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Arbeitsbedingungen in China? Good! Very good! Very, very good!

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Quelle: AP Photo/Kin Cheung

Über die miserablen Arbeitsbedingungen in chinesischen ‚Sweat Shops‘, wie Foxconn oder Pegatron, wurde schon viel berichtet – spätestens seitdem 2010 insgesamt 18 junge Menschen Suizid als einzigen Ausweg aus dem Arbeitsalltag bei Foxconn gesehen haben. Ein neuer wissenschaftlicher Artikel beleuchtet nun die grundlegenden Probleme und Wechselwirkungen, basierend auf 42 Interviews mit Arbeitern bei Foxconn und der drei-jährigen Begleitung der Suizid-Überlebenden Tian Yu.

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Mit 1.4 Millionen Mitarbeitern ist Foxconn, als Teil der taiwanischen Hon Hai Precision Industry Company, Chinas größter privater Arbeitgeber und weltweit eines der größten Unternehmen. Seit 1988 hat Foxconn aggressiv vor allem im Süden Chinas expandiert, dank niedriger Gewerbesteuern und günstigem Bauland. Dabei ist das Unternehmen auf den konstanten Strom von jungen Arbeitsuchenden zwischen 16 und 25 angewiesen, die aus überwiegend ländlichen Gebieten Erfolg und Freiheit in Städten wie Shenzhen suchen. So verspricht Foxconns Handbuch, das jeder neue Mitarbeiter erhält, dass man durch die Arbeit bei Foxconn seine Träume verfolgen kann, Wissen und Erfahrung gewinnt und sich neue Möglichkeiten eröffnen.

Hurry toward your finest dreams, pursue a magnificent life. At Foxconn, you can expand your knowledge and accumulate experience. Your dreams extend from here until tomorrow.

In Foxconns Fabrik in Longhua, in der allein 400.000 Arbeiter beschäftigt sind, um rund um die Uhr zu produzieren, findet man allerdings andere Grundsätze und Ideale an den Wänden. So beschreibt Tian Yu im Artikel, dass überall Poster an den Wänden hängen, die die Arbeiter dazu antreiben sollen, noch schneller, effizienter und fehlerfrei zu arbeiten. Terry Gou, CEO von Foxconn, besteht auf bedingungslosen Gehorsam innerhalb der Foxconn Hierarchie und so lauten seine Grundsätze, die an den Wänden der Produktionshallen zu finden sind:

Growth, thy name is suffering.
A harsh environment is a good thing.
Execution is the integration of speed, accuracy and precision.
Outside the lab, there is no high-tech, only execution of discipline.

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Quelle: n/a

Was Jenny Chans Arbeit, im Gegensatz zu den meisten bisherigen Artikeln, sehr gut aufdeckt, ist das Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren, die letztlich dazu führen, dass immer wieder junge Menschen Suizid begehen, nachdem sie bei Foxconn angefangen haben zu arbeiten. So geht es nicht nur um schlechte Löhne und lange Arbeitszeiten. Junge Menschen kommen aus den ländlichen Gebieten Chinas nach Shenzhen oder anderen ‚Hubs‘, um die ‚große weite Welt‘ zu erleben und Geld zu verdienen. Oft landen sie dann bei Foxconn oder einer der zahllosen anderen Fabriken. Diese Unternehmen setzen vollständig auf Taylorismus – jeder Arbeitsschritt ist bis ins Detail koordiniert und systematisiert, sodass kein Vorwissen nötig ist. Dies wird in 12-Stunden Schichten ausgeführt. In Tian Yus Fall hieß das, iPhone Displays auf Kratzer untersuchen. 12 Stunden am Tag. 6 Tage die Woche. Immer dieselbe Beschäftigung.

Yu confirmed that while preparing to start work on the production line, frontline managers demand workers respond to the question, ‘How are you?’, by shouting in unison, ‘Good! Very good! Very, very good!

Nach diesem morgendlichen Ritual darf nicht gesprochen werden bis zum Ende der Arbeitsschicht. Einige der Arbeiter leben direkt auf dem Foxconn Campus in Unterkünften – zu 8 je Zimmer. Intuitiv würde man denken, dass sich hier Freundschaften bilden, allerdings wechseln Schichten ständig. Nach wenigen Wochen Frühschicht, wird man der Spätschicht zugeteilt. Außerdem wird die Zusammensetzung der Zimmer immer wieder willkürlich geändert und nach einem Arbeitstag sind die meisten so müde, dass man direkt schlafen geht. Zusätzlich ist die offizielle Sprache in China zwar Mandarin, regionale Dialekte sind aber so unterschiedlich, dass man sich oft nicht versteht, wenn man nicht aus derselben Provinz kommt. All diese Faktoren führen dazu, dass sich bei vielen der Angestellten ein Gefühl der Isolation einstellt.

