Überwachung

Hacken, Fressen und Moral: Wie man als gewöhnlicher Hacker auf einmal auf der falschen Seite landen kann

Abrutschen in die Szene
Abrutschen in die Szene
Abrutschen in die Szene

Der Chaos Computer Club hat heute ein Interview mit einem Hacker veröffentlicht, der an der Produktion von Überwachungstechnologien für die Firmen Gamma und Dreamlab beteiligt war. Aus der Pressemitteilung:


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Unmittelbar vor dem morgigen 32. Jahrestag der Gründung des CCC ging bei der Redaktion „Die Datenschleuder“ ein Interviewangebot eines Aussteigers aus einer dieser schattigen Branchen ein, die seit einiger Zeit im Kreuzfeuer der Kritik steht. Seit Lieferungen von Überwachungsequipment in Länder ruchbar wurden, die es mit Menschenrechten nicht ganz so genau nehmen, gab es immer mal wieder Einblicke in die dunkle Seite der IT-Sicherheitsforschung. Mit diesem Interview können wir nun aber erstmals beleuchten, wie leicht es ist, auf die falsche Seite der Barrikade zu rutschen, aber auch, daß dieser Weg keine Einbahnstraße darstellen muß.

Hier gibt’s das Interview als PDF:

Im Diskurs mit zwei Aussteigern aus der Industrie der IT-Angriffswerkzeuge bekommen wir in der Redaktion „Die Datenschleuder“ einen Eindruck von den Mechanismen und Entwicklungen der dort Forschenden und Arbeitenden. Es wird klarer, wie eine Mischung aus Ehrgeiz, Loyalität, dem Anspruch sich professionell zu verhalten und – natürlich – dem Gedanken an die nächste Miete, gepaart mit Naivität und fehlgerichtetem Vertrauen zu einem Wendepunkt führt. An diesem Punkt wurde eine Auseinandersetzung mit dem Lebensentwurf unausweichlich, da die Widersprüche zu ihren eigenen Überzeugungen so offenbar wurden.

Es war Simons Idee, seine Geschichte aufzuschreiben, als Warnung einerseits, wie sich selbst politisch bewußte und reflektierte Menschen plötzlich auf der falschen Seite einer vorher unvermuteten Barrikade wiederfinden, doch auch als Signal, daß dieser Weg keineswegs unausweichlich zur Karriere auf der dunklen Seite führen muß. Er erzählt uns, daß er – während er sich auf der einen Seite politisch gegen die drohenden Zensurmechanismen in Gesetzen und in der Technik zur Wehr setzte, gegen die allgegenwärtigen Überwachungstechnologien, gegen die Kriminalisierung von Hackern und die verdachtsunabhängige Speicherung von Verbindungsdaten, doch eines morgens aufwachte und feststellen mußte, einen nicht unwichtigen Baustein für eine digitale Waffe gebaut zu haben, die von einer Firma namens Gamma/Elaman an Regierungen verkauft wird, an Regierungen, die damit das eigene Volk ausspähen, kompromittieren und unterdrücken.

Der im Interview genannte Nicolas Mayencourt hat sich in einer Stellungnahme zu seinem Auftauchen in den letzten WikiLeaks Spy Files geäußert:

Wir bestätigen, dass wir im Jahr 2010 eine Vertragsbeziehung mit der Firma Gamma International GmbH eingegangen sind. Unsere Rolle war dabei die eines Zulieferers von Netzwerk-Komponenten im Bereich der IT-Sicherheit.

Mayencourt ist übrigens auch an Kolab Systems beteiligt, jener Firma hinter dem Dienst für „sichere E-Mail Accounts mit Kalender und Adressbüchern“ MyKolab, den auch Groklaw-Bloggerin Pamela Jones empfohlen hat. Möge sich jede/r ein eigenes Urteil bilden – nach dem Interview.

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5 Kommentare
  1. Eine Gegenfrage:

    Wie problematisch ist es zu sehen, dass NSA, BND & co. vermutlich auch auf der „dunklen Seite“ nach fähigen Köpfen suchen und diese einstellen?

    Wie skrupellos sind Leute dieser „dunklen Seite“, wenn sie auf einmal Zugang zu (legalen?) Datenbergen bekommen, mit denen sie sich auf dem Schwarzmarkt 10 goldene Nasen verdienen könnten?

    Ich will nicht überwacht werden und meine Daten gehören nur MIR!

  2. Um jetzt mal informiert zu spekulieren: Irgendwie ist es ja schwer vorstellbar das sich sowas innerhalb von Berlin völlig außerhalb des CCC abspielt. Inbesondere wenn man in Berlin drei Hacker anstellt und die beiden Dreamlab Leute bei Backtrack dabei waren. Insofern frage ich mich ob die Story da nicht Lücken aufweist und sich der CCC (als sozialer Zusammenhang) beim Finger heben eventuell gleich mit an die eigene Nase fassen sollte.

  3. Alternativer Titelvorschlag: „Hackfressen und Doppelmoral, wie man als gewöhnlicher Blackhat plötzlich so tut als hätte man von nichts gewusst“.

    Er arbeitet nch eigenem Bekunden für einen Freund von Martin Münch an FinFireWire und weiss nicht was er da baut oder wozu es eingesetzt werden wird? Was hat er sich denn gedacht? „Toll! Ein praktisches Werkzeug für Leute die häufiger mal ihr Passwort vergessen?“

    Bin ich der Einzige der das für ziemlich unglaubürdig hält?

    BS steht nicht nur für Bernd und Simon.

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