind verboten.

Organisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch und FreedomHouse kritisieren regelmäßig Verletzungen der Menschenrechte, die englische Wikipedia hat einen eigenen Artikel Menschenrechte im Oman. Bei den Protesten im Rahmen des Arabischen Frühlings 2011 kam es zu Massenverhaftungen, Folter und dutzenden Toten.

Verantwortliche Firmen: „Kein Kommentar“

"Wir erfassen und analysieren Kommunikation": ASC.
„Wir erfassen und analysieren Kommunikation“: ASC.

Diesem Land boten die drei deutschen Firmen Trovicor, Gamma und ASC einen Ausbau der Telefonüberwachung an. Neben dem Verteidigungsministerium sollten auch das staatliche Erdöl- und Erdgas-Unternehmen Petroleum Development Oman, sowie die Neubauten der Universität und des Flughafens in der Hauptstadt Maskat ausgestattet werden.

Ob das Angebot letztlich angenommen und die Lieferung durchgeführt wurde, können wir nicht sagen. Trovicor hat auf unsere Anfrage leider nicht geantwortet. ASC verweigerte eine Auskunft, weil Datenschutz:

Ich bitte um Ihr Verständnis, dass wir aus Datenschutzgründen keine Informationen über unsere Geschäftsbeziehungen an Dritte weitergeben können.

Register: „Alle Telefonate gehen an den Geheimdienst“

Erdöl "Megaprojekt" in Harweel, Oman. Bild: PDO.
Erdöl „Megaprojekt“ in Harweel, Oman. Bild: PDO.

The Register berichtete:

Documents seen by el Reg reveal that the internal phone systems at Petroleum Development Oman (PDO) – a joint venture between the Omani government and various Western energy companies including Shell – have been tapped on behalf of the Sultan’s intelligence service. The work was carried out by two notorious European firms specialising in „lawful interception“ of communications: Gamma International and Trovicor.

The documents show how Trovicor and Gamma International were jointly tasked in 2010 to install a new piece of telecommunications equipment which would listen in on all phone calls made at PDO. The content of the calls would then be delivered to a „monitoring center“ believed to be operated by the Omani intelligence services.

Millionengeschäft mit Überwachungstechnologien

Lieferschein für Infection Proxy nach Oman.
Lieferschein für Infection Proxy nach Oman.

Matthew Rice von Privacy International kritisiert diese Geschäfte westlicher Überwachungsfirmen mit weltweiten Diktaturen:

Technologien wie diese sollten nicht ohne eindeutige und verständliche rechtliche Rahmenbedingungen verkauft und betrieben werden. Staaten wie Deutschland, dem Hauptsitz von Trovicor, sollten die Gefahr des Missbrauch dieser leistungsstarken Technologien berücksichtigen.

Das ist nicht der erste Fall westlicher Überwachungstechnologie für den Oman. Im September letzten Jahres berichteten wir, dass Gamma im Juni 2010 – nur einen Monat nach diesem Angebot – auch die Spyware „Infection Proxy“ von Dreamlab/FinFisher für fast eine halbe Million Euro geliefert hat. Die deutsche Bundesregierung genehmigte im Jahr 2010 den Export von Telekommunikationsüberwachung an dem Oman im Wert von 3,5 Millionen Euro.

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12 Kommentare
  1. Krass! Wohn da ums Eck und hab ne Bekannte die da arbeitet. Ich fall vom Glauben ab! Mit n bisschen Anlauf könnte ich ASC an ihre tolle Glasfront spucken. Mitten drin, statt nur dabei. \o/

  2. Im Oman kamen 2011 zwar Menschen bei Protesten ums Leben, aber nicht „Dutzende“ wie oben fälschlicherweise geschrieben. Im verlinkten Artikel in der Zeit wird im unteren Teil nämlich weiter über Jemen berichtet, wo es damals laut Artikel 24 Todesopfer gab.

  3. Die (Teil-) Veröffentlichung des Angebots und der Versuch von Aufklärungsarbeit ist eine Sache. Aber ist es denn notwendig in diesem Zusammenhang auch personenbezogene Daten mit zu veröffentlichen?
    Wenn man sich bei Netzpolitik schon für Datenschutz einsetzt, dann sollte man diesen im Interesse der betroffenen Personen auch wahren – oder wird hier mit unterschiedlichem Maß gemessen?
    eMail-Adresse, Telefon- Faxnummer, Name/Vorname könnte man unkenntlich machen. So etwas hat nix mit „leaken“ zu tun, sondern ist banaler Sensationsjournalismus, der weder einen Sinn für die Bevölkerung im Oman hat noch an der vorhandenen Technologie und deren Absatzmärkten etwas ändert.

    1. Nö¨. Mich interessiert es schon, wie die Typen heissen, denen der Datenschutz anderer egal ist und diesen höchstens für sich selbst beanspruchen.

    2. Ich schließe mich halb an. Den Namen „Nicholas Mayencourt“ hätte man nicht veröffentlichten müssen. Andererseits sollte jemand der in diesem Business arbeitet, damit kein Problem haben. Steht die Frage im Raum: Wem schadet es und wem nützt es? Und welche Konsequenzen hat es?

      Sei noch erwähnt, dass der Name in dem Kontext nicht unbekannt ist.

      Sensationsjournalismus find ich, ist das nicht.

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