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Kommentar: Zur Zukunft der Arbeit hat die Digitale Agenda nichts zu sagen

dobrinth

Knapp 2000 handverlesene Personen aus der IT-Branche wurden für eine PEW-Studie zur Zukunft der Arbeit angesichts von Automatisierung und „Künstlicher Intelligenz“ befragt. Sie macht deutlich, dass der Wandel der Arbeitswelt durch die Digitalisierung und damit auch der Wandel der Gesellschaft voranschreitet – mit gewisser Wahrscheinlichkeit sogar in drastischer Form. Die jüngst verkündete Digitale Agenda der Bundesregierung hat dazu nichts zu sagen.


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Klar ist es einfach nur lächerlich, dass die Bundesregierung zehn Jahre zu spät eine Digitale Agenda vorlegt. Und dann noch so einen Nulltext, der von den drei “Internetministern” bei der Vorstellung mit Geschwafel über “Daten-Tsnuamis” und “Überwachung ist ein Kampfbegriff” flankiert wurde. Aber machen wir uns nicht vor – mehr war von der Koalition aus CDU, CSU und SPD nicht zu erwarten. Man könnte sich also achselzuckend abwenden.

Doch ist das Fatale nicht, dass eine ganze Dekade verschlafen wurde, sondern dass diese Agenda eben so gar nicht in die Zukunft weist. Neben all den bekannten Baustellen im Bereich des Digitalen zeichnet sich ab, dass in den nächsten zehn Jahren das Thema Automatisierung die Arbeitswelt gehörig durchschütteln wird – mit entsprechenden sozialen und kulturellen Auswirkungen.

Ja, das Buzzword “Industrie 4.0” taucht in der Digitalen Agenda auf und über “gute Arbeit” im digitalen Zeitalter werden ebenfalls Leerformeln verbreitet: „Die fortschreitende Digitalisierung schafft neue Tätigkeitsfelder und bietet Chancen für Beschäftigung.“ Doch, um im Politikerdeutsch zu bleiben, sie bietet diesbezüglich auch einiges an „Herausforderungen“.

Denn glaubt man unter anderem der Anfang August erschienenen Studie „AI, Robotics, and the Future of Jobs“ (komplett als pdf) des PEW-Forschungszentrum, wird es in den nächsten Jahren zu einer anhaltenden Erschütterung des Arbeitsmarkt kommen. Eine Entwicklung, die seit einiger Zeit immer mehr Beachtung findet. Constanze Kurz und Frank Rieger etwa widmen sich ihr in ihrem Buch “Arbeitsfrei”; The Economist brachte Anfang des Jahres den Text “The Future Of Jobs: The Onrushing Wave” im Zusammenhang mit einer Studie über die Wahrscheinlichkeit der “Computerisation” von 700 Berufe in den USA (pdf); die Website Quartz veröffentlichte zur besagten Studie eine interaktive Visualisierung. Und im aktuellen Heft des Spiegels geht es im Gespräch mit Andres McAffe, einem der Autoren von “The Second Machine Age”, um den “drohenden Untergang der Mittelschicht“. Der steht bevor, so wird befürchtet, weil die Automatisierung der Arbeitswelt diesmal nicht die Arbeitenden in den Fabriken betreffen wird. Sondern vermehrt auch Schreibtischjobs durch „Software-Roboter“ eretzt werden, die durch „Künstliche Intelligenz“ dazulernen.

Die PEW-Studie ist deswegen lesenswert, weil dort verschiedene Einschätzungen gleichberechtigt zu Wort kommen. Etwa die Hälfte der Befragten sieht die Automatisierung nicht als Bedrohung an und geht davon aus, dass der Wandel der Arbeitswelt abgefedert werden kann. Der andere Teil dagegen sieht enorme Probleme aufkommen, befürchtet eine starken Anstieg der Arbeitslosigkeit. Weitgehend einig sind sich beide Lager darin, dass der Bildungssektor sowie die politischen und wirtschaftlichen Systeme (in den USA) auf den bevorstehenden Wandel unzureichend vorbereitet sind: „Our educational system is not adequately preparing us for work of the future, and our political and economic institutions are poorly equipped to handle these hard choices.“