Yu’s experience illustrates the difficulty of forming meaningful social relationships in a mega-factory where workers are individualised and pitted against each other to achieve incessant and excessive production demands… Yu’s desperation is emblematic of myriad labour problems at ‘the electronics workshop of the world’.

Unter diesen Bedingungen ist es wenig verwunderlich, dass jeden Monat rund 24.000 Mitarbeiter Foxconn kündigen – etwa 5% der Beschäftigten. Das ist allerdings noch nicht das gesamte Bild. Ein Aufbegehren der Arbeiter gegen die schlechten Arbeitsbedingungen wird zusätzlich dadurch erschwert, dass es zwar eine Gewerkschaft gibt, diese aber praktisch keine Macht hat – u.a. da sie nicht unabhängig ist. Erst seit kurzem kommt es hin und wieder zu Aufständen, die dann auch oft in Gewalt eskalieren.

In spite of impressive Chinese union membership, operational and financial dependence on management severely undermines the capacity of enterprise unions to represent the workers.

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Quelle: File Photo/CNS

Auf die Suizid-Fälle reagierte Foxconn mit verschiedenen „Maßnahmen“: Die Schuld wurde den Opfern zugeschoben, die „psychisch-labil“ waren. Es wurde eine Telefonseelsorge eingerichtet, die allerdings direkt mit dem Management zusammengearbeitet hat: Wenn sich jemand über zu harte Arbeitsbedingungen beschwert hat, wurde ihm gekündigt. Gegen weitere Suizid-Fälle wurden die Fenster der Unterkünfte vergittert, es wurden Sicherheitsnetze an allen Gebäuden angebracht und jeder neue Mitarbeiter musste unterschreiben, dass er – im Falle eines Suizid – Foxconn von jeglicher Verantwortung freispricht.

Letztlich zieht Jenny Chan die Schlüsse, dass die Suizid-Fälle und die Aufstände als Aufschrei und Symptom eines grundsätzlicheren Problems gesehen werden sollten. Diese Vorfälle sollte man nicht als „notwendiges Übel“ des wirtschaftlichen Wachstums Chinas sehen. Sie sind nicht reduzierbar auf Apple, Dell oder Foxconn sondern müssen in einem globalen Kontext betrachtet werden.

Chinese sociologists have warned that the Foxconn tragedies should be seen as ‘loud cries for help from the new generation of migrant workers’… To achieve lasting changes, it can never be sufficient to limit the discourse to corporate employers and the Chinese state. Ultimately, it is essential that workers find their voices and participate directly in monitoring and negotiating their working and living conditions.

Daher ist es nicht nur falsch und arrogant, sondern auch kurzsichtig, wenn einige die Suizid-Fälle einfach damit abtun, dass 18 von 1.4 Millionen deutlich weniger sind, als die durchschnittliche Suizid-Rate in China von 23 je 100.000. Genauso, wie wir es geschafft haben global gegen ACTA vorzugehen und sich jetzt auch wieder globale Initiativen gegen staatliche Überwachungsprogramme bilden, müssen wir auch hier anfangen zu begreifen, dass dies nicht isolierte Probleme eines Landes sind. Zur Zeit beschränkt sich die Diskussion darauf, Verantwortung immer weiterzureichen: Apple ist nicht Schuld, da sie Foxconn strikte Auflagen gegeben haben – so deren Begründung. Wir kämpfen dafür, dass wir mit dem iPhone in unserer Hand machen dürfen, was wir wollen – Pornos anschauen, Dateien tauschen, skypen, usw. Warum also nicht auch dafür kämpfen, dass an dem iPhone, das wir in der Hand halten, kein Blut klebt? Es ist dasselbe iPhone. Von alleine werden das Apple, Dell & Co. nicht machen.

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9 Kommentare
  1. Ach du shice, was für ein Photo, man hätte es nicht besser stellen können. The Walking Dead, anyone?

    PS: „Vely vely good“ habt ihr euch wohl nicht getraut, was?

    1. Probleme mit dem r-Laut haben wohl nur manche Südchinesen. In Nordchina, insbesondere im Beijing-Dialekt, gibt es eher die Tendenz an alle möglichen Wörter ein -r dranzuhängen, vielleicht grob vergleichbar mit der Angewohnheit mancher Schwaben überall ein -le anzuhängen (http://en.wikipedia.org/wiki/Erhua). Dieses -r klingt für westliche Ohren ziemlich amerikanisch, passt also prima zu „very good“, obwohl bei Foxconn vermutlich eher „Hǎo, hěn hǎo, fēicháng hǎo!“ gerufen wird, also ganz ohne -r.

      Ok, das ist off-topic, aber vielleicht eignet sich die Diskussion um die Arbeitsbedingungen auch dazu sich etwas mehr mit China und chinesischer Kultur zu beschäftigen, statt nur mit Vorurteilen zu operieren.

      Was das fairphone angeht, so ist das natürlich alles sehr löblich, aber trägt nur bedingt zur Problemlösung bei. Ein Produkt wird doch zuallererst nach seinen intrinsischen Eigenschaften gekauft, also ob es als Werkzeug seinen Zweck erfüllt, als Statussymbol taugt, ein elegante Design oder eine schöne Farbe hat etc. Und wenn da nicht genug Auswahl unter den fairen Produkten ist – die Anforderungen an ein Produkt sind ja sehr individuell – dann ist man als Käufer im Zweifel geneigt das unfaire Produkt zu nehmen. Es gilt also die unfairen Hersteller davon zu überzeugen, dass Fairness einen Wettbewerbsvorteil darstellt. Und das geht vielleicht nur dadurch, dass man die Käufer davon überzeugt, dass Fairness ein Wert an sich ist. Da sind auch die Hersteller gefragt, z.B. dieses Wohlfühlgefühl „faires Produkt“ in Werbekampagnen zu thematisieren. So schliesst sich der Kreis.

  2. foxconn ist fast überall drin. wäre es nicht foxconn wäre es wer anders. Die deutschen Arbeitsbedingungen scheinen auch keinen zu interessieren. Und jetzt meine alles entscheidende Frage:
    „Wurden die Arbeiter gezwungen bei foxconn zu arbeiten ?“

    Dazu muss natürlich noch die Frage kommen:
    „Können sie nicht kündigen ?“ Aber die Frage kann ja wegbleiben, hier stand ja oben, dass die kündigen können.

    Ihr fresst den ganzen Tag scheisse und wollt euch jetzt für Menschen einsetzen über deren Land ihr ständig schimpft . . .

    Wenn man sich mal universeller informiert, sieht man schnell das china viele vorzüge gegenüber deutschland hat und ich will jetzt nichts schön reden !!!

    Wenn eine Frau Herrmann sagt Hitler hat tolle Autobahnen gebaut, meint sie mit dem schön ja auch nur die Autobahnen und mehr nicht . . .

    In China wird der Arzt erst nach erfolgreicher Behandlung bezahlt (die Normalen zumindest, unsere Methoden ist dort grad leider auch im „Kommen“. In Chinagibt es größtenteils nur Kräuterapotheken . . .

    Und jetzt sag mir mal einer die wären kränker als wir, dann doch nur wegen den Mobs in Großstädten.

    Naja ich lass es mal an der Stelle. Es gibt wichtigeres als Foxconn Arbeiter die keiner dazu zwingt dort zu arbeiten und die auch jederzeit kündigen können anscheinend.

    *facepalm*

    Aber das ist das selbe wie mit Facebook:
    Jeden Tag drüber schimpfen und schimpfen und trotzdem weiter nutzen. Man kann etwas festes nicht mehr ändern. Facebook ist ein Unternehmen und den Aktionären zusätzlich verpflichtet. Wenn ihr über 50% der Aktien kauft kann man vllt was machen aber so wird Facebook immer bleiben wie es ist. Es darf ja auch machen was es will, ihr habt da jedenfalls nix zu melden. Genau so bei foxconn.

    Geht weiter Windmühlen angreiffen, damit sich bloss nichts ändert !

    1. Richtig ist: China ist mit Sicherheit in vielerlei Hinsicht anders als Mitteleuropa. Vieles ist besser, aber noch mehr ist schlechter als in Mitteleuropa. Es gibt innerhalb der Volksrepublik auch ganz andere Gefälle. Ganz gleich in welchem Bereich, sei es der Umweltschutz, die Sozialstandards oder die Einkommen.

      Sicherlich falsch ist jedem hier zu unterstellen die hiesigen Arbeitsbedingungen seien Ihnen egal, nur weil Sie sich um die Foxconn-Mitarbeiter, die ja die Stellvertreter für viele ausgebeutete Arbeiter darstellen, sorgen. Auch falsch ist das hier China im allgemeinen über einen Kamm geschoren wurde. Es ging hier um Arbeitsbedingungen in Fabriken wie Foxconn – nicht über die chinesische Gesellschaft!