Ich neige zur Position, dass der Wandel zu schnell von statten geht, um einfach darauf zu setzen, dass quasi organisch neue Arbeitsfelder die schwindenden ersetzten. Vor allem wegen folgendem Argument: Während früherer Automatisierungswellen sich über Jahrzehnte entwickelten und Zeit dafür ließen, neue Arbeitsfelder entstehen zu lassen, ist diesmal die Geschwindigkeit des Wandels rasanter. Und vielleicht tiefgreifender – ein Beispiel: Angenommen in absehbarer Zeit wird es selbstfahrende Autos und Laster geben, die im Sinne von Carsharing funktionieren. Abgesehen von den Folgen für die Logistikbranche – wird nur ein nennenswerter Teil des jetzigen Autoverkehrs davon bestritten und damit die Notwendigkeit des individuellen Autobesitzes abnehmen, wird ein Teil der Autoindustrie in Deutschland überflüssig – und damit auch deren Zulieferindustrie. In welchen Bereichen sollen die Millionen Beschäftige in diesem Sektor unterkommen?

Das sind Fragen, der sich eine Digitale Agenda widmen müsste (und u.a. auch die Gewerkschaften). Sie müsste z.B. Überlegungen vorantreiben, wie der Bildungssektor der fortschreitenden Digitalisierung entsprechen kann. Zumindest müsste sie versuchen, zu antizipieren, wohin die Reise geht. Versuchen, die richtigen Fragen zu stellen.

Doch das wäre zu viel verlangt von einer Regierung, deren Wirtschaftsminister Gabriel (SPD) freimütig die eigene Mittelmässigkeit zugibt: „Es ist nicht unser Anspruch auf alle Fragen der Digitalen Agenda die richtigen Antworten gegeben zu haben, noch nicht einmal überhaupt auf alles Antworten zu haben.“

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8 Kommentare
  1. Dem kann ich nur beipflichten.

    Ich denke aber nicht, dass der Wandel sehr schnell geht. Eher im Gegenteil, es passiert schon lange und schleichend. Daher gibt es auch gefühlt wenig Widerstand.

    Mein Lieblingsbeispiel sind die Getränkerücknahmeautomaten. Früher waren bei uns bestimmt 4 Leute mit der Rücknahme der Getränke beschäftigt. Seite ein paar Jahren machen das zwei Automaten. Die Jobs sind weg und zwar nicht nur vorrübergehend, sondern wohl für immer.

    Es ist wirklich die Frage wie wir als Gesellschaft damit umgehen wollen. Ich kann mir nämlich schon vorstellen, dass bald der erste Politiker populistisch nach Steuern und Sozialabgaben auf Maschinenarbeit fordert oder die „Menschenquote“ in Firmen einführen will.

    Alles damit man wieder von Vollbeschäftigung träumen kann.

    Wollen wir das? Der Traum ist doch eigentlich, dass wir nicht mehr arbeiten müssen, sondern Maschinen uns die Arbeit abnehmen.

    Warum arbeiten wir? Meistens lautet wohl die Antwort, weil wir damit unseren Lebensunterhalt erarbeiten müssen und einer ja die Arbeit erledigen muß. Was aber wenn sich das grundlegend geändert hat?

  2. Deshalb hat die Piratenpartei ja auch das Bedingungslose Grundeinkommen im Programm. Für SPD/CDU scheint das offenbar noch nichtsmal Neuland zu sein sondern völlig unbekannt.

    Aber was erwartet man auch von Politikern die visionslos nicht im Ansatz über den Tellerrand des Status Quo hinausschauen können ? Beschäftigung mit neuen Problemen und Lösungsansätzen dazu findet nicht statt, dafür die Simulation der Beschäftigung damit. Leere phrasendrescherei usw.

    Diese vertanen chancen der Problem Antizipation werden uns in Zukunft wohl noch teuer zu stehen kommen.

  3. Die einen Arbeitsplätze gehen, andere werden kommen. Eine großartige Entwicklung für alle, die mit Neugier und Flexibilität Richtung Zukunft schreiten.
    Dass die Politik das verschläft, verwundert nicht.

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