      Erzähl‘ uns doch mal was es wichtigeres gibt als Menschen die solange gequält werden bis Sie die Erlösung im Freitod suchen?

      Weißt Du wie einfach so eine Kündigung bei Foxconn ist? Weißt Du ob eine Kündigung nicht mit sozialer Ausgrenzung belohnt wird? Weißt Du wie die Solzialleistungen aussehen ohne den Job?

      Aber wenigstens weißt Du, dass ich Scheiße esse, Facebook und Foxconn nutze. Das glaubst Du doch nicht wirklich, oder?

      Wenn Du der Meinung bist der Verbraucher kann nichts ändern, was schlägst Du als Alternative vor? Und ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass Du auch hier falsch liegst.

      Don’t feed the troll – guten Appetit!

      1. Pauschal war es keineswegs gemeint, sorry falls es so rüberkam. Sonst könnte ich ja keine Freunde haben.

        Ein Beispiel was zum Beispiel wichtiger ist: Hoffe, dass Links erlaubt sind :
        http://derhonigmannsagt.wordpress.com/2013/08/07/trauriger-selbstmord-rekord/

        Oder aus Berlin wie Leute aus ihren Wohnungen getrieben werden. Also Sachen hier vor Ort die usnere Bevölkerung betreffen und obendrauf aus meiner subjektiven Sicht eine größere Tragweite haben als das.

        Und zu dem andren Thema. ich habe chinesische Freunde und ich kann etwas mandarin. Ich hole mir manche Infos quasi direkt vor Ort. Ich habe sogar einen Bekannten der bei Foxconn arbeitete.

        Zu deiner letzten Frage:
        Da gibt es nur den Boycott. Einer der vielen Gründe warum ich zum Beispiel veganer bin. Fast alles Second Hand kaufe und mein Handy nur telefonieren und SMS schicken kann ;)

        Ich wollte damit Niemandem über einen Kamm scheren aber du musst doch zugeben dass mindestens 90% der Menschen in Deutschland so sind oder etwa nicht ?

        Über Facebook meckern, Fussball gucken, posten dass man shoppen geht und gleichzeitig nichts davon mitkriegen und auch nciht wissen wollen, dass die Diäten während des Finales erhöht wurden ;)

        Da ich das nicht pauschal meinte und nicht jeden einzelnen Fall (jede Person) so abwägen kann, fühlst du dich ja wohl hoffentlich nicht mehr angesprochen ;)

        Eine Frage meinerseits: Wenn du meinst ich habe schon die falsche Alternative und würde sie jetzt auch nennen, musst du ja den Plan haben was nicht falsch ist. Würdest du mir das verraten, was du für richtig als Alternative befindest ?

        Danke im voraus !
        Wir können auch gerne anders weiter kommunizieren ich möchte nur Helfen und mein Wissen erweitern. Wir können also über alles und jeden normal reden und diskutieren :)

      2. @DEDE:

        Gebrauchte Dinge zu kaufen hilft praktisch gar nichts. Dir gibt es vielleicht ein gutes Gewissen, aber was du machst, ist die „Schuld“ einfach auf einen anderen auszulagern. Auch, wenn du die H&M Jeans oder die Adidas Schuhe gebraucht kaufst, wurden sie immer noch unter schlechten Bedingungen in Bangladesch (oder wo auch immer) gefertigt. Wenn das wirklich deine Argumentation ist, könntest du als Veganer auch ohne Probleme Second Hand Pelz tragen – wegen dir sind die Tiere ja nicht gestorben.

        Und du möchtest dein „Wissen erweitern“, aber nichts über die unmenschlichen Umstände der Herstellung deiner Kleider und Gadgets wissen? Klingt für mich widersprüchlich.

        Natürlich gibt es auch genügend ‚Baustellen‘ in Deutschland – das bedeutet aber nicht, dass der globale Kontext dadurch irrelevant wird. Ganz im Gegenteil: Oft haben lokale Probleme und Missstände globale Wechselwirkungen und Gründe. Foxconn fertigt schließlich für US Amerikanische Unternehmen und auch deutsche Unternehmen lassen in China fertigen, damit wir hier günstig an unsere 1. Welt Güter kommen.

        Man kann entweder diese Probleme ignorieren, oder man fängt an in größeren Zusammenhängen zu denken…

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